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 Die Gothicszene - Gedanken über die Schattenwelt von Philipp Reitzig

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BeitragThema: Die Gothicszene - Gedanken über die Schattenwelt von Philipp Reitzig   Fr Apr 18, 2008 2:01 pm

Die Gothicszene - Gedanken über die Schattenwelt

von Philipp Reitzig





Dies ist eine kleine Abhandlung über die Gothicszene und ihre Entstehungsgeschichte.

Der Name “Gothic” wird abgeleitet von “gotisch” (fremdartig, barbarisch). Entlehnt von den “Goten”, einem germanischen Volksstamm. Die Goten stammen nach Überlieferungen aus dem skandinavischen Raum, liessen sich dann an der Weichselmündung in Pommern nieder und drangen im Jahre 238 in Provinzen des römischen Reiches vor.

Der Begriff “gothisch” ,in der deutschen Übersetzung, bezieht sich wohl auf die Tatsache, dass die Goten bei ihren Feinden gefürchtet waren und somit als barbarisch und fremdartig wahrgenommen wurden.

Eine weitere Herleitung des Begriffes kann von der Stilrichtung “Gotik” angenommen werden, einem europäischen Kunststil des 12. bis 15. Jahrhunderts. Dies macht Sinn, da die “Gothics” einen weit verbreiteten Sinn für Altertümliches haben und auch mittelalterliche und romantische Traditionen pflegen.

Die “Gothic” oder “schwarze” Szene entstand in den frühen 80er Jahren aus der Punk Szene heraus. Es kam damals zu einer Spaltung der “Punkszene”, wobei ein Teil der “Punks” ihrer Szene treu blieben, sich dem aktiven Protest gegen bestehende gesellschaftliche Verhältnisse widmeten, eine andere Gruppe aber eine andere Richtung einschlug.

Es handelt sich hier sozusagen um den resignierten Teil der Szene, die sich nicht mehr offensiv auflehnte, sondern sich als eine Art stillen Protest in ihr Innerstes zurückzogen.

Sie sahen und sehen sich auf der “dunklen” Seite des Lebens, und versuchen auf ihre Art und Weise damit fertig zu werden.

Für Aussenstehende nur schwer vorzustellen sind die Strategien der “Schwarzen” mit den Unwegsamkeiten des Lebens zurechtzukommen. Tief in ihren Gefühlswelten verborgen, für die Öffentlichkeit nicht zugänglich.

Das Leben hat nicht nur seine fröhlichen Seiten, besteht nicht nur aus Spass und “Party”, sondern vielmehr aus Enttäuschung und Schmerz. Dies ist die innerste Erkenntnis der “Schwarzen”, was ihr Leben bestimmt. Dies wird im übrigen nicht als tragisch bezeichnet, da davon ausgegangen wird, dass dies zum Leben gehört und nicht zu vermeiden ist.

Die Gewissheit dessen hilft dem “Goth” (engl.) mit seinen negativen Lebenserfahrungen umzugehen, und davon gibt es in der Regel reichlich.

An erster Stelle stehen dabei Verlustereignisse jeglicher Art, sei es der Verlust eines nahestehenden Menschen, oder einer wichtigen Lebensaufgabe, dabei bewegt sich der “Goth” nicht wie der “Normalbürger” mit aufgesetztem Lachen durch die Weltgeschichte, sondern steht zu seinen negativen Gefühlen, ist oft in keiner Weise in der Lage diese zu verbergen. Es ist ihm ein Graus, sich in größeren, vermeintlich fröhlichen, Menschenmassen aufzuhalten, es sei denn es handelt sich um ein “schwarzes Festival”. In erster Linie denke ich hier an “Schützenfeste”, “Kirmes” und dergleichen, wo es zum “Alptraumbild” eines “Schwarzen” gehört, sich mit lauthals grölenden und besoffenen “Individuen” abzugeben.

Man fühlt sich am wohlsten unter Gleichgesinnten, oder unter Freunden, im allgemeinen in kleinen Gruppen.

Für den “Goth” zählt es weniger, möglichst viele oberflächliche Bekanntschaften zu haben, sondern legt Wert auf wenige, aber intensive, echte und dauerhafte Beziehungen. Das Seelenleben gerät sehr schnell aus dem Gleichgewicht, man reagiert sehr sensibel auf Veränderungen im sozialen Umfeld. Eine enge Beziehung zu einem Partner ist eine immanent wichtige Vorraussetzung für ein stabiles Verhältnis von Freude und Schmerz. Fallen diese sozialen Kontakte weg, droht der Absturz in “Nichts”. Weltuntergangsstimmung macht sich breit, alles erscheint in düsterem Licht und wenn nicht die Hoffnung auf einen Schimmer am Horizont bliebe, dann würde sich das Leben nicht mehr lohnen, so die Gedankenwelt.

Um ihren inneren Schmerz zu verarbeiten spielt die Musik eine sehr wichtige, wenn nicht die wichtigste Rolle. “Schwarze” Musik ist melancholisch, traurig, aufwühlend, verzweifelnd. Es gibt unglaublich viele Facetten.

Einige Gothics erleben die Musik nicht bewusst als traurig, sondern sind bereits so tief mit ihr verwurzelt, dass einige Musikstücke als “aufmunternd”, wenngleich als “fröhlich” wahrgenommen werden. Letztendlich ist “schwarze Musik” aber immer traurig, oder melancholisch intendiert, sonst wäre es keine “schwarze” Musik. “

Ein „Gothic” kann stundenlang bei Kerzenschein seiner Musik lauschen, sich bei besonders traurigen Stücken vor Schmerz zergehen lassen, was zunächst für den “Nichtwissenden” unsinnig klingt, denn dieser würde in der Regel versuchen mit “fröhlicher Musik” auf Schmerz zu reagieren, doch für die “schwarze Seele” ist das Erleben und Verstärken des Schmerzes wichtig, um die Zeit der Trauer zu überstehen.

“ Nur wer das Tal der Tränen vollständig durchschritten hat, wird am Ende wieder Licht sehen”.

Diese eigens Verstärken von negativen und traurigen Gefühlen durch Musik ist vielleicht auch mit einem gewissen Grad von “Selbstverletzendem Verhalten” in Verbindung zu bringen und mag in einigen Fällen auch zum Suizid führen, schliesst aber nicht aus, dass nicht auch “normale Menschen” von dieser fatalen Konsequenz betroffen sein können. trotz der sicherlich erkennbaren Gefahren, gibt es für die “schwarze Seele” keine andere Alternative.

“Wenn es uns schlecht geht, dann geht es uns schlecht, und nichts auf dieser verdammten Welt kann das ändern!”

Dies ein kleiner, wenn vielleicht auch polarisierender Einblick in die Gefühlswelt der Szene.

Charakteristisch für die “Goths” ist eine häufige Ablehnung des kirchlichen Glaubens. Insbesondere die katholische Kirche ist hier das Feindbild Nummer Eins. An dieser Stelle soll nicht weiter auf die zahlreichen Verbrechen im Namen der Kirche eingegangen werden, dies ist wohl allgemein bekannt und dient nur der Erklärung, warum häufig eine antichristliche Einstellung anzutreffen ist. Ich würde sogar soweit gehen, den Begriff des “Gothic” mit dem Begriff des “Antichristen” gleichzusetzen, auch wenn dies sicherlich etwas polemisch erscheint. Soll nur bedeuten :

“ Es gibt nichts auf dieser Welt, was wir nicht an Gutem tun könnten, ohne Religion.”

Was eher Verbreitung findet, ist der Hang zu heidnischen Bräuchen und Naturreligionen. Auch Esoterik und Literatur haben in der Szene einen hohen Stellenwert und bilden ein Gerüst für die Bildung der “Gothicszene”. Kunst, Kultur und Kreativität spielen in der Szene eine große Rolle und unterscheiden diese von Anderen. Hier scheint ein Buch im Regal noch kein Fremdkörper zu sein.

Im Gegensatz zu reisserischen Presseberichten, die aufgrund von Einzelfällen, die Szene in die Ecke des Satanismus zu schieben scheinen, lehne ich eine Stigmatisierung in diese Richtung entschieden ab, und definiere die Szene eindeutig auf der Gefühlsebene zwischen Trauer und Melancholie.

Im übrigen ist die Zahl “satanistischer” Mitglieder der Szene äußerst gering und hat nicht den öffentlich vermuteten Stellenwert innerhalb der Szene, so dass es nicht wundert, dass diese Diskussion in der schwarzen Szene als extrem “nervig” empfunden wird. Ebenso das für mich nicht ganz nachvollziehbare in Verbindung bringen der Szene mit politischen Richtungen, insbesondere der Unterwanderung durch die “Rechte Szene”, was in einem nicht zu vereinbaren Verhältnis mit den Idealen der Szene steht, da wenn schon auf eine politische Ausrichtung vermutet werden soll, dann schon eher auf eine “Linke”, was oft mit den Lebensbiographien der “Schwarzen” zusammenhängt.

Statistisch gesehen, gehen überproportional viele Szenemitglieder einem sozialen Beruf nach, was sich in nachvollziehbarer Weise mit meinen Einwürfen deckt. Bei allen öffentlichen Zuweisungen kann ich nur sagen, dass die Musik die wichtigste und zentrale Rolle spielt.

“Musik ist Alles...”

Philipp Reitzig, 20. Januar 2007

(Es wird nicht ausgeschlossen, dass sich der ein oder andere in dieser kurzen Darstellung nicht wieder findet, es ist im Rahmen dieses Aufsatzes auch nicht möglich, jegliches Verhalten in der Szene zu generalisieren. Vielmehr sind diese Ausführungen als Ausschnitt aus der Wirklichkeit zu sehen)

Diesen Aufsatz findet ihr auch unter : http://web.mac.com/anorexima/ANOREXIMA/Aufs%C3%A4tze/Eintr%C3%A4ge/2007/1/20_Die_Gothicszene_-_Gedanken_%C3%BCber_die_Schattenwelt.html
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