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| | Diplomarbeit von Philipp Reitzig | |
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Toni Herrscher

Anzahl der Beiträge: 1874 Alter: 32 Ort: Lünen Lebensmotto: Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. Sterne: 1736 Anmeldedatum: 06.03.08
 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:00 pm | |
| Kanthorga (25), auf die Frage, ob sie an ein Leben nach dem Tod glaubt: „Der Gedanke, dass es danach nochmal von vorne losgehen könnte, macht mir Angst. Tod nach dem Tod wäre O.K“(Schwarzes Glück, 10.09.2008). Sufferboy (ohne Altersangabe), auf die gleiche Frage: „Ja, denn ich hoffe, dass da noch was kommt, denn irgendwo muss es ja besser sein als hier, ansonsten wer ich sehr enttäuscht, ich hoffe drauf, dass bald meine Tage gezählt sind und ich endlich in eine bessere Welt eintreten kann …“(Schwarzes Glück, 19.09.2008). Blackvelvet21 (22) kommentiert ein Photo von sich: „Ich habe gelernt. Leid zu ertragen, Schmerzen zu verbergen und mit Tränen in den Augen zulachen. Nur um zu zeigen, dass es mir gut geht und um andere glücklich zu machen“(Schwarzes Glück, 21.09.2008). Wir können also auch bei unseren Quervergleichen eindeutige Schnittpunkte zu vorliegender Studie erkennen. Dies ist wohl auch der Grund, warum Helsper zahlreiche Gemeinsamkeiten feststellt. Er spricht von einem „schwarzen Lebensgefühl, einer Traurigkeit und Melancholie vor dem Hintergrund ihrer 60 Primärdaten: Daten-DVD Familienbiografien, verstärkt oder aktualisiert durch adoleszente Krisen, schulische Probleme, den Verlust nahestehender Menschen oder das Ende erster Liebesbeziehungen“(Helsper 1992 : 238). Die Tragweite dieses Satzes wird erst am Ende dieser Arbeit deutlich werden. Zunächst ruht unsere Konzentration auf individualpsychologischen Erklärungsversuchen. 6.2.1.3 Musiktexte Eine weitere Quelle, aus der wir Informationen schöpfen können, ist nicht zuletzt die Schwarze Musik selbst. Ihre Ausdrucksstärke lässt sich nicht nur an Melodik und Tonart festmachen. In Kapitel 4 wurde bereits über die vielfältigen Stilmerkmale berichtet. Darauf aufbauend lohnt es sich nun, einen Blick auf einige Musiktexte zu werfen, die ebenfalls szenespezifische Inhalte transportieren. Die 4 Hauptstilrichtungen Dark- Wave, Gothic- Metal, Elektro und Mittelalter behandeln viele verschiedene Themen, die sich häufig wiederholen. Gerade im Dark- Wave finden sich Themen und Musiktexte, die Rückschlüsse auf den affektiven Zustand ihrer Verfasser zulassen. Aufgrund einer auffallenden Häufung lassen sich diese Erkenntnisse tendenziell auch auf die Szenegesamtheit übertragen. Die Frage ist, warum sich Menschen fast ausschließlich mit Verlust, Krankheit und Tod beschäftigen. Aus Spaß sicherlich nicht! Ein Beispiel: Das Meer - Diorama61 Laß Dich fallen in bodenlose Tiefen Ruhe und Wehmut umgeben Dich leise Sieh Dich fliegen doch Deine Flügel Sind müd und schwer überm Meer Das Meer verlassen über dem Ursprung des Seins Tauch in das Meer Lass Dich schweben Es ist Jahre her 61 Diorama: deutsche Elektro- Band Diese beiden Strophen verdeutlichen eine in der Schwarzen Szene gebräuchliche Symbolik. Das „Meer“ wird hier analog zum „Leben“ verwandt. Das Meer ist wie das Leben, unberechenbar und aufwühlend. Diorama beschreibt hier den Zustand einer Depression. Das „Fallenlassen“ und „Fliegen“ symbolisieren den Verlauf der Krankheit. Depressive Episoden sind gekennzeichnet durch ein ständiges „auf“ und „ab“. „...Deine Flügel sind müd und schwer..“ Diese Passage zeigt die empfundene Hilflosigkeit und die Unfähigkeit an diesem Zustand etwas zu ändern. „Tauch in das Meer“, „Lass dich schweben“ drücken Resignation aus. „Es ist Jahre her“ lässt sehnsüchtig die Zeit erahnen, in der alles noch „gut“ war. Ein weiteres Beispiel für diese Analogie: Brandung - Staub62 1. Ein Schiff sinkt im Sturm 3. Ein Grab oder ein Anfang Hat es seinen Kampf verloren Vielleicht sollte es so sein Es kehrt nie zurück Es war eintrauriges Schiff 2. Und ganz tief auf dem Grund 4. Niemand erlebt seinen Kampf Ist ihm ein Hafen geboren Keiner steht ihm bei Gibt es vielleicht neues Glück Der Sog reißt es mit Diesmal handelt es sich um einen „Sturm“, der ein einschneidendes Ereignis symbolisiert, was so stark ist, dass das „Schiff“( Seele/Persönlichkeit) „sinkt“. Und dies anscheinend endgültig. Gleichzeitig verbindet sich mit dem „Tod“ des Schiffes eine neue Hoffnung (auf ein Leben nach dem Tod). Die dritte Strophe drückt die Annahme des Schicksals aus. „Vielleicht sollte es so sein“. Die Passage „Es war ein trauriges Schiff“, bestätigt die Interpretation. Die 4. Strophe beschreibt die soziale Isolierung, die typisch ist für eine depressive Erkrankung. „Niemand erlebt seinen Kampf, Keiner steht ihm bei“. 62 Staub: deutsche Dark- Wave- Band _________________ Copyright by A. McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:00 pm | |
| Ausgebrannt - Staubkind63 Kein Wort trifft auf meine Welt Keine Hand, die meine hält (ausgebrannt) Keine Augen, die in meine sehn Nur die Bilder, die nie vergehn (ausgebrannt) Und niemand hört mich schrein (2 x) Jedes vertraute Gefühl ist mir fremd So unnahbar fern, Was mich noch halten kann Schweigend such ich meine Schuld in mir, Die mich endlich weinen lässt Auch bei Staubkind lässt sich nachvollziehen, wovon hier die Rede ist. Der Autor spricht von einem Zustand, der auch depressiven Persönlichkeiten zu eigen ist. Teilnahmslosigkeit („Kein Wort trifft meine Welt“), Isolation („Keine Hand die mich hält“, „Keine Augen die mich sehn“), Hilflosigkeit („Und niemand hört mich schrein“, „So unnahbar fern“, „Was mich noch halten kann“) und Schuldgefühle („Schweigend such ich meine Schuld in mir“). Die Auflistung entsprechender Texte, die ein und dasselbe Phänomen beschreiben, könnte beinahe beliebig fortgesetzt werden. Dies würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit um ein Vielfaches sprengen. Es bestünde die Möglichkeit, eine ganze Enzyklopädie mit entsprechenden Textinterpretationen abzufassen. Es ist mir bewusst, dass (sprachliche) Interpretationen immer eine gewisse Problematik mit sich bringen. Jedoch wäre es sträflich, dieses hier völlig auszuklammern. Die oben erfolgte Textanalyse ist nur ein „Bruchteil“ dessen, was mit entsprechender Fleißarbeit zu bewerkstelligen wäre. Eine Analyse der Schwarzen Musik ist unerlässlich, wenn man das Wesen der Gothic- Szene begreifen will. Und dazu zählen auch die Texte. Würden sich Sozialforscher intensiver mit dieser Thematik auseinandersetzen, dann wäre es denkbar, dass sie zu einem gänzlich anderem Resümee gelangen würden. So bleibt es unverständlich, warum Schmidt/Neumann-Braun davon ausgehen, dass es keine individualpsychologisch- biografischen Problemkonstellationen 63 Staubkind: deutsche Dark- Wave- Band gibt, die sich für den Szene- Eintritt verantwortlich zeigen, sondern vielmehr „objektive“ gesellschaftliche Strukturen (Schmidt/Neumann-Braun 2004: 86). Es ist also bei Gelegenheit lohnend, aussagekräftige Textpassagen zur Verdeutlichung heranzuziehen. Ich halte dies für eine qualitative Analyse für unabdingbar. Kommen wir nun zu weiteren Quellen, die über das „Schwarze“ Wesen Auskunft geben. 6.2.1.4 Schwarzes Glück Die Internet- Präsenz „Schwarzes Glück“ taucht immer wieder in dieser Studie auf, und das nicht ohne Grund. Zu den Vorzügen, die sich bei dieser Quelle ergeben, haben wir bereits im Kapitel 564 Aufschluss geben können. Schwarzes Glück eignet sich, als eine der größten deutschen Gothic- Kontaktplattformen, indes nicht nur für eine sozialstatistische Erhebung, sondern vielmehr in gleicher Weise für eine qualitative Untersuchung. Aufgrund der Vielzahl an registrierten „Usern“, aber vor allem wegen der umfangreichen Nutzer- Profile, die ihresgleichen suchen. So haben die Mitglieder auf ganzen 7 Seiten die Möglichkeit, Angaben zu ihrer Person, ihren Werten, Einstellungen, Vorlieben usw. zu machen, was auch rege in Anspruch genommen wird. Daher werden wir diese Quelle auch in qualitativer Hinsicht berücksichtigen und an geeigneter Stelle zitieren. 6.2.1.5 Gothic- Foren Die Gothic-Szene zu analysieren ohne ihre überregionale Präsenz im Internet zu beachten, wäre ein schweres Versäumnis. Trotz der häufig zweifelhaften Quellen, spiegelt das Internet, auch thematisch betrachtet, im Großen und Ganzen das wider, was auch in der Realität anzutreffen ist. Das Internet spielt in der Kommunikation der Schwarzen eine entscheidende Rolle. Der Nutzen liegt indes nicht nur darin, die neusten Schwarzen Modetrends zu erfahren oder nach Konzertterminen Ausschau zu halten, vielmehr findet ein ganz 64 siehe Abschnitt 5.7 erheblicher Teil der Kommunikation über diese Plattform statt. Die Anonymität des Internets bietet einer introvertierten Subkultur die Möglichkeit ohne Angst und Zurückhaltung zu kommunizieren. Dies gilt für die Suche nach einem neuen Partner ebenso wie für den Austausch von Alltagsproblemen, die häufig existenzieller Natur sind. Schwarze tauschen sich so auch über Themen aus, die öffentlich tabuisiert werden. Dazu zählen auch Diskussionen über eigene psychische Erkrankungen und Wege, die in die Szene geführt haben. Meisel (2005), die ihrerseits ein kleineres Gothic- Forum (traenenfluss.de) untersuchte, sagt dazu: „Bemerkenswert ist hier zumindest, daß starkes Interesse am Austausch über psychische Probleme und auch über Gefühle wie bei der Anzahl der veröffentlichten Gedichte deutlich wird, besteht“(Meisel 2005 : 82). Die Diskussion dieser Themen erfolgt also in entsprechenden Gothic- Foren. Aus diesem Grund stellen Gothic- Foren, wie Nachtwelten, eine nutzbare Quelle für eine qualitative Analyse dar. Allein die Kontaktplattform German Gothic Board, die über die Präsenz nachtwelten.de zu erreichen ist, hat gegenwärtig 21.273 schreibberechtigte Mitglieder (Stand 09/2008). Neben diesem sehr großen Forum gibt es noch unzählige kleinere Foren, die der überregionalen Kommunikation dienen. Einige Beispiele: www.forum.schwarzes-bw.de (3906)65 www.gothic-mania.de (3500) www.dunkles-leben.de (2223) www.angelicgothic.de (1962) www.gothic-forum.net (1289) Hinzu kommen noch die größeren Kontaktplattformen wie schwarzes-glueck.de (34.995) und black-flirt.de (15.248), deren Schwerpunkt allerdings auf der Partnersuche liegt, die jedoch auch über ein angeschlossenes Forum verfügen, welches der Diskussion wichtiger Themen dient. Hier einige Beispiele, die im Zusammenhang mit dieser Studie von Interesse sind: Thema: Sind Gothics öfter psychisch krank? Rabe (26, männlich): 65 Mitgliederzahl in Klammern (Stand 09/2008) _________________ Copyright by A. McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:01 pm | |
| „Es sind nicht die Gothics, die psychisch krank sind, sondern die psychisch Kranken, die zu Gothics werden. Häufig. Sehr Häufig“. „Gemessen an der Tatsache, dass Gothic eine Subkultur ist, ist der prozentuale Anteil psychisch Kranker um einiges höher als in sonstigen "Gemeinschaften“(http:// www.dunkles-leben.de/forum/viewtopic.php?t=3712, 12/2007 ). SchwarzerSchmetterling (29, weiblich): „Ich stimme dem auch zu, dass die psychisch Kranken eher zu Gothics werden. Ich bin auch erst in die Szene reingerutscht, als ich eine starke Depression entwickelt habe. Auch wenns mir nun besser geht, bleib ich trotzdem dabei“(http://www.dunkles-leben.de/ forum/viewtopic.php?t=3712, 12/2007 ). Atter (34, männlich): „Die Musik tut ihr üriges, seit ich *Schwarrz* höre kann ich mich viel besser mit der Krankheit aueinander setzen und sie gibt mir sehr viel Kraft , was ein ausenstehender anhand der Texte meist für ein unding hält“(http://www.dunkles-leben.de/forum/ viewtopic.php?t=3712). Tränenkatze (17, weiblich): „bei mir kamen die krankheiten zuerst, dann das gothsein, und letzeres eigentlich eher durch den verlust mir wichtiger dinge. und ich muss gestehen, ich hab mich so wohl gefühlt dass ichs nicht wieder hergeben mag. mein leben, meine krankheit, meine einstellung …“(www.dunkles-leben.de/forum/viewtopic.php?t=3712, 12/2007 ). FallenAngel (17, weiblich): „Also ich habe Depressionen aber glücklicherweise nur Schubweise. WEnn ich gerade mal wieder ne depressive Phase habe kann das aber dafür schon ziemlich heftig sein.Aber als psychisch krank würde ich mich trotzdem nie bezeichnen. Ich finde das hört sich so an als wenn ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hätte …“(http:// www.dunkles-leben.de/forum/viewtopic.php?t=3712, 03/2008) Dieser Dialog aus dem Forum Dunkles Leben ist nur ein „kleiner“ Ausschnitt aus einer schier unzähligen Reihe von Diskussionen zu diesem Thema. Was hier, neben dem bereits Festgestellten auffällt, ist ein Phänomen, dass in der Szene weit verbreitet ist. Die depressiven Symptome oder manifesten Depressionen werden zwar beschrieben und festgestellt, aber man bezeichnet sich trotzdem nicht als „psychisch krank“. Dies macht deutlich, dass die Akzeptanz depressiver Erkrankungen als eine „alltägliche“ Erscheinung noch nicht ausreichend fortgeschritten ist. Gleichfalls untermauert dies meine Hypothese. Bevor wir im Abschnitt 6.2.6 erneut auf mögliche Ursachen, sowohl der Depression, als auch der Neurose zurückkommen, wenden wir uns nun den nächsten beiden Hypothesen zu. 6.2.2 Hypothese 2 - Schwarze Musik als Transportmedium negativ empfundener Emotionen und Gefühle Welche Funktion hat die Schwarze Musik? Weidenkaff schreibt dazu: „Musik ist das Bindeglied fast aller Jugendkulturen. Sie ist ein Transmitter von Emotionen und Interessen. Musik ist der Katalysator unserer Tagträume …“(Farin/Weidenkaff 1999 : 39). Nun, wenn dies so ist, wollen wir sehen, wie unsere Interviewpartner mit ihren Emotionen und Gefühlen umgehen. Auch wenn es einigen von ihnen sichtlich schwer fiel, zu formulieren, was sie beim Hören ihrer Musik empfinden, gelang es dennoch, einige bemerkenswerte Eindrücke zu sammeln. Für Katja (22) ist die Musik ein „…Verbindungselement zwischen der realen Welt und der Welt in mir … in dem was ich fühle und nicht sichtbar machen kann, durch Sprache … da hab ich dann das Gefühl, dass ich mich dann da auch zu Hause fühlen kann … ein bisschen von mir, auf ne verschlüsselte Art und Weise in die Welt transportiert wird“. Wenn sie traurig ist, hört Katja am liebsten die „Untoten“, eine Formation, die durch sehr schwermütige Texte auffällt. „… manchmal weine ich dann einfach … ich fühl mich verstanden … also ich bin dann alleine, aber es ist gut, dass ich alleine bin, und dann kann ich das Alleinsein auch begreifen und anerkennen, und auch so sehen, dass das immer so sein wird, das man einen Teil auch hat, der keinem gehört, der immer einsam ist“. Hans (32) zur Wirkung Schwarzer Musik: „Wenn ich traurig bin , dann höre ich eher ruhige Sachen wie Diary oder deine Lakaien, Clan of Xymox. Vor dem Weggehen dann auch eher Industrial und EBM: VNV, Covenant, S.I.T.D, Suicide Comando u.s.w. Die Richtung hängt wie gesagt von der Stimmung ab“. Dann geht er mehr ins Detail: „Ja, also wenn es mir schlecht geht , dann mache ich ein Stück an, meist ein ganz besonders trauriges und zunächst fange ich meist an zu weinen oder die Augen werden feucht. Mir geht es ziemlich schlecht. Nach einer Weile schöpfe ich aber irgendwie wieder Kraft“. An dieser Passage wird bereits der „Therapieeffekt“ angeschnitten, auf den wir im Folgenden noch kommen werden. Anna (29) empfindet ähnlich. Wenn sie sich schlecht fühlt, hört sie am liebsten besonders traurige Stücke: „ … ist blöd, aber so was, was richtig schön weh tut … es kann befreiend sein … gut, oder es kann aber auch nach hinten losgehen und dass ich erst recht zu grübeln anfange …“. Nicole (31) zu ihren musikalischen Vorlieben: „… ich höre langsame Sachen sehr gerne wenn ich Ruhe haben will, oder wenn ich traurig bin. Wave oder der gleichen höre ich, wenn ich aufgedreht bin oder gerade am trainieren bin, siehe Boxen“. Sarah (36) hört bei schlechter Laune am liebsten Depeche Mode, kaum Industrial, weil der „macht aggressiv“ und beim „Autofahren Nightwish66“. Simone (31) hört zum „aufpuschen“ EBM und bei guter Laune Deine Lakaien67. Wir sehen also, dass die Musik zur Übermittlung emotionaler Qualitäten, wie Wut, Trauer, Freude, Angst, sei es bewusst oder unbewusst, eingesetzt wird, zur „Abfuhr“ seelischer Affekte. Musik erfüllt also die Funktion eines „non- verbalen Mediums“(Bruhn 1985 : 264), wie es auch bereits Farin und Weidenkaff (1999) zum Ausdruck brachten. Nun fällt uns hier auf, dass, wie im Kapitel 4 beschrieben, Musik auf eine ganz eigene Art und Weise interpretiert wird. Simone hört bei guter Laune „Deine Lakaien“. Nun zeichnet sich diese Formation nun durch ausgesprochene Schwermütigkeit aus. Simone (31) empfindet sie hingegen als „aufmunternd“ und „kraftvoll“. „Ich fühl die nicht als traurig … einfach nur schön“. 66 Nightwish: finnische Gothic- Metal- Band 67 Deine Lakaien: deutsche Dark- Wave- Band Dies ist ein typisches Beispiel für das von Bruhn (1985) beschriebene Kontrastprinzip. Es hängt also von der jeweiligen Situation ab, wie ein Musikstück empfunden wird und mit welchen assoziativen Verknüpfungen dieses Lied verbunden ist (Bruhn 1985 : 79). Dazu ein Beispiel: Heinz (42): „Clan of Xymox68 kann ich eigentlich gar nicht mehr hören, weil mich das an Katja erinnert“. Heinz trauert bereits seit Jahren seiner gescheiterten Ehe nach, aus der auch eine Tochter, an der er sehr hängt, hervorging. Clan of Xymox hörte das Paar häufig, als die Ehe noch Bestand hatte. „Es gibt Musikstücke die ich überhaupt nicht mehr höre“. Heinz hört am liebsten nur „… Sachen die nicht so runterziehen … lieber tanzbare Sachen, die nicht so traurig sind und melancholisch machen“. Heinz handelt hier also im Sinne einer Vermeidung. Vermeidungen sind gleichzeitig Symptome neurotischer Konflikte, wonach „häufig bestimmte Situationen, Aktivitäten, Interessengebiete oder Gefühle“ gemieden werden (Fenichel 2005 : 240 Bd. Ⅰ). Zu den Vermeidungen werden wir noch an anderer Stelle kommen. Heinz ist sich also seiner assoziativen Verknüpfungen bewusst und verlegt seine Hörgewohnheiten, so weit dies möglich scheint, auf die schnelleren, tanzbaren EBM- Stücke. „Dieses ruhige Zeugs kann ich nur hören wenn ich ne neue Partnerschaft hätte“. Hier kommt zugleich seine Beziehungssehnsucht zum Ausdruck, was sich prinzipiell in allen Biografien erkennen lässt. Peter (33) bevorzugt zu Hause die ruhigen Musikstücke und in der Disko die schnelleren, was nicht weiter verwundert. Geht es ihm schlecht, dann hört er gern Mittelalter oder „explizit melancholische Sachen, auch wenns masochistisch ist, dass man sich damit weiter runterziehen könnte … da steh ich drauf. Ich höre die Musik, die das widerspiegelt, wie ich mich gerade fühle. Es bringt nichts, wenn ich mich schlecht fühle und ich dann Happy- Musik höre … das zieht mich dann noch weiter runter“. Wir sehen hier, dass EBM- Stücke eher „fröhlicher“ empfunden werden, als die ruhigeren Dark- Wave- Stücke. Dies liegt zum einen an den auf gute Tanzbarkeit ausgelegten Elektro- Rhythmen und zum anderen an den 68 Clan of Xymox: niederländische Dark- Wave- Band minimalistischen Texten, die wenig Anstoß zum Nachdenken liefern. Texte spielen in der Schwarzen Musik eine große Rolle. _________________ Copyright by A. McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:01 pm | |
| Während also die ruhigen Stücke (Dark- Wave) in der Mehrheit „runterziehen“, wirken die schnelleren Elektro- Stücke tendenziell aufmunternd. Der „düstere“ Aspekt des Elektro verblasst in der Atmosphäre der Diskothek zu einer, häufig als „fröhlicher“ empfundenen Stimmung. Dieses Phänomen ist bereits im 4. Kapitel erläutert worden. Dem Elektro kommt also die Funktion der „Fröhlichkeit“ innerhalb der „Traurigkeit“ zu und wird somit aufgrund dessen häufig inkongruent empfunden. Womit wir nun auf den Tanz zu sprechen kommen. Dass der Tanz der Schwarzen einige Besonderheiten69 aufweist, stellten wir bereits fest. Der sog. „Antitanz“ bezeichnet vorrangig den Tanz zu einem Dark- Wave- Stück. „Die Schwermütigkeit ihrer Gedanken wird in anmutig vorgetragene Bewegungen umgesetzt …“(Farin/Weidenkaff 1999 : 40). Es wird deutlich, dass Dark- Wave mit Schwermütigkeit und in logischer Folge mit Melancholie in Verbindung gebracht werden kann, was auch durch die introvertierte und affektierte Art des Tanzes zum Ausdruck kommt. Der Tanzstil beim Elektro ist hingegen „offensiver“. Es erfolgt häufiger Blickkontakt zueinander und es bleibt weniger Raum für „trübsinnige“ Gedanken. Der Tanz kann für die Schwarzen andere Funktionen haben, als besagten trübsinnigen Gedanken nachzuhängen. Zunächst ist die Vorbereitung auf einen Club- Abend ein Ritual, eine Angelegenheit, die viel Zeit in Anspruch nimmt und mit freudigen Erwartungen einhergeht. Für Heinz (42) sind die Abende in den Diskotheken die „Höhepunkte“ der Woche. Er lebt nach eigenen Worten „nur fürs Wochenende“. Er tanzt, um damit seine, wie er sagt, „Glücksgefühle“ auszudrücken, sich beim Tanzen „zu präsentieren“ und um „Traurigkeit und Aggression“ auszudrücken. „Ich versuche mich ein bisschen auszupowern … Tanzen ist für mich ein Hobby … das hat für mich absolute Priorität“. Im Übrigen besteht diese „Priorität“ darin, auf diesem Wege eine neue Partnerin kennenzulernen. Die Versagung eines entsprechenden Erfolgserlebnisses beschert ihm stattdessen „Frust“. „Im Prinzip hab ich jeden Laden satt“. 69 siehe Abschnitt 4.3.1 Diese Anmerkungen verdeutlichen auch hier das gesteigerte Bedürfnis nach einer neuen Beziehung70. Es zeigt sich, dass Diskothek- Besuche prinzipiell ein freudiges Ereignis darstellen, auch wenn es dabei durchaus zu Frustrationen kommen kann. Dies gilt vor allem für eine gescheiterte Partnersuche. Einer der Hauptgründe für das „Weggehen“ ist die Suche nach einer neuen (sexuellen)Beziehung zu Gleichgesinnten. Bei Gelegenheit werden wir darauf zurückkommen. Ich denke, die ambivalenten Gefühle, die bei der individuellen Interpretation der Musik zur Sprache kamen, sind ausreichend deutlich geworden. 6.2.3 Hypothese 3 - Zur Frage der therapeutischen Wirkung Schwarzer Musik Ist Schwarze Musik „Eigentherapie“? Diese Frage stellt sich nicht nur beim Studium unserer 8 Biografien. Was der Zweck dieser vermuteten Eigentherapie sein könnte, dürfte deutlich geworden sein. Aber sehen wir zunächst, was wir aus den Interviews entnehmen können. Neben einigen anderen Fragen, die ebenfalls musikalische Themen umfassten, stand dort Folgende im Raum: „Gibt es Dinge, die dir über schmerzliche Situationen .. hinweghelfen“? In den Antworten finden sich folgende Aussagen: Nicole (31): „...ja da helfen ein paar Dinge, Musik zum Beispiel, oder Gespräche mit meinem Mann … manchmal reicht auch das Streicheln unserer Katzen“. Katja (22) zu ihrer Lieblingsband (Untoten71):: „.. ganz toll einfach, gruselig, beängstigend, aber auch ganz ruhig und so sehnsüchtig, und auch tröstend …“. Trotz der „objektiv“ negativen Stimmung, die hier zum Ausdruck kommt, spendet diese Musik dennoch Trost und weckt die Sehnsucht nach einem besseren Leben. Katja spricht von einem „wegtragen“, und „nach Hause bringen“. Die Musik trägt sie also an einen „besseren“ Ort. Die stets wiederkehrende Traurigkeit und Sehnsucht, gepaart mit einer starken Wehmut kennzeichnet fast alle Gothic- Musikstücke. Die dabei empfundene Wehmut entspringt einer Trauerreaktion, die auf fehlende familiäre und emotionale Bindungen zurückzuführen ist. 70 zu diesem Symptom erfolgten vorangehend bereits Erläuterungen 71 Untoten: deutsche Dark- Wave- Band Hans (32): „Ich kann gut und gerne sagen, dass ich überhaupt kein Verhältnis zu meiner Mutter habe. Wenn ich an sie denke, dann ist da Hass und gleichzeitig Wehmut“. Es handelt sich um eine Wiederholung der primären Trauerreaktion, einen Rückzug in eine narzisstische Objektwelt. Im letzten Falle kommt es zu der von Freud beschriebenen Identifikation mit sich selbst. Es kommt im schlimmsten Fall zu einer Regression, einem Zustand, in dem es noch keine Objektbeziehungen gab. Wie kompensiert also traurige Musik einen emotionalen Trauerzustand? Betrachten wir erneut die affektiven Empfindungen während des Musikhörens. Auch andere Schwarze berichten von einer befreienden Wirkung dieser Musik. Im Vorfeld wird zunächst aufgrund der melancholischen Stimmung von einem „Runterziehen“ gesprochen. Anna (29): „Ist blöd, aber so was, was richtig schön weh tut …“. Simone (31) hört nach der schmerzlichen Trennung von ihrem Partner ebenfalls entsprechend traurige Musik. Sie beschreibt ihr Empfinden so: „… ich musste zwar erst fürchterlich heulen, aber letztlich fühlte ich mich innerlich so befriedet …“. Peter (33) hört gleichfalls, wie er es ausdrückt „explizit melancholische Sachen“. „Auch wenns masochistisch ist, dass man sich damit weiter runterziehen könnte, da steh ich drauf …“. Hier kommt auch zum Ausdruck, dass Peter das Hören von „explizit“ melancholischer Musik für masochistisch hält und damit feststellt, dass er sich in gewisser Weise damit quält. Dennoch empfindet er dies als notwendig. Also im Sinne des Wortes bedeutet dies nichts anderes, als die Lust am Schmerz. Auch in den Aufzeichnungen von Hans (32) kommt diese „Strategie“ zum Ausdruck: „… wenn es mir schlecht geht, dann mache ich ein Stück an, meist ein ganz besonders trauriges und zunächst fange ich an zu weinen oder die Augen werden feucht. Mir geht es ziemlich schlecht. Nach einer Weile schöpfe ich aber irgendwie wieder Kraft“. Hier wird der „therapeutische“ Effekt dieser Musik in seiner ganzen Tragweite deutlich. Hans: „Es ist so, als ob man erst ein Tal der Tränen durchschreiten muss, bevor man wieder Licht sieht“. Schwarze nutzen also ihre Musik unbewusst als Kompensationsmittel. Eine sehr interessante Feststellung, wenn man sie in Zusammenhang mit dem äußerst geringen Alkoholkonsum in der Szene in Verbindung bringt. Alkohol spielt in der Szene als Kompensationsmittel eine nur untergeordnete Rolle und unterscheidet sich somit teils erheblich von der „Normalgesellschaft“. Das Gleiche gilt im übrigen für harte Drogen. Wenngleich Drogen und Süchte aller Art auch hier nicht zu verleugnen sind, finden sie innerhalb der Szene wenig Akzeptanz und werden häufig offen abgelehnt. Schwarze sind wahre „Meister“ der Selbst- und Affektkontrolle. Sie schätzen es in der Regel nicht, die Kontrolle über sich zu verlieren. Somit gilt gerade dem Alkohol eine deutliche Distanz oder gar offensive Abneigung. Hans (32): „Ich hasse Volksfeste, Kirmes wo besoffene durch die Gegend rennen und sich wie die Schweine benehmen“. Dies mag einer der Gründe dafür sein, warum die Schwarze Szene als so friedfertig gilt. Sprachen wir bisher zwar von einer eher „unbewussten“ therapeutischen Anwendung von Musik, um hier auf Streich (1981) zu verweisen, kann zwar nicht von Musiktherapie im Sinne dieser Definition ausgegangen werden (Streich 1981 : 432), jedoch findet unbestritten ein therapeutischer Effekt statt. Bruhn verweist hier auf den Zusammenhang mit individuellen Dispositionen (Bruhn 1985 : 476). Wir wissen an dieser Stelle bereits, um welche „Dispositionen“ es sich hierbei offensichtlich handelt. Wilms (1975) bezeichnet Musik als „nonverbalen Therapieansatz“(Wilms 1975 : 3Cool. Somit ist auch das „Musikhören“ eine rezeptive Form der Musiktherapie. Sie bewirkt eine affektive Öffnung des Rezipienten. Gemeinsames Musikhören bedeutet gleichfalls eine Einleitung von „Ersatzbeziehungen“ und sorgt für einen Ausgleich mangelhafter emotionaler Objektbeziehungen. Es lässt sich also feststellen: Schwarze Musik ist tatsächlich Musiktherapie. Auch Helsper kommt in seiner qualitativen Analyse der Szene zu dieser Feststellung (Helsper 1992 : 256). Musik bietet demnach eine „... Artikulationsund Verständigungsmöglichkeit ... Für ihr Lebensgefühl und ihre subjektive Realität, auf die sie sonst ausdruckslos zurückgeworfen wären“(Helsper 1992 : 256). Betrachten wir also die Gothik- Musik als „Medikament“ gegen die kranke Seele, als einen Teil der Lebensbewältigungsstrategie „gothic“. Schwarze Musik ist das Bindeglied einer „ähnlich oder gleich fühlenden, erlebenden und interpretierenden“ Gruppe (Bruhn 1985 : 150). Warum alle Schwarzen ähnlich oder „gleich“ fühlen, wird im Folgenden verdeutlicht. _________________ Copyright by A. 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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:02 pm | |
| 6.2.4 Hypothese 4 - Affinität zu Schwarzer Musik und neurotische Konstitution In den vorangehenden Abschnitten72 haben wir uns bereits ausführlich mit dem Phänomen „Depression und Schwarze Szene “ auseinandergesetzt. Ließ sich dort feststellen, dass in allen untersuchten Biografien eindeutige Anzeichen depressiver Erkrankungen zu erkennen sind, so wollen wir hier noch einen Schritt weiter gehen, auch wenn dies sehr gewagt erscheint. Betrachten wir allerdings sämtliche Zusammenhänge dieser Thematik, sowie die Lebensgeschichten der Interviewpartner, scheint die Feststellung einer pathologisch gefärbten Szene, nicht mehr abwegig zu sein. Vielmehr ist auch die Frage, ob diese „Krankhaftigkeit“ nicht eher der Ausdruck einer zunehmend pathogenen Gesellschaft ist. Die Essenz meiner Hypothese beschreibt ein Szenario, in dem es ausgeschlossen scheint, Schwarze Musik als Ausdruck seines Lebensgefühls zu akzeptieren, wenn keine depressive oder neurotische Konstitution vorherrscht. Mit anderen Worten ausgedrückt: Ohne depressiv-neurotische Konstitution kann es keine Affinität zu Schwarzer Musik geben. Nun mag man sich fragen: wie lässt sich diese Vermutung belegen? Es liegt auf der Hand, dass jene Hypothese nur durch äußerst aufwendige qualitative Untersuchungen verifiziert werden könnte. Dieser Versuch wird hier trotz der erwartbaren Schwierigkeiten unternommen. Der Schwerpunkt dieser Studie liegt auf der qualitativen Untersuchung des Einzelfalls, somit auf der Untersuchung von Vertretern einer sozialen Welt. Die Stichprobengrösse (N=Cool dieser Studie ist zwar relativ gering, und daher isoliert betrachtet nicht ausreichend aussagekräftig, jedoch wird hier der Leser mit einer umfassenden Argumentationslinie konfrontiert werden. Bleiben wir zunächst bei unseren Biografien und resümieren nochmals die „Neigung“ der Schwarzen zu depressiven Erkrankungen. Abgesehen von diesen, wie Freud sie nannte, narzißtischen Neurosen, lassen sich innerhalb der Schwarzen Szene ungewöhnlich viele neurotische Symptome beobachten. Wurden diese bereits in den vorangehenden Abschnitten gelegentlich erwähnt, werden wir uns hier näher mit Ihnen beschäftigen. 72 siehe 6.2.1 f. Neurosen gehören zu den funktionellen Störungen und gelten als regelwidrige Tätigkeiten des Nervensystems (Bally 1968 : 36). Bei einer Neurose ist „der normale und rationale Umgang mit der Außenwelt sowohl wie mit inneren Regungen durch irgend etwas Irrationales ersetzt, das fremdartig erscheint und nicht vom Willen kontrolliert werden kann“(Fenichel 2005 : 33 f. Bd.Ⅰ). Dieses „Irrationale“ kann also jenes sein, was wir an anderen Personen als „merkwürdig“ oder „auffällig“ wahrnehmen und empfinden. Neurotische Erscheinungen beruhen auf einer „Insuffizienz“ des psychischen Kontrollapparates (Fenichel 2005, Bd.Ⅰ, S. 34). Dies kann z.B. aus einer Reizüberflutung resultieren, die wiederum durch eine traumatische Situation ausgelöst werden kann. Diese Reizspannungen können z.B. durch motorische Aktivität abgeführt werden. Im Falle der neurotischen Symptome ist es dem psychischen Kontrollapparat nicht mehr möglich diese Reizspannungen auf normalem Wege abzuführen. Die neurotischen Symptome sind somit als „unwillkürliche Notabfuhr zu verstehen, die die normale ersetzt (Fenichel 2005 : 34 Bd.Ⅰ). Diese „Notabfuhr“ kann bei neurotischen Personen beobachtet werden, muss allerdings nicht zwingend in unmittelbar erkennbarer Verbindung zum Auslöser stehen. Dies gilt insbesondere für den Zwangsneurotiker. Affektive Störungen, zu denen depressive Erkrankungen zählen, sind häufig untrennbar mit dem Begriff der Neurose verbunden. Dieser durch Freud geprägte Begriff wird zwar in den Klassifikationssystemen ICD und DSM nicht mehr verwandt, was ihn aber dennoch nicht ersetzbar macht. Die psychoanalytische Praxis kommt ohne ihn nicht aus. Doch nicht nur aus diesem Grund findet er auch hier Verwendung. Die stark ausdifferenzierte und verständlich beschreibende Neurosenlehre, wie sie von den Begründern der Psychoanalyse geschaffen wurde, findet auch in dieser Studie Verwendung. Kehren wir zu den neurotischen Symptomen zurück. In unseren Biografieanalysen finden sich, abgesehen von besagten depressiven Symptomen, zahlreiche Symptome neurotischer Konflikte. Heinz (42) neigt dazu, verschiedene Gegenstände in seiner Wohnung auf bestimmte Art und Weise anzuordnen. Viele Bewegungsabläufe wirken stark strukturiert. Hier zeichnen sich zwangsneurotische Symptome ab. Dass Zwangsneurotiker an ihren Systemen hängen, bedeutet indes nicht, dass diese aufrechterhalten werden können. Dies gilt gleichfalls für den überhöhten Anspruch, ständig Ordnung halten zu müssen mit einhergehender Unfähigkeit, dieses durchzusetzen. Oft treten diese Ansprüche mit auffälliger Antriebslosigkeit auf. Zwangshandlungen solcher Art haben indes eine Schutzfunktion, die Sicherheit vor „gefährlicher Spontanität“ bieten soll (Fenichel 2005 : 132 Bd. Ⅱ). Die strukturierten Handlungen lassen indes ebenfalls auf eine allgemeine psychische Hemmung schließen, die auf einer quantitativen seelischen Verarmung beruht. Menschen mit psychischen Hemmungszuständen fallen durch ihre Apathie, ihre Gleichgültigkeit und ihren Mangel an Initiative auf (Fenichel 2005 : 264 Bd. Ⅰ). Dies trifft in diesem Falle zu. Neurotische Konflikte sind in der Regel durch auffällige Abwehrmechanismen des Ichs gekennzeichnet, welche versuchen vom Bewusstsein angsterzeugende Impulse fernzuhalten (Paulus 2005 : 50). Solche Abwehrmechanismen sind verstärkt in der Szene zu beobachten. Bei der Analyse der Gothic- Szene ist eine erhebliche Häufung von Verschiebungssymptomen festzustellen. Ein Beispiel: Schwarzes Glück bietet neben der Gelegenheit auf 7 Seiten persönliche Daten zu hinterlegen, ebenfalls die Möglichkeit, pro Seite ein Foto von sich zu präsentieren. Es ist nicht zu übersehen, dass gerade Frauen häufig dazu neigen, Fotos von ihren Haustieren abzubilden, was auf eine besonders emotionale Beziehung zu diesen schließen lässt. Dies gilt insbesondere für Katzen und Hunde. In den Textbeschreibungen finden sich gleichfalls häufige Hinweise darauf, dass diese Tiere in ihrem Leben eine bedeutende Rolle spielen. Es ist offensichtlich, dass diese hier vorgetragene Tierliebe teils weit über das hinaus geht, was im Bereich des „Gesunden“ liegt. Man mag sich die Motivation vorstellen, warum jemand in einem Benutzerprofil, welches in erster Linie dazu dient einen Partner zu finden, 90% der Bildinhalte mit Fotos seiner Haustiere füllt, anstelle der eigenen. Auch wenn dieses Phänomen bisher noch nicht empirisch untersucht worden ist, so ist es dennoch vorhanden. Verdeutlichen wir diese Annahme, indem wir das Verschiebungssymptom näher betrachten: Eine Verschiebung liegt dann vor, wenn Wünsche und Bedürfnisse die sich am Original nicht befriedigen lassen, auf ein Ersatzobjekt verschoben werden (Paulus 2005 : 52). Wenn wir nun unser Wissen um die „primäre narzißtische Wunde“(Reck 2001 : 23) reflektieren, so wird deutlich, warum es für einige Menschen nötig erscheint, ihre Wünsche und Bedürfnisse an anderen als den „natürlichen“ Liebesobjekten zu befriedigen. Diese traurige Schlussfolgerung wird für viele Schwarze zur traurigen Realität. _________________ Copyright by A. McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:03 pm | |
| Sarah (36) antwortet auf die Frage, was sie im Leben wirklich glücklich macht damit, dass sie sehr glücklich ist, dass ihr Hund an der Tür auf sie wartet, wenn sie nach Hause kommt. Als Sarah in unserem Gespräch von ihrer Hündin berichtet, leuchten ihre Augen. Diese Situation ist symptomatisch. Nicole (31): „Tiere sind etwas ganz besonderes in meinem Leben, ohne Tiere könnte ich nicht leben“. Diese Aussagen scheinen vor dem Hintergrund ihrer Familienbiografien nur allzu verständlich. Ein weiterer neurotischer Konflikt, der beständig in der Schwarzen Szene zu beobachten ist, ist die Vermeidung. Wir berichteten bereits im Zusammenhang mit dem Hören von Musik von diesem Konflikt73. Die Vermeidung steht in Verbindung zur Problematik der scheinbaren Dissozialität der Schwarzen Szene74. Hans (32) meidet bestimmte (familiäre) Situationen, die in ihm negative Gefühle auslösen: „Bei Feiern und Festen geht es mir plötzlich schlecht, meine Miene versteinert und ich will am liebsten nur weg. Ich brauche dann eine Weile Ruhe und Niemand kann mir dabei helfen“. Demzufolge meidet Hans entsprechende Situationen, die eine depressive Verstimmung auslösen können. Es folgt ein emotionaler Rückzug, der nicht von außen durchbrochen werden kann. Bei Hans liegt ein Zusammenhang mit seiner Familienkonstellation auf der Hand. „Dieses familiäre Zusammensein kann ich nicht mehr ab. Ich kann auch nichts dagegen tun, auch wenn ich weiss, dass es andere nicht verstehen und denken es liegt an ihnen“. Gelegentlich entwickeln sich aus diesen Vermeidungsstrategien Gefühle, die dem Hass ähnlich sind. Hans: „Kann kein Familientara mehr ab! Ich kann es nicht mehr ertragen! Ich habe alle Kontakte zu meiner Familie abgebrochen. Auch zu meinen Onkels, die eigentlich immer nett waren. Aber ich will einfach nicht mehr“. 73 siehe 6.2.2 74 siehe Hypothese 5 Im Falle von Hans führt diese Vermeidungsstrategie fast zu einem kompletten Kontaktabbruch. Diese Problematik betrifft allerdings nicht nur das komplette familiäre Umfeld, sondern setzt sich in Folge weiterer Enttäuschungen im sozialen Umfeld fort. Kontaktabbrüche zur eigenen Familie sind in der Schwarzen Szene die Regel. Dieser Mangel wird durch Ausweichhandlungen kompensiert. Zu weiteren Symptomen neurotischer Konflikte zählen die Hemmungen. Ein Beispiel: Katja (22) hat große Schwierigkeiten eine konstante Beziehung aufzubauen. „Ich hab eigentlich keine Beziehung“. Die längste Beziehung dauerte 5 Monate. Im Gespräch stellte sich heraus, dass Katja Angst vor körperlicher und emotionaler Nähe hat. „Das Thema Beziehung und Sexualität hat sich völlig von mir abgespalten ... es existiert einfach nicht ... Ich schäme mich dafür …“. Bei diesem Thema gerät das Interview ins Stocken. Hier wird deutlich, dass diese (sexuellen) Hemmungen durch ein traumatisches Erlebnis hervorgerufen sein könnten. Die Hemmung wird nach außen hin als mangelndes sexuelles Interesse oder als Ablehnung sexueller Handlungen erlebt. Dies kann sich gleichfalls in Frigidität oder Impotenz ausdrücken. Hemmungen können die gesamte Sexualität, oder Teilgebiete betreffen, die „assoziativ mit frühkindlichen Erfahrungen verknüpft sind, aus denen Sexualängste entstanden“(Fenichel 2005 : 241 Bd. Ⅰ). Sie treten auf, wenn entsprechende Auslösebedingungen oder besondere Umstände vorliegen. Die Person glaubt unbewusst, dass durch den Sexualakt eine Gefahr entstünde. Die Sexualhemmung ist somit Ausdruck einer Abwehrreaktion des Ichs (Fenichel 2005 : 242 Bd. Ⅰ). Sexuelle Hemmungen infolge eines Traumas lassen sich auch in der Biografie von Sarah (36) feststellen. Nach ersten Missbrauchserfahrungen im Alter von 10 Jahren, wiederholen sich bei Sarah diese traumatischen Erlebnisse. In erster Ehe ist sie starker körperlicher und sexueller Gewalt ihres Ehemanns ausgeliefert, in deren Folge Sarah in klinische Behandlung gerät und bis zum heutigen Zeitpunkt teils schwere körperliche Schädigungen (innere Verletzungen) behielt. Sarahs nachfolgende Beziehung scheiterte u.a. an einem mangelnden Bedürfnis nach Körperlichkeit. Sarah wendet sich für drei Jahre der Homosexuellenszene zu und geht eine Beziehung zu einer Frau ein. An diesen Ausführungen lassen sich weitere Gemeinsamkeiten erkennen. Traumatische Erfahrungen, vor allem aufgrund von sexuellem Missbrauch häufen sich in den Biografien weiblicher Gothics. Wiederum schließt sich der Kreis, welcher den hohen Frauenanteil in der Szene zu klären versucht. Weitere für die Szene charakteristische Hemmungszustände sind die Essstörungen (ICD- 10 F.50 f.). Diese, die Nahrungsaufnahme betreffenden Störungen können auch ein Affektäquivalent bei einer Depression darstellen, bei der die Symptome der Nahrungsverweigerung vor der Ausbildung der übrigen Symptome der Depression auftreten (Fenichel 2005 : 251 Bd. Ⅰ). Ein Beispiel dafür ist Anna (29), die vor der Ausbildung ihrer Depressionen aufgrund einer traumatischen Erfahrung eine Essstörung entwickelt hat, die hier als Konversionssymptom verstanden werden muss. Ähnliches gilt im Falle von Katja (22), die neben Autoaggressionen eine Bulimia entwickelt. Auch Sarah bleibt von diesen Begleiterscheinungen nicht verschont. Sie magert während ihrer Ehe extrem ab. Interessant wäre an dieser Stelle eine umfassende qualitative Studie anzustrengen, welche die Beziehung „Essstörung und Schwarze Szene“ untersucht. Für diese Studie ist festzustellen, dass drei der befragten 5 Frauen in der Vergangenheit Essstörungen ausbildeten. Kommen wir nun zu einem weiteren Phänomen, welches in der Szene auffällig häufig zu Tage tritt, den Autoaggressionen. Diese gegen das Über- Ich gerichteten aggressiven Tendenzen sind häufig Begleiterscheinungen depressiver Erkrankungen. Autoaggressionen gehören gleichfalls zur Symptomatik der Borderline- Persönlichkeitsstörung (DSM-Ⅳ 301.83), die ebenfalls in der Szene keine Besonderheit darstellt. Doch bleiben wir bei den Autoaggressionen: Die Betroffenen (vorwiegend Mädchen und junge Frauen) berichten in der Entstehungsgeschichte von starken Schuldgefühlen. Katja (22) beginnt sich nach der Trennung ihrer Eltern im Alter von 11 Jahren, selbst zu verletzen. Es folgt ein Suizidversuch. „Ich war so unter Druck ... ich wusste nicht was ich tun sollte ... ich hab mich gehasst ... ich hatte Schuldgefühle“. Die Autoaggression ist, wie viele andere Symptome auch, ein Ausdruck der psychischen Störung. _________________ Copyright by A. 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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:03 pm | |
| Selbstverletzung kommt auch in der „masochistischen“ Ader des Musikhörens zum Ausdruck. Welcher „gesunde“ Mensch würde sich freiwillig mit destruktiver Musik auseinandersetzen? Schwarze verfolgen offensichtlich eine gesonderte „Aufmunterungsstrategie“. Das Hören melancholischer Musik muss also auch als „mentale Selbstverletzung“ verstanden werden. Wie bereits im Kapitel 3 beschrieben wurde, haben Gothics neben ihrer „sozialen Ader“ eine besondere Affinität zu Kreativität in jeglicher Hinsicht. Dies kennzeichnet auch ihr Freizeitverhalten. Hans (32): „Sonst mache ich noch elektronische Musik, habe eine kleine Band und erstelle gerne Grafiken am Rechner oder auf Papier“. Nicole (31): „Das kreative und das eher Jungenhafte hat mich dann doch schon eher interessiert“. „… Musik, ich muss mir wenigstens jeden Monat eine CD kaufen, brauche immer wieder neue Mukke um mich inspirieren zu lassen für mein Schreiben“. „Ich interessiere mich für Mystisches, Spirituelles. So wie die Geschichte der alten Zeit. Psychologie, Kunst. Hobbys sind fotografieren, zeichnen,… lesen, Grafiken erstellen, mein eigenes Forum …“. Die offenkundige Kreativität in der schwarzen Szene hat eine bestimmte Funktion, die sich wie folgt erschließt: Traumatische Erfahrungen lösen Abwehrmechanismen aus, um das Ich zu schützen. Einer dieser Abwehrmechanismen ist die Verdrängung. Bestimmte, mit schmerzhaften Erinnerungen verbundene, Triebregungen werden so dem Bewusstsein vorenthalten. Das auf diese Weise Verdrängte bleibt indes unbewusst wirksam, es sei denn, es wird erfolgreich verdrängt. Diese erfolgreiche Verdrängung (oder erfolgreiche Abwehr), wird als Sublimierung bezeichnet. Sublimierungen sind somit Triebregungen, die auf „positive“ Weise an die Oberfläche gelangen. Die Energie der ursprünglichen Triebregung wird zur Besetzung eines „Ersatzes“ verwandt (Fenichel 2005 : 202 Bd. Ⅰ ). Freud bezeichnet diese Triebregungen in seiner Libidotheorie75 als sexuelle Triebenergie. Diese wird in Form des kreativen Schaffens desexualisiert. 75 siehe auch 5.1.1 Interessant dabei ist, dass Sublimierungen die in der Kindheit entstehen, offensichtlich in hohem Maße von verfügbaren Vorbildern und Anregungen abhängen (Fenichel 2005 : 204 Bd. Ⅰ). Ein Beispiel: Nicole (31) fotografiert sehr gern und berichtet in diesem Zusammenhang von ihrem Vater. „Er hat mir sehr viel über Fotografie beigebracht, wir haben auch zusammen gerne immer fotografiert, durfte dann seine Kamera benutzen die eigentlich sein Heiligtum war. Hab mit ihm auch immer gerne die Bilder entwickelt, so Dunkelkammer und so“. An diesem Beispiel lässt sich Freuds Theorie verdeutlichen, nach dem Sublimation in erheblichen Maße mit Identifikation zusammenhängt. An anderer Stelle haben wir bereits ausgeführt, dass Nicole sich mit ihrem Vater identifiziert und somit auch mit seinen Interessen. Sublimierung in Form von Musizieren begegnet uns sehr häufig. So hat diese Art der Kreativität indes noch eine weitere Funktion. Sie dient gleichfalls als Mittel zum Aufbau neuerlicher Objektbeziehungen, um bereits Abgestoßene zu ersetzen. „Im Rahmen schöpferischer Prozesse wird narzißtische Libido in Objektlibido umgewandelt“(Wilms 1975 : 43). Produktivität jeglicher Form ist demnach auch der Wunsch, neue Objektbeziehungen zu schaffen. Dies ist in gleicher Weise wirksam, um ein geschwächtes Ich zu stärken. Jener Effekt wird auch in der Musiktherapie einkalkuliert. Da Neurotiker es vermeiden, Beziehungen aufzubauen, wirkt Musik in solchem Falle als Beziehungsobjekt. Musik stellt einen Ausschnitt der Realität dar, der neue Kontaktmöglichkeiten eröffnen kann (Willms 1975 : 43). Im Zusammenhang mit depressiver Symptomatik haben wir bereits das Thema Verlustangst76 angesprochen. Verlustängste gehören ebenfalls zu den Besonderheiten, die in der Gothic- Szene auffällig sind. Diese Form der Angst ist ebenfalls Bestandteil des Selbstbildes depressiver Menschen (Volk/Travers/ Neubig 1998 : 90). Konkret sind dies Angst vor Liebesverlust und Angst vor Objektverlust. Ursache dafür ist ein überkritisches Über- Ich mit daraus resultierenden Selbstwertstörungen (Volk/Travers/Neubig 1998 : 93), die auch in den vorliegenden Biografien deutlich zum Vorschein treten. Einige Beispiele: 76 siehe 6.2.1.1 Nicole (31): „Ich habe Angst davor meinen Partner zu verlieren, egal warum“. Hans (32): „Beziehungen reissen mich immer in ein tiefes Loch. Ich fühle mich dann total elend leide stark, selbst wenn ich die Frau nicht geliebt habe“. Hier kommt bereits die Fatalität eines solchen Handelns zum Vorschein. Fenichel schreibt dazu: „Bei Personen, deren Selbstgefühl durch Angst vor Liebesverlust reguliert wird, können sekundäre Angst und Schuldgefühle entstehen, wenn sie versuchen, sich die notwendige narzißtische Zufuhr mit zweifelhaften Mitteln zu verschaffen. Besonders unglücklich sind diejenigen, die narzisstische Zufuhr benötigen, zugleich unbewußt aber Angst davor haben sie zu empfangen“(Fenichel 2005 : 195 Bd. Ⅰ). Zu diesen, wie Fenichel sie beschreibt, „zweifelhaften Mitteln“, gehört auch eine offenkundig falsch motivierte Partnerwahl. Das Einlassen auf Beziehungen, die nur der Befriedigung der vermissten narzißtischen Zufuhr dienen, hat auch die Funktion einer Wiedererlangung des Selbstgefühles, was aber jeglicher gesunden Regung entbehrt. Diese Vorgänge, das verstärkt in der Szene zu beobachtende „Bäumchen-wechsel-dich-Spiel“, das häufige Wechseln der Sexualpartner, ist ein Indiz depressiver Symptomatik. Der sehnsüchtige Wunsch nach emotionalem Halt endet häufig in einer gescheiterten Partnerbeziehung, da die Motivation beider Partner gleichfalls auf narzißtischen Motiven beruhen kann und somit zwangsläufig zum Scheitern verurteilt scheint. Dies kommt auch in unseren Biografien zum Ausdruck. Hans (32): „Das Alleinsein fällt mir über lange Zeit schwer … ich bin viel zu sehr davon abhängig, dass eine Beziehung da ist die funktioniert. Das ist das einzige, was mir wirklich richtig fehlt wenn ich keine habe“. „In einer guten Beziehung fühle ich mich wohl und bin weniger melancholisch, auch wenn diese Grundstimmung fast immer da ist. „Sex war wohl noch das, wo ich mich noch richtig gut gefühlt habe. Was anderes war da kaum noch. Ich bin zu dieser Zeit auch sehr oft weggegangen, hauptsächlich um Frauen kennenzulernen … . Das wichtigste für mich im Leben ist eine glückliche Beziehung“. Wie ich schon ausführte, dienen häufige Diskothekenbesuche auch und vor allem der Partnersuche. Dass es auf dem „Weg“ dahin zu einer der „Hypersexualität“ ähnlichen Verhaltensweise kommt, liegt aufgrund der Motivlage auf der Hand. In dieser offenbaren „Hypergenitalität“ neigen solche Personen dazu, neue Objekte schnell in sich aufzunehmen, stoßen diese aber genauso schnell wieder ab. Diese Symptomatik ist auch typisch für einen manischen Zustand innerhalb einer depressiven Erkrankung. Es kommt also zu einer (relativ) oberflächlichen Identifizierung mit äußeren Objekten (Fenichel 2005 : 301 Bd. Ⅱ). Wir sehen also auch hier die Verbindung zur Depression. Starke Verlustängste sind häufig mit einem „Nicht-Loslassen-Wollen“ gekoppelt. Dies kennzeichnet auch alle Beziehungen von Sarah (36). Keine ihrer Beziehungen konnte sie selbstständig lösen, auch nicht, nachdem sie jahrelang misshandelt wurde. Das wir es hier mit einem wenig intakten Selbstwertgefühl zu tun haben ist evident. Sarah hat nach eigenen Angaben in der ersten Ehe ihr „gesamtes Selbstbewusstsein“ verloren, wobei anzunehmen ist, dass der Grundstein dafür schon viel früher gelegt wurde. Die hier von ihr aufgebrachte Toleranz gegenüber der Gewalt ihres Ehemanns liegt weit über dem, was ein gesundes Ich verkraften kann. Sarah wartete stets, bis sie vom Partner verlassen wurde. Ihr Denken war stets durch starke Schuldgefühle geprägt. Sie gab sich selbst die Schuld daran, dass sie geschlagen wurde. Sarahs Selbstgefühl kehrt erst wieder allmählich zurück, als sie in die Schwarze Szene kommt. „Das war wie so ne Schutzmauer … aber gleichzeitig hat es mein Selbstbewusstsein gestärkt, weil ich die Blicke der anderen gespürt habe …“. Auch Anna (29) hat große Schwierigkeiten sich von Beziehungen zu lösen, auch wenn diese von offenkundiger Emotionslosigkeit gekennzeichnet sind. Sie resümiert: „dass ich eigentlich nicht das zurückgekriegt habe, was man erwartet hat“. Anice77 (23): „Ich habe leider immer mehr feststellen müssen dass es mir fast unmöglich ist zu anderen menschen eine normale bindung zu entwickeln bzw. zu haben. sobald sich eine beziehung vertieft (unabhängig ob nun auf freundschaftlicher oder partnerschaftlicher ebene) entwickelt sich in mir eine extreme verlustangst. ich habe ohne ersichtlichen grund tierische angst diesen menschen (aus irgendwelchen gründen z.b. verlassen zu werden oder dass mich der jenige nicht mehr mag) "zu verlieren". dies geht soweit dass 77 Gothic Forum Dunkles Leben, http://www.dunkles-leben.de/forum/viewtopic.php?t=4400, Eintrag vom 15. Februar 2008 ich mich kaum noch an der bindung erfreuen kann, weil alles immer von der ständigen angst begleitet wird“. Die Angst vor dem Verlust einer Beziehung, oder die Sehnsucht nach der erfüllten Liebe, ist kennzeichnend für das Schwarze Seelenleben. _________________ Copyright by A. McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:03 pm | |
| Stärker als der Tod - Mantus78 Wir haben uns tausendmal geliebt Vom Abend bis zum Morgenrot Denn wir sind stärker als der Tod Wir haben die Traurigkeit besiegt In einer Welt die uns bedroht Denn wir sind stärker als der Tod Die enge Beziehung zu einem gleichgesinnten Partner ist für Gothics wie eine „Schutzmauer“, die vor den Unwegsamkeiten des Lebens Schutz bietet. In den vorangegangenen Aufzeichnungen kam bereits häufig zum Vorschein, dass viele der Szene eigenen Mechanismen der Aufwertung des Selbstbewusstseins dienen. Dazu gehört auch das auffällige Kleiden. Wie angesprochen,79 dient dies nicht vorrangig der Provokation, sondern erfüllt gleichfalls die erwähnte Funktion. Somit ist dieses Kleiden der psychischen Funktion des „Exhibitionismus“ ähnlich. Das Exhibieren dient vornehmlich dazu, verstärkte Sicherheit gegen Ängste, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle zu vermitteln (Fenichel 2005 : 18 Bd. Ⅰ). Die Verwendung des Begriffes in hier ist dennoch nicht mit dem zu den Perversionen zählenden Begriff des Exhibitionismus (ICD-10 F 65.2) zu verwechseln, der darauf abzielt Kastrationsängste zu überwinden, indem andere von der Existenz des Geschlechtsteils überzeugt werden müssen. Wie wir gesehen haben, hat das auffällige Schwarz-Kleiden neben der Distinktionsfunktion den Effekt einer Selbstaufwertung und damit einer Stärkung des Ichs. 78 Mantus: deutsche Dark- Wave- Band 79 siehe 3.2.2 Sarah (36): „Das war wie so ne Schutzmauer … aber gleichzeitig hat es mein Selbstbewusstsein gestärkt, weil ich die Blicke der anderen gespürt habe …“. Auch bei Katja (22) wird dieser Effekt deutlich. Sie erzählt, dass sie sich in der ersten Zeit nach ihrem Suizidversuch und dem Heimaufenthalt „extremer“ gekleidet hat als heutzutage. Heute ist ihr dies „nicht mehr so wichtig“. Es liegt nahe, dass ihr Selbstbewusstsein in dieser Lebensphase am Boden lag. Die Kleidung hatte also die Funktion eines Schutzes gegen äußere „Gefahren“, sowie in Folge den Effekt einer Steigerung des Selbstgefühles. Diese Kausalität lässt sich in der Gothic-Szene ohne Schwierigkeiten nachvollziehen. Ein weiteres Phänomen, welches auch an anderer Stelle, nicht nur in dieser Arbeit, beschrieben wurde, ist die Verbindung der Schwarzen Szene zur SMSzene. Verwunderlich scheint mir die Tatsache, dass versucht wird, diese Szenen voneinander zu trennen. Ruthkowski spricht von einem „Einfließen“ des SM-Stils in die Schwarze Szene, was offenkundig toleriert wird (Ruthkowski 2004 : 9Cool. Meisel beschreibt gleichfalls einen „SM-Stil“ der sich in der Kleidung ausdrückt (Meisel 2005 : 44). Ich vertrete die Auffassung, dass sich beide Szenen nicht voneinander trennen lassen, auch wenn die Motivation zum Aufenthalt in der Szene zuweilen unterschiedlich ausfallen kann. Fakt ist, dass sich „beide“ Gruppen offensichtlich gut verstehen und zueinander „passen“. Warum dies so ist, wird auch deutlich, wenn man die psychische Konstitution beider Gruppen näher beleuchtet. Schätzt die Fetisch- und SM- Szene auch die offenkundige Toleranz der Schwarzen gegenüber „andersartigen“ Menschen, gepaart mit der Affinität zur Farbe Schwarz, so eint sie doch gleichfalls die neurotische Konstitution. Um dies zu verdeutlichen, sollten wir uns mit den Ursachen der Vorliebe zum Sadomasochismus (ICD-10 F.65.5) auseinandersetzen. Zu diesem Zweck wurde hier eine quantitative Untersuchung80 durchgeführt, die neben anderen Determinanten auch die sexuelle Orientierung und sexuelle Neigungen in der schwarzen Szene untersucht. Bleiben wir zunächst bei der Neigung zu sadomasochistischen Praktiken. Von 150 untersuchten Frauen neigen 27,3% zu SM- Praktiken, 42,7% lehnen sie ab und 30% machten keine Angabe. 80 siehe Anhang: A7- 8 Bei den Männern (N=150) tendieren 30,6% zu SM- Praktiken, 34,7% lehnen sie ab und 34,7% machten keine Angaben. Bedenkt man, dass von den insgesamt 300 untersuchten Personen (Schwarzes Glück) eine erhebliche Anzahl keine Angaben machte und trotzdem eine sehr hohe SM-Neigung zu Tage tritt, wird die Tendenz klar erkennbar. Warum neigt ein Mensch eigentlich dazu, anderen oder sich selbst Leid zuzufügen? Warum haben Menschen „Spaß“ daran, gequält zu werden? Zunächst werden „unbekannte konstitutionelle Faktoren“ und Frustrationserfahrungen dafür verantwortlich gemacht (Fenichel 2005 : 110 Bd. Ⅰ). Sadismus und Masochismus stehen im klinischen Sinne in unmittelbarer Verbindung. „Wo immer Masochismus auftritt, zeigt die Analyse, daß ein sadistischer Antrieb eine Wendung gegen das Ich genommen hat“(Fenichel 2005 : 89 Bd. Ⅰ). Bei Freud taucht dieser Begriff in seiner Triebtheorie zum Todesund Destruktionstrieb auf. Der Destruktionstrieb ist die gegen die Außenwelt gewandte (zerstörerische) Energie, die analog dem Sadismus zu verstehen ist. Die andere Seite des Destruktionstriebes ist der Eros (Fenichel 2005 : 89 Bd. Ⅰ). Diese objektsuchende Energie ist analog dem Masochismus. Während die Motivation zum Sadismus wohl eher auf einer angestrebten Erhöhung des Machtgefühls beruht, scheint der Masochismus dem Bestreben des Menschen zu widersprechen, sich Lust zu verschaffen. Dieser Widerspruch ist nur schwer aufzulösen. Einerseits möchte man sich Lust verschaffen, andererseits lässt man sich Schmerz zufügen. Sicher ist, dass Masochisten offensichtlich Lust empfinden. Zu den Mechanismen, die zu diesem Empfinden führen, gibt es verschiedene Erklärungsansätze (Fenichel 2005 : 234 Bd. Ⅱ): 1. Aufgrund von bestimmten Erlebnissen ist jemand davon überzeugt, dass sexuelle Lust und Schmerz untrennbar miteinander verbunden sind. 2. Masochismus gehört zum Mechanismus des „Opfers“. Wenn davon ausgegangen wird, dass Masochisten, wie auch Sadisten unbewusst Angst vor Kastration haben, so erscheint die Opfersituation des Masochismus geeignet, der Kastration durch „Eigenkastration“ zuvorzukommen, um somit die Ängste zu befriedigen. Die Handlung entspricht also einer Art „Opfergabe“. _________________ Copyright by A. McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:04 pm | |
| 3. Diese Angst wird durch spielerische „Antizipation“ bekämpft. Dies bedeutet, dass durch das „Spielen“ der „angstauslösenden“ Situation, der „Überraschungseffekt“ bei einer realen Kastrationssituation der Schrecken genommen werden kann. Von diesen Erklärungsversuchen scheint einer besonders einleuchtend: Die „Opfertheorie“ stellt die Regression auf einen „oral- rezeptiven Typus“ (Fenichel 2005 : 235 Bd. Ⅱ) dar. Dies bedeutet, dass der Masochist durch seine „Demutshaltung“ unbewusst ein Schutzbedürfnis suggeriert, welches in einer infantilen Entwicklungsstufe zweifellos vorhanden war. Er bittet somit unbewusst um Schutz und Zuneigung. An dieser Stelle schließt sich wiederum der Kreis zu unseren bisherigen Erkenntnissen. Wir sehen also, dass sich die Motive, insbesondere des Masochismus, mit denen der depressiv Erkrankten decken, und somit auch mit den Motiven der Schwarzen nach Zuneigung und Geborgenheit. Bei der sexuellen Orientierung sieht es folgendermaßen aus: Da Homosexualität ebenso wie die Neigung zum Sadomasochismus im psychoanalytischen Sinne unter den Begriff der Perversionen fallen und somit als psychosexuelle Entwicklungsstörungen angesehen werden, war dies daher ausreichend Grund, diese Thematik näher zu untersuchen. Mag sich mancher an dem Begriff der Perversion stören, so ist zu bedenken, dass dieser im psychoanalytischen Sinne weit weniger „negativ“ besetzt ist, als dies heute umgangssprachlich der Fall ist. Perversionen sind bis zu einem gewissen Grade als „normal“ anzusehen und daher wird dieser Begriff hier auch unvoreingenommen gebraucht. Zu den Fakten: Ausgehend von selbiger Stichprobe81 wie zu Fragen der SM- Neigung, gaben 4% der Männer an, dass sie bisexuell seien. 1,5% gaben an, homosexuell zu sein. 2% der Männer machten keine Angaben. Bei den weiblichen Personen ergibt sich folgendes Bild: 25,3% der Frauen bezeichneten sich als bisexuell und 4,7% als homosexuell. Bei aller Vorsicht, die man bei der Interpretation der Statistik walten lassen muss, fällt der sehr hohe Anteil bisexueller Frauen auf. Nun ist die Gothic- Szene für ihre Toleranz und Freizügigkeit bekannt, somit überrascht es wenig, dass sich Homo- und Bisexuelle hier akzeptiert fühlen. Nehmen wir dies zum Anlass nach den Ursachen, insbesondere der Homosexualität zu forschen. Zur Ätiologie der Homosexualität gibt es sicherlich keine als absolut 81 siehe Anhang: A7 gesichert geltenden Erkenntnisse, jedoch stellt die psychoanalytische Theorie einige interessante Erklärungsversuche zur Verfügung. Da man davon ausgeht, dass der Mensch von Natur aus bisexuell veranlagt ist, sind es vielfache Begleitumstände, die eine gleichgeschlechtliche Objektwahl begünstigen. Der Junge hat sicherlich aufgrund seiner ersten Objektwahl (in der Regel die Mutter) weniger Schwierigkeiten, eine gegengeschlechtliche Beziehung aufzubauen als das Mädchen. Diesem Punkt wird die Tatsache geschuldet, dass Frauen offenbar eher zu Homo- oder Bisexualität neigen als Männer. Jedoch kann es gerade bei Jungen aufgrund einer ausgeprägten Mutterfixierung zur Homosexualität kommen. Nun kann es auch noch andere Ursachen geben, die Homosexualität begünstigen. So sind durchaus auch hormonelle (biologische) Ursachen denkbar (Fenichel 2005 : 194 Bd.Ⅱ). Eine Erklärung für die männliche Inversion ist wiederum die Kastrationsangst. Kann der Anblick eines fehlenden männlichen Genitals an der Mutter (dies gilt auch für Mädchen) einen „Schock“ auslösen, der als Kastrationsangst fortdauert, so wird aufgrund dieser Angst vermutet, dass der Junge nunmehr den geschlechtlichen Kontakt zu diesen „andersartigen“ Wesen scheut und sich in Folge an jenen orientiert, die dieses „Manko“ nicht aufweisen. Klingt dies zunächst recht befremdlich, so ist anzumerken, dass durch psychoanalytische Untersuchungen nachgewiesen wurde, dass homosexuelle Männer häufig Angst vor dem weiblichen Genitale haben (Fenichel 2005 : 195 Bd.Ⅱ). Mit dieser Angst verbindet sich gleichfalls die Angst, ihren Penis zu verlieren. Die häufig beobachtete Identifikation beruht auf der Gemeinsamkeit, dass beide (der Mann und die Mutter) Männer lieben. Eine übermäßige Identifizierung homosexueller Männer mit ihrer Mutter, konnte auch bei homosexuellen Männern nachgewiesen werden, die besondere Angst vor ihren Müttern hatten. Sie identifizierten sich somit mit dem „Aggressor“(Fenichel 2005 : 197 Bd.Ⅱ). In diesem Falle ist also die Grundlage ihrer Homosexualität die Identifizierung mit der Mutter in Bezug auf das Triebziel (Fenichel 2005 : 201 Bd. Ⅱ). Es gibt aber auch die eher seltenere Form der Fixierung auf den Vater, die allerdings nur dort vorzukommen scheint, wo die Mutter als primäres Liebesobjekt nicht zur Verfügung stand. Indes neigen „Kinder im allgemeinen dazu, sich stärker mit dem Elternteil zu identifizieren, von dem sie nachdrücklichere Frustrationen erfahren haben“(Fenichel 2005 : 204 Bd. Ⅱ). Freud stellte zudem fest, dass Jungen die homosexuell sind, in erhöhtem Maße von ihrer Mutter frustriert worden sind (Fenichel 2005 : 205 Bd. Ⅱ). Die ausgeprägte Homosexualität in der Antike (Griechenland, Rom) ist ein Indiz für Freuds Theorie. Die Kinder wurden in der Antike zur Zeit ihrer Prägenitalität häufig von der Hand männlicher Sklaven aufgezogen, somit liegt dieser Schluss nahe. Dies wäre auch eine Erklärung dafür, warum der Eindruck vorherrscht, dass überproportional viele Homo- und Bisexuelle in der Schwarzen Szene anzutreffen sind. Die Wahl des ersten Liebesobjektes kann also auch auf die Vaterfigur fallen. Dazu sei grundsätzlich angemerkt, dass eine Regression auf eine Identifizierungsebene vor allem dann auftritt, wenn es vorher zu einem Objektverlust kam (Fenichel 2005 : 197 Bd.Ⅱ). Bei der Gelegenheit sollten wir einen Blick auf sog. „feminine Männer“ werfen, die zum Alltagsbild der Gothic- Szene gehören und durch ihr „weibliches“ Verhalten auffallen. Die Androgynität steht ebenfalls mit der Kastrationsangst in Verbindung. Ihre Kastrationsangst besteht in diesem Fall gerade vor Männern. Männer dieses Typus sind, obwohl sie sich Frauen angleichen, heterosexuell (Fenichel 2005 : 202 Bd.Ⅱ). Sie verdrängen ihre Homosexualität, weil sie für sie einen Kontakt mit Männern bedeuten würde. Androgyne Typen sind in hohem Maße an weiblicher Homosexualität interessiert und halten sich vorzugsweise unter Frauen auf. In der Tat ist es allerdings für sie nötig, das Fehlen eines männlichen Genitals an den Frauen zu leugnen, um ihrer Kastrationsangst zu begegnen. Femininität bei Männern ist somit im Allgemeinen „Ausdruck eines Infantilismus, einer Regression auf passive Arten der Realitätsbewältigung“(Fenichel 2005 : 202 Bd.Ⅱ). Grundlage ist allerdings, wie auch in den meisten Fällen der männlichen Homosexualität, eine Identifizierung mit der Mutter. Auch bei der weiblichen Homosexualität geschieht die Hinwendung zum weiblichen Geschlecht in der Regel durch eine frühe Mutterfixierung (Fenichel 2005 : 206 Bd. Ⅱ). Sie bedeutet eine Reaktivierung der ersten Bindung an das primäre Liebesobjekt, somit die Reaktivierung dieser ersten (homosexuellen) Beziehung. Die Ursprünge werden analog der männlichen Homosexualität vermutet. Bei Frauen, die in ihrer Homosexualität den maskulinen Typus repräsentieren, ist häufig eine Enttäuschung durch die Vaterfigur vorausgegangen, die mit einer Identifizierung mit dem Vater beantwortet wurde. _________________ Copyright by A. McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:04 pm | |
| Diese Frauen nehmen anschließend eine maskuline Stellung gegenüber Frauen ein, die für sie einen Mutterersatz darstellen (Fenichel 2005 : 207 Bd. Ⅱ). Bei Sarah (36) begegnet uns weibliche Homosexualität des ersten Typus. Sarah identifiziert sich stark mit ihrer Mutter, von der sie gleichzeitig stark frustriert worden ist82. Die traumatischen Gewalterfahrungen in erster Ehe bewirken anschließend eine Reaktivierung der latent vorhandenen Homosexualität, die allerdings im späteren Leben wieder in den Hintergrund tritt. Wir sehen also auch hier, dass die Entwicklungsfaktoren der Homosexualität im Besonderen, mit den Entwicklungsfaktoren psychischer Störungen im Allgemeinen vergleichbar sind. Kommen wir nun zu einem weiteren Verbindungselement, der Sucht. In den Biografien unserer Interviewpartner finden sich entsprechende Anhaltspunkte. Heinz (42) gerät mit 14 Jahren das erste Mal in Kontakt mit harten Drogen. „Nur halt so die ersten Rauschmittel, um die Unstimmigkeiten zu Hause besser ertragen zu können. Um sich zuzumachen halt, um die Sachen halt nicht so sehr an sich ran zu lassen. Die Streitereien oder die peinlichen Situationen, oder wenn mein Vater halt meine Mutter so fertig machte …“. „Für mich waren die Drogen die einzige Möglichkeit, eine stückweit meine Freiheit zu erlangen“. An dieser Stelle wird seine Motivation sehr deutlich. Für Heinz haben Drogen die Funktion eines „Fluchtmittels“. Die stark ambivalente Erziehung seiner Eltern war für ihn nur schwer erträglich. „Ja, also meine Mutter war so was von unrealistisch und so anhänglich, und hier Küsschen und da Küsschen und hier drücken und da ... die hat mich früher teilweise so mit ihrer Liebe erdrückt …“. „Ich bin echt ganz schön verwöhnt worden, ich habs eben alles teilweise so in den Arsch geblasen bekommen …“.„Na, das war halt ein totaler Zwiespalt, total der Gegensatz, ja der eine nur am Motzen, der andere nur am Loben, egal was für ne Scheisse man gemacht hat“. Heinz verliert aufgrund seiner Drogeneskapaden seine Freundin. Sie bemerkt, dass er Heroin raucht. „Die erste Grosse Liebe.... Ich war einfach schon zu sehr von den harten Drogen fasziniert … das hatte schon so ne eigene Faszination ... dass die 82 siehe 6.2.1.1 Beziehung immer weniger wert wurde“. „Danach ging es dann richtig herbe mit harten Drogen ab …“. Nach der Trennung steigert sich der Drogenkonsum. Heinz beginnt Heroin zu spritzen und kommt mit synthetischen Drogen in Kontakt. „Bin dann ziemlich schnell auch abhängig geworden ... das hat mir so den Boden unter den Füssen weggezogen“. Heinz gerät in die Drogenszene. Er verliert den Kontakt zur Schwarzen Szene, da er zu sehr mit der Beschaffung von Rauschmitteln beschäftigt ist. „Was mich vorher mal so richtig fasziniert hat, war auf einmal alles weg, das wurde durch die harte Droge voll ersetzt“. In Folge seines Drogenkonsums muss Heinz zweimal wiederbelebt werden. „Meine Eltern haben mich zweimal quasi schon tot im Zimmer aufgefunden …“. Anschließend durchläuft Heinz eine 3-monatige Entgiftungsphase und wartet auf einen Therapieplatz. Es folgen 12 Monate stationäre Drogentherapie und 9 Monate Betreutes Wohnen. Mit 24 Jahren zieht Heinz in die erste eigene Wohnung. Auch wenn Heinz heute keine harten Drogen mehr nimmt, verschiebt sich seine Sucht auf den Alkohol. Seine Ehe scheitert u.a. auch an seinem Alkoholkonsum. Heinz versucht seine „Einsamkeit mit Alkohol zu betäuben“. Auch wenn sich heute der Alkoholkonsum in Grenzen hält, so hat er immer noch die Funktion eines Kompensationsmittels. „Gut bin ich eigentlich nur drauf, wenn ich meinen Sektrausch habe ... mittlerweile kann mir gar nicht mehr vorstellen, nüchtern in ne Diskothek zu gehen“. Bei Heinz verbindet sich gleichfalls die Alkoholabhängigkeit mit dem Wunsch, eine neue Beziehung aufzubauen. Entsprechende Frustrationserfahrungen verstärken diesen Effekt. Auch Katja (22) kommt als junges Mädchen mit harten Drogen in Kontakt. Auch für sie sind Drogen ein „echtes“ Betäubungsmittel. Auslöser ihrer Drogensucht sind traumatische Erfahrungen, die ich bereits ansprach83. Katja hat heute ihre Sucht überwunden. Bemerkten wir bereits, dass Drogen in der Schwarzen Szene prinzipiell keine Rolle spielen, so sehen wir hier, dass die Szene zumeist, nach einer (mehr oder weniger) erfolgreichen Entwöhnung, dennoch ein adäquater Zufluchtsort sein kann. Betrachten wir indes die Gründe, warum Menschen zur Droge greifen, so 83 siehe 6.2.1 f. sind wir wiederum da, wohin wir stets am Ende unserer Nachforschungen gelangen, die Eltern-Kind-Beziehung. Die „Wurzel allen Übels“ scheint in allen Fällen die gleiche zu sein. Auch bei der Drogensucht ist dieses einleuchtend. Jede Art der Sucht ist eine Ersatzbefriedigung. „Das Wort Sucht verweist bereits auf die Dringlichkeit eines Bedürfnisses und das schließliche Scheitern aller Versuche, es zu befriedigen“(Fenichel 2005 : 258 Bd. Ⅱ). Interessant dabei ist, dass prinzipiell nur derjenige süchtig wird und ist, für den die Wirkung des Rauschmittels eine besondere Bedeutung gewinnt. Diese besondere Bedeutung beruht auf dem Umstand, dass Rauschmittel als „Nahrung und Wärme“ empfunden werden (Fenichel 2005 : 260 Bd. Ⅱ). Damit wird auch gleichfalls deutlich, welche „Wärme“ hier offensichtlich primär fehlt. Diese Wärme und Befriedigung kann durch den Rauschzustand empfunden werden. Allerdings nur so lange, wie dieser Zustand anhält. Bekannterweise fallen Süchtige nach dem Abklingen des Rausches in eine Art depressiven Zustand, der wiederum nur durch einen erneuten Rauschzustand aufgehoben werden kann. Festzuhalten ist, dass der Grundstein der „prämorbiden Persönlichkeit“(Fenichel 2005 : 259 Bd. Ⅱ) in der oralen Phase, und damit in der frühen Kindheit gelegt wird. Mag es sicherlich noch andere Ursachen (z.B. biologische oder soziale) für Sucht geben, so bringt uns diese Tatsache dennoch nicht weiter, wenn wir die primären Ursachen darüber verleugnen. Die psychoanalytische Theorie liefert hier einen konsequenten, nachvollziehbaren Erklärungsansatz, der an anderer Stelle häufig recht dürftig ausfällt. Die Argumentationsline der Kritiker der psychoanalytischen Theorie fällt meiner Auffassung nach recht dürftig aus. Allerdings wollen wir diese Thematik hier nicht weiter ausführen. _________________ Copyright by A. 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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:04 pm | |
| Die voranstehenden Ausführungen haben, obgleich sie sich vorwiegend am Einzelfall orientieren, gezeigt, dass sich in der Gothic- Szene eine Vielzahl neurotischer Symptome vorfinden lassen. Nun mögen solche Symptome auch innerhalb der Normalgesellschaft zu finden sein, jedoch nicht in dieser Häufigkeit. Es dürfte schwierig werden einen Goth zu finden, der diese Augenfälligkeiten bestreiten würde. Diese eher alltagstheoretischen Beobachtungen werden jedoch bei näherer Betrachtung greifbar. Auch wenn, wie bereits mehrfach angesprochen, „gesicherte“ Erkenntnisse nur durch eine ausgeweitete qualitative Analyse gewonnen werden könnten, so zeichnet sich auch im Rahmen dieser Studie eine deutliche Tendenz ab. Die primären Ursachen, sowohl neurotischer Störungen als auch depressiver Störungen, sollten hinreichend ausgeführt worden sein. Die prämorbide Persönlichkeit bildet sich stets dort aus, wo das natürliche Schutz- und Liebesbedürfnis des Kindes missachtet wird. Richter, welcher sich seinerseits auf Freud bezieht, formuliert dies so: „Sie werden nie unabhängig genug von der Liebe anderer und setzen in diesem Punkt ihr infantiles Verhalten fort“(Richter 2007 : 23). 6.2.4.1 Die gestörte seelische Entwicklung Stellen wir hier also die Schaffung einer primären Disposition zur Ausbildung einer psychischen Erkrankung fest, so stellt sich die Frage, ob es, nachdem das „Kind in den Brunnen“ gefallen ist, noch Einflussmöglichkeiten auf das weitere Leben des Kindes gibt. Von Kritikern der psychoanalytischen Theorie ist diese Argumentation häufig zu vernehmen. Demnach wären alle späteren Erziehungsmaßnahmen nichtig, weil die Tiefenpsychologie ja festgestellt hätte, dass, „sowieso alles zu spät“ sei. Nun, dieser Schluss ist unzulässig, da lediglich festgestellt wurde, wo die Voraussetzungen für eine Fehlentwicklung geschaffen wurden. Dies heißt indes nicht, dass mit entsprechenden Erziehungsmassnahmen kein „positiver“ Einfluss ausgeübt werden könnte. Traurigerweise fallen häufig die späteren Erziehungspersonen mit jenen zusammen, die vormals offenkundig versagt haben. Diese Tatsache erschwert spätere Einflussnahmen auf die psychische Entwicklung des Kindes erheblich. Trotzdem wurden auch gerade durch die psychoanalytische Theorie Erziehungsfehler aufgedeckt und in Form von entsprechender Ratgeberliteratur für Eltern und Erzieher bereitgestellt. Kritikpunkte der Erziehung waren nach Hitschmann (1927) vor allem die viel zu frühe und strenge Reinlichkeitserziehung, Prügel, unnötig oft wiederholte Vorwürfe, Unterlassung der sexuellen Aufklärung und die übertriebene Einschüchterung sexueller Regungen (Richter 2007 : 3Cool. Auch Reich (1925) bemerkte: „Die Eltern schädigen das Kind, wenn sie ihm zu viel, oder zu wenig Triebunterdrückung abfordern“(Richter 2007 : 39). Reich stellt 4 Variationen der Milieueinwirkung auf (Richter 2007 : 39): 1. Partielle Triebbefriedigung und stückweise Versagung. (Optimum) 2. Volle Triebversagung seit Anfang der frühkindlichen Entwicklungsphasen. (Begünstigung von triebgehemmten Zwangsneurosen) 3. Triebversagung fehlt in der ersten Entwicklung vollkommen, oder so gut wie vollkommen. (Förderung der Entwicklung von Verwahrlosung) 4. Ungehemmte Triebbefriedigung. Sehr spät einsetzende Phase der Versagung. (Förderung der Entwicklung eines triebhaften Charakters) Diese Skalen, wie sie auch von anderen Autoren(z.B. Levy 1957, Brody 1956) zur Messung elterlicher Fürsorge entwickelt wurden, muten heute zwar etwas altertümlich an, was ihren wahren Gehalt jedoch nicht ausschließt. Dies wird bei der Skalierung von Bossard und Boll (1947) deutlich (Richter 2007 : 46): A. Übermaß an Zuneigung (excess of affection) B. Normale Zuneigung (normal affection) C. Aufsplitterung der Zuneigung (discrimination of affection) D. Unbeständigkeit der Zuneigung (inconsitency of affection) E. Verschiebung der Zuneigung (displacement of affection) F. Mangel an Zuneigung Offene Ablehnung (lack of affection) G. Offene Ablehnung (franc rejection) Abgesehen von der Skalierung (B) wird hier jegliche andere Skalierung als für das Kind belastend angesehen. Interessant ist auch, dass die von Levy (1957) untersuchte „Maternal Overprotection“ in besonderer Weise schädlich erscheint. Überbehütung als mütterliche Verhaltensweise ist häufig wider Erwarten kein Zeichen von starker Zuneigung, vielmehr wird sie dazu verwandt, gegenüber der Umgebung einen solchen Schein zu wahren. Die scheinbare Zuneigung ist hier Folge einer narzisstischen Projektion, d.h. Eltern erhoffen sich z.B. vom Kind, dass es Ziele erreichen möge, die sie selbst verfehlt haben (Richter 2007 :77). Es gibt noch eine ganze Reihe dieser elterlichen Projektionen. Dies hier weiter zu erörtern würde allerdings zu weit führen. _________________ Copyright by A. McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:05 pm | |
| Das Phänomen der scheinbaren Zuneigung begegnet uns auch in der vorliegenden Studie. Heinz (42) ist als Kind in erheblichen Maße verwöhnt worden. „Ich bin echt ganz schön verwöhnt worden, ich habs eben alles teilweise so in den Arsch geblasen bekommen, was mein Bruder halt teilweise auch nicht so toll fand“. Als wir auf die Gefühle zu seiner Mutter zu sprechen kommen, wird deutlich, dass er starke Ablehnung empfindet. Er vermisst sie in keiner Weise. „Meine Mutter schon gar nicht! Da bin ich soooo froh, weg zu sein ...dass ich jetzt entscheiden kann, wann sie mich zerquetschen und drücken kann... Bei diesen Worten kommt eine große Entschlossenheit zum Ausdruck. „Meine Mutter hat mich immer so in den Himmel gehoben, dass ich schon ein ganz falsches Bild von mir bekommen habe … die nervt mich einfach nur ... die hat mich früher teilweise so mit ihrer Liebe erdrückt …“. „Das trage ich ihr bis heute noch nach“. Heinz macht seine Mutter für seine Unselbstständigkeit verantwortlich. „Ich konnte nie ein eigenes Selbstbewusstsein entwickeln... Im Verlaufe des Interviews wird sehr schnell deutlich, dass er diese „Verwöhnung“ nur als sehr lästig und im Nachhinein eher als schädlich empfand. Wir sehen also, dass extrem exzessive Befriedigung oder Versagung wichtiger Bedürfnisse in der Prägungsphase in gleicher Weise schädlich sind. Gleiches gilt im Übrigen für zu weiche oder zu harte Erziehung und ist entscheidend für die „gesunde oder kranke psychische Entwicklung des Kindes“(Lemp 1967 : 26 f.). Abgesehen von genannten Feststellungen, ist ein Studium der Vorgänge die zu einer gestörten seelischen Entwicklung beitragen, äußerst schwierig (Richter 2007 : 53) Dazu gehören vor allem methodische Probleme, die auch in der vorliegenden Studie eine Rolle spielen. So sind wir hier auf die Aussagen von erwachsenen Personen angewiesen, die sich sehr unterschiedlich an ihre Kindheit zurückerinnern können. Diese subtilen Erinnerungen sind jedoch nur sehr schwer hinsichtlich ihrer tatsächlichen Begebenheiten und Phantasie- Vorstellungen zu differenzieren (Richter 2007 : 53). Klinische Beobachtungen und Untersuchungen ermöglichten Psychoanalytikern, aus kindlichen Verhaltensweisen theoretische Vorstellungsmodelle zu entwickeln, die uns bei der Interpretation von Verhalten behilflich sein können. Ausgehend von diesen Vorstellungsmodellen leiten sich verschiedene neurotisierende Verhaltensweisen von Eltern ab. Zunächst ist zur gesunden Entwicklung des Kindes ein gewisser Grad von Triebbefriedigung notwendig (Richter 2007 : 54). Demzufolge kann eine radikale Unterdrückung dieser Triebimpulse zu einer ersten Erkrankungsweise führen. Die Entstehung dieser sog. „neurotischen Hemmungszustände“, wie sie Freud nannte, drückt sich zuallererst in einem äußerlichen Unwohlsein aus. Da das kindliche Ich noch nicht über eine ausreichende Triebkontrolle verfügt, führen Strafen und Drohungen, die dazu dienen, die unerwünschten Triebe zu unterdrücken, in Folge zu Abwehrmechanismen (Richter 2007 : 54), die sowohl in der weiteren psychosexuellen Entwicklung, als auch im späteren Erwachsenen- Dasein wiederbelebt werden können84. Unterdrückung von Triebregungen seitens der Eltern führen zwar zu einer Verhinderung der Triebbefriedigung, jedoch nicht zu einem „Auslöschen“ der Triebregung (Richter 2007 : 55). Da Triebe zur normalen Erbkonstitution gehören, führt eine Versagung zu starken intrapsychischen Spannungen und, wie wir sahen, schließlich zur Ausbildung neurotischer Symptome. Bei späterer Ausbildung des Über- Ichs werden diese Konflikte mit den Eltern durch Identifizierung internalisiert und somit zur Angst des Über- Ichs. Die Folge davon ist, dass selbst bei einem späteren Wegfall der „strafenden Instanz“, also der Beschränkungen, keine freie Triebwahl mehr erfolgt. Das durch die Eltern geprägte Über- Ich wiederholt die Forderungen fortwährend. Eine weitere Möglichkeit der Erkrankung besteht in einer übermäßigen Triebstimulation durch die Eltern (Richter 2007 : 55). Ein vollständiges oder weitgehendes Überlassen der Triebbefriedigung führt Psychoanalytikern zu Folge zu einer mangelhaften (kulturell angepassten) Ausbildung des Über- Ichs. Dieses kann nun nicht mehr selbstständig einschätzen, wann ein Triebverzicht sinnvoll ist. Dies kann zu einer sog. Fixierung des Kindes auf einer früheren Entwicklungsstufe führen. Diese Einflussfaktoren der infantilen psychischen Entwicklung entsprechen analog den Ansätzen von Bossard und Boll (1947), die ihr Schema der Affektbeziehungen auf ähnliche Art darstellen. Ein Zuviel an 84 siehe auch 6.2.4 Zuneigung ist ebenso schädlich, wie ein Zuwenig an Zuneigung. Ein Zuviel an Triebbefriedigung ist ebenso schädlich wie ein Zuwenig an Triebbefriedigung. Aus diesen Erkenntnissen psychoanalytischer Forschung leiten sich in Folge Erziehungsregeln ab, die sich am „goldenen Mittelweg“ orientieren. Werden dem Kind keine altersgemäßen Versagungen geboten, bleibt es seinen triebhaften Impulsen hilflos ausgeliefert (Jacobsen 1954 : 9Cool. Auf die Problematik der Identifizierung sind wir schon an anderer Stelle zu sprechen gekommen. Dass Kinder durch Identifizierung mit ihren Liebesobjekten lernen, ist nicht bestreitbar. Jacobsen merkt dazu an, dass Beobachtungen an Kindern keinen Zweifel daran lassen, dass das Kind sehr früh damit anfängt, mütterliche Gesten, Modulationen der mütterlichen Stimme und andere sichtbare und hörbare Manifestationen der Mutter wahrzunehmen, zu beantworten und zu imitieren (Jacobsen 1954 : 100). Verschiedene Autoren sind sich darin einig, dass noch nicht genauer untersucht ist, wie es zu dieser Induktion identischer affektiver Phänomene kommt (Richter 2007 : 5Cool. Die Wahrnehmungsfunktion des Kindes kann indes durch diese „affektive Identifikation“ beeinflusst werden. Sind kindliche Affekte also ein Abbild der elterlichen Affekte, so lässt sich erwarten, dass sie auch deren vollständige neurotische Konflikte abspiegeln können (Richter 2007 : 59). Entsprechende Untersuchungen (Hellmann 1954) bestätigen diese Vermutung. So können Kinder nicht nur einzelne neurotische Symptome der Eltern übernehmen, sondern auch ganze Abwehrmechanismen ihrer Eltern im eigenen nachbilden. _________________ Copyright by A. McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:05 pm | |
| Zu diesen Abwehrmechanismen gehört auch, das weitestgehende „Ausschließen“ von Emotionen, welches bei den Eltern adaptiert wurde. Diese Übernahmen finden sich insbesondere bei Peter (33), der Emotionen nach eigenen Angaben „nicht nach aussen kommuniziert“. Diese Eigenschaften finden sich auch bei Simone (33) wieder, die gleichfalls Schwierigkeiten hat, Emotionen auszudrücken. Gleiche Charakterzüge finden sich auch bei ihrer Mutter. So spiegeln sich also Charakterzüge und Erziehungsmaßnahmen im Wesen des Kindes wider und können sich gleichsam im späteren Leben verfestigen. Neurosen sind somit auch das Ergebnis gesellschaftlich bedingter ungünstiger Erziehungsmassnahmen, „die einem bestimmten historisch entwickelten Gesellschaftszusammenhang entsprechen und mit einiger Notwendigkeit aus ihm hervorgehen“ (Fenichel 2005 : 194 f. Bd. Ⅲ). Nicht außer Acht zu lassen sind allerdings ebenfalls soziale Begebenheiten, Bildungsgrad, der Lebensstil des Elternhauses, Wohnort, kultureller Hintergrund und Traditionen. Diesen Punkt hier weiter auszuführen würde allerdings zu weit führen. Mein Interesse gilt an dieser Stelle vornehmlich den frühdisponierenden Ursachen der gestörten seelischen Entwicklung. 6.2.5 Hypothese 5 - Dissozialität und Isolierung Hatte ich bereits festgestellt, dass sich Schwarze von der „Normalgesellschaft“ distanzieren und ihre eigenen Wertvorstellungen vertreten, so ist dies an sich für eine Szene nicht ungewöhnlich. Die Art und Weise, auf die sie es tun, ist es dennoch. Die Welt der Schwarzen ist eine introvertierte. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen und dem eigenen Selbst erfolgt vorzugsweise im Inneren der eigenen Objektwelt, aus welcher die Schwarzen selten hinaustreten. Warum dies so selten der Fall ist, sollte zwischenzeitlich deutlich geworden sein. Die gemeinhin sichtbare Beschäftigung mit der eigenen traurigen Existenz, gepaart mit der Unfähigkeit diese zu verbergen, wirkt nach außen hin als Arroganz und Desinteresse fort. Ist dies jedoch Grund genug, die Schwarzen als dissozial zu bezeichnen? Ist jemand dissozial, nur, weil er es ablehnt, seine Gefühle in ein schöneres Gewand zu kleiden? Als dissozial wird im Allgemeinen ein in sich gekehrter, weltabgewandter Mensch verstanden, der sich um nichts anderes schert, als um sich selbst. Dissozialität wird häufig auch mit abweichendem Verhalten oder Delinquenz in Verbindung gebracht. Treffen diese Beschreibungen zu? Beim Thema Introvertiertheit allein wäre man auf der sicheren Seite. Betrachten wir die Begriffe Weltabgewandtheit und angemerktes Desinteresse, geraten wir jedoch ins Grübeln. Von Delinquenz im Sinne von abweichendem Verhalten kann sicherlich ausgegangen werden. Dies lässt sich jedoch in keiner Weise strafrechtlich fassen. Schwarze gehen nicht demonstrieren und werfen auch keine Pflastersteine. Aber betrachten wir zunächst unsere Biografien und sehen, wie unsere Interviewpartner mit ihrer Aussenwelt umgehen. Wie bereits erwähnt, hat Hans (32) den Kontakt zu seiner Familie vollständig abgebrochen85. Auf die Frage nach seinen Freunden antwortete er Folgendes: Hans (32): „Eigentlich habe ich nur einen Freund, aber ich habe auch gar kein Interesse an vielen oberflächlichen Bekanntschaften. Ist zwar irgendwie schade, aber was solls. Mir ist wichtiger eine Freundin zu haben, das reicht mir“. Hans führt weiter aus: „Ich habe auch kein Interesse andere Menschen kennenzulernen. Bin von Jahr zu Jahr gleichgültiger geworden, kälter, abgestumpfter, irgendwie verbittert“. Wir sehen also, dass das stets kleiner werdende soziale Netzwerk offensichtlich seinem emotionalen „Kältezustand“ zuzuschreiben ist. Hans ist verbittert und enttäuscht. In seinen Ausführungen kommt deutlich zum Vorschein, dass seine Enttäuschung aus dem „Nicht- Verhältnis“ zu seiner Mutter resultiert. „Bei meiner Mutter empfinde ich eher Hass und Enttäuschung. Meine Verbitterung ist so gross, dass mir mittlerweile auch das Verhältnis zu meiner Grossmutter nicht mehr so wichtig ist. ich bin emotional total abgekühlt“. „Ich mache meine Mutter dafür verantwortlich, dass ich so bin“. „Auch meine Probleme mit Frauen, meine Ansprüche an sie. das alles ist auf meine Mutter zurückzuführen“. Es zeigt sich nochmals die deutliche Übertragung der primären Enttäuschung auf weitere Bezugsobjekte, die in direktem Zusammenhang stehen. Die Fähigkeit, für Menschen Gefühle zu empfinden, ist durch die tiefsitzende Frustration stark herabgesetzt. Dies wird auch hier bei dieser Anmerkung deutlich: „Komisch ist, dass ich mich schon für andere Menschen interessiere, denen es schlecht geht, aber nur die die ich persönlich kenne. Manchmal glaube ich, es wäre mir egal, wenn neben mir ein Verkehrsunfall passieren würde und es gäbe Tote. Ich würde wohl einfach weitergehen. Oder nicht?“. Das als offenkundiges Desinteresse gesehene antisoziale Verhalten ist somit ambivalenter Natur. Einerseits überwiegt die Enttäuschung, andererseits meldet sich das schlechte Gewissen (Über- Ich). Durch wiederkehrende Enttäuschungen werden frühere Frustrationen reaktiviert. In Folge sinkt die Empfindlichkeit für empathische Reaktionen merklich. In Analogie zu einem 85 siehe 6.2.1 f. ins Wasser geworfenen Steins, der entsprechende Wellen verursacht, breitet sich diese „emotionale Unterkühlung“ auf die Außenwelt aus. „Ich bin eigentlich nur unter Menschen, wenn sie meiner Art entsprechen. Ich hasse Volksfeste, Kirmes, wo besoffene durch die Gegend rennen und sich wie die Schweine benehmen. Ich gehe auch lieber in die Natur als in die Stadt“. Dieser Fall lässt sich exemplarisch auf viele Schwarze übertragen. Katjas (22) Lebensgeschichte86 haben wir schon einige male betrachtet und stellten auch hier eine emotionale Mangelsituation fest, die ihren Rückzug aus der „normalen Welt“ einleitete. Katja: „Nähe zu Familienmitgliedern gab es eigentlich gar nicht … nur meine Tante hat mich manchmal in den Arm genommen … aber es war immer so ne Zitterpartie, macht sies jetzt, oder machts sies nicht …“. Neben diesen, mittlerweile wenig überraschenden Aussagen, kommen bei Katja folgende Symptome zum Vorschein. „Dann ist es bei mir auch ganz oft so, dass wenn ich feiern gehe, erst total Spass habe und dann plötzlich hab ich so ne Abneigung gegen Menschen … am liebsten würd ich mich ganz weit verkriechen, also am liebsten mich auflösen … und dann hab ich so nen Ekel vor Menschen“. Katja berichtet von einer weiteren Situation, in der sie ein Geschäft betritt und aufgrund des hellen Lichtes in Panik gerät. Diese Symptome sind recht eindeutig und entsprechen denen der Agoraphobie (ICD- 10 F.40.0). Diese zu den phobischen Störungen zählende Krankheit beschreibt die Angst vor grösseren Plätzen oder Menschenmassen. In Folge kann es zu panikartigen Attacken kommen. Obwohl sich betroffene Personen objektiv nicht in Gefahr befinden, geraten sie in Panik oder fühlen sich unwohl. Die Person regrediert auf eine unangenehme Erfahrung ihrer Vergangenheit. Sie ängstigt sich vor der Einsamkeit und dem Verlust von Kontakten zu anderen Menschen (Fenichel 2005 : 27 Bd.Ⅱ). Durch die Panikattacke wird unbewusst ein Schutzbedürfnis suggeriert, welches als Kleinkind unzweifelhaft vorhanden war. Die Gründe dafür erklären sich selbsttätig. Ist es zunächst eine Tatsache, dass es sich hier um einen exemplarischen Fall handelt, so lassen sich dennoch zahlreiche Gemeinsamkeiten festhalten, die häufig vorzukommen scheinen und daher symptomatisch für die Schwarze 86 6.2.1 f. Szene sind. So wird der Kontakt zu Menschen nicht generell gescheut, sondern viel mehr wird deutlich, dass es eine große Rolle spielt, um welche Menschen es sich dabei handelt. Betrachten wir die Werte, die in der Schwarzen Szene vertreten werden, ihre Lebensbiografien, die durch Enttäuschungen, Entwurzelungen und traumatische Erlebnisse gekennzeichnet sind, so ist nachvollziehbar, dass die Auswahl der sie umgebenden Personen gezielt getroffen wird. Katja (22): „Hab ganz lange Zeit keine wirklichen Freunde gehabt, weil ich das lange Zeit nicht an mich rangelassen habe“. Dies betrifft nicht nur Personenkreise, zu denen emotionale Beziehungen aufgebaut werden können, sondern gleichfalls Menschen, die dem schwarzen Norm- und Werteverständnis widersprechen. Katja (22) zum HipHop: „Ich kann mit diesem ganzen Kulturkreis nichts anfangen … ich leg immer sehr viel wert auf Ausdruck ... so was Ästhetisches“. Hans (32): „Hip Hop ist nicht mein Ding. Die Art der Leute, dieses Cooltun und dumme Sprüche, das Macho- Getue usw. finde ich lächerlich. Ausserdem gibt es unter den Leuten ständig Schlägerein usw. Da habe ich keinen Bock drauf“. Auch an dieser Aussage erkennen wir Verhaltensweisen, die in der Szene wenig Anklang finden. Dies trifft insbesondere auf den Umgang der Geschlechter miteinander zu, der sich in der Szene auf einem völlig ausgeglichenen Niveau abspielt. Die Schwarze Szene bietet Frauen weitestgehenden Schutz vor unerwünschten Annäherungsversuchen. Bemerkenswert wird dies auch durch die Tatsache, dass Frauen in Schwarzen Clubs häufig nur sehr „spärlich“ bekleidet sind. Das hier als „Macho- Getue“ betitelte Verhalten von Männern, Frauen mit „dummen Sprüchen“ „anzumachen“, findet hier wenig Zustimmung. Dies gilt für Männer wie für Frauen in gleicher Weise. Die (sexuelle) Offenheit der Szene stellten wir bereits fest87. Somit gehört der Anblick wenig oder auch „unbekleideter“ Menschen in einem Schwarzen Club zu den alltäglichen Begebenheiten und löst daher keine sonderliche Verwunderung aus. Dass auch der ungezügelte Alkoholkonsum auf wenig Verständnis trifft, ist wohl auch den ästhetischen Ansprüchen geschuldet, die offenkundig sehr hoch sind. Auch hier findet die vielgelobte Toleranz ihre „natürliche“ Grenze. Das Bestreben nach einer Abgrenzung von Menschen, die weder dem emotionalen Zustand der Schwarzen, noch deren Verhaltensvorstellungen entsprechen, wird 87 siehe 6.2.4 f. von außen als offenkundige Arroganz interpretiert. Diese vermeintliche Arroganz wird von Meisel auf religiöse und magische Traditionen durch die Besetzung der Farbe Schwarz zurückgeführt (Meisel 2005 : 38 f.). Dies setzt jedoch voraus, dass sich die Schwarzen dessen bewusst sind. Viel einleuchtender ist die Erklärung dieser Verhaltensweise aus dem subjektiven Empfinden der Schwarzen, dass sie deshalb überlegen sind, da sie sich wesentlich mehr Gedanken über die Welt und den Sinn des Lebens machen als andere Menschen. Simone (33) spricht von einem „Überlegenheitsgefühl“. „Ich bin was besseres ... die Arroganz ... weil ich mir schon viel mehr Gedanken mache als ihr …“. Auch wenn ich hier sicherlich keine empirischen Daten darüber vorlegen kann, die diese These vollends „beweisen“, so ist es dennoch nicht zu übersehen, dass sich die Schwarze Szene in extremer Weise mit weltumspannenden und existenziellen Themen auseinandersetzt. Große Gothic- Foren wie: Dunkles Leben oder Nachtwelten sind übersät mit Beiträgen, die sich mit solchen Themen auseinandersetzen. In der Gothic- Szene wird Literatur „verarbeitet“, deren Existenz anderer Orts nichtmals zur Kenntnis genommen wird. Philosophie, Psychologie und Gesellschaftswissenschaften gehören zu den Haupt- Interessengebieten Schwarzer Freizeitgestaltung. Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlich tabuisierten Themen wie Krankheit, Tod und Suizid wird nicht gescheut. Die schwarze Musik liefert dazu eindrucksvolle Beispiele: Bitterkeit - L áme Immortelle88 Tief in einer Welt wo Gefühle nichtig sind bin ich eingesperrt vor Haß schon völlig blind. Die Tränen sind die einzgen Zeugen daß ich selbst noch existier Nahe dem letzten Schritt, doch etwas hält mich hier. Überall ist Bitterkeit Verzweiflung und der Tod Blut und totes Fleisch werden unser täglich Brot. Denn überall ist Bitterkeit Verzweiflung und der Tod Blut und totes Fleisch werden unser täglich Brot. Dieser Text von L áme Immortelle gewährt indes nur einen kleinen Einblick. 88 L áme Immortelle: deutsche Dark- Wave- Band Es wird deutlich, dass die Kombination aus einer Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen und einer stetigen Bewältigung von schwierigen Lebensphasen dazu führt, dass durch diesen „Erfahrungsvorsprung“ subjektive Überlegenheit empfunden wird. Um hier auf unseren Ausgangspunkt zurückzukommen, lässt sich also feststellen, dass es sich bei den Schwarzen trotz ihrer offenkundigen Isolationsbestrebungen nicht um eine dissoziale Gruppe handelt. Die Isolation der Schwarzen ist hier jedoch nicht als reine Distinktionsmaßnahme zu verstehen, sondern gleichfalls als ein fortgeschrittenes Symptom der Depression. Fenichel merkt dazu an: „… daß ein depressiver Patient sich oft überaus arrogant verhält und seine Objekte mit dieser Arroganz plagt“. Depressive verlieren gleichfalls die Beziehung zu Objekten und ziehen sich in eine narzisstische Objektwelt zurück. Ihr Leben ist gleichzeitig gekennzeichnet durch verzweifelte Versuche die normale Objektwelt wiederzuerlangen (Fenichel 2005 : 278 f. Bd. Ⅱ). Die offenkundige Introvertiertheit der Schwarzen entspricht somit einem tendenziellen Rückzug aus der „normalen Objektwelt“. _________________ Copyright by A. McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig So Jan 10, 2010 11:54 am | |
| 6.2.6 Hypothese 6 - Kritische Lebensereignisse als Auslöser Wie kommt man in die Gothic- Szene? Diese Frage haben sich schon viele gestellt. Betrachtet man die Studien von Ruthkowski (2004), Schmidt/ Neumann-Braun (2004) und Meisel (2005), so fällt auf, dass der Eintritt in die Szene meist aus einer sehr oberflächlichen Betrachtungsweise her erfolgt. So werden zumeist nur die direkten Begleitumstände erwähnt, die dazu führten, dass man die Szene kennenlernte. Nun ist es logisch, dass es Situationen gegeben haben muss, in denen das „Tor“ zur schwarzen Welt geöffnet wurde. Diese „Öffnung“ geschah in den meisten Fällen durch Bekannte oder Freunde. Allerdings erscheint das an dieser Stelle relativ uninteressant, da es sich hierbei offensichtlich nicht um einen ungewöhnlichen Vorgang handelt. Hier wird indes die Meinung vertreten, dass es ein schwerwiegendes „sekundäres“ Lebensereignis gegeben haben muss, was den Szeneeintritt beschleunigte oder begünstigte. Die Erfahrung zeigt, dass diese Lebensereignisse (Life- Events), welche den Anstoß zum Szeneeintritt gaben, genau jenen entsprechen, die eine depressive Störung hervorrufen können. Der Erforschung des Zusammenhanges zwischen depressiven Erkrankungen und negativen Lebensereignissen hat sich indes schon eine ganze Forschungsrichtung verschrieben. Laut Reck (2001) konnten in über 17 Life- Event-Studien die „Auslösefunktion“ zurückliegender Lebensereignisse (zumeist negativer und belastender Ereignisse) für depressive Erkrankungen belegt werden (Reck 2001 : 59). Dabei wurde festgestellt, dass bei einer depressiven Vorerkrankung die Möglichkeit besteht, bei nachfolgenden kritischen Lebensereignissen wesentlich empfindlicher auf Stressoren zu reagieren als vormals. Somit kann aus einem objektiv relativ „harmlosen“ Ereignis eine weitere depressive Episode erwachsen. Die sog. „erste“(affektive) Depression, deren Ätiologie wir mittlerweile nachvollziehen können, hinterlässt Narben, die eine Prädisposition für zukünftige Episoden darstellen (Reck 2001 : 79). Was sind indes negative Lebensereignisse? Zunächst sicherlich traumatische Erfahrungen, von denen bereits des öfteren die Rede war. Ein Trauma ist im psychologischen Sinne eine nicht beherrschbare Reizüberflutung. Dabei ist eine traumatische Erfahrung stets „relativ“. Ein Trauma bedeutet nichts anderes als dass die Psyche unfähig ist, mit den einströmenden Reizen fertig zu werden (Fenichel 2005 : 169 Bd. Ⅰ). Es gibt Reize, die dermassen überwältigend sind, dass sie auf beinahe jeden eine traumatische Wirkung haben. Traumata können infolge zu psychischen Störungen, also auch zu Depressionen führen. Entsprechende Symptome der Erkrankung aufgrund eines Traumas können z.B. starke (sexuelle) Hemmungen sein, wie im Falle von Sarah (36) und Katja (22). In Katjas Biografie finden sich gleich mehrere Anhaltspunkte für die Feststellung traumatischer Erfahrungen. Als Katja 11 Jahre ist, trennen sich ihre Eltern. Die ohnehin schon verarmte emotionale Beziehung zu ihren Eltern, ihr einziger emotionaler Halt, zerbricht. In direkter Folge beginnt Katja sich selbst zu verletzen und begeht einen Suizidversuch. Dies ist zweifellos eine traumatische Erfahrung. Als Katja ins Heim kommt, beginnt sie harte Drogen zu nehmen. Auf die Frage nach ihrem traurigsten Erlebnis berichtet Katja von einem Mädchen im Heim, dass sich umgebracht hat. Eine nächste traumatische Erfahrung. Als das Gespräch auf weitere einschneidende Erlebnisse in ihrem Leben zu sprechen kommt, blockt sie ab: „Die sind aber zu privat, zu persönlich“. Wie schon anderenorts erwähnt, hegte ich auch aufgrund der angemerkten sexuellen Hemmungen den Verdacht eines sexuellen Missbrauches. Dieser müsste aber aufgrund ihrer Erzählungen in die Zeit gefallen sein, nachdem sie bereits im Heim war. Die Art, wie Katja von ihrer Zeit zu Hause sprach, liefert keine Anhaltspunkte dafür, dass ein eventueller Missbrauch im Elternhaus stattgefunden hat. Ist der letztere Punkt sicherlich noch etwas spekulativ, so fällt auf, dass Katjas Erstkontakt mit der Schwarzen Szene ziemlich genau in ihre schwerste Lebensphase fällt. Betrachten wir erneut Sarahs (36) Lebensgeschichte: Im Alter von 11 Jahren wird sie vom Vater sexuell missbraucht. Der Vater stirbt kurze Zeit später im Alter von 36 Jahren. Sarah ist „froh, dass er tot ist“. Mit 15 Jahren hört sie zwar schon Schwarze Musik, ist sich dessen aber noch nicht bewusst. Mit 18 Jahren heiratet Sarah und wird fortwährend körperlich und sexuell misshandelt. Nach überstandener Trennungsphase mit erheblichen Ablösungsschwierigkeiten, lernt Sarah ihren 2. Ehemann kennen, der sie mit der Szene in Kontakt bringt. Auch bei Sarah finden sich zweifellos traumatische Erfahrungen, die infolge den „letzten Anstoß“ für den Übergang in die Szene liefern. Auch bei Anna (29) zeigten sich ähnlich traumatische Erfahrungen. Auch sie wird im Alter von 11 Jahren vom Vater missbraucht und gerät daraufhin „aus dem Ruder“. Anna schafft es mit Hilfe ihrer neu begonnenen Ausbildung, ihrem Elternhaus und dem dörflichen Umfeld den Rücken zu kehren und erhält hier in städtischer Umgebung erstmals die Gelegenheit die Schwarze Szene kennenzulernen. Das bereits zuvor latent vorhandene Interesse an Schwarzer Musik tritt nun ins Bewusstsein. Dieses Phänomen ist im Übrigen bei allen Biografien festzustellen. Vor dem „bewussten“ Verkehren in der Schwarzen Szene, existierte stets latent und unbewusst eine Affinität zu Schwarzer Musik. Heinz (42) lernt die Schwarze Szene durch seine erste Freundin kennen, die trotz ihres Alters (15) bereits in der Szene verkehrt. Heinz fühlt sich hier sofort verstanden. Für Heinz hat die Szene auch die Funktion einer Ausbruchsmöglichkeit aus der Enge seines Elternhauses. Nach der schmerzhaften Trennung von seiner Freundin, die gleichfalls eine traumatische Erfahrung für ihn bedeutet, rutscht er zunehmend mehr in die Drogenszene ab. Als er später heiratet, wiederholt sich dieses Trauma in Form einer wiederum schmerzhaften Trennung, die bis heute nicht vollständig überwunden ist. Gleichfalls bewirken diese traumatischen Erfahrungen eine Verfestigung seines „Schwarzen“ Lebensgefühles. Bei Hans (32) fallen ebenfalls mehrere Lebensereignisse ins Auge, die traumatisch gewirkt haben dürften. Im Alter von 14 Jahren verlassen Hans, sein Bruder und seine Mutter, nur mit wenigen Habseligkeiten ausgestattet, ihre Heimat und reisen im August 1989 nach Westdeutschland aus. Diese Erfahrung prägte Hans nachhaltig: „Krass war die Ausreise nach Westdeutschland, die für mich ein richtiger Kulturschock war“. Dass dieses Ereignis für Hans eine „belastende, angsterzeugende Situation“(Diem-Ville 1994 : 85) darstellt, ist nachvollziehbar. Auch „Entwurzelungen“ können die Stabilität der psychischen Organisation gefährden, da dies auch stets ein Verlust einer Vielzahl von Liebesobjekten bedeuten kann (Diem-Ville 1994 : 87). Hans (32): „Ja meine Schulzeit in Berlin war eigentlich ganz schön. Ich war ja auch 7 Jahre in der selben Klasse“. Es liegt nahe, dass Hans in diesen 7 Jahren eine Vielzahl von Objektbeziehungen aufgebaut hat, die nun abrupt abgebrochen wurden. Bedenkt man die ohnehin mangelhaften primären Objektbeziehungen, dann wiegt diese Tatsache deutlich schwerer. Als Hans in die neue Schule kommt, beginnt für ihn eine sehr schwere Zeit: „Der erste Schultag dort war ein richtiger Albtraum. Ich hatte Angst, war ich schliesslich 7 Jahre nur in eine Klasse gegangen“. „Die Zeit in der Schule war ziemlich übel. ich wurde ständig gehänselt, weil ich aus dem Osten kam“. Das „Hänseln“ ist im Übrigen eine Problematik, die sich durch sämtliche Biografien zu ziehen scheint. Alle Befragten wurden stets in irgendeiner Art und Weise als Außenseiter betrachtet. Dieses ist ein weiterer Grund, infolge dessen der „Rückzug“ in die Schwarze Szene erfolgte. Diese Gemeinsamkeiten wurden auch von anderen Autoren89 festgestellt. Somit decken sich diese Aussagen mit den Erkenntnissen dieser Studie. Die nächste traumatische Erfahrung ist bei Hans in einem Alter von etwa 27 Jahren auszumachen. Die Trennung von seiner ersten langjährigen Freundin wird von ihm gleichfalls als „einschneidenstes“ Erlebnis empfunden. „ Ja das traurigste und einschneidendste Erlebnis war die Trennung von Anke90 und meiner Tochter. Wir waren über 7 Jahre zusammen. Es war die erste. Als es vorbei war, dachte ich die Welt geht unter und ich werd nie mehr eine Freundin finden“. Hier ist auch wiederum interessant, dass direkt nach dieser Zeit der Kontakt zur Szene entstand. Wir sehen also, dass in vielen Fällen eine deutliche Korrelation zwischen auftretenden Lebensereignissen und dem Szeneeintritt besteht. Ein Beispiel aus dem Gothic- Forum Dunkles Leben: Arsenia (31, weiblich): „Als ich dann mit 12 meine Mutter quasi verloren habe, hat sich das dann noch verstärkt. Ich fing an schwarz zu trage und eben Hauptsächlich dunkle Kleidung und wurde immer in mich gekehrter. Dann kam ich in so eine Art Teufelskreis, da ich den Verlust meiner Mutter nicht verkraftet hatte und ich nicht das Gefühl hatte das mir jemand zur Seite stand, kapselte ich mich immer mehr ab und wurde immer stiller und wurde aus dem Grund immer mehr gemieden“(http://www.dunkles-leben.de/forum/ viewtopic.php?t=5854, 28.09.2008). Arsenia kommt im Alter von 15 Jahren in Kontakt mit der Szene. Auch bei Nicole (31) fällt ein belastendes Lebensereignis ins Auge. Nicoles Mutter stirbt an einer Lungenembolie, als Nicole 14 Jahre alt ist. Nicole kommt allerdings erst ca. 9 Jahre später durch einen Freund mit der Szene in Kontakt. Bei Peter (33) sind belastende Lebensereignisse nur sehr schwerlich auszumachen. Es kommt aber zum Ausdruck, dass er ebenfalls stark unter Trennungen leidet. Dies scheint in besonderer Weise eine Frau zu betreffen, die 89 Ruthkowski u.a. 90 Name vom Verfasser geändert ihn nach längerer Zeit „verarscht“ und „abserviert“ hat. Peter berichtet, dass er sich in dieser Beziehung vollständig aufgegeben hat. „Das war das Innigste, was ich je hatte“. In Folge dieser gescheiterten Beziehung beginnt er, in späteren Beziehungen seine Emotionen zu unterdrücken. Da wir bereits feststellten, dass Peter starke Schwierigkeiten damit hat, seine Gefühle zu äußern, ist davon auszugehen, dass er diesen Mangel im Elternhaus erworben hat. Die Tatsache, dass er, nachdem er einmal aus sich herausgegangen und dabei gescheitert ist, verstärkt seine Einstellung, Gefühle unterdrücken zu müssen. Für Peter hat daher die Musik auch die Funktion eines Mediums, was ihm erlaubt „ungestraft“ Gefühle auszudrücken. Gleiches gilt für Simone (33), die deutlich zu erkennen gibt, dass hinter ihrer „selbstbewussten Maske“ ein Mensch steckt, der zu Hause nie gelernt hat, seine Gefühle nach außen zu kehren. In unserem Gespräch waren bereits ganz am Anfang Tendenzen zu spüren, die erkennen ließen, dass sich Simone auf einer sehr rationalen Ebene bewegt. Auf den ersten Blick macht sie den Eindruck einer sehr „starken“ und selbstbewussten Frau. Später kommt indes zum Vorschein, dass sie stets versucht „unangenehme“ Emotionen zu verbergen. Das Schlimmste was ihr passieren kann, ist wie sie sagt, dass sie in der Öffentlichkeit anfängt „zu weinen“. Erhebliche Ablösungsschwierigkeiten von emotionalen Partnerbeziehungen lassen gleichfalls vermuten, dass durchaus starke emotionale Bedürfnisse verspürt wurden. Simone sagt, dass sie sehr schnell anfängt zu weinen. Die Vehemenz, mit der sie sich gegen diese Gefühlsregung wehrt, deutet darauf hin, dass in ihrem Elternhaus entsprechende Gefühle stark unterdrückt wurden. Wenn wir bedenken, dass die Ausbildung des kindlichen Über- Ichs durch Identifikation mit den Eltern geschieht, so wird dies um so einleuchtender. So kommt also auch bei Simone deutlich zum Vorschein, dass die Musik die Funktion eines entsprechenden Mediums übernimmt. Wir sehen auch an diesen Beispielen, warum sich Menschen der Schwarzen Szene zuwenden. Hier können sie ohne „schlechtes Gewissen“ ihre Gefühle nach außen kehren. Es zeigt sich also dass, ein zuvor durchlebtes negatives Lebensereignis keine unabdingbare Vorraussetzung dafür ist, dass man früher oder später in der Schwarzen Szene „abgleitet“. Negative Lebensereignisse verstärken vielmehr vorangegangene Frustrationserfahrungen oder reaktivieren solche. Geben wir allerdings zu bedenken, dass der Entzug von Zuneigung durch wichtige Bezugspersonen bereits ein Trauma darstellt, so relativiert sich hier die Kategorisierung des Begriffes „Life-Event“. Betrachten wir nochmals den Zusammenhang zwischen depressiven Störungen und Lebensereignissen: Reck (2001) stellt fest „… dass weniger als 10% aller Personen, die ein Verlustereignis erlebten, tatsächlich eine Depression entwickelten (Reck 2001 : 7). Demzufolge relativiert sich das Risiko durch solch ein Ereignis depressiv zu erkranken auf 10%. Übertragen wir diese Erkenntnisse auf die Schwarze Szene, so wird deutlich, dass dem negativen Lebensereignis zwar ein Faktor bei der Entstehung der Depression zukommt, dieser jedoch nicht einzig dafür verantwortlich sein kann. Im Begriff der endogenen Depression, der in modernen Klassifikationssystemen (ICD, DSM) nicht mehr gebraucht wird, kommt per Definition das Fehlen von entsprechenden Life- Events zum Ausdruck. Wie sich gezeigt hat, bereitet die Feststellung eines fehlenden negativen Lebensereignisses größere Schwierigkeiten. Wie soll man völlig ausschließen, dass sich in einer Lebensgeschichte nicht irgendwo ein Trauma verbirgt, welches auch durch eine umfassende Anamnese nicht zu greifen ist? Diese Problematik ist auch einer der Gründe, warum der Begriff des Endogenen (unklare Ursache) heute zunehmend verschwindet. Welche Vulnarabilitätsfaktoren werden also für die Entstehung depressiver Störungen verantwortlich gemacht? (Reck 2001 : 22) zitiert nach Bowlby (1980): 1. Das Fehlen einer stabilen Beziehung zu den Eltern 2. Die Vermittlung des Gefühls nicht liebenswert, inadäquat und inkompetent zu sein 3. Der Verlust eines Elternteils Auch hier ergeben sich also Übereinstimmungen mit voranstehenden Erkenntnissen. Die „Durchschlagsfähigkeit“(Fenichel 2005 : 181 Bd. Ⅰ) eines negativen Lebensereignisses ist also von der individuellen psychischen Konstitution abhängig. Die o.g. Vulnarabilitätsfaktoren bestimmen also, ob ein traumatisches Erlebnis in einer Depression dekompensiert oder nicht. An Verlusterfahrungen indes mangelt es den Schwarzen keineswegs. Dies betrifft nicht nur unmittelbare Verluste der primären Liebesobjekte, sei es nun durch Tod oder emotionalen „Totalausfall“, sondern gleichfalls wichtige Partnerbeziehungen. Wie erwähnt, haben diese Partnerbeziehungen häufig die Funktion, fehlende Objektbeziehungen zu kompensieren, was sie natürlich nur sehr begrenzt können. Zu den daraus resultierenden überhöhten Ansprüchen an den Partner ist bereits genügend gesagt worden91. Aufgrund dieser Konstellation lässt sich leicht erahnen, welche fatalen Konsequenzen der Verlust dieser Menschen haben kann. Verlustereignisse dieser Art sieht Loch (1986) als eine der proximalen Ursachen für die in dieser Zeit entstehenden neurotischen und psychotischen Entwicklungen (Loch 1986 : 104). Ein Indiz für die Wichtigkeit dieser Objektbeziehungen und ein Hinweis darauf, warum sich Schwarze so häufig mit dem Tod auseinandersetzen, ist die Bestrebung im Tod mit dem verlorenen Objekt wieder vereint zu sein. Dies ist ein immer wiederkehrendes Thema in der Schwarzen Musik. Blass Blaue Lippen - Eisregen92 Und ich küsse dich ein weiteres Mal Bitteres Leichenwasser netzt meine Haut Und ich küsse deinen faulenden Leib... Nur die blassblauen Lippen In den Ruinen deines Engelsgesichts Diese Lippen, die der Tod versiegelt hält Die niemals mehr meinen Namen nennen In denen das Leben längst fehlt... 91 siehe 6.2.1.1 92 Eisregen: deutsche Dark- Wave- Band Jetzt sind die Gifte längst tief in mir Dein gasender Leib, er tötet auch mich Ich bin so schwach, kann mich kaum mehr rühren Bald werden wir wieder zusammen sein… Schenk mir den Tod, ich hab ihn verdient.. _________________ Copyright by A. McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig So Jan 10, 2010 11:55 am | |
| 6.2.6.1 Zur Vererbung Werden Depressionen nun vererbt oder nicht? Selbstredend gibt es auch zu diesem Thema einige kontroverse Diskussionen. Fest steht: Je höher der Erbfaktor, um so geringer die „Schuld“ der Eltern. Zunächst mag sich mancher am Begriff der „Schuld“ stören, setzte dies gewissermaßen voraus, dass Eltern ihre Kinder „bewusst“ vernachlässigen. Badinter (1982) nimmt hier zunächst die Mütter in Schutz: „Damit nämlich eine Frau die von der Psychoanalyse gewünschte „gute Mutter“ sein kann, sollte sie in ihrer Kindheit eine befriedigende sexuelle und psychologische Entwicklung durchgemacht haben, und zwar bei einer Mutter, die ihrerseits relativ ausgeglichen war“ (Badinter 1982 : 237). Nun ist diese Anmerkung zweifellos richtig. Somit sollen vorangegangene Erkenntnisse nicht dazu dienen, Frauen anzuklagen, die ihrerseits keine „gesunde“ Erziehung genossen haben. Wir wissen, dass Kinder in der Vergangenheit weitaus mehr „zu leiden“ hatten als gegenwärtig. Der folgende Satz DeMauses (1977) verdeutlicht dies eindrucksvoll: „Die Geschichte der Kindheit ist ein Alptraum, aus dem wir gerade erst erwachen. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto unzureichender wird die Pflege der Kinder, die Fürsorge für sie, und desto grösser die Wahrscheinlichkeit, daß Kinder getötet, ausgesetzt, geschlagen, gequält und sexuell mißbraucht wurden“(DeMause 1977 : 12). Wissen wir also um die Schwierigkeiten der psychosexuellen weiblichen Entwicklung in der Vergangenheit, kann dies dennoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass eigene negative Erfahrungen offensichtlich nicht reflektiert, oder im positiven Sinne umgesetzt wurden. Fakt ist, dass diese Mütter ihren Kindern, warum auch immer, nicht jenes geben konnten, was diese gebraucht hätten. Dies lässt sich nicht wegdiskutieren. Kommen wir zurück zur Vererbung. Lemp (1967) vertritt die Auffassung, dass wahrscheinlich nur eine „humoral und neuropsychologisch vorgeprägte Reaktionsbereitschaft, die eines auslösenden und prägenden Milieus bedarf“, vererbt wird (Lemp 1967 : 20). Somit geht er davon aus, dass vorwiegend somatische Faktoren vererbt werden können und glaubt, dass nicht anzunehmen ist, dass dies bei psychischen Krankheiten auf die selbe Weise zu interpretieren ist. Vielmehr geht er davon aus, dass nur eine „negative psychische Potenz“(Lemp 1967 : 24) weitervererbt wird, die sich erst später unter bestimmten Umweltbedingungen ausbilden kann. Man geht allerdings zunächst auch von einer erblichen Neurosepotenz aus, deren Verhältnis zur milieureaktiven Neurose noch nicht endgültig geklärt ist. Die Schwierigkeit besteht in der Tatsache, dass das prägende Milieu, i.d.R. die Eltern, auch die Träger des Erbgutes sind und es daher schwer möglich ist, auch durch die zeitliche Nähe von Geburt und Prägephase, die Vererblichkeit, oder auch nicht, zweifelsfrei festzustellen. Nichtsdestotrotz stellen Volk, Travers und Neubig (1998) fest, dass man von einer „genetischen Disposition“, besonders bei bipolaren Erkrankungen ausgehen kann (Volk, Travers, Neubig 1998 : 78). Zu den bipolaren Erkrankungen zählt z.B. die bipolare affektive Störung (ICD- 10 F.31), deren Symptome zwischen manischem und depressivem Verhalten wechseln. Die Lage scheint also nicht geklärt. Zu diesem Zweck beschäftigt sich seit Jahren die Zwillingsforschung mit dieser Problematik. Eine Studie des Norwegers (Sundet 1981) wies nach, dass beispielsweise Intelligenz sehr stark durch genetische Faktoren beeinflusst wird (Friedrich/ Kabat vel Job 1986 : 44). Jedoch erwies sich gleichfalls, dass in Gesellschaften, die keine Chancengleichheit bieten, Umwelteinflüsse von gravierenderer Bedeutung sind als die genetischen Unterschiede. Somit reduziert sich damit auch der Erblichkeitsfaktor. Eine ebenfalls norwegische Studie (Kringelen 1967) ergab für manisch depressive Erkrankungen Konkordanzraten von 33% (Friedrich/Kabat vel Job 1986 : 150) und bei weniger starken affektiven Störungen Konkordanzraten bis zu 66%, was auf einen recht hohen Erblichkeitsfaktor dieser Erkrankungen indiziert . Studien von Allen (1976), Bertelsen (1977) und Torgesen (1980) (gleichfalls Norweger) bestätigen diese Tendenz. Die hier so bezeichneten endogenen (also vermutlich „anlasslosen“) Depressionen sind mit einem recht hohen Erblichkeitsfaktor behaftet, während sog. exogene (äußere Ursachen) Depressionen häufig persönlichkeitsdeterminierte Reaktionen auf die Umwelt sein können (Friedrich/Kabat vel Job 1986 : 151). Die Zyklothymie (ICD-10 F. 43.0) beispielsweise, weist einen sehr hohen Erblichkeitsfaktor auf, während bei depressiven Anpassungsstörungen (ICD-10 F 43.2) keine erblichen Zusammenhänge nachgewiesen werden konnten (Friedrich/Kabat vel Job 1986 : 152). Die Studien ergaben, dass bei eineiigen Zwillingen die Konkordanzraten höher sind, als bei zweieiigen(etwa doppelt so hoch). Festzustellen bleibt, dass die jeweiligen Angaben verschiedener Autoren stark variieren. So vertreten Hurrelmann und Bründel (2003) die Meinung, dass in etwa die Hälfte der Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltenseigenschaften eines Kindes auf seine genetische Ausstattung zurückzuführen sind. Die andere Hälfte wird den Umweltfaktoren zugeschrieben (Hurrelmann/Bründel 2003 : 14). Diese Schätzungen von Seiten der Sozialwissenschaft scheinen angesichts der obigen Studien etwas überhöht. Dies bedeutet jedoch nicht, dass ihre Ansicht nicht zutreffend sein könnte. Bei aller Vorsicht gegenüber den bisherigen Erkenntnissen der Zwillingsforschung lässt sich dennoch ein erheblicher Erblichkeitsfaktor (wahrscheinlich über 30%) vermuten. Nun ist die Frage, ob sich in den Biografien unserer Interviewpartner Erblichkeitsfaktoren finden lassen. Bei Sarah (36) scheint dies recht eindeutig zu klären sein. Ihre Großmutter (mütterlicherseits) ist nach ihren Angaben manisch-depressiv (ICD- 10 F.31), ihr Großvater (mütterlicherseits) Alkoholiker (DSM-Ⅳ abuse 305.00) und ihr Onkel (mütterlicherseits) ist schizophren (ICD-10 F.20). Sarahs Mutter ist den Beschreibungen nach zu urteilen zumindest neurotisch. Da bei Sarah bereits eine Anpassungsstörung (ICD-10 F 43.2) diagnostiziert wurde und aufgrund der Symptomlage eine zumindest leichte depressive Episode (ICD-10 F.32.0) indiziert scheint, kann in diesem Fall von einem eindeutigen Erbfaktor ausgegangen werden. Bei Katja (22) scheint ein Erbfaktor ihrer depressiven Erkrankung schwerer nachzuweisen sein. Ihr Vater könnte aufgrund der beschriebenen anhaltenden Verhaltenszüge ebenfalls unter Depressionen gelitten haben. Katja beschreibt ihn als sehr introvertiert, in sich gekehrt, sozialscheu und abweisend. Sein Verhalten war von einer ausgeprägten Ambivalenz gekennzeichnet. „So war mein Papa ... also voller Widersprüche ... hat immer mehr in seiner eigenen Welt gelebt“. Ein Erbfaktor lässt sich in diesem Fall zumindest nicht ausschließen. Bei Simone (33) lassen sich aufgrund ihrer Schilderungen keine depressiven Erkrankungen im Umfeld ihrer Familie ausmachen. Gleiches gilt für Peter (33), Heinz (42), Anna (29) und Nicole (31). Bei Hans (32) finden sich indes Anhaltspunkte einer Erblichkeit seiner Zyklothymie. Hans über seine Mutter: „Sie ist ein recht melancholischer und sehr nachdenklicher Mensch“. „Meine Mutter deutete so etwas im Gespräch mal an und man kann es auch spüren“. Hans über seinen Vater: „Ja, mein Vater ist wie gesagt ziemlich egoistisch und exzentrisch. Er ist ein sehr nachdenklicher und melancholischer Mensch. Aber kein Wunder bei der Kindheit …“. In diesem Fall scheint eine Erblichkeit gegeben. Interessant ist dabei eine Anmerkung von Hans, die diesen Zusammenhang verdeutlicht. „Ich habe mich auch mal gefragt, warum ich als kleiner Junge schon immer meine Matchboxautos schwarz gepinselt habe. Das ist auch irgendwie nicht normal, oder?“. Dunkelfussel (18, weiblich): „Das hat auch alles sicher seine Gründe, die wirklich schwer zu beschreiben sind.. meine Mutter war (ist?) psychisch schwer krank und ich hab eben einiges durchgemacht in der Kindheit, was mich und mein ganzes Leben geprägt und in falsche Bahnen gelenkt hat. Selber war ich fast ein Jahr in Behandlung weil man nach Jahren der Misshandlung will ich mal sagen, endlich was gemerkt hatte … „Ich schäm mich jetzt schon ziemlich, das hier aufzuschreiben, weil ich einfach glaube dass das keiner hören will“(http://www.dunkles-leben.de/forum/viewtopic.php?t=4335, 10.08.2008). Wir sehen auch an diesem Beitrag den erblichen Zusammenhang sowie den Hinweis auf die traumatische Erfahrung. Eine Erblichkeit scheint also in vielen Fällen gegeben zu sein, wobei man selbst entscheiden mag, ob nicht vielleicht eher die traumatischen Erlebnisse den Ausschlag bei der Entstehung einer depressiven Störung gegeben haben. _________________ Copyright by A. McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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| 6.2.7 Hypothese 7 - Lebenslang Schwarz Ist die Gothic-Szene eine Jugendszene? Diese Frage ist nicht ganz leicht zu beantworten. Betrachten wir die rechtlich relevante Altersgrenze von 18 Jahren, so ist hier sicherlich nicht von einer Jugendszene zu sprechen, wenn der Altersdurchschnitt bei etwa 24 Jahren liegt93. Da wir hier aber in einem sozialwissenschaftlichen Kontext argumentieren, müssen wir uns folglich an einer weniger rigorosen Altersgrenze orientieren. Wie schon am Anfang dieser Arbeit erwähnt, wird in der Shell Jugendstudie94 eine Altersgrenze von 25 Jahren zur Arbeitsgrundlage erhoben. Dies nötigt uns auch hier einen größeren Spielraum einzuräumen. In Ermangelung verbindlich definierter Altersgrenzen, sollten wir zunächst überlegen, was mit dem Begriff Jugendszene ausgedrückt werden soll. Ist es eine Szene ausschließlich für Jugendliche? Das sicherlich nicht. Auch die Techno-Szene ist keine, ausschließlich Jugendlichen vorbehaltene Szene. Eichler (2007) bemerkt, „...dass sich Techno von einer Jugendszene zu einer an bestimmten kulturellen Anknüpfungspunkten orientierten Szene gewandelt hat“(Eichler 2007 : 3) und stellt fest, dass ihre Anhänger mittlerweile ein Durchschnittsalter von Anfang 20 erreicht haben. Dieses „Älterwerden“ von Szene- Mitgliedern ist sicher ein nicht zu verhindernder Umstand, was uns indes zu der Frage bringt, ob die Szene nun den Rest des Lebens als „Heimathafen“ angesehen werden kann. Es steht freilich außer Frage, dass es mittlerweile einen größeren Prozentsatz von Menschen gibt, die sich auch mit 40 Jahren noch der Techno-Szene zurechnen würden. Die Frage ist allerdings, ob eine allgemeine „Feierkultur“ im Fall der Techno-Szene ausreicht, um lebenslange emotionale Verbindungen zum Publikum zu schaffen. Angesichts des (äußerst vorsichtig ausgedrückt) „dürftigen“ kulturellen und weltanschaulichen Hintergrunds der Techno- Szene, kann dies hier getrost bezweifelt werden. Der Techno-Szene fehlt der tiefgründige, emotionale Zusammenhalt. Und mit „emotionalem Zusammenhalt“ ist nicht gemeint, dass man zusammen „abtanzt“ und sich seines Lebens freut. Betrachten wir die Gemeinsamkeiten, die alle Schwarzen zu einen scheinen, so kommt uns diese Art des Zusammenhaltes deutlich 93 siehe 3.2.1.3 94 siehe 3.1.3 überzeugender vor. Im Hinblick auf die Familienbiografien der Schwarzen wird sehr deutlich, dass sich die emotionale Qualität der Gothic-Szene auf einem völlig anderen, Niveau bewegt. Bedenken wir des Weiteren, dass Schwarze Musik eben nicht vorrangig dem Feiern dient, sondern vielmehr der Bewältigung von „Trauer, Melancholie, Depression, sozialem und individuellem Tod (Helsper 1992 : 213), dann wird deutlich, dass aufgrund dieser daraus resultierenden seelischen Belastungen, diese Funktion lebenslang aufrechterhalten werden muss. Schwarze Musik wirkt analog einem „Medikament“, was zwar nicht heilt, aber dennoch hilft mit der „Krankheit“ zu leben. Sicherlich ist es schwierig vorauszusagen, ob unsere Interviewpartner auch in 20 Jahren noch Schwarze Musik hören werden. Es gibt für mich indes keinen Grund dies hier anzuzweifeln. Hans (32) auf genau diese Frage: „Ja, ich glaube dass ich die Musik ewig hören werde, weil sie einfach am besten zu mir passt. Ich bin halt so. Sie drückt genau das aus, was ich fühle. Warum sollte sich das ändern?“. Peter (33): „Nein, ich werd mir die bis zum Ende meines Lebens anhören … ich brech da nicht mehr aus …“. Simone (33): „Ich glaube nicht das ich davon wegkomme …“. Nicole (31): „Ja ich glaube ich werde diese Musik ewig hören, sie ist mir schon längst ins Blut gegangen“. Der hohe Identifizierungsgrad dieser Musik hängt vor allem mit ihrer emotionalen Qualität zusammen. Katja (22) verdeutlicht dies nochmals in ihren Ausführungen: „Eine Möglichkeit mich zu identifizieren … anders zu sein, aber irgendwie dazuzugehören ... ich find mich darin wieder... was ich selber so in mir fühle... so Stimmungsschwankungen, so Traurigkeit, Zerrissenheit, die haben da Platz. Durch das Schwarz-Sein kriegen sie ihre Daseinsberechtigung, die sie verdienen. Das wird auch alles so verneint ... . Ich möchte auch glücklich sein, natürlich, aber zum glücklich sein gehört auch Traurigkeit dazu, und traurig sein zu dürfen … auch Melancholie und Wut, oder das Weltentrückte …“. Es sollte also deutlich geworden sein, wie eng melancholischer Typus und Schwarze Musik miteinander verwoben sind. Die Gothic-Szene existiert mittlerweile seit fast 30 Jahren, und nicht alle Schwarzen, die seit dieser Zeit in der Szene verkehren, gehen noch regelmäßig in Schwarze Clubs. Schwarzes Lebensgefühl, das „Goth-Sein“ hat wenig damit zu tun, ob man noch zu jedem Festival geht, oder jedes Wochenende in den Clubs verbringt. Die Zusammengehörigkeit existiert auf einer Ebene, die weit über die des „konstituierten Events“(Gebhardt 2006 : 5 f.) hinausgeht. Demzufolge halte ich den Begriff der „Teilzeitvergemeinschaftung“ in diesem Fall für nicht angebracht. Berücksichtigen wir noch den Umstand, dass die Schwarzen in ausdrücklicher Art und Weise auf ihrem Status als Individuum beharren, und dies nicht nur gegenüber der „bunten“ Gesellschaft, sondern auch gegenüber ihresgleichen tun, so wird die Bedeutung der emotionalen Verbindung untereinander, trotz dieser Diffusionsbemühungen zunehmend wichtiger, wenn man die gesellschaftliche Entwicklung berücksichtigt, die sich zunehmend durch gerade diese Diffusionsbemühungen hervortut. Obwohl die Schwarzen ihre Priorität von „kollektiver Identifizierung“ zu „individueller Unterscheidung“ verschieben (Helsper 1992 : 246), werden sie doch stets auf emotionaler Ebene geeint bleiben, auch wenn sich dies häufig ihrem Bewusstsein entzieht. Stellen wir nachfolgend also fest, dass die Anwendung des Begriffes Jugendszene im Falle der Schwarzen Szene erhebliche Schwierigkeiten bereitet und daher durch den allgemeinen Szene-Begriff ersetzt werden sollte. Sinnvoller erscheint auch, den Begriff der Szene zugunsten des Subkultur- Begriffes fallenzulassen. Was ist eine Subkultur, wenn nicht die Gothic-Szene? _________________ Copyright by A. McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig So Jan 10, 2010 11:57 am | |
| 6.2.8 Theorien zum Szeneeintritt Im Laufe dieser Arbeit haben wir uns vornehmlich damit beschäftigt, welche individualpsychologischen Gründe es dafür gegeben haben mag, in die schwarze Szene einzutreten. Da diese Beweggründe bisher nicht näher untersucht worden sind, war es nun an der Zeit, dies hier zu tun. Nun wollen wir indes nicht unterschlagen, dass es sicherlich einige weitere Faktoren dafür gab, schlussendlich in die Szene zu gelangen. Was bereits angedeutet wurde, ist die Tatsache, dass die meisten unserer Interviewpartner in ihrer Schulzeit eine Außenseiterposition einnahmen95. Die Häufigkeit, mit der diese Gemeinsamkeit auftritt, lässt es wiederum möglich erscheinen, diese exemplarischen Fälle im Sinne der qualitativen Analyse induktiv als wahrscheinlich erscheinen zu lassen. Hier ein paar Beispiele: Simone (33) wurde ab der 8. Klasse permanent gehänselt, so dass sie „permanent heulend nach Hause“ kam. Simone vermutete, weil sie , „ … rothaarig, dick“ oder „gut in der Schule“ war. Nur ein Schulwechsel half. Auch bei Sarah (36) gestaltete sich die Situation nicht anders: „Ich war immer so das hässliche Entchen, immer klein und zierlich … bin eigentlich auch immer gehänselt worden … meine Schulzeit war grausam … meine Mutter hatte keine Zeit für meine Probleme“. Hans (32): „Die Zeit in der Schule war ziemlich übel. ich wurde ständig gehänselt, weil ich aus dem Osten kam“. Wir sehen an diesen Beispielen, die sich auch mit Hilfe der Studien anderer Autoren endlos fortführen ließen, dass zu der im Einzelfall ohnehin stark belastenden familiären Situation, noch dieser weitere Belastungsfaktor hinzu kommt. Somit wird sicherlich ein weiterer Grundstein dafür gelegt, sich in Folge zunehmend zu isolieren. „Wir sind Aussenseiter, missverstanden von jenen, die alle gewöhnlichen Dinge für akzeptabel halten“ (Monica Richards (Faith and the Muse)) in: (Matzke/ Seeliger 2002 : 16). Ein weiterer Grund, sich der Szene zuzuwenden, ist der „Ausbruch … aus dem religiös und sozial kontrollieren Lebensraum“(Farin 1999 : 43). Dieser Umstand zeigt sich z.B. auch im Falle von Heinz (42), der die erdrückende „Verhätschelung“ seiner Mutter nicht mehr ertragen kann, und sich daher zunehmend seine Freiräume sucht und diese in der Szene findet. Nun sind dies sicherlich Faktoren, die eine gewisse Rolle spielen. Betrachtet man diese milieureaktiven Verhaltensweisen jedoch isoliert, wie dies häufig getan wird, dann greifen diese so gewonnenen Theorien zum Szeneeintritt zu kurz. Helsper (1992) beweist in seiner Arbeit, dass er über die nötige soziologische Weitsicht verfügt, die manch anderen Autoren offenkundig fehlt. Es sind eben nicht hauptsächlich adoleszente Krisen, schulische Probleme, der Verlust 95 siehe 6.2.6 nahestehender Menschen, oder das Ende erster Liebesbeziehungen, die den Eintritt in die Szene bestimmen (Helsper 1992 : 238), was im wesentlichen der „Life-Event-Theorie“ entspricht, sondern vor allem primäre Verlust- und Mangelerfahrungen, die eine entsprechende Konstitution erst ermöglichten. Die folgenden Milieuerfahrungen, sind nur weitere „Tropfen“, die das „Fass“ zum „Überlaufen“ bringen. Es gibt sicherlich auch Theorien, die besagen, dass sozial determinierte Negativerfahrungen in Folge der daraus resultierenden sozialen Überforderung, zu entsprechenden neurotischen Symptomen führen (Lorenz/ Leyhausen 1969 : 165), wie wir sie bereits ausführlich beschrieben haben. Jedoch müssen wir im Falle der Schwarzen Szene eher davon ausgehen, dass diese milieureaktiven Verhaltensweisen nur Faktoren waren, die auf eine prädisponierte, psychisch labile Konstitution trafen, und in deren Folge, der „Stein“ ins „Rollen“ kam. Zusammenfassend lassen sich drei Faktoren feststellen, die in unterschiedlicher Weise zum Eintritt in die Szene führen: 1. Die frühkindliche Mangelerfahrung96 2. Nachhaltig wirkende Lebensereignisse und traumatische Erfahrungen97 3. Die unmittelbare Möglichkeit, Zugang zur Szene zu erhalten Diese drei Faktoren sind unterschiedlich zu bewerten. Während der Faktor 2 keine unbedingt notwendige, allerdings in der Mehrzahl zutreffende Bedingung zum Eintritt in die Szene darstellt, ist der Faktor 1 hier in Folge meiner Analyse als „gesetzt“, somit als notwendig zu betrachten. Der Faktor 1 ist also die notwendige Vorraussetzung, um überhaupt für die Schwarze Szene prädisponiert zu sein. Es dürfte indes einleuchtend sein, dass ohne den Faktor 3 keine Hinwendung zur Szene erfolgen kann. Es muss naturgemäß eine „Kontaktperson“ geben, die dieses „Tor“ öffnet. Wie erwähnt, ist es für Außenstehende nur sehr schwer möglich, die Szene ohne eine solche Kontaktperson kennenzulernen, da sich die Gothic-Szene der Öffentlichkeit weitgehend entzieht. 96 siehe auch 6.2.1.1 97 6.2.6 7. Fazit Betrachten wir nochmals die Erkenntnisse dieser Untersuchung: Auf der Suche nach individualpsychologischen Gemeinsamkeiten in den Biografien unserer Untersuchungsgruppe, sind wir auf bemerkenswerte Zusammenhänge gestossen. Neben den häufig geäußerten Gründen wie: Randgruppenzugehörigkeit (Helsper), Abgrenzung vom Elternhaus, Identitätsproblemen, persönliche Enttäuschungen, Verlust nahestehender Menschen (Farin) und dem Zerbrechen der Familie (Stock/Mühlberg), gibt es eine zentrale Gemeinsamkeit, die letztlich alle Schwarzen für den Übergang in die Schwarze Szene prädisponiert: Die fehlende oder mangelhafte affektive Zuwendung ihre Mütter. Wie sagte schon Freud? „Wir sagen der Mensch habe zwei ursprüngliche Sexualobjekte: sich selbst und das pflegende Weib“(Freud 1914 : 154). Indes ist es nicht nur Freud, der diese Auffassung vertritt. Was frühkindliche Deprivation betrifft, so gibt es zahllose Untersuchungen, die jenen Effekt bestätigen, der als anaklitische Depression (Spitz) beschrieben wird. Die 1945 veröffentlichte Längsschnitt- Studie von Spitz ergab, dass die 21 untersuchten Anstaltskinder, denen 2 Jahre lang affektive Zuneigung verwehrt wurde, anschließend außerordentlich retardiert waren (Richter 2007 : 36). Daraus ergab sich die Schlussfolgerung, dass Kinder, die nur einen sehr dürftigen affektiven Kontakt zu ihren Bezugspersonen hatten, eine seelische Störung entwickelten. Gleiche Phänomene entdeckte der amerikanische Psychologe Harlow im Jahre 1957, als er anhand einer Versuchsreihe mit Rhesusaffen, die affektive Bindung von Affenmüttern zu ihren Kindern untersuchte. In diesem Experiment wurden Affenbabys einmal mit Hilfe einer reinen Drahtgestellattrappe, einem Drahtgestell mit Fell und im dritten Fall von einer echten Affenmutter aufgezogen, wobei in den ersten beiden Fällen jeweils nur für die notwendige Nahrung gesorgt wurde. Die synthetisch aufgezogenen Affen zeigten anschließend Verhaltensweisen, die völlige Beziehungslosigkeit, Beziehungsunfähigkeit, sowie teils völlige Unfähigkeit dem Sexualakt nachgehen zu können, erkennen ließen. Gleichzeitig dürfte einleuchtend sein, dass menschliche Neugeborene, die mit einer auffallend körperlichen „Unvollkommenheit“ geboren werden und völlig hilflos sind, in wesentlich höherem Maße der Zuneigung ihrer Mütter bedürfen. Die Verweigerung oder die Unfähigkeit ausreichend affektive Zuneigung geben zu können, bedeutet gerade in dieser ersten Prägungsphase eine deutliche Erschütterung des Ur-Vertrauens. Dieses Ur-Vertrauen bedeutet letztlich nichts anderes, als ein Gefühl der Sicherheit, des Sich-Verlassen-Dürfens. „Das Ur-Vertrauen ist der Eckstein der gesunden Persönlichkeit“ (Erikson 1973 : 63). Somit sollte nachvollziehbar sein, warum die interviewten Schwarzen keine „gesunde Persönlichkeit“ entwickeln konnten. Ungeachtet der zu meinem Bedauern recht geringen Stichprobenzahl dieser qualitativen Untersuchung, gehe ich davon aus, dass sich diese Erkenntnisse, auch aufgrund der Gesamt-Analyse, unter Einbeziehung aller Fakten und Überlegungen, auch auf die Szenegesamtheit übertragen lassen. Es könnte somit außerordentlich schwer fallen, Schwarze zu finden, die nicht zumindest eine chronische depressive Verstimmung (Dysthymia) aufweisen. Dass es sich bei diesen depressiven Erkrankungen auch um reaktive Depressionen (Nuber 2000 : 63) handeln kann, sollte gerade im Hinblick auf die Life-Event-Theorie98 deutlich geworden sein. Die Disposition allerdings, zu einer reaktiven Depression, begründet sich in der frühen Kindheit. Diese Thematik zieht sich durch sämtliche Ausdrucksformen der Schwarzen Szene, die letztlich nichts anderes ist als ein Ausdruck von Depression, verursacht durch eine ganze Ansammlung von Deprivations- und Milieuerfahrungen. Wie sollte auch sonst diese „pathologische Trauer“(Richter 2007 : 36) und die dauerhafte Beschäftigung mit dem Tod erklärt werden? „Jeder zweite Selbstmord wir von einem Depressiven verübt“ (Nuber 200 : 69). Ungeachtet dieser Tatsache, dürften die Suizid- Raten in der schwarzen Szene nicht wesentlich über denen der Gesamtbevölkerung liegen, auch wenn es dazu keine empirischen Untersuchungen gibt. Der Suizid gilt in der Schwarzen Szene letztlich als ein Zeichen, den immer fortwährenden Kampf gegen die Welt und sein eigenes Über-Ich aufzugeben. 98 siehe 6.2.6 Ein Schiff sinkt im Sturm Hat es seinen Kampf verlohrn Es kehrt nie zurück“99 Vielleicht ist es ein Zeichen von Schwäche? Nun, wir wissen, dass es Phasen im Leben eines Menschen gibt, die jeden „schwach“ werden lassen. Der Suizid ist nichts anderes, als dem alltäglichen seelischen Leiden ein Ende zu setzen. Er bedeutet eine „Zerstörung“ des druck-ausübenden, quälenden Über- Ichs, womit sich die Hoffnung auf entspannende Befriedigung verbindet (Fenichel 2005 : 290 Bd. Ⅱ), einer Bestrebung, den „Speicher“ nochmals auf „Null“ setzen zu können, nochmals von vorn anfangen zu können. Dieses Szenario findet allerdings mehr in der Phantasie der Schwarzen ihren Ausdruck. Das „Ertragen“ von Leid und Schmerz gilt als Stärke und ist gleichzusetzen mit dem Zeigen von Schwäche. Die Schwarze Szene befindet sich stetig in diesem ambivalenten Spannungsfeld. Diese „Kultur der Todes- und Trauermetaphern (Helsper 1992 : 285) ist folglich als ein „Abwehrmechanismus“ zu begreifen, welcher schädliche Einflüsse von außen fernhalten soll. Das schwarze Kleid ist „Schutzschild“ und gleichsam Ausdrucksmittel eines melancholischen Lebensgefühls. Es bedeutet die „kulturelle Thematisierung des sozial Verdrängten“ (Helsper 1992 : 310). Die Musik indes spielt bei der Verarbeitung des Schwarzen Lebensgefühls die entscheidende Rolle. Sie ist unverzichtbares Kommunikationsmedium gegenüber der Außenwelt, aber vielmehr noch gegenüber dem eigenen Selbst. Schwarze Musik ist „Langzeittherapie“, deren Wirkung schädlichen Kompensationsbestrebungen zuwider läuft. Gleichfalls wird klar, warum sie ihre Wirkung nur unter gegebenen Vorraussetzungen erfüllen kann, und es nahezu eine notwendige Bedingung darstellen muss, entsprechende melancholische Prädispositionen aufzuweisen. Ist dies nicht der Fall, dann kann sich keine manifeste Affinität zu depressiver Musik entwickeln, da dies gleichfalls den Lustbestrebungen des Ichs zuwider läuft100. Dies ist der zentrale Unterschied, der die Abgrenzung zu anderen Musikszenen verdeutlicht. 99 6.2.1.3 100 siehe dazu auch Kapitel 4 „Gothic-Dasein bedeutet, den bittersüßen Rausch verletzter Gefühle, schmerz- und lustvoll zugleich, auszukosten“(Farin/Weidenkaff 1999 : 41). Mit diesen Worten möchte ich die Arbeit abschließen und hoffe, dass es gelungen ist die Gothic- Szene einmal aus einer anderen Perspektive betrachten zu können. „Die unaufgelösten Dissonanzen im Verhältnis von Charakter und Gesinnung der Eltern klingen in dem Wesen des Kindes fort und machen seine innere Leidensgeschichte aus.“ (Friedrich Nietzsche) Ich versichere eidesstattlich durch eigenhändige Unterschrift, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig und ohne Benutzung anderer als der angegebenen Hilfsmittel angefertigt habe und die den benutzten Quellen wörtlich oder inhaltlich entnommenen Stellen als solche kenntlich gemacht habe. Diese Arbeit hat in gleicher oder ähnlicher Form noch keiner Prüfungsbehörde vorgelegen. _________________ Copyright by A. McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
|  | | Toni Herrscher

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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig So Jan 10, 2010 11:58 am | |
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