Poesieundmehr.de

Forum für alle Schreiberlinge und Künstler aller Art
 
StartseitePortalKalenderGalerieFAQSuchenAnmeldenLogin

Austausch | 
 

 Diplomarbeit von Philipp Reitzig

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten 
Gehe zu Seite : 1, 2, 3  Weiter
AutorNachricht
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:43 pm

Diplomarbeit
Die Schwarze Szene
Sinn, Zusammenhang und emotionale Bindung
Vorgelegt von Philipp Reitzig zur Erlangung des Diplomgrades
der Sozialen Arbeit
Fachhochschule Dortmund
University of Applied Sciences
Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften
WS 2008/09
Erstgutachter: Dr. Harald Rüßler
Zweitgutachter: Prof. Eberhard Schwinger
Datum: 03.11.2008

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:43 pm

1. Einleitung
Obwohl bereits einige Literatur zur Gothic- Szene, vor allem in den letzten 10
Jahren, erschienen ist, möchte ich an dieser Stelle kurz darlegen, warum mir
eine neuerliche Behandlung des Themas notwendig ist. Nach Durchsicht
einschlägiger Literatur zum Thema ist auffällig, dass über die Bedeutung und
den Sinnzusammenhang der „Schwarzen“ Szene nur unzureichende
Erkenntnisse vorliegen. Aus diesem Grunde fühlte ich mich geradezu
„genötigt“, diese Arbeit abzufassen. Zur Erklärung:
In der Literatur dominieren Szene- Beschreibungen, die aus einer rein
soziologischen Betrachtungsweise heraus formuliert wurden. Dies scheint mir
im Falle der Gothic- Szene vollkommen unzureichend.
Es handelt sich hier nicht um eine Jugendszene wie jede andere. Vielmehr weist
sie einige in der Literatur stark vernachlässigte oder häufig unterschlagene
Merkmale auf. Diese sich oberflächlicher Betrachtungsweise entziehenden
szenetypischen Besonderheiten, werde ich in dieser Arbeit in den Fokus rücken.
Im Mittelpunkt aller Betrachtungen steht die Frage nach den Beweggründen
sich der „Schwarzen Szene“ zuzuwenden. Im Vorfeld der zu dieser Arbeit
nötigen Vorbereitungen, drängten sich einige wichtige Fragen auf, deren
Beantwortung sich anhand der „Basisliteratur1“ nicht vollziehen ließ.
Es scheint, dass diese Literatur, wenn sie von einem uninformierten
Personenkreis gelesen wird, nicht dazu geeignet ist, die Schwarze Szene
hinreichend zu präsentieren. Die Erklärungsmuster muten teils geradezu
„naiv“ an, wenn ganz offensichtlich ist, dass diese Studien nicht aus der Szene
heraus entwickelt wurden, sondern von „außen“. Bedauerlich ist, dass solche
Literatur in Szenekreisen eher „lächelndes“ Missverständnis auslöst. Nun muss
ich jedoch anmerken, dass die hier zitierte Literatur selbstredend nicht nur
unzureichend ist. Die soziologischen Erklärungsansätze sind nachvollziehbar
und entsprechen sicherlich häufig auch der Realität. Allerdings sollte daraus
keine allgemeingültige Lehrmeinung abgeleitet werden.
Die Studien von Farin (1999) und Helsper (1992) sind indes ein gutes Beispiel

1 gemeint sind hier vorwiegend die Arbeiten von Schmidt/Neumann-Braun (2004), Ruthkowski
(2004), Meisel (2005, Zimmermann (2000)

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:43 pm

dafür, dass sozialwissenschaftliche Betrachtungsweise und
individualpsychologische Sicht keine Gegensätze darstellen müssen,
gleichwohl sie diesen interessanten Erkenntnissen nicht weiter folgen.
In dieser Studie werde ich dies nachholen.
Dabei soll die Szene, vor allem im 6. Kapitel, aus einer stark „inneren“ und
emotionalen Perspektive betrachtet werden.
Die Themen Satanismus und „okkulte Neigungen2“ werden in diesem Fall
keine Rolle spielen, da dies erstens für die Zielsetzung dieser Studie irrelevant
ist und zweitens bereits erschöpfend diskutiert worden ist.
Zentral stelle ich hier der Frage, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit
sich jemand der Schwarzen Szene anschließt.
Die Vorannahme ist, dass es nicht nur durch Sozialisationsbedingungen und
Umweltfaktoren erklärbare Determinanten für die Entstehung und Etablierung
der „schwarzen Subkultur“ gibt, sondern, dass deren Anteil als Ursächlichkeit
im Vergleich zu individualpsychologischen Faktoren durchaus deutlich
geringer ausfällt, als gemeinhin vermutet wird.
Soziologische Ansätze (z.B. Hurrelmann/Bründel) berücksichtigen dies zwar,
jedoch möchte ich diese Ansätze in aller Konsequenz weiterverfolgen. Dies ist
indes nicht alles. Ein Reihe weiterer Fragen und Aspekte spielen in dieser
Studie ebenso eine Rolle.
Es scheint so, dass sich die „Gothic- Szene“ erheblich von anderen
Jugendszenen unterscheidet. Ist es überhaupt eine „Jugendszene“?
Ist es nicht vielmehr so, dass die Menschen, die einmal in ihr „gefangen“
scheinen, nicht mehr von ihr loskommen und dieser ein Leben lang anhaften?
Es gibt in der Tat einige Anhaltspunkte, die diesen Schluss zulassen.
Interessanterweise ist ein Großteil der älteren Szenegänger etwa 40 Jahre alt,
also genau so alt, dass sie zu dem Zeitpunkt, als die Gothic- Musik entstand, in
einem Alter waren, in dem sie entsprechende Clubs besuchen konnten.
Dies lässt den Schluss zu, dass sie ihrer Szene seit jener Zeit treu geblieben sind,
weit über das Jugendalter hinaus.
Wenn das so ist, dann wäre interessant zu erfahren, warum diese Treue besteht.
Weiter werde ich die provokante Frage stellen, ob die Schwarze Szene
tatsächlich ein „Sammelbecken“ für Depressive und Neurotiker ist.
2 siehe Helsper (1992)
Die Frage mag auf den ersten Blick etwas befremdlich wirken, allerdings wird
sich dieses Befremden im weiteren Verlaufe dieser Arbeit relativieren.
Doch dazu später mehr.
Die o.g. Fragen sind nur eine kleine Auswahl an Themen, mit denen wir uns
hier beschäftigen werden. Im Fokus der Betrachtungen stehen die von mir
aufgestellten Hypothesen.
Als eine größere Schwierigkeit bei der Suche nach Antworten erweist sich die
Tatsache, dass es sich bei der „Gothic- Szene“, im wahrsten Sinne des Wortes
um eine „echte“ Subkultur handelt, die es erfolgreich schafft, sich
weitestgehend, bis auf wenige Ausnahmen, der Öffentlichkeit zu entziehen.
Es zeigt sich, dass sich die „Gothics” vornehmlich zu Zeiten frei bewegen, in
denen sie schon aufgrund ihrer bevorzugten Kleidungsfarbe kaum
wahrnehmbar sind.
Eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Szene findet vielfach nur unter
Zuhilfenahme stereotyper Vorurteile statt.
Die wenigsten „Normalbürger” werden sich in einen „Schwarzen” Club trauen,
es sei denn, sie geraten zufällig hinein, oder werden von jemanden, meist einem
Szenekenner, dazu überredet, wo sie dann zumindest die Möglichkeit für sich
erschließen würden, einen Einblick zu gewinnen. Nur wird dies nicht
ausreichen, um die Hintergründe dieser Subkultur zu verstehen. Häufig
gestellte Fragen sind:
„Was machen die nur da“? „Was finden die an dieser Musik“? An diesem Punkt
begegnet einem bereits wieder das große Manko vieler Forschungsansätze.
Beim Lesen der wissenschaftlichen Literatur fällt auf, dass die angestrebte
„Objektivität“ und „Unvoreingenommenheit“, aber vor allem die
offensichtliche „Szenefremdheit“ der Forscher dazu führt, dass wichtige
Aspekte übersehen oder schlichtweg übergangen werden. Es genügt nicht, die
„Gothic- Szene“ als nur eine von vielen, als teilnehmender „neutraler“
Beobachter zu betrachten und eventuell noch Szene- Mitglieder zu befragen,
was sich größerer Beliebtheit zu erfreuen scheint, sondern es ist hilfreich und
notwendig, den Ansatz aus der Szene heraus zu entwickeln. Zumindest dann,
wenn man den Anspruch erhebt, nicht nur die halbe Wahrheit kennenzulernen.

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:44 pm

Was dies im Einzelnen bedeutet und wie dies geschehen soll, dazu komme ich
im 5. Kapitel.
Im Vordergrund stehen zunächst die zentralen Hypothesen, die ich bewusst an
den Anfang dieser Diplomarbeit stelle und auch als solche vor Beginn
derselben aufgestellt habe. Am Ende soll ersichtlich werden, ob sich diese
verifizieren lassen oder nicht. Ich stelle folgende Hypothesen auf:
1. Die Gothic- Szene ist ein Zufluchtsort depressiver Persönlichkeiten.
2. Schwarze Musik wirkt therapeutisch, als Kompensationsstrategie
neurotischer Erscheinungen und negativer Lebensereignisse.
3. Schwarze Musik ist ein Transportmedium negativ empfundener
Emotionen und Gefühle.
4. Nachhaltige Empfänglichkeit für Schwarze Musik setzt eine
neurotische Konstitution voraus.
5. Gothics sind bindungsarm und zeigen sozial destruktives, dissoziales
Verhalten.
6. Der Zugang zur Schwarzen Szene setzt ein negatives, traumatisches
Lebensereignis voraus.
7. Die Gothic- Szene ist keine Jugendszene. Sie ist ein Szene, der sich
die Mitglieder lebenslang zugehörig oder nahefühlen.
Eine detailliertere Auseinandersetzung mit den aufgestellten Thesen findet im
noch folgenden Methodikteil statt.
2. Gliederung
Die Arbeit gliedert sich in folgender Weise:
Zunächst gibt es im Vorfeld einige wichtige szenespezifische Begriffe zu
erläutern. Dies scheint notwendig, um zu verdeutlichen, wovon die Rede ist,
wenn die Begriffe „Schwarz“, „gothic“ usw. erwähnt werden. Diese Adjektive
finden in verschiedenartigen Zusammenhängen Anwendung.
Wenngleich der Schwerpunkt dieser Arbeit in der Bearbeitung der genannten
Fragestellungen und aufgestellten Hypothesen liegt, ist es dennoch notwendig,
einen Gesamtüberblick über den Lebensstil „gothic“ aus soziologischer Sicht zu
geben, die Gewohnheiten der „Schwarzen“, ihren Lebensstil zu beschreiben, so,
wie es schon in einschlägiger Literatur geschehen ist, um zum allgemeinen
Verständnis des Themas beizutragen. Dies wird den ersten Teil dieser Arbeit
einnehmen. Ein „Basiswissen“ soll dem szenefremden Leser einen Überblick
über den Stand der soziologischen Forschung vermitteln. Zu diesem Zweck
sind gleichfalls die Arbeiten von Helsper (1992), Ruthkowski (2004) und
Schmidt/Neumann-Braun (2004) zu empfehlen. Inhaltlich gehören zu diesem
folgende Aspekte: Statistisch relevante Daten, Historie, Lebensstil, Politische
Einstellungen, Kleidungsstil, Religion, zentrale Werte und Gefühle, sowie
soziale Herkunft.
Im Anschluss folgt ein sehr ausführlicher Teil zur Gothic- Musik, welche die
zentrale Rolle spielt, und das nicht nur bei der Vergemeinschaftung der
Schwarzen Szene. Auch dieses Thema wird sehr häufig vernachlässigt.
Schwarze Musik ist Dreh- und Angelpunkt Schwarzer Subkultur und hat
mehrere spezifische Funktionen, auf welche ich im entsprechenden Kapitel zu
sprechen kommen werde. Dabei werde ich der Frage nachgehen:
Wie wirkt eigentlich (Schwarze) Musik? Gleichzeitig wird dann klar werden,
warum diesem Thema in dieser Arbeit so viel Platz eingeräumt wird.
Dieses 4. Kapitel beinhaltet einen Überblick über die vielfältigen Musikstile der
Szene und ihre Historie. Es folgen im 5. Kapitel Ausführungen zur empirischen
Methodik der Studie, sowie weitere methodische Überlegungen zur
Gesamtstrategie und Einzelheiten zur Motivation des Autors sowie zum
Forschungsziel.
Die Bearbeitung der Hypothesen, und somit der Schwerpunkt dieser Arbeit,
findet im 6. Kapitel statt.
Die Gesamt- Analyse der Szene stützt sich zum einen auf 8 Biografieanalysen,
sowie umfangreiche Inhaltsanalysen relevanter Literatur, Musik, Texte und
Internet- Communitys. Der Schwerpunkt der Inhaltsanalyse liegt auf der
sprachlichen Interpretation der Texte unter Berücksichtigung des affektiven
Zustandes ihrer Verfasser. Die Orientierung aller analytischen Bemühungen
erfolgt dabei anhand der Hypothesen. Methodisch orientiere ich mich dabei an
tiefenpsychologischen, musikpsychologischen, sowie soziologischen Theorien,
die am Ende zusammengeführt werden. Die Analyse der Biografien stützt sich
aus nachvollziehbaren Gründen auf psychoanalytische Erkenntnisse,
die in der interdisziplinären Zusammenführung gedeutet werden. Am Ende
folgt ein Fazit und eine daraus abgeleitete Theorie.
Zunächst aber ein Blick auf die Szene, aus der Sicht des Soziologen.

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:44 pm

3. Die Gothic- Szene
Anmerkung:
An dieser Stelle sei erwähnt, dass ich mich bei der Nennung von Personen
bevorzugt der männlichen Form bedienen werde, da dies u.a. das Lesen
ungemein erleichtert. Dies soll im Übrigen keinerlei Gewichtung oder Wertung
bedeuten. Eine Unterscheidung nach männlicher oder weiblicher Form wird
nur erfolgen, wenn dies notwendig oder sinnvoll erscheint.
3.1 Definitionen und Grundbegriffe
Zunächst einige wichtige Begriffe, deren ich mich im Folgenden häufig
bedienen werde.
3.1.1 Die Farbe Schwarz
Was heißt eigentlich „Schwarz“, „Schwarze“ Szene, „Schwarze“ Musik?
Um die Bedeutung dieses Wortes zu erschließen, wenden wir uns zunächst der
Farbe Schwarz zu.
Schwarz als Farbe hat speziell im europäischen Kulturkreis verschiedene
Bedeutungen, die sich allerdings zu einem Gesamtbild verdichten. So ist die
Bedeutung der Farbe Schwarz als Kleiderfarbe, wie bereits Helsper (1992 )
bemerkte, an verschiedene Traditionen geknüpft. Diese „kulturell, tradierten
Bedeutungen“(Helsper 1992 : 249) sind zum Teil bis heute erhalten geblieben.
So ist Schwarz z.B. die Farbe herausgehobener festlicher Anlässe wie: Feiern,
religiöser Zeremonien oder Staatsakte. Geschichtlich gesehen weist sie dem
Träger dieser Farbe eine gehobene gesellschaftliche Stellung zu. Man kann
annehmen, dass den „Schwarzen“ die Besetzung der Farbe Schwarz in dieser
Hinsicht noch bekannt ist, sei es nun bewusst oder unbewusst.
So ist das Tragen dieser Farbe doch ein Zeichen sozialer Distanzierung von der
„Masse“, was im Kleidungsstil der Schwarzen zum Ausdruck kommt. Diese
„Distanzierung“ ist durchaus eine starke Bestrebung, sowohl nach „außen“, als
auch nach „innen“.
Die Schwarze Szene ist also durch einen ausgeprägten Individuierungsdrang
gekennzeichnet, worauf wir an anderer Stelle noch zu sprechen kommen.
Zunächst gibt es noch eine Reihe weiterer Assoziationen, die mit dieser Farbe
verknüpft sind. Schwarz ist die Farbe des Todes, der Trauer, des Schmerzes, der
Vergänglichkeit, des Alters, von „Weltabgewandtheit“3, von sozialer Distanz,
Kontrastierung und Entgegensetzung. Gleichfalls von Frömmigkeit,
Religiosität, Meditation, Entsagung, Protest und Kampf.
Die meisten dieser tradiert hergeleiteten Beschreibungen treffen wohl auf die
Ausdrucksform des Schwarzen Lebensstiles zu. Auffallend hierbei ist die
vorwiegende Verknüpfung der Farbe Schwarz mit negativen Vorstellungen.
3.1.2 Der Begriff „Gothic“
Die Begriff „Gothic“, auch „goth“(eng.), bezeichnet erstens: den
„Schwarzen“(früher Grufti4), den Szenegänger, Angehörigen der „Schwarzen“,
der Gothic- Szene, und zweitens: ein daraus abgeleitetes Adjektiv auf das wir
noch zu sprechen kommen werden.
Sprachlich gesehen, geht die Bezeichnung „Gothic“ auf den Stamm der „Goten“
zurück, jenem aus Skandinavien und Osteuropa stammenden Volksstamm, der
im Jahre 410 n.Chr. Rom plünderte. Die Goten erhielten ihren Namen von der
römischen und griechischen Geschichtsschreibung. Ihre Vorgehensweise galt
als grausam und barbarisch, da die Goten keinerlei Gnade mit ihren Feinden
kannten. Aus diesem Kontext heraus assoziiert man den „Begriff Gothic mit
dunklen Mächten, der Lust an Herrschaft über Schwächere und
Grausamkeit“(Meisel 2005 : 9). Diese Zuschreibungen lassen sich heute nur
noch schwer auf die Schwarze Szene übertragen, da diese gemeinhin als
3 Helsper spricht in diesem Zusammenhang von einer asketisch- lebensverneinenden
Lebensweise
4 Dieser früher und auch umgangssprachlich verwendete Begriff wird hier nicht verwendet, da
er erstens stark negativ besetzt ist, und meiner Meinung nach in einer wissenschaftlichen Arbeit
nicht manifestiert werden sollte
weitgehend gewaltfrei zu bezeichnen ist. Bestenfalls impliziert eine häufige
Hinwendung der Schwarzen zu sadomasochistischen Praktiken einen
entsprechenden Zusammenhang. Mittlerweile scheint man sich darüber einig
zu sein, dass die Herleitung des Begriffes „Gothic“ vom Stamm der Goten
wirklich nur rein sprachlicher Natur ist.
Eine weitere (sprachliche)Verbindung besteht zum mittelalterlichen Kultur- und
Architekturstil Gotik. Ursprünglich aus dem 15. Jahrhundert stammend und im
18. Jahrhundert wiederbelebt, bezeichnet der Begriff Gotik anfangs
„künstlerische Überladenheit, Abstrusität und Geschmacklosigkeit“
(Davenport/Hines 1998 : 2). Mit der Wiederbelebung der Gotik ist hier auch
das „Revival der kulturellen Stimmung - der Faszination an Bestrafung,
Barberei, Brutalität, Terror ...“ (Meisel 2005 : 10) gemeint. So spielte bereits das
Thema Sadomasochismus, im Geiste dieser Entwicklung, während des 18.
Jahrhunderts eine Rolle. Gleichfalls die Thematisierung von architektonischem,
persönlichem, emotionalem und sozialem Ruin (Meisel 2005 : 10), was auch in
der heutigen Schwarzen Szene noch ihren Ausdruck findet.
Die Interpretation von „Gothic“ als Szenenkultur, erfolgte indes erst viel später,
mit der Entstehung der Gothic- Szene und der Gothic- Musik Ende der 1970er

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:45 pm

3.1.3 Jugendszene
Der Begriff der Jugendszene verweist auf den Zusammenhang von „Jugend“
und „Szene“. Anzumerken ist hier, dass gängige Definitionen durchaus nicht
einheitlich ausfallen und zum Teil Anlass zur Diskussion geben.
Auf der Basis einschlägiger Literatur sind Szenen „... thematisch fokussierte
kulturelle Netzwerke von Personen, die bestimmte materiale und/oder mentale
Formen der kollektiven Selbststilisierung teilen und Gemeinsamkeiten an
typischen Orten und zu typischen Zeiten interaktiv stabilisieren und
weiterentwickeln“(Hitzler, Bucher, Niederbacher 2001 : 20).
Eine Szene ist im Sinne der o.g. Autoren also eine Gesinnungsgemeinschaft.
Im Szeneforschungsportal „jugendszenen.com“ findet sich eine Definition,
welche die Szene „… als ein Netzwerk von Akteuren, die bestimmte materiale
und mentale Formen der kollektiven Selbst-Stilisierung teilen, um diese
Teilhabe wissen, und die diese Gemeinsamkeiten kommunikativ stabilisieren,
modifizieren oder transformieren“ bezeichnet (http://www.jugendszenen.com/
Examples).
Gebhardt (2006), konstatiert 7 Merkmale der Jugendszene (Gebhardt 2006 : 5
ff.):
1. Szenen sind primär ästhetisch orientierte soziale Netzwerke.
2. Szenen sind thematisch fokussierte soziale Netzwerke mit je eigener
Kultur.
3. Szenen sind relativ unstrukturierte und labile soziale Gebilde.
4. Szenen sind kommunikative und interaktive
Teilzeitvergemeinschaftungen.
5. Szenen sind von einer ‚Organisationselite‘ vorstrukturierte und von einer
‚Reflektionselite‘ mit ‚Sinn‘ versehene Erfahrungs- und Erlebnisräume.
6. Szenen sind exklusiv und reklamieren Einzigartigkeit.
7. Szenen konstituieren sich im Event.
Die Definition von Jugend fällt ebenfalls nicht leicht. Strafrechtlich gesehen ist
Jugendlicher, wer 15, aber noch nicht 18 Jahre alt ist (§ 2/Abs. 2 JArbSchG),
oder wer 14, aber noch nicht 18 Jahre alt ist (§ 7 SGB Ⅷ, Abs. 1, Satz 2).
Anschließend gilt ein Mensch mit dem Erreichen der Volljährigkeit als
Erwachsener. Im sozialwissenschaftlichen Sinne lässt sich diese Altersgrenze
weit weniger trennscharf darstellen. In der Shell Studie 2006 wird der Begriff
„Jugend“ bis zu einem Alter von 25 Jahren gefasst. Uns bleibt also bei der
Umschreibung des Begriffes Jugend deutlicher Spielraum. Am Ende dieser
Arbeit werde ich nochmals darauf zurückkommen.
Auf eine Diskussion der hier exemplarisch aufgeführten Definitionen soll
zunächst verzichtet werden.
3.1.4 Subkultur
Da ich in meiner Einleitung bereits darauf hingewiesen habe, dass es sich bei
der schwarzen Szene um eine „echte Subkultur“ handelt, gilt es in gebotener
Kürze zu klären, wie hier der Begriff Subkultur gebraucht wird.
Grundlage einer Subkultur ist die übergeordnete Kultur, deren Teil die
Subkultur ist. Für Ruthkowski sind Subkulturen: freiwillige, zeitlich
unbegrenzte Verortungen von Individuen in der Gesamtgesellschaft, welche
sich durch einen eigenen Stil oder Weltanschauung zu erkennen geben und von
der übrigen Gesellschaft abgrenzen (Ruthkowski 2004 : 37). Nun grenzen sich
andere Szenen, z.B. die Techno- Szene auch von der übrigen Gesellschaft ab,
allerdings nicht mit der Ernsthaftigkeit, der weltanschaulichen Komplexität der
schwarzen Szene. Wie sollte eine Weltanschauung der Techno- Szene ausfallen?
Party und Toleranz? Welches sind die zentralen Aussagen?
Auch wenn ich hier keine direkten Vergleiche zwischen Szenen ziehen will,
wird hier deutlich, worin sich die Subkultur von der einfachen Szene
unterscheidet. Ich gebe zu bedenken, dass Hitzler/Bucher/Niederbacher (2001)
auch Daily- Soap- Fans und Sportkletterer unter dem Szene- Begriff subsumieren.
Wie sähe wohl der weltanschauliche Hintergrund von Daily-Soap- Fans und
Sportkletterern aus? Jedenfalls ist der Begriff der Subkultur im Sinne
Ruthkowskis mit dem Stichwort „Gegenkultur“ in Verbindung zu bringen.
Diese Gegenkultur zeigt sich in der Schwarzen Szene sehr deutlich. In den
folgenden Abschnitten werden wir dies im Einzelnen nachvollziehen können.

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:45 pm

3.2 Die Schwarze Szene
Was sind nun die Merkmale der Schwarzen Szene? Worin besteht ihre
Weltanschauung? Dieser Aspekt soll zunächst aus sozialwissenschaftlicher
Sicht betrachtet werden.
Als kleinen Einstieg möchte ich auf ein Zitat Farins verweisen:
„Gothic-Dasein ist verloren geglaubte Liebe in einer berauschenden Welt von
Gefühlen und Leidenschaften, ist unbändige Sehnsucht nach Gemeinschaft.
Gothic-Dasein ist unstillbares Begehren nach Heil und Erlösung.
Gothic-Dasein erfüllt das als sinnleer empfundene Leben mit neuen
Alltagsphantasien.
Gothic-Dasein bedeutet, den bittersüßen Rausch verletzter Gefühle, schmerz- und
lustvoll zugleich, auszukosten.
Gothic-Dasein ist der leidgeprüfte Weg eigenen Martyriums, um sich von seelischen
Wunden zu befreien“(Farin/Weidenkaff 1999 : 41).
Diese Passage umspannt bereits eine ganze Reihe von Merkmalen, die hier
zunächst unkommentiert bleiben sollen. Wenden wir uns nun den Fakten, und
damit den sozialstatistischen Daten zu.
3.2.1 Sozialstatistik
3.2.1.1 Szenegröße
In verfügbarer Literatur und unterschiedlichen Quellen wird vielfach
festgestellt, dass es keine verlässlichen Zahlen über die Größe der Schwarzen
Szene gibt. Die Autorin Meisel nennt eine Zahl von ca. 50.000 und nimmt im
Zusammenhang an, dass die Zahl der Besucher des WGT- Festivals5 ungefähr
mit der Zahl der Schwarzen Szene korreliert und bezieht sich somit ihrerseits
auf Hitzler/Bucher/Niederbacher (2001). Ruthkowski setzt sich recht
ausführlich mit der Annäherung an reelle Zahlen auseinander, indem er die
Auflagenstärke der führenden deutschen Fanzines wie Zillo, Orkus oder Sonic
Seducer als Grundlage verwendet. Schließlich schätzt Ruthkowski die
Szenegröße auf 50- 100 TSD (Ruthkowski 2004 : 42). Farin befasst sich
gleichfalls mit den Auflagenstärken schwarzer Fanzines und kommt zu einer
Gesamtauflage von von c.a 250. 000, wobei er die Szenegröße trotzdem nur auf
ca. 60.000 schätzt (Farin 2001 : 20). Eigene Nachforschungen ergaben eine
Auflagenstärke allein des Sonic Seducer- Magazines von 60.000 Exemplaren im
Mai 2008. Das kleinere Gothic- Magazine hatte im Oktober 2007 eine Auflage von
27.500 Exemplaren. Warum beide Autoren die Zahl der Szene- Mitglieder
trotzdem recht niedrig ansetzen, ist unter Einbeziehung aller Gesichtspunkte
5 Wave- Gothik- Treffen (Leipzig)
schlecht nachvollziehbar, zumal die Betrachtung der Schwarzen
Medienlandschaft auf eine weitaus größere Anhängerschaft schließen lässt.
Zu diesen Anhaltspunkten zählen u.a. die hohe Zahl registrierter Mitglieder in
schwarzen Kontaktbörsen und Communitys, auf die wir an anderer Stelle
nochmals explizit zu sprechen kommen werden. Allein Schwarzes Glück, eine
der größten dieser Art, hat nach eigenen Studien (Stand 9/2008) 34.995
Mitglieder.
Ausgehend von der Prämisse, dass nicht alle Schwarzen bei dieser - und das
berücksichtigt noch nicht einmal die zahlreichen anderen Communitys -
registriert sind, muss hier von einer erheblich höheren Anzahl ausgegangen
werden. Nehmen wir Farins Gesamtauflagenstärke von 250.000 als Basis und
gehen davon aus, dass diese auch unter die Leute gebracht werden und
berücksichtigen, dass nicht alle Schwarzen ein Magazin kaufen, dann gehe ich
bei vorsichtiger Schätzung von mindestens 200.000 Schwarzen aus. Die
Korrelation mit den Besuchern des WGT 1999 (Hitzler/Bucher/Niederbacher
2001 : 70), oder mit den Besuchern des Méra Luna6- Festivals ist wenig
schlüssig, da bei weitem nicht alle Schwarzen zu einem Festival anreisen wollen
oder können. Auch die Anzahl von Clubbesuchern lässt sich schwerlich mit
einer realistischen Zahl in Übereinstimmung bringen, da zahlreiche Schwarze
selten, oder überhaupt nicht in Clubs anzutreffen sind. Unter Berücksichtigung
der besonderen Erschwernisse, die sich bei der Erfassung der Szenengröße
ergeben, müssen wir hier einen erheblichen Unsicherheitsfaktor einräumen, so
dass letztlich keine gesicherten Zahlen vorliegen können. Diese Problematik
betrifft allerdings die Szenenforschung schlechthin. Es gehört zur „Natur“ einer
Szene sich der Erfassung zu entziehen. Die Bereitwilligkeit, sich einer Szene
zuordnen zu lassen, ist gerade im Falle der Gothic-Szene wenig ausgeprägt, da
eine ihrer vordringlichsten Eigenschaften der ausgeprägte
Individuierungsdrang ist. Was sich an dieser Stelle hingegen bestätigen lässt, ist
die häufig geäußerte Vermutung, dass der Großteil der Szene in Nordrhein-
Westfalen zu Hause ist. Eine quantitative Untersuchung der bundesweiten
Schwarzen Kontaktplattform Schwarzes Glück (N= 34.995) ergab, dass 28,4%
aller registrierten User aus Nordrhein- Westfalen kamen. Selbst wenn man die
hohe Einwohnerzahl Westfalens (ca. 18 Mio.) in Relation zur Einwohnerzahl
6 Festival in Hildesheim (Flugplatz)
der Bundesrepublik (ca. 82 Mio.) setzt, so ergibt sich ein deutlich höherer
Prozentsatz. Nordrhein- Westfalen kann also als Hochburg der Schwarzen
Szene bezeichnet werden.

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:45 pm

3.2.1.2 Geschlechterverhältnis
Nach Ruthkowski weist die Schwarze Szene ein ausgewogenes
Geschlechterverhältnis auf (Ruthkowski 2004 : 43). Damit unterscheidet sie sich
von vielen anderen Szenen, die häufig ein starkes Ungleichgewicht zugunsten
männlicher Szene- Angehöriger aufweisen. Farin (2002) bringt den hohen
Frauenanteil in der Szene auch mit einer überproportionalen Hinwendung zu
sozialen Berufen in Verbindung (Farin 2002 : 165). Darüber wird im
entsprechenden Kapitel7 noch zu diskutieren sein.
Eine vom Autor erhobene Statistik8 kommt zu einem ähnlichen Ergebnis.
Es ließe sich vermuten, dass der hohe Frauenanteil an der Szene aus einem
hohen emotionalen Mitteilungsbedürfnis abgeleitet werden kann. Die Schwarze
Szene bietet dazu hinreichend Gelegenheit.
Auch Helsper (1992) bezeichnet die Szene als eine „... passive, in sich gekehrte
und selbstbezogene Form der symbolischen Artikulation des Realen: der
Ohnmacht, des Verlustes, der Trennung, der Trauer, der Isolation und des
Todes“(Helsper 1992 : 246). Der Eintritt in die Szene hat also in diesem Fall eine
entsprechende Kanalisationsfunktion. Da Problembewältigungsstrategien der
Frauen sich häufig von denen der Männer unterscheiden, diese eher
introvertiert auf Stressoren reagieren, ist die Schwarze Szene mit ihrer
gefühlsbetonten Art der Lebensbewältigung der ideale Zufluchtsort für Frauen.
An anderer Stelle werden wir sehen, warum diese Vermutung naheliegt.
Die vom Autor erhobene Statistik (Reitzig 2008)9 bei der Schwarzen Kontaktund
Singlebörse Schwarzes Glück, ergab bei einer Stichprobengröße von N= 200
im Bundesland NRW einen Frauenanteil von 56,5%.
Bei gleicher Stichprobenzahl (N= 200) im Bundesland Berlin ergab sich ein
Frauenanteil von 52,5%. Dies bedeutet in absoluten Zahlen, dass von 200
7 siehe 3.2.1.4
8 Anhang: A3- A4
9 Einzelheiten finden sich im Anhang (A3)
zufällig ausgewählten Schwarzen, die in dieser Kontaktbörse registriert sind, in
NRW 113 von 200= weiblich sind. In Berlin sind es entsprechend 105 von 200=
weiblich. Es ist also ein leicht erhöhter Frauenanteil festzustellen. Untersucht
man die Geschlechterrelation bundesweit unter allen 34.995 Usern, so ergibt
sich sogar ein Verhältnis von 57,3% zu 42,7% zugunsten weiblicher Mitglieder.
In absoluten Zahlen bedeutet dies, dass dort 19.393 Frauen und 14.460 Männer
registriert sind. Auffällig ist, dass der Anteil jüngerer Frauen (18-20 Jahre)
deutlich über der Zahl gleichaltriger Männer liegt. Ein Beispiel:
Von allen bundesweit bei Schwarzes Glück registrierten 18-jährigen Personen
sind 3328 Frauen und nur 512 Männer. In der Gruppe der 19-jährigen sind
Frauen mit 2009 zu 843 Personen ebenfalls klar in der Überzahl. Bei den 20-
jährigen Personen liegt das Verhältnis immer noch bei 2124 zu 1023 zugunsten
der weiblichen Schwarzen. Erst ab einer Altersklasse von 25 Jahren gleicht sich
das Verhältnis aus und darüber hinaus dominiert die Zahl der registrierten
Männer. Es scheint also ein deutliches „Überangebot“ an jungen Frauen und ein
vergleichsweises leichtes Überangebot an älteren Männern zu geben.
Interessant ist die Tatsache, dass alle Indizien dieser Studie auf ein zum Teil
erheblich größeren Frauenanteil hinweisen. Für eine Musikszene ist dies eine
bemerkenswerte Feststellung. Die Gothic- Szene könnte die erste ihrer Art sein,
in der nicht von einer deutlichen Männerdominanz ausgegangen werden kann.
Erklärungsversuche dafür ergeben sich im Kapitel 5.
Mir ist die Problematik einer solchen Statistik durchaus bewusst. So erfasst sie
nur solche Schwarze, die in besagter Kontaktbörse registriert sind. Dennoch ist
Schwarzes Glück nach meiner Auffassung, aufgrund ihrer hervorragenden
Struktur, die realste Möglichkeit an repräsentative Daten zu gelangen. Wir
nehmen sie hier als Vergleichsstatistik hinzu.
Die Daten bestätigen, abgesehen von besagtem Phänomen, in etwa die
Aussagen von Ruthkowski und anderen Autoren.
3.2.1.3 Altersstruktur
Zur Altersstruktur der Szene sind, wie auch zur Szenengröße nur schwer
genaue Angaben zu machen, was allerdings generell eine Schwierigkeit der
Szeneforschung ist. Da Szenen „labile soziale Gebilde“(Gebhardt 2006 : 5) sind,
die sich ständiger Veränderung unterziehen, sind verlässliche Angaben nicht zu
machen. So sind wir auch in diesem Fall auf Schätzungen angewiesen.
Entsprechende Angaben in vorliegenden Quellen sind gleichfalls ungenau wie
unbefriedigend. Auch Ruthkowski (2004) bemängelt dies und verweist auf eine
Studie des Ministeriums für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des
Landes NRW, welche den Großteil der Szene im Alter zwischen 16 und 24 sieht
(Ruthkowski 2004 : 42). Andere Quellen, wie bei der Umfrage des Orkus10, die
ihre Studie allerdings nur unter der eigenen Leserschaft durchführten, kommen
zu ähnlichen Ergebnissen (Ruthkowski 2004 : 42). Das Datenmaterial der
Studie11des Autors (Reitzig 2008) errechnet für Nordrhein- Westfalen einen
Altersdurchschnitt von 23,76 Jahren (N= 200). Eine Vergleichsstichprobe im
Bundesland Berlin ergab ein Durchschnittsalter der Schwarzen (Schwarzes
Glück) von 24,35 Jahren. Die Altersspannen lagen zwischen 17 und 45 Jahren
(NRW) und zwischen 16 und 62 Jahren (Berlin). In beiden Stichproben
dominieren die Altersbereiche zwischen 20 und 24 Jahren. Ähnliche
Einschränkungen der Repräsentativität, wie im Falle der Orkus- Studie, sind
hier anzumerken. Indes gilt in diesem Fall Gleiches, wie im obenstehenden
Kapitel angemerkt. Bei allen Einschränkungen kommen andere Studien zu
einem ähnlichen Ergebnis, was darauf schließen lässt, dass die Plattform
Schwarzes Glück dennoch einen durchaus repräsentativen Querschnitt der Szene
zeichnet. Es ist ebenfalls äußerst schwierig, Schätzungen auf der Basis
teilnehmender Beobachtungen vorzunehmen, da wir große zeitliche und
regionale Unterschiede ausmachen können.
Richtet man hier den Fokus auf einige der bekannten Schwarzen Clubs im
Ruhrgebiet, so werden schnell die Schwierigkeiten deutlich.
Der Altersdurchschnitt in den Clubs: Matrix (Bochum), Zeche Carl (Essen),
Eisenlager (Oberhausen), Zeche Bochum (Bochum), Pulp (Duisburg), Painthouse
(Dortmund), Lurie (Bochum), Zwischenfall (Bochum), Sixx Pm (Dortmund), Cage
Club (Bottrop) dürfte nach eigenen Schätzungen bei etwa Mitte 20 liegen.
Allerdings ist es müßig, sich über genaue Zahlen zu streiten. So sind
beispielsweise im Cage Club Bottrop bis 24 Uhr viele Minderjährige anzutreffen,
während in voranstehenden Diskotheken in der Regel der Eintritt erst ab einem
10 Orkus ist ein bekanntes Gothic- Magazin
11 siehe Anhang: A5
Alter von 18 Jahren gewährt wird. Würde man nun in beiden Fällen den
Altersquerschnitt ermitteln, dann kann man sich leicht vorstellen, mit welchen
Verzerrungen zu rechnen ist. Abgesehen von der Problematik der Tages- oder
Nachtzeit sind temporäre Schwankungen zu verzeichnen. Im Allgemeinen
scheint gegenwärtig (2008) die Zahl der jüngeren Clubbesucher anzusteigen,
was wiederum nicht zwingend heißt, dass die Szene stetig jünger wird. Das
kann mehrere Gründe haben: Zum einen bleiben ältere Gothics verstärkt zu
Hause, da sie entweder das zu junge Publikum scheuen, oder mit der
Entwicklung der Musik nicht glücklich sind und den „alten“ Zeiten
nachtrauern. Zum anderen findet das Szene- Leben nicht ausschließlich in
Clubs statt. Ältere Schwarze sind aus leicht nachvollziehbaren Gründen
tendenziell seltener in Clubs anzutreffen. Sie sind eher gebunden, sei es durch
einen Partner oder durch im Haushalt lebende Kinder. Mit zunehmendem Alter
reduziert sich auch das Bedürfnis, die Nacht in Diskotheken zu verbringen,
auch wenn dort regelmäßig eine bemerkenswert hohe Zahl von älteren
Schwarzen (über 40) anzutreffen ist. Aus gleichen Gründen wäre auch eine
Verzerrung der Altersstrukturdaten bei Schwarzes Glück möglich.
Allerdings wollen wir uns an dieser Stelle nicht an weiteren Spekulationen
beteiligen. Die Problematik einer verlässlichen Statistik sollte ersichtlich
geworden sein.

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:46 pm

3.2.1.4 Soziale Herkunft, Bildung und Beruf
„Gothics sind die galanten Ästheten in der bunten Welt jugendlicher
Subkulturen. In ihrer lautlos sanften und optisch schrillen Provokation lässt
sich ein gewisser Schuss Intellekt ausmachen“(Farin 1999 : 42).
Aussagen über die soziale Herkunft der Szene- Mitglieder wurden von
verschiedenen Autoren getroffen. Farin glaubt, dass die Mitglieder der Szene
zum Großteil aus gut gesicherten, kulturell gebildeten Familienhäusern
kommen (Farin 2001 : 8 ff.). Meisel stellt diese Aussage in Frage und verweist
darauf, dass es dazu keine entsprechenden empirischen Untersuchungen gebe
(Meisel 2005 : 92). Abgesehen von der strittigen Frage nach den
Herkunftsfamilien, kommt man der Sache beim Betrachten der Schulabschlüsse
etwas näher.
Ruthkowski (2004) stellt fest, dass sich in der Szene auffallend viele Personen
mit sozialwissenschaftlichem Studium oder entsprechenden Berufen zu
befinden scheinen (Ruthkowski 2004 : 43). Eigene Studien (Reitzig 2008) zu
Fragen der Schulbildung und Berufswahl ergaben folgende Ergebnisse:
Bei einer bundesweiten Gesamtstichprobe (Schwarzes Glück) von N= 300 (die
Hälfte davon weiblich) hatten 42,7% der Männer und 35,3% der Frauen
entweder Hochschulreife/Fachhochschulreife, oder waren im Begriff diese zu
erlangen12. Einen Abschluss der mittleren Reife hatten 31,3% der Männer und
40% der Frauen. Einen Hauptschulabschluss gaben an: 5,3 % der Männer und
3,3% der Frauen. Keine oder keine verwertbaren Angaben machten 20,7% der
Männer und 21,3% der Frauen. Dies bedeutet indes nicht, dass wir in der Szene
nur sehr wenige Mitglieder mit Hauptschulabschluss haben. Der hohe Anteil
von Schwarzen, die in ihren Profilen keine Schulabschlüsse angaben, lässt
vermuten, dass diese zum Großteil nur den Hauptschulabschluss, zumindest
aber keinen höheren Bildungsabschluss ihr Eigen nennen.
Es ist nachvollziehbar, dass in einer Kontakt- oder Singlebörse nur die öffentlich
positiver bewerteten Abschlüsse angegeben werden. Trotz dieser
Einschränkungen lässt sich ein hoher Anteil höherer oder mittlerer
Bildungsabschlüsse feststellen. In einem besonderen Licht erscheinen diese
Ergebnisse dann, wenn wir zum Vergleich die Bildungsabschlüsse der
Gesamtbevölkerung heranziehen:
Das statistische Bundesamt stellt dazu in einer Statistik von 200613 folgendes
dar:
- 25,2 % der befragten Männer und 19,8% der Frauen haben einen Hochschuloder
Fachhochschulabschluss.
- 24,7% der Männer und 28,4% der Frauen besitzen die mittlere Reife.
- 41,4% Männer und 42,4% Frauen hatten einen Hauptschulabschluss.
- 8,9% (Männer) und 9,2% (Frauen) konnten nicht zur Auswertung
herangezogen werden.
Relevant sind hier die Vergleichsdaten der höheren und mittleren
Bildungsabschlüsse. Durch fehlende Angaben sind die niedrigeren
Bildungsabschlüsse weniger aussagekräftig. Auffällig bleibt in jedem Fall der
12 Dies gilt im Besonderen für die jüngeren Szene- Mitglieder
13 Anhang: Daten- DVD
überproportional hohe Anteil von Schwarzen mit mittleren und höheren
Abschlüssen. Dies gilt insbesondere für die Personen mit Abitur und
Fachabitur. Eine dritte Statistik (Shell Jugendstudie 2006) besagt, dass bei einer
Stichprobengröße von: Ngesamt= 2532, 38% der Befragten Abitur oder
Fachabitur, 40% Mittlere Reife, und 22% einen Hauptschulabschluss besitzen
(Alter bis 25 Jahre). Auch im Vergleich zu dieser Studie liegen die
Bildungsabschlüsse in der Schwarzen Szene also über denen der
Vergleichsgruppen.
Trotz aller methodischen und statistischen Einschränkungen, die auch in
diesem Falle zu beachten sind, ist eine ganz klare Tendenz zu erkennen. Somit
hat Gebhardt14(2006) wohl recht, wenn er feststellt, dass es sich bei den
Schwarzen um eine Szene handelt „… die sich selbst als „intellektuelle Elite“
definiert und dementsprechend auch hauptsächlich aus Gymnasiasten und
jüngeren Studierenden aus dem pädagogischen und sozialwissenschaftlichen
Bereich besteht (Gebhardt 2006 : 7). Damit stellt sich nun die Frage der Wahl des
Berufes. Man sagt den Schwarzen eine ganz besondere „Neigung“ zu sozialen
Berufen nach, zu denen u.a. Sozialpädagogen, Krankenpfleger/
Krankenschwestern, Altenpfleger, Erzieher, Heilpraktiker, Ärzte und Lehrer
zählen. Was sagt die erstellte Statistik15 darüber aus?
Ausgehend von einer Stichprobengröße (Schwarzes Glück) von N= 300, eingeteilt
in 3 Altersgruppen: AG Ⅰ=(18-25 Jahre), AG Ⅱ=(26-34 Jahre) und AG Ⅲ= (ab 35
Jahre), davon je die Hälfte weiblich und männlich, wird ersichtlich, dass 10%
der Männer aller Altersgruppen einen sozialen Beruf ausüben oder ein
entsprechendes Studium absolvieren bzw. absolviert haben. Bei den Frauen
sind es in der Altersgruppe Ⅰ= 26%, in der Altersgruppe Ⅱ= 16% und in
Altersgruppe Ⅲ= 22%. Nun stellt sich die Frage, ob der hohe Anteil an sozialen
Berufen, vor allem unter weiblichen Szene- Mitgliedern, einzig und allein eine
Folge des hohen Frauenanteils in der Szene ist (Ruthkowski 2004 : 44).
Diese Frage lässt sich leider nicht abschließend beantworten, weil es an
empirischen Vergleichsmaterial mangelt. So bleibt Raum für Spekulationen und
persönliche Interpretationen. Interessant ist in diesem Zusammenhang die
Frage, was einen Menschen dazu bewegt einen sozialen Beruf zu ergreifen?
14Professor Dr. Winfried Gebhardt ,Universität Koblenz- Landau
15 Anhang: A2
Oftmals sind es persönliche Beweggründe, die häufig mit der eigenen Biografie
einhergehen. Menschen, denen Unrecht geschieht, die in schwierigen
Familienkonstellationen aufwuchsen oder negativen Lebensereignissen
ausgesetzt waren, neigen gelegentlich dazu, das erlittene Unrecht an anderen
Menschen wiedergutzumachen und ergreifen einen entsprechenden Beruf.
So deckt sich in logischer Konsequenz die Motivation, einen sozialen Beruf zu
ergreifen, mit der Motivation, in der Schwarzen Szene zu verweilen. Statistische
Auffälligkeiten (Reitzig 2008) ergaben, dass relativ wenige Schwarze einen
Kaufmännischen Beruf ergriffen haben oder ein BWL- Studium absolvierten.
Die Neigung zu sozialen und auch kreativen Berufen wird hier deutlich.

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:46 pm

3.2.2 Kleidungsstil und Ästhetik
Über den Kleidungsstil der Schwarzen ist bereits viel geschrieben worden. Was
allerdings öffentlich wenig Beachtung findet ist die Feststellung, dass das
(optisch) stark expressive Erscheinungsbild der Schwarzen recht wenig damit
zu tun hat möglichst aufzufallen, zu schockieren, zu provozieren, auch wenn
man dies aufgrund der „extremen“ Kleidung anzunehmen vermag16. Vielmehr
kann dies auch als Ausdruck des Hanges zum Exhibitionismus interpretiert
werden, was unter Umständen dazu dienen kann Ängste, Schuld- und
Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren, oder um ein gewisses Maß an
narzisstischer Zufuhr zu erfahren, die auf dem Umweg über den
Exhibitionismus gesucht wird (Fenichel 2005 Bd. Ⅱ : 1Cool. Man sieht hier, dass es
stets mehrere Interpretationsmöglichkeiten ein und desselben Phänomens
gibt17. Ziehen wir die Punks als Vergleich hinzu, dann fällt auf, dass auch diese
auffällig gekleidet sind. Ihr expressiver Kleidungsstil entspricht indes ihrem
Verhalten in der Öffentlichkeit. Vergleichen wir jenes mit dem der Schwarzen,
so werden die Differenzen deutlich.
Punks halten sich tagsüber oft an öffentlichen Orten, wie dem Marktplatz oder
dem Bahnhof auf, offenkundig gut sichtbar für Passanten. Ein Großteil ihres
Lebens spielt sich somit im öffentlichen Raum ab. Da Punks jegliche
Arbeitstätigkeit als Geißel des Systems ablehnen, bleibt ihnen oftmals nur das
16 dies ist eher als (un)erwünschter Nebeneffekt anzusehen
17 siehe auch 6.2.4
„Betteln“ als Broterwerb übrig. Dies erfordert ein offensives Zugehen auf die
Öffentlichkeit und ruft häufig Ablehnung bei dieser hervor. Die zerrissene
Kleidung, das verwahrloste Äußere spiegelt diese Haltung wider und wird
bewusst als Provokation eingesetzt. Auch die Punk- Musik ist provokativ, laut
und schrill. An diesen Beispielen lassen sich die Unterschiede zum schwarzen
Lebensstil festhalten. Der schwarze Kleidungsstil ist gekennzeichnet durch ein
hohes Maß an Ästhetik, worauf innerhalb der Szene besonderer Wert gelegt
wird.
Farin und Weidenkaff formulieren dies so: „Gothics sind galante Ästheten in
der bunten Welt jugendlicher Subkulturen“(Farin/Weidenkaff 1999 : 42).
Das gilt im Übrigen auch für die Körperpflege. Schwarze verbringen vor einem
Clubbesuch sehr viel Zeit damit, ihr Äußeres entsprechend zu „stylen“.
Das „Schminken“ gehört zu den festen Ritualen und ist häufig äußerst
aufwendig und im übrigen nicht nur auf das weibliche Geschlecht beschränkt.
Innerhalb der Szene ist es üblich, dass sich auch Männer schminken und ihre
Fingernägel lackieren, was als Normalität angesehen wird. Nun mag man
vermuten, dass dieser Aufwand nur deshalb betrieben wird, weil man in der
Öffentlichkeit auffallen möchte, jedoch muss hierbei berücksichtigt werden,
dass sich die Schwarzen vorrangig in ihrer eigenen Öffentlichkeit aufhalten,
innerhalb ihrer Szene, in Clubs, auf Festivals und dergleichen mehr. Somit
bewegen sie sich mit ihrem auffälligen Äußeren kaum in der „normalen“
Öffentlichkeit, bestenfalls wenn sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu ihrem
Lieblingsclub unterwegs sind. Dieses auffällige Outfit kann also vordergründig
nicht für die breite Masse bestimmt sein und hat somit eine andere Funktion,
als der Kleidungsstil der Punks. Die extreme Vielfalt im Kleidungsstil der
Schwarzen hat eher eine szeneinterne Funktion und ist Ausdruck eines sehr
starken Individuierungsbestrebens und dies sowohl innerhalb der Szene, als
auch als klare Abgrenzung nach „außen“ zur „bunten“ Normalgesellschaft. Die
schwarze, ungewöhnliche, keinem Modetrend folgende Kleidung, grenzt ganz
klar nach außen ab und bietet gleichzeitig die Möglichkeit sich durch vielfältige
Gestaltungsformen von anderen Schwarzen zu unterscheiden. Was auffällt ist,
dass die Art, wie sich Schwarze kleiden häufig mit dem von ihnen bevorzugten
schwarzen Musikstilen zusammenhängt. So tragen die Anhänger des GothicRock
oder Batcave18 häufig noch enge Röhrenjeans und Anzugjacken im
Military- Stil, Lederjacken, Springerstiefel und zerrissene T-Shirts.
Hier sind noch Überschneidungen zur Punk- Szene zu erkennen. Weitere
Stilmerkmale sind: hochtoupierte, meist schwarze Haare, zahlreiche Piercings,
Tattoos, Ketten, Nietengürtel, zerrissene Netzstrümpfe bei Frauen, oder
vereinzelt auch noch „Spikes“19 bei Männern. Die männlichen „Elektro-
Anhänger“ kleiden sich in der Regel martialischer.
Enge, schwarze T-Shirts, Kampfhosen, schwere Stiefel (Rangers u.v.m.),
schwarze Stoffhosen mit Nieten und Schnallen, Latex-Hosen und Männerröcke.
Frauen bevorzugen häufig kurze schwarze Röcke, sei es aus Seide, Latex oder
Leder, hohe Plateauschuhe, schwere Stiefel mit Schnallen oder Nieten besetzt.
Gelegentlich wird auch nur (meist) schwarze Unterwäsche getragen, was im
übrigen in einem schwarzen Club als Normalität gilt, bis hin zur teilweisen
Entblößtheit. Die (sexuelle) Offenheit und Toleranz innerhalb der Szene ist eine
bemerkenswerte Tatsache, die gleichzeitig erklärt, warum sich die BDSM-20und
Fetisch- Szene, sofern sie überhaupt von der Schwarzen Szene abgrenzbar ist, in
dieser Umgebung so wohl fühlt. Zahlreiche Stilelemente und Accessoires aus
dieser Szene finden sich auch in der Gothic- Szene wieder, wo sie zum Teil als
Symbole oder Stilmittel auch unreflektiert Verwendung finden. Als Beispiele
seien hier Handschellen, Gasmasken, Lack und Latex genannt. Inwieweit durch
Tragen von sadomasochistischen Accessoires reale Affinitäten zu bestimmten
sexuellen Praktiken zu vermuten sind, lässt sich schwerlich feststellen, da eine
Reihe dieser Symbole auch nur aus stylistischen, ästhetischen Gründen ohne
spezifischen Hintergrund getragen wird.
Je härter die elektrischen Klänge werden, um so skuriler muten die Outfits an.
Der „Industrial- Stil“ ist gekennzeichnet durch ein spezielles Outfit.
Lange schwarze oder neonfarbene Haarteile, Schweißerbrillen, Staubmasken,
Plateaustiefel und blinkende Arm- oder Halsbänder lassen sich häufig
beobachten. Die Frauen tragen sehr kurze Röcke, enge Corsagen, martialische
Stiefel und bewegen sich auch beim Tanz recht hart. Bei Männern finden sich
gehäuft schwarze, lange Männerröcke oder schwarze Schlaghosen.
18 Mehr zu den schwarzen Musikstilen unter Kapitel 4
19 spitze schwarze Schuhe
20 Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:46 pm

Auffällig ist auch, dass sich gerade in dieser Stilrichtung offenkundig eine
größere Zahl androgyner Männer finden, die sich entsprechend weiblich
kleiden und verhalten21.
Die Anhänger des „Mittelalter- Stils“ tragen romantische Kleider aus Samt und
Seide (Frauen) und weite (weiße) Rüschenhemden, und Schottenröcke
(Männer). Damit verbunden ist natürlich auch ein angepasster Tanzstil22.
Bei diesen Beispielen handelt es sich um eine stilistische Typisierung, die
selbstredend nicht generalisiert werden kann, an dieser Stelle aber die
Vielfältigkeit verdeutlichen soll, mit der uns die Schwarze Szene konfrontiert.
Um auf die äußere Distinktion zu sprechen zu kommen, lässt sich feststellen,
dass durch das Verwenden der Farbe Schwarz zum einen, und durch den
„andersartigen“ Stil zum anderen, eine klare Definition der Gothics gegenüber
den „Bunten“ erfolgt. Aus der magischen, religiösen Tradition heraus lässt sich
eine gewisse Arroganz und mental subjektive Überlegenheit der Gothics
gegenüber der Normalgesellschaft ableiten, die auch heute noch zu finden ist.
Die Abgrenzung durch Kleidung ist ein wichtiges Kommunikationsmittel der
Schwarzen nach innen und außen, die dadurch ihre Zugehörigkeit zu einem
anderen Werte- und Normverständnis dokumentieren.
Die Kleidung und die Schwarze Musik fungieren hier ganz deutlich als
„Transporteur spezifischer Lebensgefühle, …“(Schmidt/Neumann-Braun 2004 :
12). Nachzudenken ist allerdings über die Frage, ob man sich „gothic“ kleiden
muss, um „gothic“ zu sein!
3.2.3 Politische Einstellungen
Die Schwarze Szene ist eine unpolitische Szene. Wir finden die
unterschiedlichsten politischen Einstellungen vor. Die Wurzeln der Szene liegen
zwar in der durchaus politischen Punk- Szene, jedoch ist das Wesen der
Schwarzen Szene eher passiv, selbstbezogen, pessimistisch und resignativ.
An diesem Punkt vollzog sich die Trennung beider Gruppen.
Die Farbe Schwarz, als Farbe der Trauer symbolisiert gleichfalls Resignation.
Dies heißt jedoch nicht, dass sich die Schwarzen nicht für Politik interessieren,
21 mehr dazu unter 6.2.4
22 siehe 4.3.1
vielmehr sind sie nicht willens, sich offensiv gegen Missstände aufzulehnen.
Vielfach existiert ein starker Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung, was
jedoch in pessimistischer Weltsicht nicht für möglich gehalten wird. Die
Umsetzung erscheint eher hoffnungslos. Veränderungen im „Kleinen“ werden
allerdings angestrebt. Wie ließe sich sonst die auffällige Häufung von sozialen
Berufen in der Szene erklären?
Die Schwarze Szene lässt zunächst politische Strömungen einfließen und
entscheidet später, ob diese toleriert werden können. Dies versuchen vereinzelt
rechte Gruppierungen auszunutzen, wobei diese allerdings letztlich auf Granit
beißen, da ein menschenverachtendes Weltbild mit den Idealen und
Vorstellungen der Schwarzen nur schwer vereinbar ist und diese ohnehin
jegliche vorgefertigten Systeme ablehnen bzw. hinterfragen.
Die Schwarze Szene bietet keinen ertragreichen Nährboden für rechte
Gesinnungen (Meisel 2005 : 108). Aufgrund ihrer Abstammung aus der
vorwiegend linksgerichteten Punk- Bewegung tendiert die Szene viel eher nach
links als nach rechts. Wiederum lassen sich politisch linke Einstellungen auch
mit der Vorliebe zu sozialen Berufen in Verbindung bringen. Grundsätzlich
müssen wir von einer, wenn auch stark reflexiven, politisch-neutralen und
passiven Rolle der Schwarzen ausgehen.
3.2.4 Religion
Es herrscht weitgehend Konsens, dass die Schwarze Szene unkonfessionell ist,
d.h. es existiert „keine einheitliche religiöse Einstellung in der Gothic- Szene
(Meisel 2005 : 103). Weit verbreitet ist eine deutliche Kritik der Mitglieder am
christlichen Glauben, aber auch an Religion schlechthin. Als Ursachen kommen
Ablehnung des Christentums als Symbol des Bürgertums, oder die Kritik am
„institutionalisierten Christentum“(Ruthkowski 2004 : 90) infolge von
Inquisition, Hexenprozessen, Zwangschristianisierungen und nicht zuletzt die
Verbrechen während der Kreuzzüge in Betracht. Aufgrund der Tatsache, dass
zahlreiche Greueltaten im Namen des Christentums begangen und bis heute
nicht ausreichend thematisiert wurden und zum Teil immer noch verleugnet
werden, ist es nicht verwunderlich, dass dies von den Schwarzen als
gesellschaftskritische Szene nicht mit Wohlwollen betrachtet wird.
Auffällig dabei ist, dass offensichtlich christliche Symbole, wie das lateinische
Kreuz, nicht im ursprünglichen Sinne gebraucht und interpretiert werden,
sondern dass innerhalb der Szene mit christlichen und anderen religiösen
Symbolen in Form von Schmuckstücken (Ketten, Halsbändern, Ringen)
„gespielt“ wird und diese die Bedeutung des kompletten Gegenteils ihres
Ursprunges haben können. „Umdeutung“ der Werte und Symbole ist hier ein
wichtiges Stichwort. Ein lateinisches Kreuz am Hals eines Schwarzen ist in der
Regel als antichristliches Symbol zu verstehen und drückt somit Kritik aus,
obwohl dieses Symbol an anderer Stelle eine Affinität zum christlichen Glauben
suggerieren würde. Im Extremfall wird das Kreuz umgedreht getragen (der
lange Balken nach oben), der stärkste Ausdruck der Ablehnung des
Christentums. Diese Art das Kreuz zu tragen impliziert in der Öffentlichkeit die
Nähe zum Okkultismus und Satanismus. Es ist im Einzelfall nicht gänzlich
auszuschließen, dass hier eine okkulte Neigung vorhanden ist, aber die
Symbolik als solche hat keinerlei Aussagekraft, um dieses Vorurteil zu
bestätigen. Gleichfalls soll hier deutlich gemacht werden, dass ich die Frage:
„Satanismus oder nicht“, für die Bearbeitung meiner Fragestellungen für
irrelevant halte. Festzuhalten ist, dass verschiedene religiöse Symbole, wie
lateinisches Kreuz, keltisches Kreuz, Ankh, Pentagramm usw., oft in
Kombination getragen werden und ihnen andere als die ursprüngliche
Bedeutung beigemessen werden kann. Gothics schaffen sich häufig ihre
„eigene“ Religion, die keinen vorgefertigten Mustern folgt (Helsper 1992 : 288).
Ruthkowski spricht in diesem Zusammenhang von „Bricolage“(Ruthkowski
2004 : 87), was in diesem Zusammenhang nichts anderes bedeutet, als das
Zusammenstellen einer eigenen Weltanschauung (Religion) durch Verwenden
mehrerer verschiedenartiger Symbole, die oft gleichzeitig, übereinander
getragen werden. Dabei entstehen oftmals gänzlich andere Bedeutungen und
Interpretationen. Was bleibt ist eine weitestgehende „Fernhaltung von
geschlossenen Glaubenssystemen“(Meisel 2005 : 105) und die häufige
Erkenntnis, dass diese festen Glaubenssysteme nicht die Lösung der Probleme
der Welt in sich tragen. Die vollständige Akzeptanz einer festgelegten Religion
würde den verfolgten Autonomiebestrebungen entgegenlaufen.
Die Verantwortung für das eigene Leben wird selbst in die Hand
genommen
und dementsprechend eigene Lösungsmöglichkeiten gesucht.

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:47 pm

Dies kann im Einzelfall auch unter Zuhilfenahme von heidnischen Traditionen
und Bräuchen, Hexenkult, Schwarzer Magie und anderen Ritualen geschehen,
was den Schwarzen häufig nachgesagt wird. Die weit verbreitete Beschäftigung
der Gothics mit dem Tod und der zum Teil verbreitete Glaube an eine
Reinkarnation haben weit weniger mit Religion zu tun als vermutet.
3.2.5 Freizeit
Außer der Gesellschaftskritik gehört auch die Hinterfragung von üblichen
gesellschaftlichen Standards wie das Schönheitsideal des lachenden,
sonnengebräunten und durchtrainierten Menschen, was die Schwarzen durch
ihren Kleidungs- und Lebensstil sowie ihre Art sich zu schminken, düpieren.
„Bleiche Haut, schwarz umrandete Augen, also eher das Bild eines krank und
tot wirkenden Menschen ..“(Meisel 2005 : 114). Die Symbolik dieser stilisierten
Darstellung verdeutlicht den Gegensatz. Schwarze treiben selten Sport, da sie
dem Schönheitsideal der Medienwelt nicht hinterherlaufen wollen. Ihr Interesse
gilt der Natur, dem Lesen, der Kreativität, dem Mittelalter, der Romantik, der
Architektur, Ruinen, der Vergänglichkeit, Krankheit, Tod und Schmerz. All
dem, was die Gesellschaft verdrängt, ablehnt oder versteckt. Gesellschaftskritik
drückt sich auch in der Freizeitgestaltung aus. Schwarze verbringen ihre
Freizeit am liebsten mit Freunden, wobei Gleichgesinnte selbstredend
bevorzugt werden.
Spazieren gehen, vornehmlich an ruhigen Orten, sowie das Genießen der
romantisch- melancholischen Stimmung gehören dabei zu häufigen Aktivitäten.
Ungewöhnlich, im Vergleich zu anderen Szenen, ist das weit verbreitete
Interesse an Literatur, wobei Gothic- Novels, Romane (z.B. Anne Rice, E.A Poe,
Dan Brown, Terry Pratchett) und teils anspruchsvolle Lyrik (z.B. Charles
Baudelaire, Gottfried Benn) eine große Rolle spielen. Augenscheinlich ist auch
das Interesse an Philosophie (Sartre, Nietzsche), Psychologie (Freud, Fromm)
sowie Mystik und Esoterik.
Weiteres Interesse gilt natürlich der Musik, die im Leben der Schwarzen einen
existenziellen Stellenwert hat. Die Vorbereitungen für einen Club- oder
Konzertbesuch nehmen viel Zeit in Anspruch und werden häufig gemeinsam
mit Freunden getroffen. Die Inszenierung der eigenen Ästhetik kann als Ritual
bezeichnet werden.
Im Club selbst sind indes nicht nur ernsthafte Gesichter zu beobachten, sondern
es kommt durchaus auch Fröhlichkeit auf. Wenngleich die Schwarze Musik
durchweg düster ist, wird diese häufig in gesonderter Umgebung
differenzierter wahrgenommen23. Konzerte und Festivals gehören zu den
Highlights schwarzer Freizeitaktivitäten. Sie fungieren als Bindeglieder einer
Ansammlung von Individuen.
3.2.6 Zentrale und Werte und Gefühle
Was sind nun die Werte, die in der Schwarzen Szene vertreten werden? Welches
Lebensgefühl ist mit dem „Goth-Sein“ verbunden? Betrachten wir zunächst
auch, was andere Autoren darüber aussagen:
„Gothics zeichnen sich trotz ihrer düsteren Weltanschauung vor allem durch
Friedfertigkeit aus, Gewaltverneinung ist ungeschriebenes Gesetz der Szene,
deren Frauenanteil deutlich über dem vieler anderer Jugendkulturen liegt
…“(Farin 1999 : 42).
Hier wird bereits eine zentrale Wertvorstellung ausgedrückt: Die Ablehnung
von Gewalt.
„Die Friedlichkeit, der menschliche, tolerante Umgang miteinander und mit
anderen ist unerreicht“ (Monica Richards (Faith and the Muse24)) in: (Matzke/
Seeliger 2002 : 7).
Um der Differenzierung zu anderen Szenen zu dienen, ein weiteres Zitat:
Hans (32) über die HipHop- Szene:
„Ausserdem gibt es unter den Leuten ständig Schlägerein usw. Da habe ich keinen Bock
drauf“.
Warum die Schwarze Szene so friedlich ist, mag im Einzelnen mit den
Lebensbiografien zusammenhängen. Es liegt nahe, dass die intensive
Beschäftigung mit dem eigenen Selbst keinen Raum für gegen andere gerichtete
Aggressionen lässt. Häufig selbst erlittene Gewalt, sei es innerhalb der Familie
oder im sozialen Umfeld führten nicht zu einer negativen Übertragung auf die
Umwelt, sondern zu einer Abkehr von jeglicher Gewalt. Aggressionen werden
in der Szene vorwiegend durch das Tanzen abgeführt.
23 siehe dazu 4.2
24 Faith and the Muse: britische Dark- Wave- Band
Schwarze erwarten von ihrer Umgebung allerdings auch, dass man sie
weitestgehend „in Ruhe“ lässt. Diesem Zweck dient auch die Abgrenzung und
die Isolation. Ein weitere Eigenschaft, die den Schwarzen zugeschrieben wird
ist ihre Toleranz, welche allerdings dort endet, wo man ihr ästhetisches und
emotionales Empfinden nachhaltig stört25.
Peter (33) sagt über die Vorzüge der Szene: „Nehmen jeden wie er ist. Es wird
selten jemand ausgegrenzt. Man kann seinem Individuum freien Lauf lassen“.
Toleranz besteht also vorwiegend gegenüber Menschen, die von der normalen
Gesellschaft häufig ausgegrenzt werden. Diese Haltung ist auch ein Grund
dafür, warum sich z.B. Homosexuelle oder sog. Androgyne in der Schwarzen
Szene unbehelligt bewegen können. Die Schwarze Szene ist durch eine
ausgeprägte sexuelle Offenheit gekennzeichnet, die es zulässt, individuelle
sexuelle Vorlieben im Rahmen der Vereinbarkeit mit anderen
Persönlichkeitsrechten auszuleben.
Toleranz herrscht gleichfalls gegenüber andersartigen Konfessionen. Es ist
jedoch anzumerken, dass der „stilisierte“ Goth in der Regel als bekennender
„Antichrist“ zu verstehen ist. Es dürfte gleichfalls schwer fallen einen Goth zu
finden, der „gläubiger Christ“ ist. Die Gründe dafür sind bereits angeführt
worden26. Entgegen anderslautender Meinung toleriert die Schwarze Szene
keinesfalls Rechtsradikalismus.
Katja (22): „… Rechtsradikale ... , das geht gar nich …“.
Sollte es vorkommen, dass sich offenkundig „Rechte“ in einen Schwarzen Club
„verirren“, dann werden sie zumeist mit auffallend missbilligenden Blicken
bedacht. Kommt es zwar auch in der Schwarzen Szene zu Äußerungen, die
einen latent vorhandenen Antisemitismus nahelegen, so sind diese
Bemerkungen jedoch keinesfalls als manifest zu betrachten. Vielmehr werden
diese im Rahmen einer stark reflektierenden Denkkultur zumeist ausgeräumt.
Latent vorhandener Antisemitismus ist ein Problem der Gesamtbevölkerung.
Resümierend stellen wir fest, dass diese bekannte Problematik im
Zusammenhang mit der Schwarzen Szene vernachlässigt werden kann.

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:47 pm

Pruedance (26, weiblich) sagt über ihre Familie:i
„Ich dachte meine wäre schon elend;beide eltern alkis,ein bruder mit 22 schon hoch
verschuldet und mit ner nazi tussi verheiratet,der zweite bruder magersüchtig und ich
die familienschande weil ich es gewagt habe krebs zu bekommen und auch noch einen
indischen staatsbürger zu heiraten!!!!!!!!! deswegen habe ich keinen kontakt mehr weil
mich das kapputmacht“
(http://www.dunkles-leben.de/forum/viewtopic.php?t=1664&postdays=0&postorder=asc&start=10,
06/2007).
Verständlich wird die Toleranz der Schwarzen auch dann, wenn man bedenkt,
dass sie selbst häufig Intoleranz und Vorurteilen ausgesetzt sind. Autoren wie
Meisel (2005), Ruthkowski (2004), Schmidt/Neumann-Braun (2004) und
Helsper (1992) beschäftigen sich zu einem großen Teil mit stereotypen
Vorurteilen, die hier allerdings nicht diskutiert werden.
Ein weiteres Kriterium für das „Goth-Sein“ ist die Nachdenklichkeit und
Reflexionsfähigkeit. Auf diese Tugend wird innerhalb der Szene sehr viel Wert
gelegt. Nicole (31):
„Ich weis nicht genau ob diese Kriterien zum Gothleben dazugehören. Nur bin ich der
Meinung, das man als Goth, bestimmte Dinge anders sehen muss, sollte, so wie die
Gesellschaft ist, die Menschen im Allgemeinen, ihr Handeln, ihre Taten. Mit Herz
und Seele dabei zu sein, ist eines der Dinge“.
Die Nachdenklichkeit ist ein Wert, der in der Szene geradezu gefordert und
vorausgesetzt wird. Dazu gehört es, sich mit gesellschaftlichen Problemen
auseinanderzusetzen und Realitäten nicht als „gottgegeben“ zu akzeptieren.
Somit wird hier eine Denkweise angestrebt, welche der Immanuel Kants folgt:
„Sapere aude“ - „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“.
Nicole (31):
„Sehe bestimmte Dinge mit anderen Augen, hinterfrage manche Sachen genau, forsche,
lerne. Lass mich von niemanden Manipulieren“.
Diese Nachdenklichkeit beugt ihrerseits einer Denkweise vor, die innerhalb der
Szene abgelehnt und kritisiert wird: Die Oberflächlichkeit. Mag man indes zu
bedenken geben, dass die Schwarzen gleichwohl viel Wert auf ihr Äußeres zu
legen scheinen und somit gleichfalls „oberflächlich“ sind, so ist dem zu
entgegnen, dass dies kein Symptom von Oberflächlichkeit ist, sondern vielmehr
ein äußeres Stilmittel zur Artikulation ihres Lebensgefühls, ihrer Abgrenzung
zur „bunten“ Gesellschaft.
Die extreme „Aufmachung“ symbolisiert durch ihre Ästhetik das diametrale
Weltbild in einer Art und Weise, die in ihrer Außenwirkung nachhaltig
beeindrucken soll und somit den Schwarzen Standpunkt „zementiert“.
Wie schon in den vorangehenden Abschnitten erwähnt wurde, findet das
Bestreben der Schwarzen nach gesellschaftlicher Veränderung eher in der
Theorie ihren Ausdruck. Meisel (2005) meint dazu:
„Der Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung ist zwar in der Szene
vorhanden, diese Veränderung durchzuführen (…) oder anzuregen, erscheint
für die Szenemitglieder aber hoffnungslos“(Meisel 2005 : 111).
Aber diese Problematik dürfte auch innerhalb der „bunten“ Gesellschaft
bekannt sein. Jedoch haben die Schwarzen mit noch ganz anderen Problemen
zu kämpfen, wie wir im Verlaufe noch sehen werden, womit ihre „Passivität“
verständlich erscheint.
Es sind allerdings nicht nur gesellschaftliche Werte, die die Gothic-Szene
vertritt. Ihre Ausdrucksstärke kommt vor allem durch ihre emotionale
Ausdrucksfähigkeit zum Vorschein. Nicole (31):
„Goth sind für mich Menschen die sich treu sind, die anderen treu gegenüber stehen,
die wissen was sie sind und was sie wollen, die auch
mal zugeben können das sie Schwächen haben, sich nicht verstecken vor anderen, die
ihre Standpunkt vertreten …“.
Das Zeigen von Gefühlen, das „Zugeben“ von Schwächen gehört zweifellos zu
den „Stärken“ der Schwarzen. In diesem Punkt unterscheiden sie sich (teils)
erheblich von der „Normalgesellschaft“, von der Gesellschaft, die sie ablehnen,
die sie auch gerade deshalb ablehnen. Es zeigt sich, dass diese Menschen im
Laufe ihres Lebens oftmals genau diese „schwachen“ Seiten nicht zeigen
durften oder konnten. Die Schwarze Szene, mit ihrer emotionalen Musik, bietet
den Freiraum, den sie benötigen, um dem Gefühl der Unterdrückung Ausdruck
zu verleihen.
Hans (32):
„Schwarz sein bedeutet für mich, tiefgründig zu sein, melancholisch, nachdenklich,
schwarz eben. Auch schliesst das wohl richtiges glücklichsein aus …“.
Den großen Vorteil, den die Schwarze Szene gegenüber anderen Szenen bietet,
ist die Möglichkeit, nicht nur irgendwelche Gefühle zum Ausdruck zu bringen,
sondern gerade solche, die stets mit negativen Vorstellungen behaftet sind.

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:47 pm

Diese negativen Gefühle müssen in der normalen Gesellschaft versteckt und
verdrängt werden. Für negative oder traurige Gefühle bleibt in dieser Welt kein
Platz. Die Schwarze Subkultur verschafft sich diesen Platz, denn er wird
dringend benötigt. Warum dies nötig zu sein scheint, das wird im sechsten
Kapitel analysiert .
Alles schwarz - Umbra et Imago27
Man fragt mich, was es bedeuten mag,
all das Schwarz, das ich am Leibe trag',
gern will ich Euch geben meine Kund',
die Schleier heben, zu meines Herzens Grund
Die Not die in mir frißt,
die Aufrichtigkeit, die man so vermißt,
der Haß auf die menschliche Kreatur
die Ignoranz, Lügen, der falsche Schwur -
das alles ist schwarz an mir.
Die Habgier und die kurze Sicht
die Religion, die Menschen bricht,
die Moral, die mordet und verbrennt,
die Scheinheiligkeit, die ein jeder kennt -
das alles ist schwarz an mir.
Die Einsicht, daß nichts anders werd,
die Dummheit, die sich schnell vermerht,
der Intellekt, der das Messer sieht,
in das man rennt,
keine Macht, zu wenig Kraft,
die sich dagegen stemmt -
das alles ist schwarz an mir.
Schwarz ist meine Sicht
Schwarz ist mein Gericht
Schwarze Resignation
Schwarze Isolation
4. Schwarze Musik
Der Musik kommt in der Gothic-Szene eine besondere Funktion zu. Aus diesem
Grund ist es notwendig, sich mit den Eigenheiten dieser Musikrichtung näher
zu befassen. Im Folgenden soll dies in der gebotenen Ausführlichkeit
geschehen.
27 Umbra et Imago: deutsche Dark- Wave- Band
4.1 Definition
Die Definition „Schwarzer Musik“ fällt nicht ganz leicht. In den letzten
Jahrzehnten entwickelte sich die Musik stetig weiter und man kann gerade in
der Schwarzen Musik von einer starken Ausdifferenzierung verschiedener
Stilrichtungen sprechen. Was aber ist „Schwarze Musik“?
Was macht sie aus und was sind ihre Merkmale? Zunächst lassen sich diese
Fragen am anschaulichsten auf emotionaler Ebene beantworten.
Versetzt man sich in die Lage eines Menschen, der nicht weiß, was Schwarze
Musik ist, so bleibt ihm, abgesehen vom Studium entsprechender Literatur, nur
das persönliche Erleben. Trotz der allgemeinen Problematik subjektiven
Empfindens, lassen sich beim Hören Schwarzer Musik gewisse generalisierbare
Eindrücke festhalten. So wird die Musik in der Regel als düster und traurig,
oder auch depressiv-destruktiv empfunden. Dies ist eine Folge der
hauptsächlich verwendeten Moll- Harmonien, dissonanten Töne und
Disharmonien. Diese Merkmale kennzeichnen beinahe alle Gothic-
Musikstücke, wobei letztlich das düstere, melancholische Klangbild erhalten
bleiben muss, um als „gothic“ durchzugehen.
Im Erleben dieses Gefühles gibt es für die Schwarzen einige Besonderheiten28
zu beachten, auf die später noch zurückzukommen ist.
Bruhn (1985) geht davon aus, dass musikalische Harmonik und bestimmte
musikalische Effekte wie: moll= traurig und dur= fröhlich nicht naturgegeben,
sondern erlernt sind. Sie sind im Kontext der jeweiligen kulturellen
Sozialisation zu betrachten (Bruhn 1985 : 475). Bruhn räumt allerdings
nachfolgend ein, dass dies nicht zweifelsfrei erwiesen ist, wenngleich er der
Ansicht ist, dass letztlich das Empfinden von Musik von weiteren Faktoren, u.a.
von kognitiven Interpretationen oder der subjektiven Disposition abhängt.
Nun, zu dieser Disposition werden wir noch kommen.
Unabhängig von Bruhns Theorie gibt es bereits seit Jahrhunderten die so
genannte Tonartenpsychologie (von Gleich 2005 : 4). Bereits Goethe machte sich
Gedanken um die Wirkung der Tonarten auf den menschlichen Geist. Die
Tonarten einer Komposition drücken unterschiedliche Gefühle und
Empfindungen aus. Dieses Wissens bedienen sich seit Jahrhunderten nicht nur
28 siehe 6.2.2 f.
klassische Komponisten. So wird z.B. D- Dur aufgrund seiner kriegerischen und
herausfordernden Komponente für Marschmusik verwendet (von Gleich 2005 :
10).
Beckh (1923) und Schilling (1838) stellen in ihren Werken eine vollständige
Interpretation der Wirkung der Tonarten vor, die ich an dieser Stelle
auszugsweise anführen werde. Vorzugsweise konzentriere ich mich hier auf die
für die Untersuchung interessanten Moll- Tonarten.
Nach Schilling signalisiert d- moll „tiefe Trauer und Bangigkeit, die aber noch
nicht verzagt, sondern nach einem ermutigenden Aufblick zur himmlischen
Fügung strebt“ (von Gleich 2005 : 37).

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:48 pm

Dieser „ermutigende Aufblick“ ist genau der Hoffnungsschimmer am Horizont,
den viele Schwarze beim Hören ihrer Musik empfinden. Es ist also keineswegs
nur Trauer und Schmerz, sondern gleichfalls Aufbruch. Gleichlautende
Aussagen finden sich auch in den Aufzeichnungen dieser Studie. Mehr dazu an
anderer Stelle.
Laut Bekh bergen d- moll- Akkorde „Rätsel des Todes in sich. Das Licht verbirgt
sich hinter finsteren Wolken“ (von Gleich 2005 : 37).
Die g- moll- Töne (Schilling) bewegen sich „im Sentimentalen und in graziöser
Schwermut, die bis zur Unbehaglichkeit und zum Mißmut gesteigert werden
kann“ (von Gleich 2005 : 37).
Musik in g- moll (Bekh) „hat eine tragische Färbung. Bisweilen Ausdruck von
etwas Schmerzlich- Verklärtem, unter Tränen Lachendem“ (von Gleich 2005 :
37).
F- moll (Schilling) „drückt eine unaussprechliche, tiefe Schwermut aus.
Leichenklagen, Jammergeächz und grabverlangende Sehnsucht sind sein
vornehmster Charakter“ (von Gleich 2005 : 3Cool.
Nach Bekh trägt f- moll den „stärksten Mollcharakter in sich und führt zur
dichtesten Finsternis. Tonart des Todesschattens und der finsteren
Leidenschaft“ (von Gleich 2005 : 3Cool.
Diese Auszüge zu den Moll- Tonarten sollen genügen. Ich denke, es ist
ersichtlich geworden, was diese bewirken können.
Im Gegensatz zu den Moll- Tonarten drücken Dur- Tonarten in der Regel
Freude, Frohmut, Ausgelassenheit, Scherz und Humor aus.
„Unser Gefühl erlebt diese Tonart als kerngesund, fest, voll irdischer Kraft,
ursprünglich, solide, ausgesprochen positiv und annehmend“ (von Gleich
2005 : 23). Damit stehen diese im Kontrast zu den Moll- Tonarten. Eben derselbe
Kontrast, der zwischen der „Schwarzen“ und der „bunten“ Gesellschaft
besteht. Ähnliche Verbindungen bestehen also auch im gesellschaftlichen Leben
der Szene.
Kommen wir zurück zur Klangerzeugung.
Technisch gesehen, lassen sich relativ klare Strukturen erkennen, wie ein
Gothic- Musikstück komponiert wird, um entsprechende Wirkung zu entfalten.
Es wäre sicherlich falsch zu behaupten, dass dies stets im vollen Bewusstsein
und Wissen des Komponisten oder Musikers geschieht. Vielmehr kommt ein
entsprechendes Ergebnis auch zufällig zustande.
Im Einzelfall ist nicht auszuschließen, dass bestimmte Musikstücke nicht
trennscharf von anderen Musikrichtungen abzugrenzen sind. Dieses Problem
stellt sich allerdings allen Musikrichtungen und das womöglich in weit
größerem Maße, als es beim Gothic der Fall ist. Ob die verschiedenen Klänge
und Töne nun mittels akustischer Instrumente wie Gitarren, Violinen, Pianos
etc. oder direkt mit Synthesizern, verbreiteter noch mit entsprechenden
Sequenzer- Programmen,29erzeugt werden, spielt dabei keine Rolle.
Entscheidend ist das Erleben und Empfinden der Musik im Sinne der
genannten Definition. Die unterschiedlichen Musikstile innerhalb der Gothic-
Musik, zeichnen sich durch ganz verschiedene, oft markante Stilmittel aus, zu
denen wir indes noch kommen werden
Neben den o.g. musikalischen Strukturen findet sind vor allem bei den
elektronischen Stilrichtungen eine auffällige Polarisation zwischen Hoch- und
Tieftönen. Deutlich wird dies im „Industrial- Stil“, bei dem allerdings noch
weitere Stilmittel zur Klassifikation beitragen. Platz (2004) spricht in diesem
Zusammenhang von „...ungewohnt schrägen Klängen, viel Hall und Echo zur
Schaffung einer (klang-)räumlichen Unsicherheit …“(Platz 2004 : 253) und
verweist interessanterweise auch auf die klassische Musik.
29 Sequenzer- Programme eignen sich zur Produktion elektronischer Musik und ersetzen
akustische und elektrische Instrumente, bzw. ermöglichen es mittels Rechner, stets neue
synthetische Klänge zu erzeugen.
Die Autorin stellt auch dort, z.B. bei Bach und Beethoven, eine melancholische
Grundstimmung fest. So gesehen, käme man durchaus in die Versuchung,
einige klassische, „schwermütige“ Kompositionen mitunter in die Kategorie
„Schwarze Musik“ einzuordnen, wenn nicht bereits eindeutig festgestellt
worden wäre, dass wir diese Werke unter „klassisch“ einzuordnen hätten. Beim
Hören der „Mondscheinsonate“ könnte der wissende Mensch durchaus eine
gewisse „Verwandtschaft“ feststellen. Aber nicht nur in der klassischen Musik
finden wir melancholische Stücke. Ob im Blues der „1930er Jahre“(Platz 2004 :
254), bei Pink Floyd oder den Dire Straits, überall lassen sich ähnliche
musikalische Strukturen feststellen. Dies würde erklären, warum viele
Schwarze, sofern sie noch andere Musikrichtungen hören, eine gewisse Affinität
zu melancholischen Musikern hegen. Wie gesehen, ist dies auch ein Verdienst
der Moll- Tonarten.

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:48 pm

4.2 Die Wirkung von Musik im Allgemeinen
An dieser Stelle folgt ein wenig Musiktheorie, um die Wirkungsweise von
Musik zu verdeutlichen:
Physikalisch gesehen, durchlaufen Schallwellen den Raum beim Erklingen von
Musik. „Die Moleküle der Luft bewegen sich, bilden Verdichtungen und
Verdünnungen, die von unserem äußeren Gehör als Druckschwankungen
registriert werden“(Bruhn 1985 : 4). Um vom Menschen als Musik
wahrgenommen zu werden, müssen die Schallwellen über das Ohr und das
Nervensystem wahrgenommen werden und im Cortex repräsentiert werden. In
diesem Sinne ist die Musik als Bewusstseinsprozess für die Psychologie
bezüglich Emotion und Kognition von Bedeutung.
Zentraler Forschungsgegenstand der Musikpsychologie im Besonderen ist die
Beziehung musikalischer Strukturen zur Bewusstseins- und
Wahrnehmungsebene des Menschen. In dieser Arbeit geht es primär nicht um
das Begreifen der Musik, in unserem Falle der Schwarzen Musik, als „soziales
Phänomen“, als Teil der Kultur (Bruhn 1985 : Cool, sondern um die spezifisch
emotionale Wirkung dieser Musik auf die Wahrnehmung, das Bewusstsein und
die Psyche. Nun ist die emotionale Wahrnehmung von Musik während ihrer
Rezeption von verschiedenen Faktoren abhängig.
Zunächst einmal von der allgemeinen Konstitution, also Alter, Geschlecht,
Lebensweise oder dem Gesundheitszustand. Nachfolgend wichtig sind sowohl
die allgemeine Einstellung zur Musik, also auch der Stellenwert, den die Musik
im Leben eines einzelnen Menschen einnimmt, sowie „assoziative
Verknüpfungen“(Bruhn 1985 : 79), d.h. bestimmte Lebensereignisse, die
unmittelbar an bestimmte Musik oder auch an ein einzelnes Musikstück
gebunden sein können. So ist zum einen den körperlichen, mehr noch dem
psychischen Zustand betreffend, anzunehmen, dass dieser Zustand im Hinblick
auf das Empfinden von destruktiver, melancholischer Musik eine zentrale Rolle
spielt. Setzen wir eine neurotische bzw. depressive Disposition als Konstitution
voraus, dann wird in diesem Sinne klar, warum Schwarze Musik als angenehm,
zum Teil als therapeutisch wahrgenommen und empfunden wird. Hierbei ist zu
beachten, dass mit der Annahme einer möglichen Verdrängung bestimmter
Lebenserfahrungen- und Ereignisse ins Unterbewusstsein, die Musik, auch
aufgrund erwähnter assoziativer Verknüpfungen, als „heilsam“ und
gleichzeitig traurig empfunden werden kann. Diese Verdrängung kann
gleichfalls eine Erklärung dafür sein, dass die individuellen
Rezeptionsempfindungen nicht von jedem Einzelnen unproblematisch
artikuliert und reflektiert werden können. Dass jedoch eine nicht
„unerhebliche“ Reaktion im Sinne einer „vegetativen Veränderung“(Bruhn
1985 : 79) bei der Rezeption von Musik vorliegt, kann als gesichert gelten. So
scheint indes im Falle der Gothik- Musik eine ganz besondere Affinität
vorzuherrschen. Inwieweit mit dieser Affinität eine negative, positive, oder
auch ambivalente Empfindung verknüpft ist, wird im Einzelnen noch zu sehen
sein. Zu beachten ist hierbei auch, dass sich vegetative Reaktionen, zunächst als
messbare Äußerung, auch nur im Kontext ihrer Umwelt bewerten lassen. So ist
die Lautstärke der Musik von ähnlicher Bedeutung wie die persönliche
Hingabe zur Musik. So sind verstärkte vegetative Reaktionen ab einer
bestimmten Lautstärke, z.B. in einer Diskothek, nicht mehr unbedingt im Sinne
einer rein emotionalen Empfindung zu interpretieren, da hier auch Reaktionen
unabhängig von emotionaler Befindlichkeit erfolgen können. Interessant ist,
dass ein und dasselbe Musikstück aufgrund unterschiedlicher Funktionen
durchaus ambivalent empfunden werden kann. So ist es ein nicht ganz
unerheblicher Unterschied, ob ein besonders melancholisches Musikstück allein
zu Hause aufgenommen wird,
oder in einer Diskothek unter gänzlich anderen Bedingungen. Es zeigt sich,
dass die ursprüngliche Wirkung einer in bestimmter Art und Weise
komponierten und intendierten Musik, durch die Hineinnahme in eine andere
Umgebung, verändert werden kann.
Somit ist hier die Interpretation von Musik, bezüglich ihrer beabsichtigten
Wirkung, nicht isoliert zu betrachten.
Eine reflektierte Auseinandersetzung mit Musik kann folglich vorzugsweise
nur in einer „unabgelenkten“ Umgebung und Situation erfolgen. Wenn also ein
bestimmtes Musikstück allein wirkbar ist, im Sinne einer örtlichen oder auch
subjektiv empfundenen Isoliertheit, und sich gleichfalls Nebeneinflüsse
eliminieren lassen, dann wird es am ehesten möglich sein, die emotionale
Wirksamkeit dieses Musikstückes festzustellen.
In der Praxis jedoch schwindet diese Relevanz merklich, da sich dadurch die
grundlegende Intention des Komponisten nicht ändert. Der hier angemerkten
Problematik wird indes durch eine entsprechende Fragestellungen im Interview
Rechnung getragen30.
Die emotionale Wahrnehmung von Musik kann folglich stimmungskongruent
oder im Sinne des „Konstrastprinzips“ erfolgen, d.h. das gleiche Musikstück
(z.B. ein fröhliches), wird einmal als fröhlich, also kongruent empfunden oder
aber konstrastiv, als nicht fröhlich. Beide Varianten sind u.a. vom
Gefühlszustand des Hörers abhängig. Inwieweit, und unter welchen
Bedingungen es einmal äquivalent oder nicht-äquivalent empfunden wird,
darüber gibt es, wie Bruhn feststellt, bisher keine umfassende Theorie (Bruhn
1985 : 183). Daher bedarf es noch einiger weiterer theoretischer Überlegungen,
auf die wir noch zu sprechen kommen werden. Unabhängig vom Mangel einer
umfassenden Theorie, werden verschiedene Ansätze musikpsychologischer
Forschungsinhalte bereits praktischen Tests unterzogen. So wenden Musiker
schon seit allen Zeiten verschiedene Ausdrucksmodelle (so auch melancholisch
intendierte) an, um beim Zuhörer bestimmte Affekte zu begünstigen, bzw.
unter Annahme und Empfindung dieser Wirkung eigene Befindlichkeiten,
Stimmungslagen und länger anhaltende oder dauerhafte seelische Zustände
auszudrücken. Beinahe überflüssig ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass sich
auch die Werbeindustrie, insbesondere die Werbepsychologie, seit geraumer
30 Der Interviewleitfaden differenziert in seiner Fragestellung zum Thema „Empfinden der
Musik“ nach örtlichem und emotionalem Kontext.
Zeit dieser „unvollständigen“, wenngleich aber brauchbaren Erkenntnisse
bedient.

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:49 pm

4.2.1 Musik als Therapie
Auch in der Musiktherapie werden musikpsychologische Erkenntnisse genutzt,
um bestimmte Wirkungen hervorzurufen, die psychische Prozesse beeinflussen
können.
So ist die Musiktherapie die „bewußte Anwendung von Musik und
musikalischen Mitteln zur Erreichung therapeutischer Ziele“(Streich 1981 : 432).
Hierbei wird Musik als Kommunikationsmedium oder als Auslöser bestimmter
kommunikativer Prozesse verstanden. Sie ersetzt in gewisser Hinsicht die
Sprache als Mittler der Befindlichkeit. Dabei wird versucht, mit Hilfe der Musik
eine Verbindung zu einem für den Patienten emotional bedeutenden Erlebnis
herzustellen und wieder ins Bewusstsein zu rufen. Die dabei auftretenden
Gefühlsempfindungen sollen im Laufe der Therapiesitzungen artikuliert und
später in das bewusste Gegenwartserleben eingefügt werden. So gesehen
unterscheidet sich die Musiktherapie nicht wesentlich von anderen
psychotherapeutischen Methoden, wenngleich die Auseinandersetzung mit
dem Konflikt auf einer anderen Ebene stattfindet. Allerdings darf die
Musiktherapie als solche nicht als rein psychoanalytische Therapie verstanden
werden, da sie auch innerhalb der verhaltensorientierten
Psychologierichtungen Anwendung findet, wobei diese Tatsache für diese
Arbeit nur von untergeordneter Bedeutung ist. An dieser Stelle soll allerdings
nicht zu weit ausgeführt werden, da es hier nur darum geht, festzustellen, dass
das Wissen um die Wirkung von Musik auf vielfältige Weise genutzt werden
kann.
4.3 Entwicklung der Schwarzen Musik
Der Geburtsort des „Gothic“ ist, wie von vielen anderen Musikrichtungen auch,
Grossbritannien. Gothic als Musikrichtung und (Jugend)- Szene entstand gegen
Ende der 70er Jahre aus der Punk- Szene heraus.
Innerhalb des älteren Punks existierte zu dieser Zeit bereits eine etwas „andere“
musikalische Stilrichtung, eine Art introvertierter, morbider, düsterer Rock31, der
sich vom üblichen Punkrock der damaligen Zeit unterschied. Neben den
offenbar „düsteren“ Klängen waren resignative und apokalyptische Texte
stilbildend. An dieser Stelle tritt ein deutliches Unterscheidungsmerkmal
zwischen der Punk und der Gothic- Szene hervor. Während die „echten“ Punks
ihren Unmut gegen das Establishment ausdrückten, und dies laut und
expressiv, spaltete sich der resignierte Teil der Punks von ihren „Artgenossen“
ab und begann ihrer Resignation, ihrem Lebensgefühl in einer bestimmten Art
und Weise Ausdruck zu verleihen.
Wenn man Musik als Artikulationsmittel menschlicher Gefühle und Emotionen
betrachtet, dann ist evident, dass jeder Mensch, oder ganz bestimmte
Menschen, auf unterschiedliche Art mit ihren Emotionen und Sichtweisen der
Welt umgehen. Warum dies so ist, damit beschäftigt sich u.a. diese Studie.
Bevor im 6. Kapitel näher darauf eingegangen wird, gilt das Augenmerk der
Spaltung der Punk- Szene und der Herausbildung der Gothic- Szene.
Begünstigt wurde die Entstehung der Gothic- Szene durch das allmähliche
Abebben der Punk- Bewegung in den 80er- Jahren.
Viele ehemalige Punks fühlten sich von der neuen Strömung angezogen und
wechselten die Seite. Dieser „Seitenwechsel“ relativiert sich allerdings, wenn
man das bis heute freundschaftliche Verhältnis beider Szenen betrachtet. Es gibt
einige, auch stilistische Gemeinsamkeiten. Auch die politischen und
lebensweltlichen Anschauungen sind nicht allzu weit voneinander entfernt.
Somit war die Schwelle zum Wechsel in die Gothic- Szene nicht sonderlich
hoch.
Die Nennung des Begriffes „Gothic“ selbst erfolgte wohl zuerst durch britische
Musikmagazine, wie dem New Musical Express (Meisel 2005 : 11), die so den Stil
der damals schon bekannten Bands: Siouxie and the Banshees, Joy Devision,
Bauhaus und später Sisters of Mercy betitelten.
Die so entstandenen Stilrichtungen Gothic-Rock und Batcave32 verschmolzen
später unter dem Einfluss elektronischer Instrumente und Computer zum
Darkwave. Bands wie The Cure oder Deine Lakaien gehörten zu den ersten so
31 man unterschied damals bereits zwischen „Fun- Punk“ und „Depro- Punk“
32 mehr dazu in den Abschnitten 4.4 f.
bezeichneten Darkwave- Formationen. Was die Schwarze Musik bis heute am
„Leben“ hielt, sind die vielfältigen Einflüsse aus Rock, Techno, Folk, Heavy- Metal
und klassischer Musik.
So blieben den Musikern stets neue Wege für eine Veränderung und
Weiterentwicklung ihrer Musik offen. Diese Tatsache kann als regelrechter
„Jungbrunnen“ für die Schwarze Musik angesehen werden. Mit zunehmender
Vervollkommnung elektronischer Klangerzeuger wie dem Synthesizer oder
dem Drum- Computer, entwickelten sich die Stile EBM und Industrial im
Zusammenspiel mit den anderen Schwarzen Musikstilen.
Heavy- Metal und Gothic beeinflussten sich gegenseitig, so dass sich stets neue
Klangvarianten ergaben. Es muss hier also stets von gegenseitiger
Beeinflussung die Rede sein, da es schwierig scheint, einem Genre eine
eindeutige Vorreiterrolle zuzuschreiben. Beim Einfluss klassischer, sakraler
Musik auf die Gothik- Musik ist dies jedoch unstrittig.

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:49 pm

4.3.1 Der Tanz
Der Tanz der Schwarzen passt sich der entsprechenden Schwarzen Musik-
Stilrichtung an. So finden sich dort ganz verschiedenartige Tanzstile.
Zu „weicheren“ elektronischen Klängen wird recht introvertiert und affektiert
getanzt, scheinbar isoliert von der Umwelt. Die Blicke sind in der Regel zu
Boden gerichtet und Kommunikation findet gelegentlich über Augenkontakt,
oder in den Tanzpausen statt.
„Es ist ein langer, rechteckiger Raum. Die Wände sind mit Mauerwerk verziert. Zwei
Stahlkäfige säumen die Tanzfläche, die sich im Licht der PAR-Spots spiegelt. Nebel
durchbricht das Licht und umspielt die dunklen Gestalten, die sich im Rhythmus der
Musik bewegen. Nicht irgendwie, sondern in eigentümlicher Art und Weise. Die
Tänzer stehen sich gegenüber, die eine Hälfte des Raumes schaut nach rechts, die andere
nach links. Stampfende, beinahe aggressive Bewegungen. Vor und zurück“33(d. Verf.).
Die Darstellung beschreibt den Tanzstil der Schwarzen zu einem EBM34 Stück.
Zu harten elektronischen Beats, also beim EBM, Industrial oder Darkelektro, wird
33 Diskothek Matrix (Bochum) an einem „Schwarzen Freitag“
34 Electronic- Body- Music, Bezeichnung eines Schwarzen Musikstiles
in der Regel auf diese Art und Weise getanzt. Charakteristisch für diese
Stilrichtung ist das Tanzen in „eine“ Richtung, so dass der Eindruck entsteht,
alle würden in die gleiche Richtung „marschieren“. Beim Darkwave oder
bestimmten klassischen, dem Gothic-Punk ähnlichen Gothic- Stücken kann man
ein stetes Vor-und-Zurücklaufen beobachten. Die Tänzer bewegen sich
aufeinander zu und voneinander weg. Diesen klassischen Gothic- Tanz nennt
man auch „Nord-Süd-Kurs“.
Bei mittelalterlicher Musik verhält man sich entsprechend anders.
Farin (1999) beschreibt diesen Tanzstil auf plastische Art und Weise:
Die Art des Tanzes „… weckt Assoziationen zu mittelalterlichen und
meditativen Tänzen. Fast elegisch und in Träumen schwelgend verlieren sie
sich in der stimmungsgeladenen Düsterheit ihrer Gedanken, die
Schwermütigkeit der Gedanken wird in anmutig vorgetragene Bewegungen
umgesetzt, die Tonfolgen bilden eine harmonische Einheit“(Farin/Weidenkaff
1999 : 40).
Die Besonderheit des Schwarzen Tanzes ist seine Bedeutung.
Die eigentliche Darbietung des „normalen“ Tanzes ist in der Regel Ausdruck
von Glück und Lebensfreude. Dass dies im Falle der Schwarzen nicht der Fall
ist, liegt auf der Hand. Helsper bezeichnet den Tanz der Schwarzen als
„Antitanz“ oder „Trauertanz“ und liegt damit richtig (Helsper 1992 : 251 ff.).
Gothics drücken im Tanz in der Regel ihre melancholische Grundstimmung
aus.
Heinz (42): „Das stimmt mich jetzt sehr nah an die Traurigkeit dran , die ich in mir
verstecken will“.
Mimik und Gestik entsprechen im Tanz der eigenen Gefühlslage. Der Tanz in
der Schwarzen Szene drückt also, wie auch in anderen Musikszenen,
spezifische Gefühle aus, die jedoch in ihrer Ausdrucksform der eigentlichen
Intention des Tanzes widersprechen. Später werden wir darauf zurück
kommen.
4.3.2 Schwarze Musikstile
Schwarze Musik ist ebenso breit gefächert wie stark ausdifferenziert.
Auch wenn einige Autoren ihre Probleme damit zu haben scheinen, bestimmte
Stilvariationen in die Kategorie „Gothic“ einzuordnen, haben wir hier meiner
Meinung nach, eine recht einvernehmliche Lösung finden können.
Diese Einteilung, wie sie an dieser Stelle gebraucht wird, ist szeneintern
weitestgehend konsensfähig. Es ist keineswegs zu bestreiten, dass „Industrial“
oder „EBM“, der Schwarzen Musik zuzuordnen sind, auch wenn dies
gelegentlich in Frage gestellt wird35. Hier ist gleichfalls zu vermuten, dass
verschiedene (emotionale) Zusammenhänge bisher keiner hinreichenden
Betrachtungsweise unterzogen wurden. Die Rezipienten aller hier aufgeführten
und kategorisierten Stilrichtungen vereint weit mehr als nur eine bestimmte
Musik. Auch handelt es sich hierbei nicht um ein lediglich „zufälliges“
Zusammentreffen zweier Gruppen in einem Musikclub.
Weitere Gemeinsamkeiten werden noch im sechsten Kapitel explizit dargelegt.

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:49 pm

4.3.2.1 Darstellung und Erläuterungen
Wie in anderen Musikgenres auch, bereitet die Stilbildung und die folgliche
Zuweisung bestimmter Musikgruppen zu einem Subgenre größere
Schwierigkeiten. Bereits die Musiker selbst sehen sich dieser Problematik
gegenüber und reklamieren häufig für sich einen ganz eigenen Stil und tun sich
schwer damit ihre Musik in vorgefertigte Kategorien zu zwängen.
Jedoch ist gerade dies notwendig, um dem nichtinformierten Publikum, dem
szenefremden Publikum und eben auch allen jenen, die sich in ernsthafter Art
und Weise für dieses Genre interessieren, eine Orientierungs- und
Klassifikationshilfe zu geben.
Nun kursieren in der Szene eine ganze Reihe von Begriffen und Namen für die
unterschiedlichen Gothic- Stilrichtungen.
Die Verwirrung wäre indes groß, wenn man an dieser Stelle alle
„herumgeisternden“ Namen aufzählen würden. Unter jeder Überkategorie, wie
z.B. „Elektro“, finden sich zahlreiche Ausdifferenzierungen, sowohl namentlich
als auch inhaltlich. In der grafischen Darstellung verwende ich übliche Begriffe,
die dazu dienen, eine sinnvolle Klassifikation vorzunehmen.
35 hier bei Meisel 2005 : 53
Dazu sei erwähnt, dass es in diesem Fall keine allgemein gültige „Wahrheit“
gibt und auch nicht geben kann, denn zu unterschiedlich sind dabei persönliche
Empfindungen. In Interpretation und Schlussfolgerung haben wir somit einen
gewissen Spielraum. Betrachten wir die Grafik somit als Orientierungshilfe.
Zunächst fasse ich „Schwarze Musik“ unter dem Begriff „Gothic- Musik“,
„Gothic- Music“ oder kurz: „Gothic“ zusammen.
Man sieht also, dass dieser Begriff vielseitig gebraucht werden kann.
„Gothic“ bezeichnet also eine Musikrichtung, eine Person, einen Lebensstil oder
auch ein bestimmtes Lebensgefühl.
Die Schwarze Musik entwickelte sich in ihren Anfängen aus dem Punk- Rock
und taucht dann Ende der 70er Jahre erstmals als Begriff: Gothic- Punk, Batcave
und Gothic- Rock auf. Diese drei Richtungen verschmolzen später zum
Darkwave, bereits eine Zusammenführung verschiedener Stilrichtungen, die
durch die in den 80er Jahren verstärkt aufkommenden elektronischen
Instrumente wie den Synthesizer beeinflusst wurde.
Daraus ergab sich dann in Folge das stetig währende Spannungsfeld zwischen
akustischer und elektronischer Musik, auch innerhalb der Schwarzen Szene36.
Weitere musikalische und stilistische Einflüsse, sei es aus dem Heavy- Metal
oder dem Folk, prägten die weitere Entwicklung der Schwarzen Musik.
So lassen sich am Ende vier Hauptströmungen unterscheiden:
Der Darkwave, der Elektro, Mittelalter, sowie der Gothic- Metal.
Diese vier Oberbegriffe stellen zusammenfassend sämtliche Schwarzen
Musikstile dar und ermöglichen eine sinnvolle Zuweisung verschiedener
Musikgruppen und Musikstücke unter ein Subgenre.
Eine weitere Ausdifferenzierung ist möglich. In einigen Fällen, so wie
beim „Elektro“ ist dies auch sinnvoll, jedoch nicht zwingend notwendig.
36 Eine Entwicklung, die nicht nur in der „Gothic- Music“ zu beobachten ist.

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 2194
Alter: 34
Ort: NRW
Lebensmotto: Gehe deinen Weg ... denn es ist deiner!
Anmeldedatum: 06.03.08

BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 12:50 pm

4.4 Stilrichtungen
Betrachtet man die einzelnen Subgenres, stellen sich konkret die folgenden
Fragen:
Was macht sie aus? Was unterscheidet sie? Was sind typische Musikgruppen?
Beginnen wir zunächst bei den Ursprüngen.
4.4.1 Gothic- Punk / Batcave
Gothic- Punk oder Batcave bezeichnet die Anfänge des Gothic. Das Batcave37 war
ein Londoner Musikclub, der in den frühen 1980er Jahren eröffnet wurde und
als Geburtsort des Gothic gilt. Dort kamen erstmals genretypische Bands und
Musiker wie Alien Sex Fiend, Robert Smith, Nick Cave und Siouxsie Soux, Vince
Clarke (Depeche Mode) zusammen, um dort ein gemeinsames Konzert zu
veranstalten. Auch heute gibt es immer noch sog. „Batcave- Parties“ die der alten
Zeit huldigen. Am Gothic- Punk wird die Orientierung der frühen Schwarzen
Szene an der Punk- Szene deutlich.
Ursprünglich richteten sich die Punks gegen das politische Establishment, die
vorherrschenden autoritären Strukturen und haben sich ihren expressiven
Lebensstil bis heute weitgehend bewahrt, wenngleich auch nicht mehr so
offenkundig wie in den Anfangsjahren. Diese offene Ablehnung der
bestehenden Gesellschaft wurde auch musikalisch umgesetzt.
Die Punk- Szene gilt als Ursprungsort der „Schwarzen Szene“. Klarer wird dies,
wenn man sich den „Scheidepunkt“ der beiden Szenen ansieht.
Die Trennung beider Gruppen vollzog sich infolge der Art und Weise des
Umgangs mit der gesellschaftlichen „Misere“. Während die Punks ihren Protest
lautstark nach außen trugen und mit schriller oder zerrissener Kleidung zur
Schaustellung gesellschaftlichen Verfalls und mit allgemeiner Verweigerung
gesellschaftlicher Teilhabe auffielen, gingen die Gothics einen anderen Weg.
Die Schwarzen trugen ihre Ablehnung nicht nach außen, sondern kehrten diese
gleichfalls nach innen und zogen sich weitestgehend aus der Öffentlichkeit
zurück, um auf ihre Weise mit der Misere umzugehen. Man spricht hierbei vom
„resignativen Teil“ der Punks.
Trotz der Trennung beider Szenen Ende der 1970er Jahre sind bei
Clubveranstaltungen häufig beide Gruppen anzutreffen, wenngleich auch die
Punks in Schwarzen Clubs deutlich in der Minderheit sind und mit
zunehmender „Elektronisierung“ des Gothic von der gemeinsamen Bildfläche
verschwinden. Es existieren auch Mischformen, erkenntlich oft an der
Kleidung, bei der im Einzelfall noch immer Details und Stilelemente des Punk
zu finden sind.
37 engl. Fledermaushöhle
Die Differenzierung zwischen Punks und Gothics kann hier klar an ihrem
extrovertierten oder introvertierten Auftreten in der Öffentlichkeit
vorgenommen werden.
Musikalisch gesehen ist der Gothic- Punk oder Batcave einfacher aufgebaut als
beispielsweise Gothic- Rock. Die Stücke haben i.d.R. weniger Akkorde als beim
Gothic- Rock, sind kürzer und ausschließlich schnell. Auf Perfektion in
Ausführung und Klang wird beim Punk keinen Wert gelegt, oft sogar abgelehnt.
Die Punk- Musik richtet sich gegen jegliche etablierte, vorgegebene
Handlungsweise somit auch gegen die Perfektion im musikalischen Spiel.
Ansätze dieser Spielart sind zum Teil noch im Batcave zu finden.
Die Instrumentierung entspricht im Wesentlichen der des Gothic- Rock.
Elektrische Gitarren, Schlagzeug, Bass und Gesang gehören zum Standard.
Zum Gesang sei angemerkt, dass dieser vorwiegend schnell, analog der
Rhythmik gesungen oder auch geschrien wird. Die Texte beschäftigen sich
inhaltlich mit dem eigenen Leben, allgemeinen Anklagen oder
Beschimpfungen, richten sich gegen die Staatsgewalt und gegen jede Form der
Anpassung und Unterdrückung. Bekannte Bands dieser Stilrichtung sind: Alien
Sex Fiend, Bauhaus und Birthday Party.

_________________
Copyright by T.A.McKinley


Cogito, ergo sum/ Ego sum, qui sum/ Fas est et ab hoste doceri
Nach oben Nach unten
Nutzerprofil anzeigen http://tonisschreiblonge.de.tl/Home.htm
 

Diplomarbeit von Philipp Reitzig

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben 
Seite 1 von 3Gehe zu Seite : 1, 2, 3  Weiter

 Ähnliche Themen

-
» der kleine Philipp ist eben geboren
» Philipp Lahm
» Philipp Pullman - Der Goldene Kompass, Das Magische Messer und das Bernstein Teleskop
» Die deutsche Stimme vom Lovedoctor ;)
» Was lest ihr gerade??

Forenbefugnisse:Sie können in diesem Forum nicht antworten
Poesieundmehr.de :: Sonstiges :: Sonstiges :: Philosophische Ecke-