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 Diplomarbeit von Philipp Reitzig

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AutorNachricht
Toni
Herrscher


Zwilling Anzahl der Beiträge: 1874
Alter: 32
Ort: Lünen
Lebensmotto: Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen.
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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 1:00 pm

Kanthorga (25), auf die Frage, ob sie an ein Leben nach dem Tod glaubt:
„Der Gedanke, dass es danach nochmal von vorne losgehen könnte, macht mir Angst.
Tod nach dem Tod wäre O.K“(Schwarzes Glück, 10.09.2008).
Sufferboy (ohne Altersangabe), auf die gleiche Frage:
„Ja, denn ich hoffe, dass da noch was kommt, denn irgendwo muss es ja besser sein als
hier, ansonsten wer ich sehr enttäuscht, ich hoffe drauf, dass bald meine Tage gezählt
sind und ich endlich in eine bessere Welt eintreten kann …“(Schwarzes Glück,
19.09.2008).
Blackvelvet21 (22) kommentiert ein Photo von sich:
„Ich habe gelernt. Leid zu ertragen, Schmerzen zu verbergen und mit Tränen in den
Augen zulachen. Nur um zu zeigen, dass es mir gut geht und um andere glücklich zu
machen“(Schwarzes Glück, 21.09.2008).
Wir können also auch bei unseren Quervergleichen eindeutige Schnittpunkte zu
vorliegender Studie erkennen. Dies ist wohl auch der Grund, warum Helsper
zahlreiche Gemeinsamkeiten feststellt. Er spricht von einem „schwarzen
Lebensgefühl, einer Traurigkeit und Melancholie vor dem Hintergrund ihrer
60 Primärdaten: Daten-DVD
Familienbiografien, verstärkt oder aktualisiert durch adoleszente Krisen,
schulische Probleme, den Verlust nahestehender Menschen oder das Ende
erster Liebesbeziehungen“(Helsper 1992 : 238).
Die Tragweite dieses Satzes wird erst am Ende dieser Arbeit deutlich werden.
Zunächst ruht unsere Konzentration auf individualpsychologischen
Erklärungsversuchen.
6.2.1.3 Musiktexte
Eine weitere Quelle, aus der wir Informationen schöpfen können, ist nicht
zuletzt die Schwarze Musik selbst. Ihre Ausdrucksstärke lässt sich nicht nur an
Melodik und Tonart festmachen. In Kapitel 4 wurde bereits über die vielfältigen
Stilmerkmale berichtet. Darauf aufbauend lohnt es sich nun, einen Blick auf
einige Musiktexte zu werfen, die ebenfalls szenespezifische Inhalte
transportieren.
Die 4 Hauptstilrichtungen Dark- Wave, Gothic- Metal, Elektro und Mittelalter
behandeln viele verschiedene Themen, die sich häufig wiederholen. Gerade im
Dark- Wave finden sich Themen und Musiktexte, die Rückschlüsse auf den
affektiven Zustand ihrer Verfasser zulassen. Aufgrund einer auffallenden
Häufung lassen sich diese Erkenntnisse tendenziell auch auf die
Szenegesamtheit übertragen. Die Frage ist, warum sich Menschen fast
ausschließlich mit Verlust, Krankheit und Tod beschäftigen. Aus Spaß sicherlich
nicht! Ein Beispiel:
Das Meer - Diorama61
Laß Dich fallen in bodenlose Tiefen
Ruhe und Wehmut umgeben Dich leise
Sieh Dich fliegen doch Deine Flügel
Sind müd und schwer überm Meer
Das Meer verlassen über dem Ursprung des Seins
Tauch in das Meer
Lass Dich schweben
Es ist Jahre her
61 Diorama: deutsche Elektro- Band
Diese beiden Strophen verdeutlichen eine in der Schwarzen Szene
gebräuchliche Symbolik. Das „Meer“ wird hier analog zum „Leben“ verwandt.
Das Meer ist wie das Leben, unberechenbar und aufwühlend. Diorama
beschreibt hier den Zustand einer Depression. Das „Fallenlassen“ und
„Fliegen“ symbolisieren den Verlauf der Krankheit. Depressive Episoden sind
gekennzeichnet durch ein ständiges „auf“ und „ab“. „...Deine Flügel sind müd
und schwer..“ Diese Passage zeigt die empfundene Hilflosigkeit und die
Unfähigkeit an diesem Zustand etwas zu ändern. „Tauch in das Meer“, „Lass dich
schweben“ drücken Resignation aus. „Es ist Jahre her“ lässt sehnsüchtig die Zeit
erahnen, in der alles noch „gut“ war.
Ein weiteres Beispiel für diese Analogie:
Brandung - Staub62
1. Ein Schiff sinkt im Sturm 3. Ein Grab oder ein Anfang
Hat es seinen Kampf verloren Vielleicht sollte es so sein
Es kehrt nie zurück Es war eintrauriges Schiff
2. Und ganz tief auf dem Grund 4. Niemand erlebt seinen Kampf
Ist ihm ein Hafen geboren Keiner steht ihm bei
Gibt es vielleicht neues Glück Der Sog reißt es mit
Diesmal handelt es sich um einen „Sturm“, der ein einschneidendes Ereignis
symbolisiert, was so stark ist, dass das „Schiff“( Seele/Persönlichkeit) „sinkt“.
Und dies anscheinend endgültig.
Gleichzeitig verbindet sich mit dem „Tod“ des Schiffes eine neue Hoffnung (auf
ein Leben nach dem Tod).
Die dritte Strophe drückt die Annahme des Schicksals aus.
„Vielleicht sollte es so sein“. Die Passage „Es war ein trauriges Schiff“, bestätigt die
Interpretation.
Die 4. Strophe beschreibt die soziale Isolierung, die typisch ist für eine
depressive Erkrankung. „Niemand erlebt seinen Kampf, Keiner steht ihm bei“.
62 Staub: deutsche Dark- Wave- Band

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 1:00 pm

Ausgebrannt - Staubkind63
Kein Wort trifft auf meine Welt
Keine Hand, die meine hält (ausgebrannt)
Keine Augen, die in meine sehn
Nur die Bilder, die nie vergehn (ausgebrannt)
Und niemand hört mich schrein (2 x)
Jedes vertraute Gefühl ist mir fremd
So unnahbar fern,
Was mich noch halten kann
Schweigend such ich meine Schuld in mir,
Die mich endlich weinen lässt
Auch bei Staubkind lässt sich nachvollziehen, wovon hier die Rede ist. Der
Autor spricht von einem Zustand, der auch depressiven Persönlichkeiten zu
eigen ist. Teilnahmslosigkeit („Kein Wort trifft meine Welt“), Isolation („Keine
Hand die mich hält“, „Keine Augen die mich sehn“), Hilflosigkeit („Und niemand
hört mich schrein“, „So unnahbar fern“, „Was mich noch halten kann“) und
Schuldgefühle („Schweigend such ich meine Schuld in mir“).
Die Auflistung entsprechender Texte, die ein und dasselbe Phänomen
beschreiben, könnte beinahe beliebig fortgesetzt werden. Dies würde allerdings
den Rahmen dieser Arbeit um ein Vielfaches sprengen. Es bestünde die
Möglichkeit, eine ganze Enzyklopädie mit entsprechenden Textinterpretationen
abzufassen.
Es ist mir bewusst, dass (sprachliche) Interpretationen immer eine gewisse
Problematik mit sich bringen. Jedoch wäre es sträflich, dieses hier völlig
auszuklammern. Die oben erfolgte Textanalyse ist nur ein „Bruchteil“ dessen,
was mit entsprechender Fleißarbeit zu bewerkstelligen wäre.
Eine Analyse der Schwarzen Musik ist unerlässlich, wenn man das Wesen der
Gothic- Szene begreifen will. Und dazu zählen auch die Texte. Würden sich
Sozialforscher intensiver mit dieser Thematik auseinandersetzen, dann wäre es
denkbar, dass sie zu einem gänzlich anderem Resümee gelangen würden. So
bleibt es unverständlich, warum Schmidt/Neumann-Braun davon ausgehen,
dass es keine individualpsychologisch- biografischen Problemkonstellationen
63 Staubkind: deutsche Dark- Wave- Band
gibt, die sich für den Szene- Eintritt verantwortlich zeigen, sondern vielmehr
„objektive“ gesellschaftliche Strukturen (Schmidt/Neumann-Braun 2004: 86).
Es ist also bei Gelegenheit lohnend, aussagekräftige Textpassagen zur
Verdeutlichung heranzuziehen. Ich halte dies für eine qualitative Analyse für
unabdingbar.
Kommen wir nun zu weiteren Quellen, die über das „Schwarze“ Wesen
Auskunft geben.
6.2.1.4 Schwarzes Glück
Die Internet- Präsenz „Schwarzes Glück“ taucht immer wieder in dieser Studie
auf, und das nicht ohne Grund. Zu den Vorzügen, die sich bei dieser Quelle
ergeben, haben wir bereits im Kapitel 564 Aufschluss geben können.
Schwarzes Glück eignet sich, als eine der größten deutschen Gothic-
Kontaktplattformen, indes nicht nur für eine sozialstatistische Erhebung,
sondern vielmehr in gleicher Weise für eine qualitative Untersuchung.
Aufgrund der Vielzahl an registrierten „Usern“, aber vor allem wegen der
umfangreichen Nutzer- Profile, die ihresgleichen suchen. So haben die
Mitglieder auf ganzen 7 Seiten die Möglichkeit, Angaben zu ihrer Person, ihren
Werten, Einstellungen, Vorlieben usw. zu machen, was auch rege in Anspruch
genommen wird. Daher werden wir diese Quelle auch in qualitativer Hinsicht
berücksichtigen und an geeigneter Stelle zitieren.
6.2.1.5 Gothic- Foren
Die Gothic-Szene zu analysieren ohne ihre überregionale Präsenz im Internet zu
beachten, wäre ein schweres Versäumnis. Trotz der häufig zweifelhaften
Quellen, spiegelt das Internet, auch thematisch betrachtet, im Großen und
Ganzen das wider, was auch in der Realität anzutreffen ist. Das Internet spielt
in der Kommunikation der Schwarzen eine entscheidende Rolle. Der Nutzen
liegt indes nicht nur darin, die neusten Schwarzen Modetrends zu erfahren
oder nach Konzertterminen Ausschau zu halten, vielmehr findet ein ganz
64 siehe Abschnitt 5.7
erheblicher Teil der Kommunikation über diese Plattform statt. Die Anonymität
des Internets bietet einer introvertierten Subkultur die Möglichkeit ohne Angst
und Zurückhaltung zu kommunizieren. Dies gilt für die Suche nach einem
neuen Partner ebenso wie für den Austausch von Alltagsproblemen, die häufig
existenzieller Natur sind. Schwarze tauschen sich so auch über Themen aus, die
öffentlich tabuisiert werden. Dazu zählen auch Diskussionen über eigene
psychische Erkrankungen und Wege, die in die Szene geführt haben. Meisel
(2005), die ihrerseits ein kleineres Gothic- Forum (traenenfluss.de) untersuchte,
sagt dazu: „Bemerkenswert ist hier zumindest, daß starkes Interesse am
Austausch über psychische Probleme und auch über Gefühle wie bei der
Anzahl der veröffentlichten Gedichte deutlich wird, besteht“(Meisel 2005 : 82).
Die Diskussion dieser Themen erfolgt also in entsprechenden Gothic- Foren.
Aus diesem Grund stellen Gothic- Foren, wie Nachtwelten, eine nutzbare Quelle
für eine qualitative Analyse dar. Allein die Kontaktplattform German Gothic
Board, die über die Präsenz nachtwelten.de zu erreichen ist, hat gegenwärtig
21.273 schreibberechtigte Mitglieder (Stand 09/2008). Neben diesem sehr
großen Forum gibt es noch unzählige kleinere Foren, die der überregionalen
Kommunikation dienen. Einige Beispiele:
www.forum.schwarzes-bw.de (3906)65
www.gothic-mania.de (3500)
www.dunkles-leben.de (2223)
www.angelicgothic.de (1962)
www.gothic-forum.net (1289)
Hinzu kommen noch die größeren Kontaktplattformen wie schwarzes-glueck.de
(34.995) und black-flirt.de (15.248), deren Schwerpunkt allerdings auf der
Partnersuche liegt, die jedoch auch über ein angeschlossenes Forum verfügen,
welches der Diskussion wichtiger Themen dient. Hier einige Beispiele, die im
Zusammenhang mit dieser Studie von Interesse sind:
Thema: Sind Gothics öfter psychisch krank?
Rabe (26, männlich):
65 Mitgliederzahl in Klammern (Stand 09/2008)

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 1:01 pm

„Es sind nicht die Gothics, die psychisch krank sind, sondern die psychisch Kranken,
die zu Gothics werden. Häufig. Sehr Häufig“.
„Gemessen an der Tatsache, dass Gothic eine Subkultur ist, ist der prozentuale Anteil
psychisch Kranker um einiges höher als in sonstigen "Gemeinschaften“(http://
www.dunkles-leben.de/forum/viewtopic.php?t=3712, 12/2007 ).
SchwarzerSchmetterling (29, weiblich):
„Ich stimme dem auch zu, dass die psychisch Kranken eher zu Gothics werden. Ich bin
auch erst in die Szene reingerutscht, als ich eine starke Depression entwickelt habe.
Auch wenns mir nun besser geht, bleib ich trotzdem dabei“(http://www.dunkles-leben.de/
forum/viewtopic.php?t=3712, 12/2007 ).
Atter (34, männlich):
„Die Musik tut ihr üriges, seit ich *Schwarrz* höre kann ich mich viel besser mit der
Krankheit aueinander setzen und sie gibt mir sehr viel Kraft , was ein ausenstehender
anhand der Texte meist für ein unding hält“(http://www.dunkles-leben.de/forum/
viewtopic.php?t=3712).
Tränenkatze (17, weiblich):
„bei mir kamen die krankheiten zuerst, dann das gothsein, und letzeres eigentlich eher
durch den verlust mir wichtiger dinge. und ich muss gestehen, ich hab mich so wohl
gefühlt dass ichs nicht wieder hergeben mag. mein leben, meine krankheit, meine
einstellung …“(www.dunkles-leben.de/forum/viewtopic.php?t=3712, 12/2007 ).
FallenAngel (17, weiblich):
„Also ich habe Depressionen aber glücklicherweise nur Schubweise. WEnn ich gerade
mal wieder ne depressive Phase habe kann das aber dafür schon ziemlich heftig
sein.Aber als psychisch krank würde ich mich trotzdem nie bezeichnen. Ich finde das
hört sich so an als wenn ich nicht mehr alle Tassen im Schrank hätte …“(http://
www.dunkles-leben.de/forum/viewtopic.php?t=3712, 03/2008)
Dieser Dialog aus dem Forum Dunkles Leben ist nur ein „kleiner“ Ausschnitt aus
einer schier unzähligen Reihe von Diskussionen zu diesem Thema. Was hier,
neben dem bereits Festgestellten auffällt, ist ein Phänomen, dass in der Szene
weit verbreitet ist.
Die depressiven Symptome oder manifesten Depressionen werden zwar
beschrieben und festgestellt, aber man bezeichnet sich trotzdem nicht als
„psychisch krank“. Dies macht deutlich, dass die Akzeptanz depressiver
Erkrankungen als eine „alltägliche“ Erscheinung noch nicht ausreichend
fortgeschritten ist. Gleichfalls untermauert dies meine Hypothese.
Bevor wir im Abschnitt 6.2.6 erneut auf mögliche Ursachen, sowohl der
Depression, als auch der Neurose zurückkommen, wenden wir uns nun den
nächsten beiden Hypothesen zu.
6.2.2 Hypothese 2 - Schwarze Musik als Transportmedium negativ
empfundener Emotionen und Gefühle
Welche Funktion hat die Schwarze Musik? Weidenkaff schreibt dazu:
„Musik ist das Bindeglied fast aller Jugendkulturen. Sie ist ein Transmitter von
Emotionen und Interessen. Musik ist der Katalysator unserer Tagträume
…“(Farin/Weidenkaff 1999 : 39). Nun, wenn dies so ist, wollen wir sehen, wie
unsere Interviewpartner mit ihren Emotionen und Gefühlen umgehen.
Auch wenn es einigen von ihnen sichtlich schwer fiel, zu formulieren, was sie
beim Hören ihrer Musik empfinden, gelang es dennoch, einige bemerkenswerte
Eindrücke zu sammeln.
Für Katja (22) ist die Musik ein „…Verbindungselement zwischen der realen Welt
und der Welt in mir … in dem was ich fühle und nicht sichtbar machen kann, durch
Sprache … da hab ich dann das Gefühl, dass ich mich dann da auch zu Hause fühlen
kann … ein bisschen von mir, auf ne verschlüsselte Art und Weise in die Welt
transportiert wird“.
Wenn sie traurig ist, hört Katja am liebsten die „Untoten“, eine Formation, die
durch sehr schwermütige Texte auffällt.
„… manchmal weine ich dann einfach … ich fühl mich verstanden … also ich bin dann
alleine, aber es ist gut, dass ich alleine bin, und dann kann ich das Alleinsein auch
begreifen und anerkennen, und auch so sehen, dass das immer so sein wird, das man
einen Teil auch hat, der keinem gehört, der immer einsam ist“.
Hans (32) zur Wirkung Schwarzer Musik:
„Wenn ich traurig bin , dann höre ich eher ruhige Sachen wie Diary oder deine Lakaien,
Clan of Xymox. Vor dem Weggehen dann auch eher Industrial und EBM: VNV,
Covenant, S.I.T.D, Suicide Comando u.s.w. Die Richtung hängt wie gesagt von der
Stimmung ab“.
Dann geht er mehr ins Detail:
„Ja, also wenn es mir schlecht geht , dann mache ich ein Stück an, meist ein ganz
besonders trauriges und zunächst fange ich meist an zu weinen oder die Augen werden
feucht. Mir geht es ziemlich schlecht. Nach einer Weile schöpfe ich aber irgendwie
wieder Kraft“.
An dieser Passage wird bereits der „Therapieeffekt“ angeschnitten, auf den wir
im Folgenden noch kommen werden.
Anna (29) empfindet ähnlich. Wenn sie sich schlecht fühlt, hört sie am liebsten
besonders traurige Stücke: „ … ist blöd, aber so was, was richtig schön weh tut … es
kann befreiend sein … gut, oder es kann aber auch nach hinten losgehen und dass ich
erst recht zu grübeln anfange …“.
Nicole (31) zu ihren musikalischen Vorlieben:
„… ich höre langsame Sachen sehr gerne wenn ich Ruhe haben will, oder wenn ich
traurig bin. Wave oder der gleichen höre ich, wenn ich aufgedreht bin oder gerade am
trainieren bin, siehe Boxen“.
Sarah (36) hört bei schlechter Laune am liebsten Depeche Mode, kaum Industrial,
weil der „macht aggressiv“ und beim „Autofahren Nightwish66“.
Simone (31) hört zum „aufpuschen“ EBM und bei guter Laune Deine Lakaien67.
Wir sehen also, dass die Musik zur Übermittlung emotionaler Qualitäten, wie
Wut, Trauer, Freude, Angst, sei es bewusst oder unbewusst, eingesetzt wird, zur
„Abfuhr“ seelischer Affekte.
Musik erfüllt also die Funktion eines „non- verbalen Mediums“(Bruhn 1985 :
264), wie es auch bereits Farin und Weidenkaff (1999) zum Ausdruck brachten.
Nun fällt uns hier auf, dass, wie im Kapitel 4 beschrieben, Musik auf eine ganz
eigene Art und Weise interpretiert wird. Simone hört bei guter Laune „Deine
Lakaien“. Nun zeichnet sich diese Formation nun durch ausgesprochene
Schwermütigkeit aus. Simone (31) empfindet sie hingegen als „aufmunternd“
und „kraftvoll“. „Ich fühl die nicht als traurig … einfach nur schön“.
66 Nightwish: finnische Gothic- Metal- Band
67 Deine Lakaien: deutsche Dark- Wave- Band
Dies ist ein typisches Beispiel für das von Bruhn (1985) beschriebene
Kontrastprinzip. Es hängt also von der jeweiligen Situation ab, wie ein
Musikstück empfunden wird und mit welchen assoziativen Verknüpfungen
dieses Lied verbunden ist (Bruhn 1985 : 79). Dazu ein Beispiel:
Heinz (42): „Clan of Xymox68 kann ich eigentlich gar nicht mehr hören, weil mich das
an Katja erinnert“. Heinz trauert bereits seit Jahren seiner gescheiterten Ehe
nach, aus der auch eine Tochter, an der er sehr hängt, hervorging. Clan of Xymox
hörte das Paar häufig, als die Ehe noch Bestand hatte.
„Es gibt Musikstücke die ich überhaupt nicht mehr höre“.
Heinz hört am liebsten nur „… Sachen die nicht so runterziehen … lieber tanzbare
Sachen, die nicht so traurig sind und melancholisch machen“.
Heinz handelt hier also im Sinne einer Vermeidung. Vermeidungen sind
gleichzeitig Symptome neurotischer Konflikte, wonach „häufig bestimmte
Situationen, Aktivitäten, Interessengebiete oder Gefühle“ gemieden werden
(Fenichel 2005 : 240 Bd. Ⅰ). Zu den Vermeidungen werden wir noch an anderer
Stelle kommen.
Heinz ist sich also seiner assoziativen Verknüpfungen bewusst und verlegt
seine Hörgewohnheiten, so weit dies möglich scheint, auf die schnelleren,
tanzbaren EBM- Stücke.
„Dieses ruhige Zeugs kann ich nur hören wenn ich ne neue Partnerschaft hätte“.
Hier kommt zugleich seine Beziehungssehnsucht zum Ausdruck, was sich
prinzipiell in allen Biografien erkennen lässt.
Peter (33) bevorzugt zu Hause die ruhigen Musikstücke und in der Disko die
schnelleren, was nicht weiter verwundert. Geht es ihm schlecht, dann hört er
gern Mittelalter oder „explizit melancholische Sachen, auch wenns masochistisch ist,
dass man sich damit weiter runterziehen könnte … da steh ich drauf. Ich höre die
Musik, die das widerspiegelt, wie ich mich gerade fühle. Es bringt nichts, wenn ich
mich schlecht fühle und ich dann Happy- Musik höre … das zieht mich dann noch
weiter runter“.
Wir sehen hier, dass EBM- Stücke eher „fröhlicher“ empfunden werden, als die
ruhigeren Dark- Wave- Stücke. Dies liegt zum einen an den auf gute
Tanzbarkeit ausgelegten Elektro- Rhythmen und zum anderen an den
68 Clan of Xymox: niederländische Dark- Wave- Band
minimalistischen Texten, die wenig Anstoß zum Nachdenken liefern. Texte
spielen in der Schwarzen Musik eine große Rolle.

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 1:01 pm

Während also die ruhigen Stücke (Dark- Wave) in der Mehrheit „runterziehen“,
wirken die schnelleren Elektro- Stücke tendenziell aufmunternd. Der „düstere“
Aspekt des Elektro verblasst in der Atmosphäre der Diskothek zu einer, häufig
als „fröhlicher“ empfundenen Stimmung. Dieses Phänomen ist bereits im 4.
Kapitel erläutert worden. Dem Elektro kommt also die Funktion der
„Fröhlichkeit“ innerhalb der „Traurigkeit“ zu und wird somit aufgrund dessen
häufig inkongruent empfunden.
Womit wir nun auf den Tanz zu sprechen kommen. Dass der Tanz der
Schwarzen einige Besonderheiten69 aufweist, stellten wir bereits fest. Der sog.
„Antitanz“ bezeichnet vorrangig den Tanz zu einem Dark- Wave- Stück.
„Die Schwermütigkeit ihrer Gedanken wird in anmutig vorgetragene
Bewegungen umgesetzt …“(Farin/Weidenkaff 1999 : 40). Es wird deutlich, dass
Dark- Wave mit Schwermütigkeit und in logischer Folge mit Melancholie in
Verbindung gebracht werden kann, was auch durch die introvertierte und
affektierte Art des Tanzes zum Ausdruck kommt. Der Tanzstil beim Elektro ist
hingegen „offensiver“. Es erfolgt häufiger Blickkontakt zueinander und es
bleibt weniger Raum für „trübsinnige“ Gedanken. Der Tanz kann für die
Schwarzen andere Funktionen haben, als besagten trübsinnigen Gedanken
nachzuhängen. Zunächst ist die Vorbereitung auf einen Club- Abend ein Ritual,
eine Angelegenheit, die viel Zeit in Anspruch nimmt und mit freudigen
Erwartungen einhergeht.
Für Heinz (42) sind die Abende in den Diskotheken die „Höhepunkte“ der
Woche. Er lebt nach eigenen Worten „nur fürs Wochenende“. Er tanzt, um damit
seine, wie er sagt, „Glücksgefühle“ auszudrücken, sich beim Tanzen „zu
präsentieren“ und um „Traurigkeit und Aggression“ auszudrücken. „Ich versuche
mich ein bisschen auszupowern … Tanzen ist für mich ein Hobby … das hat für mich
absolute Priorität“.
Im Übrigen besteht diese „Priorität“ darin, auf diesem Wege eine neue
Partnerin kennenzulernen. Die Versagung eines entsprechenden
Erfolgserlebnisses beschert ihm stattdessen „Frust“. „Im Prinzip hab ich jeden
Laden satt“.
69 siehe Abschnitt 4.3.1
Diese Anmerkungen verdeutlichen auch hier das gesteigerte Bedürfnis nach
einer neuen Beziehung70.
Es zeigt sich, dass Diskothek- Besuche prinzipiell ein freudiges Ereignis
darstellen, auch wenn es dabei durchaus zu Frustrationen kommen kann. Dies
gilt vor allem für eine gescheiterte Partnersuche. Einer der Hauptgründe für
das „Weggehen“ ist die Suche nach einer neuen (sexuellen)Beziehung zu
Gleichgesinnten. Bei Gelegenheit werden wir darauf zurückkommen.
Ich denke, die ambivalenten Gefühle, die bei der individuellen Interpretation
der Musik zur Sprache kamen, sind ausreichend deutlich geworden.
6.2.3 Hypothese 3 - Zur Frage der therapeutischen Wirkung Schwarzer
Musik
Ist Schwarze Musik „Eigentherapie“? Diese Frage stellt sich nicht nur beim
Studium unserer 8 Biografien. Was der Zweck dieser vermuteten Eigentherapie
sein könnte, dürfte deutlich geworden sein. Aber sehen wir zunächst, was wir
aus den Interviews entnehmen können. Neben einigen anderen Fragen, die
ebenfalls musikalische Themen umfassten, stand dort Folgende im Raum:
„Gibt es Dinge, die dir über schmerzliche Situationen .. hinweghelfen“?
In den Antworten finden sich folgende Aussagen:
Nicole (31): „...ja da helfen ein paar Dinge, Musik zum Beispiel, oder Gespräche mit
meinem Mann … manchmal reicht auch das Streicheln unserer Katzen“.
Katja (22) zu ihrer Lieblingsband (Untoten71):: „.. ganz toll einfach, gruselig,
beängstigend, aber auch ganz ruhig und so sehnsüchtig, und auch tröstend …“.
Trotz der „objektiv“ negativen Stimmung, die hier zum Ausdruck kommt,
spendet diese Musik dennoch Trost und weckt die Sehnsucht nach einem
besseren Leben. Katja spricht von einem „wegtragen“, und „nach Hause bringen“.
Die Musik trägt sie also an einen „besseren“ Ort. Die stets wiederkehrende
Traurigkeit und Sehnsucht, gepaart mit einer starken Wehmut kennzeichnet fast
alle Gothic- Musikstücke. Die dabei empfundene Wehmut entspringt einer
Trauerreaktion, die auf fehlende familiäre und emotionale Bindungen
zurückzuführen ist.
70 zu diesem Symptom erfolgten vorangehend bereits Erläuterungen
71 Untoten: deutsche Dark- Wave- Band
Hans (32): „Ich kann gut und gerne sagen, dass ich überhaupt kein Verhältnis zu
meiner Mutter habe. Wenn ich an sie denke, dann ist da Hass und gleichzeitig
Wehmut“.
Es handelt sich um eine Wiederholung der primären Trauerreaktion, einen
Rückzug in eine narzisstische Objektwelt. Im letzten Falle kommt es zu der von
Freud beschriebenen Identifikation mit sich selbst. Es kommt im schlimmsten
Fall zu einer Regression, einem Zustand, in dem es noch keine
Objektbeziehungen gab. Wie kompensiert also traurige Musik einen
emotionalen Trauerzustand? Betrachten wir erneut die affektiven
Empfindungen während des Musikhörens. Auch andere Schwarze berichten
von einer befreienden Wirkung dieser Musik. Im Vorfeld wird zunächst
aufgrund der melancholischen Stimmung von einem „Runterziehen“
gesprochen.
Anna (29): „Ist blöd, aber so was, was richtig schön weh tut …“.
Simone (31) hört nach der schmerzlichen Trennung von ihrem Partner ebenfalls
entsprechend traurige Musik. Sie beschreibt ihr Empfinden so: „… ich musste
zwar erst fürchterlich heulen, aber letztlich fühlte ich mich innerlich so befriedet …“.
Peter (33) hört gleichfalls, wie er es ausdrückt „explizit melancholische Sachen“.
„Auch wenns masochistisch ist, dass man sich damit weiter runterziehen könnte, da
steh ich drauf …“. Hier kommt auch zum Ausdruck, dass Peter das Hören von
„explizit“ melancholischer Musik für masochistisch hält und damit feststellt, dass
er sich in gewisser Weise damit quält. Dennoch empfindet er dies als
notwendig. Also im Sinne des Wortes bedeutet dies nichts anderes, als die Lust
am Schmerz. Auch in den Aufzeichnungen von Hans (32) kommt diese
„Strategie“ zum Ausdruck: „… wenn es mir schlecht geht, dann mache ich ein Stück
an, meist ein ganz besonders trauriges und zunächst fange ich an zu weinen oder die
Augen werden feucht. Mir geht es ziemlich schlecht. Nach einer Weile schöpfe ich aber
irgendwie wieder Kraft“.
Hier wird der „therapeutische“ Effekt dieser Musik in seiner ganzen Tragweite
deutlich.
Hans: „Es ist so, als ob man erst ein Tal der Tränen durchschreiten muss, bevor man
wieder Licht sieht“.
Schwarze nutzen also ihre Musik unbewusst als Kompensationsmittel. Eine
sehr interessante Feststellung, wenn man sie in Zusammenhang mit dem
äußerst geringen Alkoholkonsum in der Szene in Verbindung bringt.
Alkohol spielt in der Szene als Kompensationsmittel eine nur untergeordnete
Rolle und unterscheidet sich somit teils erheblich von der
„Normalgesellschaft“. Das Gleiche gilt im übrigen für harte Drogen.
Wenngleich Drogen und Süchte aller Art auch hier nicht zu verleugnen sind,
finden sie innerhalb der Szene wenig Akzeptanz und werden häufig offen
abgelehnt. Schwarze sind wahre „Meister“ der Selbst- und Affektkontrolle. Sie
schätzen es in der Regel nicht, die Kontrolle über sich zu verlieren. Somit gilt
gerade dem Alkohol eine deutliche Distanz oder gar offensive Abneigung.
Hans (32): „Ich hasse Volksfeste, Kirmes wo besoffene durch die Gegend rennen und
sich wie die Schweine benehmen“.
Dies mag einer der Gründe dafür sein, warum die Schwarze Szene als so
friedfertig gilt.
Sprachen wir bisher zwar von einer eher „unbewussten“ therapeutischen
Anwendung von Musik, um hier auf Streich (1981) zu verweisen, kann zwar
nicht von Musiktherapie im Sinne dieser Definition ausgegangen werden
(Streich 1981 : 432), jedoch findet unbestritten ein therapeutischer Effekt statt.
Bruhn verweist hier auf den Zusammenhang mit individuellen Dispositionen
(Bruhn 1985 : 476). Wir wissen an dieser Stelle bereits, um welche
„Dispositionen“ es sich hierbei offensichtlich handelt.
Wilms (1975) bezeichnet Musik als „nonverbalen Therapieansatz“(Wilms 1975 :
3Cool. Somit ist auch das „Musikhören“ eine rezeptive Form der Musiktherapie.
Sie bewirkt eine affektive Öffnung des Rezipienten. Gemeinsames Musikhören
bedeutet gleichfalls eine Einleitung von „Ersatzbeziehungen“ und sorgt für
einen Ausgleich mangelhafter emotionaler Objektbeziehungen.
Es lässt sich also feststellen: Schwarze Musik ist tatsächlich Musiktherapie.
Auch Helsper kommt in seiner qualitativen Analyse der Szene zu dieser
Feststellung (Helsper 1992 : 256). Musik bietet demnach eine „... Artikulationsund
Verständigungsmöglichkeit ... Für ihr Lebensgefühl und ihre subjektive
Realität, auf die sie sonst ausdruckslos zurückgeworfen wären“(Helsper 1992 :
256). Betrachten wir also die Gothik- Musik als „Medikament“ gegen die kranke
Seele, als einen Teil der Lebensbewältigungsstrategie „gothic“.
Schwarze Musik ist das Bindeglied einer „ähnlich oder gleich fühlenden,
erlebenden und interpretierenden“ Gruppe (Bruhn 1985 : 150).
Warum alle Schwarzen ähnlich oder „gleich“ fühlen, wird im Folgenden
verdeutlicht.

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 1:02 pm

6.2.4 Hypothese 4 - Affinität zu Schwarzer Musik und neurotische
Konstitution
In den vorangehenden Abschnitten72 haben wir uns bereits ausführlich mit dem
Phänomen „Depression und Schwarze Szene “ auseinandergesetzt. Ließ sich
dort feststellen, dass in allen untersuchten Biografien eindeutige Anzeichen
depressiver Erkrankungen zu erkennen sind, so wollen wir hier noch einen
Schritt weiter gehen, auch wenn dies sehr gewagt erscheint. Betrachten wir
allerdings sämtliche Zusammenhänge dieser Thematik, sowie die
Lebensgeschichten der Interviewpartner, scheint die Feststellung einer
pathologisch gefärbten Szene, nicht mehr abwegig zu sein.
Vielmehr ist auch die Frage, ob diese „Krankhaftigkeit“ nicht eher der
Ausdruck einer zunehmend pathogenen Gesellschaft ist.
Die Essenz meiner Hypothese beschreibt ein Szenario, in dem es
ausgeschlossen scheint, Schwarze Musik als Ausdruck seines Lebensgefühls zu
akzeptieren, wenn keine depressive oder neurotische Konstitution vorherrscht.
Mit anderen Worten ausgedrückt: Ohne depressiv-neurotische Konstitution
kann es keine Affinität zu Schwarzer Musik geben.
Nun mag man sich fragen: wie lässt sich diese Vermutung belegen?
Es liegt auf der Hand, dass jene Hypothese nur durch äußerst aufwendige
qualitative Untersuchungen verifiziert werden könnte. Dieser Versuch wird
hier trotz der erwartbaren Schwierigkeiten unternommen. Der Schwerpunkt
dieser Studie liegt auf der qualitativen Untersuchung des Einzelfalls, somit auf
der Untersuchung von Vertretern einer sozialen Welt. Die Stichprobengrösse
(N=Cool dieser Studie ist zwar relativ gering, und daher isoliert betrachtet nicht
ausreichend aussagekräftig, jedoch wird hier der Leser mit einer umfassenden
Argumentationslinie konfrontiert werden.
Bleiben wir zunächst bei unseren Biografien und resümieren nochmals die
„Neigung“ der Schwarzen zu depressiven Erkrankungen. Abgesehen von
diesen, wie Freud sie nannte, narzißtischen Neurosen, lassen sich innerhalb der
Schwarzen Szene ungewöhnlich viele neurotische Symptome beobachten.
Wurden diese bereits in den vorangehenden Abschnitten gelegentlich erwähnt,
werden wir uns hier näher mit Ihnen beschäftigen.
72 siehe 6.2.1 f.
Neurosen gehören zu den funktionellen Störungen und gelten als regelwidrige
Tätigkeiten des Nervensystems (Bally 1968 : 36).
Bei einer Neurose ist „der normale und rationale Umgang mit der Außenwelt
sowohl wie mit inneren Regungen durch irgend etwas Irrationales ersetzt, das
fremdartig erscheint und nicht vom Willen kontrolliert werden kann“(Fenichel
2005 : 33 f. Bd.Ⅰ). Dieses „Irrationale“ kann also jenes sein, was wir an anderen
Personen als „merkwürdig“ oder „auffällig“ wahrnehmen und empfinden.
Neurotische Erscheinungen beruhen auf einer „Insuffizienz“ des psychischen
Kontrollapparates (Fenichel 2005, Bd.Ⅰ, S. 34). Dies kann z.B. aus einer
Reizüberflutung resultieren, die wiederum durch eine traumatische Situation
ausgelöst werden kann. Diese Reizspannungen können z.B. durch motorische
Aktivität abgeführt werden. Im Falle der neurotischen Symptome ist es dem
psychischen Kontrollapparat nicht mehr möglich diese Reizspannungen auf
normalem Wege abzuführen. Die neurotischen Symptome sind somit als
„unwillkürliche Notabfuhr zu verstehen, die die normale ersetzt (Fenichel
2005 : 34 Bd.Ⅰ). Diese „Notabfuhr“ kann bei neurotischen Personen beobachtet
werden, muss allerdings nicht zwingend in unmittelbar erkennbarer
Verbindung zum Auslöser stehen. Dies gilt insbesondere für den
Zwangsneurotiker.
Affektive Störungen, zu denen depressive Erkrankungen zählen, sind häufig
untrennbar mit dem Begriff der Neurose verbunden. Dieser durch Freud
geprägte Begriff wird zwar in den Klassifikationssystemen ICD und DSM nicht
mehr verwandt, was ihn aber dennoch nicht ersetzbar macht. Die
psychoanalytische Praxis kommt ohne ihn nicht aus. Doch nicht nur aus diesem
Grund findet er auch hier Verwendung. Die stark ausdifferenzierte und
verständlich beschreibende Neurosenlehre, wie sie von den Begründern der
Psychoanalyse geschaffen wurde, findet auch in dieser Studie Verwendung.
Kehren wir zu den neurotischen Symptomen zurück.
In unseren Biografieanalysen finden sich, abgesehen von besagten depressiven
Symptomen, zahlreiche Symptome neurotischer Konflikte.
Heinz (42) neigt dazu, verschiedene Gegenstände in seiner Wohnung auf
bestimmte Art und Weise anzuordnen. Viele Bewegungsabläufe wirken stark
strukturiert. Hier zeichnen sich zwangsneurotische Symptome ab.
Dass Zwangsneurotiker an ihren Systemen hängen, bedeutet indes nicht, dass
diese aufrechterhalten werden können. Dies gilt gleichfalls für den überhöhten
Anspruch, ständig Ordnung halten zu müssen mit einhergehender Unfähigkeit,
dieses durchzusetzen. Oft treten diese Ansprüche mit auffälliger
Antriebslosigkeit auf. Zwangshandlungen solcher Art haben indes eine
Schutzfunktion, die Sicherheit vor „gefährlicher Spontanität“ bieten soll
(Fenichel 2005 : 132 Bd. Ⅱ).
Die strukturierten Handlungen lassen indes ebenfalls auf eine allgemeine
psychische Hemmung schließen, die auf einer quantitativen seelischen
Verarmung beruht. Menschen mit psychischen Hemmungszuständen fallen
durch ihre Apathie, ihre Gleichgültigkeit und ihren Mangel an Initiative auf
(Fenichel 2005 : 264 Bd. Ⅰ). Dies trifft in diesem Falle zu.
Neurotische Konflikte sind in der Regel durch auffällige Abwehrmechanismen
des Ichs gekennzeichnet, welche versuchen vom Bewusstsein angsterzeugende
Impulse fernzuhalten (Paulus 2005 : 50). Solche Abwehrmechanismen sind
verstärkt in der Szene zu beobachten. Bei der Analyse der Gothic- Szene ist eine
erhebliche Häufung von Verschiebungssymptomen festzustellen. Ein Beispiel:
Schwarzes Glück bietet neben der Gelegenheit auf 7 Seiten persönliche Daten zu
hinterlegen, ebenfalls die Möglichkeit, pro Seite ein Foto von sich zu
präsentieren. Es ist nicht zu übersehen, dass gerade Frauen häufig dazu neigen,
Fotos von ihren Haustieren abzubilden, was auf eine besonders emotionale
Beziehung zu diesen schließen lässt. Dies gilt insbesondere für Katzen und
Hunde. In den Textbeschreibungen finden sich gleichfalls häufige Hinweise
darauf, dass diese Tiere in ihrem Leben eine bedeutende Rolle spielen. Es ist
offensichtlich, dass diese hier vorgetragene Tierliebe teils weit über das hinaus
geht, was im Bereich des „Gesunden“ liegt. Man mag sich die Motivation
vorstellen, warum jemand in einem Benutzerprofil, welches in erster Linie dazu
dient einen Partner zu finden, 90% der Bildinhalte mit Fotos seiner Haustiere
füllt, anstelle der eigenen. Auch wenn dieses Phänomen bisher noch nicht
empirisch untersucht worden ist, so ist es dennoch vorhanden. Verdeutlichen
wir diese Annahme, indem wir das Verschiebungssymptom näher betrachten:
Eine Verschiebung liegt dann vor, wenn Wünsche und Bedürfnisse die sich am
Original nicht befriedigen lassen, auf ein Ersatzobjekt verschoben werden
(Paulus 2005 : 52). Wenn wir nun unser Wissen um die „primäre narzißtische
Wunde“(Reck 2001 : 23) reflektieren, so wird deutlich, warum es für einige
Menschen nötig erscheint, ihre Wünsche und Bedürfnisse an anderen als den
„natürlichen“ Liebesobjekten zu befriedigen. Diese traurige Schlussfolgerung
wird für viele Schwarze zur traurigen Realität.

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 1:03 pm

Sarah (36) antwortet auf die Frage, was sie im Leben wirklich glücklich macht
damit, dass sie sehr glücklich ist, dass ihr Hund an der Tür auf sie wartet, wenn
sie nach Hause kommt. Als Sarah in unserem Gespräch von ihrer Hündin
berichtet, leuchten ihre Augen. Diese Situation ist symptomatisch.
Nicole (31): „Tiere sind etwas ganz besonderes in meinem Leben, ohne Tiere könnte ich
nicht leben“. Diese Aussagen scheinen vor dem Hintergrund ihrer
Familienbiografien nur allzu verständlich.
Ein weiterer neurotischer Konflikt, der beständig in der Schwarzen Szene zu
beobachten ist, ist die Vermeidung. Wir berichteten bereits im Zusammenhang
mit dem Hören von Musik von diesem Konflikt73. Die Vermeidung steht in
Verbindung zur Problematik der scheinbaren Dissozialität der Schwarzen
Szene74.
Hans (32) meidet bestimmte (familiäre) Situationen, die in ihm negative
Gefühle auslösen:
„Bei Feiern und Festen geht es mir plötzlich schlecht, meine Miene versteinert und ich
will am liebsten nur weg. Ich brauche dann eine Weile Ruhe und Niemand kann mir
dabei helfen“. Demzufolge meidet Hans entsprechende Situationen, die eine
depressive Verstimmung auslösen können. Es folgt ein emotionaler Rückzug,
der nicht von außen durchbrochen werden kann. Bei Hans liegt ein
Zusammenhang mit seiner Familienkonstellation auf der Hand.
„Dieses familiäre Zusammensein kann ich nicht mehr ab. Ich kann auch nichts dagegen
tun, auch wenn ich weiss, dass es andere nicht verstehen und denken es liegt an ihnen“.
Gelegentlich entwickeln sich aus diesen Vermeidungsstrategien Gefühle, die
dem Hass ähnlich sind.
Hans: „Kann kein Familientara mehr ab! Ich kann es nicht mehr ertragen! Ich habe alle
Kontakte zu meiner Familie abgebrochen. Auch zu meinen Onkels, die eigentlich immer
nett waren. Aber ich will einfach nicht mehr“.
73 siehe 6.2.2
74 siehe Hypothese 5
Im Falle von Hans führt diese Vermeidungsstrategie fast zu einem kompletten
Kontaktabbruch. Diese Problematik betrifft allerdings nicht nur das komplette
familiäre Umfeld, sondern setzt sich in Folge weiterer Enttäuschungen im
sozialen Umfeld fort. Kontaktabbrüche zur eigenen Familie sind in der
Schwarzen Szene die Regel. Dieser Mangel wird durch Ausweichhandlungen
kompensiert.
Zu weiteren Symptomen neurotischer Konflikte zählen die Hemmungen.
Ein Beispiel: Katja (22) hat große Schwierigkeiten eine konstante Beziehung
aufzubauen. „Ich hab eigentlich keine Beziehung“.
Die längste Beziehung dauerte 5 Monate. Im Gespräch stellte sich heraus, dass
Katja Angst vor körperlicher und emotionaler Nähe hat.
„Das Thema Beziehung und Sexualität hat sich völlig von mir abgespalten ... es
existiert einfach nicht ... Ich schäme mich dafür …“. Bei diesem Thema gerät das
Interview ins Stocken. Hier wird deutlich, dass diese (sexuellen) Hemmungen
durch ein traumatisches Erlebnis hervorgerufen sein könnten.
Die Hemmung wird nach außen hin als mangelndes sexuelles Interesse oder als
Ablehnung sexueller Handlungen erlebt. Dies kann sich gleichfalls in Frigidität
oder Impotenz ausdrücken. Hemmungen können die gesamte Sexualität, oder
Teilgebiete betreffen, die „assoziativ mit frühkindlichen Erfahrungen verknüpft
sind, aus denen Sexualängste entstanden“(Fenichel 2005 : 241 Bd. Ⅰ).
Sie treten auf, wenn entsprechende Auslösebedingungen oder besondere
Umstände vorliegen. Die Person glaubt unbewusst, dass durch den Sexualakt
eine Gefahr entstünde. Die Sexualhemmung ist somit Ausdruck einer
Abwehrreaktion des Ichs (Fenichel 2005 : 242 Bd. Ⅰ).
Sexuelle Hemmungen infolge eines Traumas lassen sich auch in der Biografie
von Sarah (36) feststellen. Nach ersten Missbrauchserfahrungen im Alter von 10
Jahren, wiederholen sich bei Sarah diese traumatischen Erlebnisse.
In erster Ehe ist sie starker körperlicher und sexueller Gewalt ihres Ehemanns
ausgeliefert, in deren Folge Sarah in klinische Behandlung gerät und bis zum
heutigen Zeitpunkt teils schwere körperliche Schädigungen (innere
Verletzungen) behielt. Sarahs nachfolgende Beziehung scheiterte u.a. an einem
mangelnden Bedürfnis nach Körperlichkeit. Sarah wendet sich für drei Jahre
der Homosexuellenszene zu und geht eine Beziehung zu einer Frau ein.
An diesen Ausführungen lassen sich weitere Gemeinsamkeiten erkennen.
Traumatische Erfahrungen, vor allem aufgrund von sexuellem Missbrauch
häufen sich in den Biografien weiblicher Gothics. Wiederum schließt sich der
Kreis, welcher den hohen Frauenanteil in der Szene zu klären versucht.
Weitere für die Szene charakteristische Hemmungszustände sind die
Essstörungen (ICD- 10 F.50 f.). Diese, die Nahrungsaufnahme betreffenden
Störungen können auch ein Affektäquivalent bei einer Depression darstellen,
bei der die Symptome der Nahrungsverweigerung vor der Ausbildung der
übrigen Symptome der Depression auftreten (Fenichel 2005 : 251 Bd. Ⅰ).
Ein Beispiel dafür ist Anna (29), die vor der Ausbildung ihrer Depressionen
aufgrund einer traumatischen Erfahrung eine Essstörung entwickelt hat, die
hier als Konversionssymptom verstanden werden muss.
Ähnliches gilt im Falle von Katja (22), die neben Autoaggressionen eine Bulimia
entwickelt. Auch Sarah bleibt von diesen Begleiterscheinungen nicht verschont.
Sie magert während ihrer Ehe extrem ab.
Interessant wäre an dieser Stelle eine umfassende qualitative Studie
anzustrengen, welche die Beziehung „Essstörung und Schwarze Szene“
untersucht. Für diese Studie ist festzustellen, dass drei der befragten 5 Frauen in
der Vergangenheit Essstörungen ausbildeten.
Kommen wir nun zu einem weiteren Phänomen, welches in der Szene auffällig
häufig zu Tage tritt, den Autoaggressionen.
Diese gegen das Über- Ich gerichteten aggressiven Tendenzen sind häufig
Begleiterscheinungen depressiver Erkrankungen. Autoaggressionen gehören
gleichfalls zur Symptomatik der Borderline- Persönlichkeitsstörung (DSM-Ⅳ
301.83), die ebenfalls in der Szene keine Besonderheit darstellt. Doch bleiben
wir bei den Autoaggressionen:
Die Betroffenen (vorwiegend Mädchen und junge Frauen) berichten in der
Entstehungsgeschichte von starken Schuldgefühlen.
Katja (22) beginnt sich nach der Trennung ihrer Eltern im Alter von 11 Jahren,
selbst zu verletzen. Es folgt ein Suizidversuch.
„Ich war so unter Druck ... ich wusste nicht was ich tun sollte ... ich hab mich
gehasst ... ich hatte Schuldgefühle“.
Die Autoaggression ist, wie viele andere Symptome auch, ein Ausdruck der
psychischen Störung.

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 1:03 pm

Selbstverletzung kommt auch in der „masochistischen“ Ader des Musikhörens
zum Ausdruck. Welcher „gesunde“ Mensch würde sich freiwillig mit
destruktiver Musik auseinandersetzen? Schwarze verfolgen offensichtlich eine
gesonderte „Aufmunterungsstrategie“.
Das Hören melancholischer Musik muss also auch als „mentale
Selbstverletzung“ verstanden werden.
Wie bereits im Kapitel 3 beschrieben wurde, haben Gothics neben ihrer
„sozialen Ader“ eine besondere Affinität zu Kreativität in jeglicher Hinsicht.
Dies kennzeichnet auch ihr Freizeitverhalten.
Hans (32): „Sonst mache ich noch elektronische Musik, habe eine kleine Band und
erstelle gerne Grafiken am Rechner oder auf Papier“.
Nicole (31): „Das kreative und das eher Jungenhafte hat mich dann doch schon eher
interessiert“.
„… Musik, ich muss mir wenigstens jeden Monat eine CD kaufen, brauche immer
wieder neue Mukke um mich inspirieren zu lassen für mein
Schreiben“. „Ich interessiere mich für Mystisches, Spirituelles. So wie die Geschichte
der alten Zeit. Psychologie, Kunst. Hobbys sind fotografieren, zeichnen,… lesen,
Grafiken erstellen, mein eigenes Forum …“.
Die offenkundige Kreativität in der schwarzen Szene hat eine bestimmte
Funktion, die sich wie folgt erschließt:
Traumatische Erfahrungen lösen Abwehrmechanismen aus, um das Ich zu
schützen. Einer dieser Abwehrmechanismen ist die Verdrängung.
Bestimmte, mit schmerzhaften Erinnerungen verbundene, Triebregungen
werden so dem Bewusstsein vorenthalten. Das auf diese Weise Verdrängte bleibt
indes unbewusst wirksam, es sei denn, es wird erfolgreich verdrängt.
Diese erfolgreiche Verdrängung (oder erfolgreiche Abwehr), wird als
Sublimierung bezeichnet. Sublimierungen sind somit Triebregungen, die auf
„positive“ Weise an die Oberfläche gelangen. Die Energie der ursprünglichen
Triebregung wird zur Besetzung eines „Ersatzes“ verwandt (Fenichel 2005 : 202
Bd. Ⅰ ).
Freud bezeichnet diese Triebregungen in seiner Libidotheorie75 als sexuelle
Triebenergie. Diese wird in Form des kreativen Schaffens desexualisiert.
75 siehe auch 5.1.1
Interessant dabei ist, dass Sublimierungen die in der Kindheit entstehen,
offensichtlich in hohem Maße von verfügbaren Vorbildern und Anregungen
abhängen (Fenichel 2005 : 204 Bd. Ⅰ). Ein Beispiel:
Nicole (31) fotografiert sehr gern und berichtet in diesem Zusammenhang von
ihrem Vater. „Er hat mir sehr viel über Fotografie beigebracht, wir haben auch
zusammen gerne immer fotografiert, durfte dann seine Kamera benutzen die eigentlich
sein Heiligtum war. Hab mit ihm auch immer gerne die Bilder entwickelt, so
Dunkelkammer und so“.
An diesem Beispiel lässt sich Freuds Theorie verdeutlichen, nach dem
Sublimation in erheblichen Maße mit Identifikation zusammenhängt.
An anderer Stelle haben wir bereits ausgeführt, dass Nicole sich mit ihrem Vater
identifiziert und somit auch mit seinen Interessen.
Sublimierung in Form von Musizieren begegnet uns sehr häufig. So hat diese
Art der Kreativität indes noch eine weitere Funktion. Sie dient gleichfalls als
Mittel zum Aufbau neuerlicher Objektbeziehungen, um bereits Abgestoßene zu
ersetzen.
„Im Rahmen schöpferischer Prozesse wird narzißtische Libido in Objektlibido
umgewandelt“(Wilms 1975 : 43). Produktivität jeglicher Form ist demnach auch
der Wunsch, neue Objektbeziehungen zu schaffen.
Dies ist in gleicher Weise wirksam, um ein geschwächtes Ich zu stärken. Jener
Effekt wird auch in der Musiktherapie einkalkuliert. Da Neurotiker es
vermeiden, Beziehungen aufzubauen, wirkt Musik in solchem Falle als
Beziehungsobjekt. Musik stellt einen Ausschnitt der Realität dar, der neue
Kontaktmöglichkeiten eröffnen kann (Willms 1975 : 43).
Im Zusammenhang mit depressiver Symptomatik haben wir bereits das Thema
Verlustangst76 angesprochen. Verlustängste gehören ebenfalls zu den
Besonderheiten, die in der Gothic- Szene auffällig sind. Diese Form der Angst
ist ebenfalls Bestandteil des Selbstbildes depressiver Menschen (Volk/Travers/
Neubig 1998 : 90). Konkret sind dies Angst vor Liebesverlust und Angst vor
Objektverlust. Ursache dafür ist ein überkritisches Über- Ich mit daraus
resultierenden Selbstwertstörungen (Volk/Travers/Neubig 1998 : 93), die auch
in den vorliegenden Biografien deutlich zum Vorschein treten.
Einige Beispiele:
76 siehe 6.2.1.1
Nicole (31): „Ich habe Angst davor meinen Partner zu verlieren, egal warum“.
Hans (32): „Beziehungen reissen mich immer in ein tiefes Loch. Ich fühle mich dann
total elend leide stark, selbst wenn ich die Frau nicht geliebt habe“.
Hier kommt bereits die Fatalität eines solchen Handelns zum Vorschein.
Fenichel schreibt dazu: „Bei Personen, deren Selbstgefühl durch Angst vor
Liebesverlust reguliert wird, können sekundäre Angst und Schuldgefühle
entstehen, wenn sie versuchen, sich die notwendige narzißtische Zufuhr mit
zweifelhaften Mitteln zu verschaffen. Besonders unglücklich sind diejenigen,
die narzisstische Zufuhr benötigen, zugleich unbewußt aber Angst davor haben
sie zu empfangen“(Fenichel 2005 : 195 Bd. Ⅰ). Zu diesen, wie Fenichel sie
beschreibt, „zweifelhaften Mitteln“, gehört auch eine offenkundig falsch
motivierte Partnerwahl. Das Einlassen auf Beziehungen, die nur der
Befriedigung der vermissten narzißtischen Zufuhr dienen, hat auch die
Funktion einer Wiedererlangung des Selbstgefühles, was aber jeglicher
gesunden Regung entbehrt. Diese Vorgänge, das verstärkt in der Szene zu
beobachtende „Bäumchen-wechsel-dich-Spiel“, das häufige Wechseln der
Sexualpartner, ist ein Indiz depressiver Symptomatik.
Der sehnsüchtige Wunsch nach emotionalem Halt endet häufig in einer
gescheiterten Partnerbeziehung, da die Motivation beider Partner gleichfalls
auf narzißtischen Motiven beruhen kann und somit zwangsläufig zum
Scheitern verurteilt scheint. Dies kommt auch in unseren Biografien zum
Ausdruck.
Hans (32):
„Das Alleinsein fällt mir über lange Zeit schwer … ich bin viel zu sehr davon
abhängig, dass eine Beziehung da ist die funktioniert. Das ist das einzige, was mir
wirklich richtig fehlt wenn ich keine habe“.
„In einer guten Beziehung fühle ich mich wohl und bin weniger melancholisch, auch
wenn diese Grundstimmung fast immer da ist.
„Sex war wohl noch das, wo ich mich noch richtig gut gefühlt habe. Was anderes war
da kaum noch. Ich bin zu dieser Zeit auch sehr oft weggegangen, hauptsächlich um
Frauen kennenzulernen … . Das wichtigste für mich im Leben ist eine glückliche
Beziehung“.
Wie ich schon ausführte, dienen häufige Diskothekenbesuche auch und vor
allem der Partnersuche.
Dass es auf dem „Weg“ dahin zu einer der „Hypersexualität“ ähnlichen
Verhaltensweise kommt, liegt aufgrund der Motivlage auf der Hand. In dieser
offenbaren „Hypergenitalität“ neigen solche Personen dazu, neue Objekte
schnell in sich aufzunehmen, stoßen diese aber genauso schnell wieder ab.
Diese Symptomatik ist auch typisch für einen manischen Zustand innerhalb
einer depressiven Erkrankung. Es kommt also zu einer (relativ) oberflächlichen
Identifizierung mit äußeren Objekten (Fenichel 2005 : 301 Bd. Ⅱ).
Wir sehen also auch hier die Verbindung zur Depression.
Starke Verlustängste sind häufig mit einem „Nicht-Loslassen-Wollen“
gekoppelt. Dies kennzeichnet auch alle Beziehungen von Sarah (36).
Keine ihrer Beziehungen konnte sie selbstständig lösen, auch nicht, nachdem
sie jahrelang misshandelt wurde. Das wir es hier mit einem wenig intakten
Selbstwertgefühl zu tun haben ist evident. Sarah hat nach eigenen Angaben in
der ersten Ehe ihr „gesamtes Selbstbewusstsein“ verloren, wobei anzunehmen ist,
dass der Grundstein dafür schon viel früher gelegt wurde. Die hier von ihr
aufgebrachte Toleranz gegenüber der Gewalt ihres Ehemanns liegt weit über
dem, was ein gesundes Ich verkraften kann. Sarah wartete stets, bis sie vom
Partner verlassen wurde. Ihr Denken war stets durch starke Schuldgefühle
geprägt. Sie gab sich selbst die Schuld daran, dass sie geschlagen wurde.
Sarahs Selbstgefühl kehrt erst wieder allmählich zurück, als sie in die Schwarze
Szene kommt. „Das war wie so ne Schutzmauer … aber gleichzeitig hat es mein
Selbstbewusstsein gestärkt, weil ich die Blicke der anderen gespürt habe …“.
Auch Anna (29) hat große Schwierigkeiten sich von Beziehungen zu lösen, auch
wenn diese von offenkundiger Emotionslosigkeit gekennzeichnet sind. Sie
resümiert: „dass ich eigentlich nicht das zurückgekriegt habe, was man erwartet hat“.
Anice77 (23):
„Ich habe leider immer mehr feststellen müssen dass es mir fast unmöglich ist zu
anderen menschen eine normale bindung zu entwickeln bzw. zu haben. sobald sich eine
beziehung vertieft (unabhängig ob nun auf freundschaftlicher oder partnerschaftlicher
ebene) entwickelt sich in mir eine extreme verlustangst. ich habe ohne ersichtlichen
grund tierische angst diesen menschen (aus irgendwelchen gründen z.b. verlassen zu
werden oder dass mich der jenige nicht mehr mag) "zu verlieren". dies geht soweit dass
77 Gothic Forum Dunkles Leben, http://www.dunkles-leben.de/forum/viewtopic.php?t=4400, Eintrag
vom 15. Februar 2008
ich mich kaum noch an der bindung erfreuen kann, weil alles immer von der ständigen
angst begleitet wird“.
Die Angst vor dem Verlust einer Beziehung, oder die Sehnsucht nach der
erfüllten Liebe, ist kennzeichnend für das Schwarze Seelenleben.

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 1:03 pm

Stärker als der Tod - Mantus78
Wir haben uns tausendmal geliebt
Vom Abend bis zum Morgenrot
Denn wir sind stärker als der Tod
Wir haben die Traurigkeit besiegt
In einer Welt die uns bedroht
Denn wir sind stärker als der Tod
Die enge Beziehung zu einem gleichgesinnten Partner ist für Gothics wie eine
„Schutzmauer“, die vor den Unwegsamkeiten des Lebens Schutz bietet.
In den vorangegangenen Aufzeichnungen kam bereits häufig zum Vorschein,
dass viele der Szene eigenen Mechanismen der Aufwertung des
Selbstbewusstseins dienen. Dazu gehört auch das auffällige Kleiden. Wie
angesprochen,79 dient dies nicht vorrangig der Provokation, sondern erfüllt
gleichfalls die erwähnte Funktion. Somit ist dieses Kleiden der psychischen
Funktion des „Exhibitionismus“ ähnlich. Das Exhibieren dient vornehmlich
dazu, verstärkte Sicherheit gegen Ängste, Schuld- und
Minderwertigkeitsgefühle zu vermitteln (Fenichel 2005 : 18 Bd. Ⅰ). Die
Verwendung des Begriffes in hier ist dennoch nicht mit dem zu den
Perversionen zählenden Begriff des Exhibitionismus (ICD-10 F 65.2) zu
verwechseln, der darauf abzielt Kastrationsängste zu überwinden, indem
andere von der Existenz des Geschlechtsteils überzeugt werden müssen. Wie
wir gesehen haben, hat das auffällige Schwarz-Kleiden neben der
Distinktionsfunktion den Effekt einer Selbstaufwertung und damit einer
Stärkung des Ichs.
78 Mantus: deutsche Dark- Wave- Band
79 siehe 3.2.2
Sarah (36): „Das war wie so ne Schutzmauer … aber gleichzeitig hat es mein
Selbstbewusstsein gestärkt, weil ich die Blicke der anderen gespürt habe …“.
Auch bei Katja (22) wird dieser Effekt deutlich. Sie erzählt, dass sie sich in der
ersten Zeit nach ihrem Suizidversuch und dem Heimaufenthalt „extremer“
gekleidet hat als heutzutage. Heute ist ihr dies „nicht mehr so wichtig“. Es liegt
nahe, dass ihr Selbstbewusstsein in dieser Lebensphase am Boden lag. Die
Kleidung hatte also die Funktion eines Schutzes gegen äußere „Gefahren“,
sowie in Folge den Effekt einer Steigerung des Selbstgefühles. Diese Kausalität
lässt sich in der Gothic-Szene ohne Schwierigkeiten nachvollziehen.
Ein weiteres Phänomen, welches auch an anderer Stelle, nicht nur in dieser
Arbeit, beschrieben wurde, ist die Verbindung der Schwarzen Szene zur SMSzene.
Verwunderlich scheint mir die Tatsache, dass versucht wird, diese
Szenen voneinander zu trennen. Ruthkowski spricht von einem „Einfließen“
des SM-Stils in die Schwarze Szene, was offenkundig toleriert wird
(Ruthkowski 2004 : 9Cool. Meisel beschreibt gleichfalls einen „SM-Stil“ der sich in
der Kleidung ausdrückt (Meisel 2005 : 44). Ich vertrete die Auffassung, dass sich
beide Szenen nicht voneinander trennen lassen, auch wenn die Motivation zum
Aufenthalt in der Szene zuweilen unterschiedlich ausfallen kann. Fakt ist, dass
sich „beide“ Gruppen offensichtlich gut verstehen und zueinander „passen“.
Warum dies so ist, wird auch deutlich, wenn man die psychische Konstitution
beider Gruppen näher beleuchtet. Schätzt die Fetisch- und SM- Szene auch die
offenkundige Toleranz der Schwarzen gegenüber „andersartigen“ Menschen,
gepaart mit der Affinität zur Farbe Schwarz, so eint sie doch gleichfalls die
neurotische Konstitution. Um dies zu verdeutlichen, sollten wir uns mit den
Ursachen der Vorliebe zum Sadomasochismus (ICD-10 F.65.5)
auseinandersetzen. Zu diesem Zweck wurde hier eine quantitative
Untersuchung80 durchgeführt, die neben anderen Determinanten auch die
sexuelle Orientierung und sexuelle Neigungen in der schwarzen Szene
untersucht. Bleiben wir zunächst bei der Neigung zu sadomasochistischen
Praktiken. Von 150 untersuchten Frauen neigen 27,3% zu SM- Praktiken, 42,7%
lehnen sie ab und 30% machten keine Angabe.
80 siehe Anhang: A7- 8
Bei den Männern (N=150) tendieren 30,6% zu SM- Praktiken, 34,7% lehnen sie
ab und 34,7% machten keine Angaben.
Bedenkt man, dass von den insgesamt 300 untersuchten Personen (Schwarzes
Glück) eine erhebliche Anzahl keine Angaben machte und trotzdem eine sehr
hohe SM-Neigung zu Tage tritt, wird die Tendenz klar erkennbar. Warum neigt
ein Mensch eigentlich dazu, anderen oder sich selbst Leid zuzufügen?
Warum haben Menschen „Spaß“ daran, gequält zu werden?
Zunächst werden „unbekannte konstitutionelle Faktoren“ und
Frustrationserfahrungen dafür verantwortlich gemacht (Fenichel 2005 : 110 Bd.
Ⅰ). Sadismus und Masochismus stehen im klinischen Sinne in unmittelbarer
Verbindung. „Wo immer Masochismus auftritt, zeigt die Analyse, daß ein
sadistischer Antrieb eine Wendung gegen das Ich genommen hat“(Fenichel
2005 : 89 Bd. Ⅰ). Bei Freud taucht dieser Begriff in seiner Triebtheorie zum Todesund
Destruktionstrieb auf. Der Destruktionstrieb ist die gegen die Außenwelt
gewandte (zerstörerische) Energie, die analog dem Sadismus zu verstehen ist.
Die andere Seite des Destruktionstriebes ist der Eros (Fenichel 2005 : 89 Bd. Ⅰ).
Diese objektsuchende Energie ist analog dem Masochismus.
Während die Motivation zum Sadismus wohl eher auf einer angestrebten
Erhöhung des Machtgefühls beruht, scheint der Masochismus dem Bestreben des
Menschen zu widersprechen, sich Lust zu verschaffen. Dieser Widerspruch ist
nur schwer aufzulösen. Einerseits möchte man sich Lust verschaffen,
andererseits lässt man sich Schmerz zufügen. Sicher ist, dass Masochisten
offensichtlich Lust empfinden. Zu den Mechanismen, die zu diesem Empfinden
führen, gibt es verschiedene Erklärungsansätze (Fenichel 2005 : 234 Bd. Ⅱ):
1. Aufgrund von bestimmten Erlebnissen ist jemand davon überzeugt, dass
sexuelle Lust und Schmerz untrennbar miteinander verbunden sind.
2. Masochismus gehört zum Mechanismus des „Opfers“.
Wenn davon ausgegangen wird, dass Masochisten, wie auch Sadisten
unbewusst Angst vor Kastration haben, so erscheint die Opfersituation
des Masochismus geeignet, der Kastration durch „Eigenkastration“
zuvorzukommen, um somit die Ängste zu befriedigen. Die Handlung
entspricht also einer Art „Opfergabe“.

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 1:04 pm

3. Diese Angst wird durch spielerische „Antizipation“ bekämpft. Dies bedeutet,
dass durch das „Spielen“ der „angstauslösenden“ Situation, der
„Überraschungseffekt“ bei einer realen Kastrationssituation der Schrecken
genommen werden kann.
Von diesen Erklärungsversuchen scheint einer besonders einleuchtend:
Die „Opfertheorie“ stellt die Regression auf einen „oral- rezeptiven
Typus“ (Fenichel 2005 : 235 Bd. Ⅱ) dar. Dies bedeutet, dass der Masochist durch
seine „Demutshaltung“ unbewusst ein Schutzbedürfnis suggeriert, welches in
einer infantilen Entwicklungsstufe zweifellos vorhanden war. Er bittet somit
unbewusst um Schutz und Zuneigung. An dieser Stelle schließt sich wiederum
der Kreis zu unseren bisherigen Erkenntnissen. Wir sehen also, dass sich die
Motive, insbesondere des Masochismus, mit denen der depressiv Erkrankten
decken, und somit auch mit den Motiven der Schwarzen nach Zuneigung und
Geborgenheit. Bei der sexuellen Orientierung sieht es folgendermaßen aus:
Da Homosexualität ebenso wie die Neigung zum Sadomasochismus im
psychoanalytischen Sinne unter den Begriff der Perversionen fallen und somit
als psychosexuelle Entwicklungsstörungen angesehen werden, war dies daher
ausreichend Grund, diese Thematik näher zu untersuchen. Mag sich mancher
an dem Begriff der Perversion stören, so ist zu bedenken, dass dieser im
psychoanalytischen Sinne weit weniger „negativ“ besetzt ist, als dies heute
umgangssprachlich der Fall ist. Perversionen sind bis zu einem gewissen Grade
als „normal“ anzusehen und daher wird dieser Begriff hier auch
unvoreingenommen gebraucht. Zu den Fakten:
Ausgehend von selbiger Stichprobe81 wie zu Fragen der SM- Neigung, gaben
4% der Männer an, dass sie bisexuell seien. 1,5% gaben an, homosexuell zu sein.
2% der Männer machten keine Angaben. Bei den weiblichen Personen ergibt
sich folgendes Bild: 25,3% der Frauen bezeichneten sich als bisexuell und 4,7%
als homosexuell. Bei aller Vorsicht, die man bei der Interpretation der Statistik
walten lassen muss, fällt der sehr hohe Anteil bisexueller Frauen auf. Nun ist
die Gothic- Szene für ihre Toleranz und Freizügigkeit bekannt, somit überrascht
es wenig, dass sich Homo- und Bisexuelle hier akzeptiert fühlen. Nehmen wir
dies zum Anlass nach den Ursachen, insbesondere der Homosexualität zu
forschen. Zur Ätiologie der Homosexualität gibt es sicherlich keine als absolut
81 siehe Anhang: A7
gesichert geltenden Erkenntnisse, jedoch stellt die psychoanalytische Theorie
einige interessante Erklärungsversuche zur Verfügung.
Da man davon ausgeht, dass der Mensch von Natur aus bisexuell veranlagt ist,
sind es vielfache Begleitumstände, die eine gleichgeschlechtliche Objektwahl
begünstigen. Der Junge hat sicherlich aufgrund seiner ersten Objektwahl (in der
Regel die Mutter) weniger Schwierigkeiten, eine gegengeschlechtliche
Beziehung aufzubauen als das Mädchen. Diesem Punkt wird die Tatsache
geschuldet, dass Frauen offenbar eher zu Homo- oder Bisexualität neigen als
Männer. Jedoch kann es gerade bei Jungen aufgrund einer ausgeprägten
Mutterfixierung zur Homosexualität kommen. Nun kann es auch noch andere
Ursachen geben, die Homosexualität begünstigen. So sind durchaus auch
hormonelle (biologische) Ursachen denkbar (Fenichel 2005 : 194 Bd.Ⅱ).
Eine Erklärung für die männliche Inversion ist wiederum die Kastrationsangst.
Kann der Anblick eines fehlenden männlichen Genitals an der Mutter (dies gilt
auch für Mädchen) einen „Schock“ auslösen, der als Kastrationsangst
fortdauert, so wird aufgrund dieser Angst vermutet, dass der Junge nunmehr
den geschlechtlichen Kontakt zu diesen „andersartigen“ Wesen scheut und sich
in Folge an jenen orientiert, die dieses „Manko“ nicht aufweisen.
Klingt dies zunächst recht befremdlich, so ist anzumerken, dass durch
psychoanalytische Untersuchungen nachgewiesen wurde, dass homosexuelle
Männer häufig Angst vor dem weiblichen Genitale haben (Fenichel 2005 : 195
Bd.Ⅱ). Mit dieser Angst verbindet sich gleichfalls die Angst, ihren Penis zu
verlieren. Die häufig beobachtete Identifikation beruht auf der Gemeinsamkeit,
dass beide (der Mann und die Mutter) Männer lieben. Eine übermäßige
Identifizierung homosexueller Männer mit ihrer Mutter, konnte auch bei
homosexuellen Männern nachgewiesen werden, die besondere Angst vor ihren
Müttern hatten. Sie identifizierten sich somit mit dem „Aggressor“(Fenichel
2005 : 197 Bd.Ⅱ). In diesem Falle ist also die Grundlage ihrer Homosexualität
die Identifizierung mit der Mutter in Bezug auf das Triebziel (Fenichel 2005 :
201 Bd. Ⅱ). Es gibt aber auch die eher seltenere Form der Fixierung auf den
Vater, die allerdings nur dort vorzukommen scheint, wo die Mutter als
primäres Liebesobjekt nicht zur Verfügung stand. Indes neigen „Kinder im
allgemeinen dazu, sich stärker mit dem Elternteil zu identifizieren, von dem sie
nachdrücklichere Frustrationen erfahren haben“(Fenichel 2005 : 204 Bd. Ⅱ).
Freud stellte zudem fest, dass Jungen die homosexuell sind, in erhöhtem Maße
von ihrer Mutter frustriert worden sind (Fenichel 2005 : 205 Bd. Ⅱ). Die
ausgeprägte Homosexualität in der Antike (Griechenland, Rom) ist ein Indiz für
Freuds Theorie. Die Kinder wurden in der Antike zur Zeit ihrer Prägenitalität
häufig von der Hand männlicher Sklaven aufgezogen, somit liegt dieser Schluss
nahe. Dies wäre auch eine Erklärung dafür, warum der Eindruck vorherrscht,
dass überproportional viele Homo- und Bisexuelle in der Schwarzen Szene
anzutreffen sind. Die Wahl des ersten Liebesobjektes kann also auch auf die
Vaterfigur fallen. Dazu sei grundsätzlich angemerkt, dass eine Regression auf
eine Identifizierungsebene vor allem dann auftritt, wenn es vorher zu einem
Objektverlust kam (Fenichel 2005 : 197 Bd.Ⅱ). Bei der Gelegenheit sollten wir
einen Blick auf sog. „feminine Männer“ werfen, die zum Alltagsbild der Gothic-
Szene gehören und durch ihr „weibliches“ Verhalten auffallen. Die
Androgynität steht ebenfalls mit der Kastrationsangst in Verbindung. Ihre
Kastrationsangst besteht in diesem Fall gerade vor Männern.
Männer dieses Typus sind, obwohl sie sich Frauen angleichen, heterosexuell
(Fenichel 2005 : 202 Bd.Ⅱ). Sie verdrängen ihre Homosexualität, weil sie für sie
einen Kontakt mit Männern bedeuten würde. Androgyne Typen sind in hohem
Maße an weiblicher Homosexualität interessiert und halten sich vorzugsweise
unter Frauen auf. In der Tat ist es allerdings für sie nötig, das Fehlen eines
männlichen Genitals an den Frauen zu leugnen, um ihrer Kastrationsangst zu
begegnen. Femininität bei Männern ist somit im Allgemeinen „Ausdruck eines
Infantilismus, einer Regression auf passive Arten der
Realitätsbewältigung“(Fenichel 2005 : 202 Bd.Ⅱ). Grundlage ist allerdings, wie
auch in den meisten Fällen der männlichen Homosexualität, eine
Identifizierung mit der Mutter.
Auch bei der weiblichen Homosexualität geschieht die Hinwendung zum
weiblichen Geschlecht in der Regel durch eine frühe Mutterfixierung (Fenichel
2005 : 206 Bd. Ⅱ). Sie bedeutet eine Reaktivierung der ersten Bindung an das
primäre Liebesobjekt, somit die Reaktivierung dieser ersten (homosexuellen)
Beziehung. Die Ursprünge werden analog der männlichen Homosexualität
vermutet. Bei Frauen, die in ihrer Homosexualität den maskulinen Typus
repräsentieren, ist häufig eine Enttäuschung durch die Vaterfigur
vorausgegangen, die mit einer Identifizierung mit dem Vater beantwortet
wurde.

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 1:04 pm

Diese Frauen nehmen anschließend eine maskuline Stellung gegenüber
Frauen ein, die für sie einen Mutterersatz darstellen (Fenichel 2005 : 207 Bd. Ⅱ).
Bei Sarah (36) begegnet uns weibliche Homosexualität des ersten Typus. Sarah
identifiziert sich stark mit ihrer Mutter, von der sie gleichzeitig stark frustriert
worden ist82. Die traumatischen Gewalterfahrungen in erster Ehe bewirken
anschließend eine Reaktivierung der latent vorhandenen Homosexualität, die
allerdings im späteren Leben wieder in den Hintergrund tritt.
Wir sehen also auch hier, dass die Entwicklungsfaktoren der Homosexualität im
Besonderen, mit den Entwicklungsfaktoren psychischer Störungen im
Allgemeinen vergleichbar sind.
Kommen wir nun zu einem weiteren Verbindungselement, der Sucht. In den
Biografien unserer Interviewpartner finden sich entsprechende Anhaltspunkte.
Heinz (42) gerät mit 14 Jahren das erste Mal in Kontakt mit harten Drogen.
„Nur halt so die ersten Rauschmittel, um die Unstimmigkeiten zu Hause besser
ertragen zu können. Um sich zuzumachen halt, um die Sachen halt nicht so sehr an sich
ran zu lassen. Die Streitereien oder die peinlichen Situationen, oder wenn mein Vater
halt meine Mutter so fertig machte …“. „Für mich waren die Drogen die einzige
Möglichkeit, eine stückweit meine Freiheit zu erlangen“.
An dieser Stelle wird seine Motivation sehr deutlich. Für Heinz haben Drogen
die Funktion eines „Fluchtmittels“. Die stark ambivalente Erziehung seiner
Eltern war für ihn nur schwer erträglich.
„Ja, also meine Mutter war so was von unrealistisch und so anhänglich, und hier
Küsschen und da Küsschen und hier drücken und da ... die hat mich früher teilweise so
mit ihrer Liebe erdrückt …“.
„Ich bin echt ganz schön verwöhnt worden, ich habs eben alles teilweise so in den
Arsch geblasen bekommen …“.„Na, das war halt ein totaler Zwiespalt, total der
Gegensatz, ja der eine nur am Motzen, der andere nur am Loben, egal was für ne
Scheisse man gemacht hat“.
Heinz verliert aufgrund seiner Drogeneskapaden seine Freundin. Sie bemerkt,
dass er Heroin raucht. „Die erste Grosse Liebe.... Ich war einfach schon zu sehr von
den harten Drogen fasziniert … das hatte schon so ne eigene Faszination ... dass die
82 siehe 6.2.1.1
Beziehung immer weniger wert wurde“.
„Danach ging es dann richtig herbe mit harten Drogen ab …“.
Nach der Trennung steigert sich der Drogenkonsum. Heinz beginnt Heroin zu
spritzen und kommt mit synthetischen Drogen in Kontakt.
„Bin dann ziemlich schnell auch abhängig geworden ... das hat mir so den Boden unter
den Füssen weggezogen“.
Heinz gerät in die Drogenszene. Er verliert den Kontakt zur Schwarzen Szene,
da er zu sehr mit der Beschaffung von Rauschmitteln beschäftigt ist.
„Was mich vorher mal so richtig fasziniert hat, war auf einmal alles weg, das wurde
durch die harte Droge voll ersetzt“.
In Folge seines Drogenkonsums muss Heinz zweimal wiederbelebt werden.
„Meine Eltern haben mich zweimal quasi schon tot im Zimmer aufgefunden …“.
Anschließend durchläuft Heinz eine 3-monatige Entgiftungsphase und wartet
auf einen Therapieplatz. Es folgen 12 Monate stationäre Drogentherapie und 9
Monate Betreutes Wohnen. Mit 24 Jahren zieht Heinz in die erste eigene
Wohnung. Auch wenn Heinz heute keine harten Drogen mehr nimmt,
verschiebt sich seine Sucht auf den Alkohol. Seine Ehe scheitert u.a. auch an
seinem Alkoholkonsum. Heinz versucht seine „Einsamkeit mit Alkohol zu
betäuben“. Auch wenn sich heute der Alkoholkonsum in Grenzen hält, so hat er
immer noch die Funktion eines Kompensationsmittels.
„Gut bin ich eigentlich nur drauf, wenn ich meinen Sektrausch habe ... mittlerweile
kann mir gar nicht mehr vorstellen, nüchtern in ne Diskothek zu gehen“.
Bei Heinz verbindet sich gleichfalls die Alkoholabhängigkeit mit dem Wunsch,
eine neue Beziehung aufzubauen. Entsprechende Frustrationserfahrungen
verstärken diesen Effekt.
Auch Katja (22) kommt als junges Mädchen mit harten Drogen in Kontakt.
Auch für sie sind Drogen ein „echtes“ Betäubungsmittel. Auslöser ihrer
Drogensucht sind traumatische Erfahrungen, die ich bereits ansprach83.
Katja hat heute ihre Sucht überwunden.
Bemerkten wir bereits, dass Drogen in der Schwarzen Szene prinzipiell keine
Rolle spielen, so sehen wir hier, dass die Szene zumeist, nach einer (mehr oder
weniger) erfolgreichen Entwöhnung, dennoch ein adäquater Zufluchtsort sein
kann. Betrachten wir indes die Gründe, warum Menschen zur Droge greifen, so
83 siehe 6.2.1 f.
sind wir wiederum da, wohin wir stets am Ende unserer Nachforschungen
gelangen, die Eltern-Kind-Beziehung. Die „Wurzel allen Übels“ scheint in allen
Fällen die gleiche zu sein. Auch bei der Drogensucht ist dieses einleuchtend.
Jede Art der Sucht ist eine Ersatzbefriedigung. „Das Wort Sucht verweist bereits
auf die Dringlichkeit eines Bedürfnisses und das schließliche Scheitern aller
Versuche, es zu befriedigen“(Fenichel 2005 : 258 Bd. Ⅱ). Interessant dabei ist,
dass prinzipiell nur derjenige süchtig wird und ist, für den die Wirkung des
Rauschmittels eine besondere Bedeutung gewinnt. Diese besondere Bedeutung
beruht auf dem Umstand, dass Rauschmittel als „Nahrung und Wärme“
empfunden werden (Fenichel 2005 : 260 Bd. Ⅱ). Damit wird auch gleichfalls
deutlich, welche „Wärme“ hier offensichtlich primär fehlt. Diese Wärme und
Befriedigung kann durch den Rauschzustand empfunden werden. Allerdings
nur so lange, wie dieser Zustand anhält. Bekannterweise fallen Süchtige nach
dem Abklingen des Rausches in eine Art depressiven Zustand, der wiederum
nur durch einen erneuten Rauschzustand aufgehoben werden kann.
Festzuhalten ist, dass der Grundstein der „prämorbiden
Persönlichkeit“(Fenichel 2005 : 259 Bd. Ⅱ) in der oralen Phase, und damit in der
frühen Kindheit gelegt wird.
Mag es sicherlich noch andere Ursachen (z.B. biologische oder soziale) für Sucht
geben, so bringt uns diese Tatsache dennoch nicht weiter, wenn wir die
primären Ursachen darüber verleugnen. Die psychoanalytische Theorie liefert
hier einen konsequenten, nachvollziehbaren Erklärungsansatz, der an anderer
Stelle häufig recht dürftig ausfällt. Die Argumentationsline der Kritiker der
psychoanalytischen Theorie fällt meiner Auffassung nach recht dürftig aus.
Allerdings wollen wir diese Thematik hier nicht weiter ausführen.

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 1:04 pm

Die voranstehenden Ausführungen haben, obgleich sie sich vorwiegend am
Einzelfall orientieren, gezeigt, dass sich in der Gothic- Szene eine Vielzahl
neurotischer Symptome vorfinden lassen. Nun mögen solche Symptome auch
innerhalb der Normalgesellschaft zu finden sein, jedoch nicht in dieser
Häufigkeit. Es dürfte schwierig werden einen Goth zu finden, der diese
Augenfälligkeiten bestreiten würde. Diese eher alltagstheoretischen
Beobachtungen werden jedoch bei näherer Betrachtung greifbar. Auch wenn,
wie bereits mehrfach angesprochen, „gesicherte“ Erkenntnisse nur durch eine
ausgeweitete qualitative Analyse gewonnen werden könnten, so zeichnet sich
auch im Rahmen dieser Studie eine deutliche Tendenz ab.
Die primären Ursachen, sowohl neurotischer Störungen als auch depressiver
Störungen, sollten hinreichend ausgeführt worden sein. Die prämorbide
Persönlichkeit bildet sich stets dort aus, wo das natürliche Schutz- und
Liebesbedürfnis des Kindes missachtet wird. Richter, welcher sich seinerseits
auf Freud bezieht, formuliert dies so: „Sie werden nie unabhängig genug von
der Liebe anderer und setzen in diesem Punkt ihr infantiles Verhalten
fort“(Richter 2007 : 23).
6.2.4.1 Die gestörte seelische Entwicklung
Stellen wir hier also die Schaffung einer primären Disposition zur Ausbildung
einer psychischen Erkrankung fest, so stellt sich die Frage, ob es, nachdem das
„Kind in den Brunnen“ gefallen ist, noch Einflussmöglichkeiten auf das weitere
Leben des Kindes gibt. Von Kritikern der psychoanalytischen Theorie ist diese
Argumentation häufig zu vernehmen. Demnach wären alle späteren
Erziehungsmaßnahmen nichtig, weil die Tiefenpsychologie ja festgestellt hätte,
dass, „sowieso alles zu spät“ sei. Nun, dieser Schluss ist unzulässig, da lediglich
festgestellt wurde, wo die Voraussetzungen für eine Fehlentwicklung
geschaffen wurden. Dies heißt indes nicht, dass mit entsprechenden
Erziehungsmassnahmen kein „positiver“ Einfluss ausgeübt werden könnte.
Traurigerweise fallen häufig die späteren Erziehungspersonen mit jenen
zusammen, die vormals offenkundig versagt haben. Diese Tatsache erschwert
spätere Einflussnahmen auf die psychische Entwicklung des Kindes erheblich.
Trotzdem wurden auch gerade durch die psychoanalytische Theorie
Erziehungsfehler aufgedeckt und in Form von entsprechender Ratgeberliteratur
für Eltern und Erzieher bereitgestellt. Kritikpunkte der Erziehung waren nach
Hitschmann (1927) vor allem die viel zu frühe und strenge
Reinlichkeitserziehung, Prügel, unnötig oft wiederholte Vorwürfe,
Unterlassung der sexuellen Aufklärung und die übertriebene Einschüchterung
sexueller Regungen (Richter 2007 : 3Cool. Auch Reich (1925) bemerkte:
„Die Eltern schädigen das Kind, wenn sie ihm zu viel, oder zu wenig
Triebunterdrückung abfordern“(Richter 2007 : 39).
Reich stellt 4 Variationen der Milieueinwirkung auf (Richter 2007 : 39):
1. Partielle Triebbefriedigung und stückweise Versagung. (Optimum)
2. Volle Triebversagung seit Anfang der frühkindlichen Entwicklungsphasen.
(Begünstigung von triebgehemmten Zwangsneurosen)
3. Triebversagung fehlt in der ersten Entwicklung vollkommen, oder so gut wie
vollkommen. (Förderung der Entwicklung von Verwahrlosung)
4. Ungehemmte Triebbefriedigung. Sehr spät einsetzende Phase der Versagung.
(Förderung der Entwicklung eines triebhaften Charakters)
Diese Skalen, wie sie auch von anderen Autoren(z.B. Levy 1957, Brody 1956)
zur Messung elterlicher Fürsorge entwickelt wurden, muten heute zwar etwas
altertümlich an, was ihren wahren Gehalt jedoch nicht ausschließt.
Dies wird bei der Skalierung von Bossard und Boll (1947) deutlich (Richter
2007 : 46):
A. Übermaß an Zuneigung (excess of affection)
B. Normale Zuneigung (normal affection)
C. Aufsplitterung der Zuneigung (discrimination of affection)
D. Unbeständigkeit der Zuneigung (inconsitency of affection)
E. Verschiebung der Zuneigung (displacement of affection)
F. Mangel an Zuneigung Offene Ablehnung (lack of affection)
G. Offene Ablehnung (franc rejection)
Abgesehen von der Skalierung (B) wird hier jegliche andere Skalierung als für
das Kind belastend angesehen. Interessant ist auch, dass die von Levy (1957)
untersuchte „Maternal Overprotection“ in besonderer Weise schädlich erscheint.
Überbehütung als mütterliche Verhaltensweise ist häufig wider Erwarten kein
Zeichen von starker Zuneigung, vielmehr wird sie dazu verwandt, gegenüber
der Umgebung einen solchen Schein zu wahren. Die scheinbare Zuneigung ist
hier Folge einer narzisstischen Projektion, d.h. Eltern erhoffen sich z.B. vom Kind,
dass es Ziele erreichen möge, die sie selbst verfehlt haben (Richter 2007 :77). Es
gibt noch eine ganze Reihe dieser elterlichen Projektionen. Dies hier weiter zu
erörtern würde allerdings zu weit führen.

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 1:05 pm

Das Phänomen der scheinbaren Zuneigung begegnet uns auch in der
vorliegenden Studie.
Heinz (42) ist als Kind in erheblichen Maße verwöhnt worden.
„Ich bin echt ganz schön verwöhnt worden, ich habs eben alles teilweise so in den Arsch
geblasen bekommen, was mein Bruder halt teilweise auch nicht so toll fand“.
Als wir auf die Gefühle zu seiner Mutter zu sprechen kommen, wird deutlich,
dass er starke Ablehnung empfindet. Er vermisst sie in keiner Weise.
„Meine Mutter schon gar nicht! Da bin ich soooo froh, weg zu sein ...dass ich jetzt
entscheiden kann, wann sie mich zerquetschen und drücken kann...
Bei diesen Worten kommt eine große Entschlossenheit zum Ausdruck.
„Meine Mutter hat mich immer so in den Himmel gehoben, dass ich schon ein ganz
falsches Bild von mir bekommen habe … die nervt mich einfach nur ... die hat mich
früher teilweise so mit ihrer Liebe erdrückt …“. „Das trage ich ihr bis heute noch
nach“.
Heinz macht seine Mutter für seine Unselbstständigkeit verantwortlich.
„Ich konnte nie ein eigenes Selbstbewusstsein entwickeln...
Im Verlaufe des Interviews wird sehr schnell deutlich, dass er diese
„Verwöhnung“ nur als sehr lästig und im Nachhinein eher als schädlich
empfand. Wir sehen also, dass extrem exzessive Befriedigung oder Versagung
wichtiger Bedürfnisse in der Prägungsphase in gleicher Weise schädlich sind.
Gleiches gilt im Übrigen für zu weiche oder zu harte Erziehung und ist
entscheidend für die „gesunde oder kranke psychische Entwicklung des
Kindes“(Lemp 1967 : 26 f.).
Abgesehen von genannten Feststellungen, ist ein Studium der Vorgänge die zu
einer gestörten seelischen Entwicklung beitragen, äußerst schwierig (Richter
2007 : 53)
Dazu gehören vor allem methodische Probleme, die auch in der vorliegenden
Studie eine Rolle spielen. So sind wir hier auf die Aussagen von erwachsenen
Personen angewiesen, die sich sehr unterschiedlich an ihre Kindheit
zurückerinnern können. Diese subtilen Erinnerungen sind jedoch nur sehr
schwer hinsichtlich ihrer tatsächlichen Begebenheiten und Phantasie-
Vorstellungen zu differenzieren (Richter 2007 : 53). Klinische Beobachtungen
und Untersuchungen ermöglichten Psychoanalytikern, aus kindlichen
Verhaltensweisen theoretische Vorstellungsmodelle zu entwickeln, die uns bei
der Interpretation von Verhalten behilflich sein können. Ausgehend von diesen
Vorstellungsmodellen leiten sich verschiedene neurotisierende
Verhaltensweisen von Eltern ab. Zunächst ist zur gesunden Entwicklung des
Kindes ein gewisser Grad von Triebbefriedigung notwendig (Richter 2007 : 54).
Demzufolge kann eine radikale Unterdrückung dieser Triebimpulse zu einer
ersten Erkrankungsweise führen. Die Entstehung dieser sog. „neurotischen
Hemmungszustände“, wie sie Freud nannte, drückt sich zuallererst in einem
äußerlichen Unwohlsein aus. Da das kindliche Ich noch nicht über eine
ausreichende Triebkontrolle verfügt, führen Strafen und Drohungen, die dazu
dienen, die unerwünschten Triebe zu unterdrücken, in Folge zu
Abwehrmechanismen (Richter 2007 : 54), die sowohl in der weiteren
psychosexuellen Entwicklung, als auch im späteren Erwachsenen- Dasein
wiederbelebt werden können84. Unterdrückung von Triebregungen seitens der
Eltern führen zwar zu einer Verhinderung der Triebbefriedigung, jedoch nicht
zu einem „Auslöschen“ der Triebregung (Richter 2007 : 55). Da Triebe zur
normalen Erbkonstitution gehören, führt eine Versagung zu starken
intrapsychischen Spannungen und, wie wir sahen, schließlich zur Ausbildung
neurotischer Symptome. Bei späterer Ausbildung des Über- Ichs werden diese
Konflikte mit den Eltern durch Identifizierung internalisiert und somit zur Angst
des Über- Ichs. Die Folge davon ist, dass selbst bei einem späteren Wegfall der
„strafenden Instanz“, also der Beschränkungen, keine freie Triebwahl mehr
erfolgt. Das durch die Eltern geprägte Über- Ich wiederholt die Forderungen
fortwährend.
Eine weitere Möglichkeit der Erkrankung besteht in einer übermäßigen
Triebstimulation durch die Eltern (Richter 2007 : 55). Ein vollständiges oder
weitgehendes Überlassen der Triebbefriedigung führt Psychoanalytikern zu
Folge zu einer mangelhaften (kulturell angepassten) Ausbildung des Über- Ichs.
Dieses kann nun nicht mehr selbstständig einschätzen, wann ein Triebverzicht
sinnvoll ist. Dies kann zu einer sog. Fixierung des Kindes auf einer früheren
Entwicklungsstufe führen. Diese Einflussfaktoren der infantilen psychischen
Entwicklung entsprechen analog den Ansätzen von Bossard und Boll (1947), die
ihr Schema der Affektbeziehungen auf ähnliche Art darstellen. Ein Zuviel an
84 siehe auch 6.2.4
Zuneigung ist ebenso schädlich, wie ein Zuwenig an Zuneigung. Ein Zuviel an
Triebbefriedigung ist ebenso schädlich wie ein Zuwenig an Triebbefriedigung.
Aus diesen Erkenntnissen psychoanalytischer Forschung leiten sich in Folge
Erziehungsregeln ab, die sich am „goldenen Mittelweg“ orientieren.
Werden dem Kind keine altersgemäßen Versagungen geboten, bleibt es seinen
triebhaften Impulsen hilflos ausgeliefert (Jacobsen 1954 : 9Cool.
Auf die Problematik der Identifizierung sind wir schon an anderer Stelle zu
sprechen gekommen. Dass Kinder durch Identifizierung mit ihren
Liebesobjekten lernen, ist nicht bestreitbar. Jacobsen merkt dazu an, dass
Beobachtungen an Kindern keinen Zweifel daran lassen, dass das Kind sehr
früh damit anfängt, mütterliche Gesten, Modulationen der mütterlichen
Stimme und andere sichtbare und hörbare Manifestationen der Mutter
wahrzunehmen, zu beantworten und zu imitieren (Jacobsen 1954 : 100).
Verschiedene Autoren sind sich darin einig, dass noch nicht genauer untersucht
ist, wie es zu dieser Induktion identischer affektiver Phänomene kommt
(Richter 2007 : 5Cool. Die Wahrnehmungsfunktion des Kindes kann indes durch
diese „affektive Identifikation“ beeinflusst werden. Sind kindliche Affekte also ein
Abbild der elterlichen Affekte, so lässt sich erwarten, dass sie auch deren
vollständige neurotische Konflikte abspiegeln können (Richter 2007 : 59).
Entsprechende Untersuchungen (Hellmann 1954) bestätigen diese Vermutung.
So können Kinder nicht nur einzelne neurotische Symptome der Eltern
übernehmen, sondern auch ganze Abwehrmechanismen ihrer Eltern im eigenen
nachbilden.

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   Mi Apr 08, 2009 1:05 pm

Zu diesen Abwehrmechanismen gehört auch, das weitestgehende
„Ausschließen“ von Emotionen, welches bei den Eltern adaptiert wurde. Diese
Übernahmen finden sich insbesondere bei Peter (33), der Emotionen nach
eigenen Angaben „nicht nach aussen kommuniziert“. Diese Eigenschaften finden
sich auch bei Simone (33) wieder, die gleichfalls Schwierigkeiten hat, Emotionen
auszudrücken. Gleiche Charakterzüge finden sich auch bei ihrer Mutter. So
spiegeln sich also Charakterzüge und Erziehungsmaßnahmen im Wesen des
Kindes wider und können sich gleichsam im späteren Leben verfestigen.
Neurosen sind somit auch das Ergebnis gesellschaftlich bedingter ungünstiger
Erziehungsmassnahmen, „die einem bestimmten historisch entwickelten
Gesellschaftszusammenhang entsprechen und mit einiger Notwendigkeit aus
ihm hervorgehen“ (Fenichel 2005 : 194 f. Bd. Ⅲ).
Nicht außer Acht zu lassen sind allerdings ebenfalls soziale Begebenheiten,
Bildungsgrad, der Lebensstil des Elternhauses, Wohnort, kultureller
Hintergrund und Traditionen. Diesen Punkt hier weiter auszuführen würde
allerdings zu weit führen. Mein Interesse gilt an dieser Stelle vornehmlich den
frühdisponierenden Ursachen der gestörten seelischen Entwicklung.
6.2.5 Hypothese 5 - Dissozialität und Isolierung
Hatte ich bereits festgestellt, dass sich Schwarze von der „Normalgesellschaft“
distanzieren und ihre eigenen Wertvorstellungen vertreten, so ist dies an sich
für eine Szene nicht ungewöhnlich. Die Art und Weise, auf die sie es tun, ist es
dennoch. Die Welt der Schwarzen ist eine introvertierte.
Die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Themen und dem eigenen
Selbst erfolgt vorzugsweise im Inneren der eigenen Objektwelt, aus welcher die
Schwarzen selten hinaustreten. Warum dies so selten der Fall ist, sollte
zwischenzeitlich deutlich geworden sein. Die gemeinhin sichtbare
Beschäftigung mit der eigenen traurigen Existenz, gepaart mit der Unfähigkeit
diese zu verbergen, wirkt nach außen hin als Arroganz und Desinteresse fort.
Ist dies jedoch Grund genug, die Schwarzen als dissozial zu bezeichnen? Ist
jemand dissozial, nur, weil er es ablehnt, seine Gefühle in ein schöneres
Gewand zu kleiden? Als dissozial wird im Allgemeinen ein in sich gekehrter,
weltabgewandter Mensch verstanden, der sich um nichts anderes schert, als um
sich selbst. Dissozialität wird häufig auch mit abweichendem Verhalten oder
Delinquenz in Verbindung gebracht. Treffen diese Beschreibungen zu?
Beim Thema Introvertiertheit allein wäre man auf der sicheren Seite.
Betrachten wir die Begriffe Weltabgewandtheit und angemerktes Desinteresse,
geraten wir jedoch ins Grübeln. Von Delinquenz im Sinne von abweichendem
Verhalten kann sicherlich ausgegangen werden. Dies lässt sich jedoch in keiner
Weise strafrechtlich fassen. Schwarze gehen nicht demonstrieren und werfen
auch keine Pflastersteine.
Aber betrachten wir zunächst unsere Biografien und sehen, wie unsere
Interviewpartner mit ihrer Aussenwelt umgehen.
Wie bereits erwähnt, hat Hans (32) den Kontakt zu seiner Familie vollständig
abgebrochen85. Auf die Frage nach seinen Freunden antwortete er Folgendes:
Hans (32): „Eigentlich habe ich nur einen Freund, aber ich habe auch gar kein Interesse
an vielen oberflächlichen Bekanntschaften. Ist zwar irgendwie schade, aber was solls.
Mir ist wichtiger eine Freundin zu haben, das reicht mir“.
Hans führt weiter aus:
„Ich habe auch kein Interesse andere Menschen kennenzulernen. Bin von Jahr zu Jahr
gleichgültiger geworden, kälter, abgestumpfter, irgendwie verbittert“.
Wir sehen also, dass das stets kleiner werdende soziale Netzwerk offensichtlich
seinem emotionalen „Kältezustand“ zuzuschreiben ist. Hans ist verbittert und
enttäuscht. In seinen Ausführungen kommt deutlich zum Vorschein, dass seine
Enttäuschung aus dem „Nicht- Verhältnis“ zu seiner Mutter resultiert.
„Bei meiner Mutter empfinde ich eher Hass und Enttäuschung. Meine Verbitterung ist
so gross, dass mir mittlerweile auch das Verhältnis zu meiner Grossmutter nicht mehr
so wichtig ist. ich bin emotional total abgekühlt“.
„Ich mache meine Mutter dafür verantwortlich, dass ich so bin“.
„Auch meine Probleme mit Frauen, meine Ansprüche an sie. das alles ist auf meine
Mutter zurückzuführen“.
Es zeigt sich nochmals die deutliche Übertragung der primären Enttäuschung
auf weitere Bezugsobjekte, die in direktem Zusammenhang stehen. Die
Fähigkeit, für Menschen Gefühle zu empfinden, ist durch die tiefsitzende
Frustration stark herabgesetzt. Dies wird auch hier bei dieser Anmerkung
deutlich:
„Komisch ist, dass ich mich schon für andere Menschen interessiere, denen es schlecht
geht, aber nur die die ich persönlich kenne. Manchmal glaube ich, es wäre mir egal,
wenn neben mir ein Verkehrsunfall passieren würde und es gäbe Tote. Ich würde wohl
einfach weitergehen. Oder nicht?“.
Das als offenkundiges Desinteresse gesehene antisoziale Verhalten ist somit
ambivalenter Natur. Einerseits überwiegt die Enttäuschung, andererseits
meldet sich das schlechte Gewissen (Über- Ich). Durch wiederkehrende
Enttäuschungen werden frühere Frustrationen reaktiviert. In Folge sinkt die
Empfindlichkeit für empathische Reaktionen merklich. In Analogie zu einem
85 siehe 6.2.1 f.
ins Wasser geworfenen Steins, der entsprechende Wellen verursacht, breitet sich
diese „emotionale Unterkühlung“ auf die Außenwelt aus.
„Ich bin eigentlich nur unter Menschen, wenn sie meiner Art entsprechen. Ich hasse
Volksfeste, Kirmes, wo besoffene durch die Gegend rennen und sich wie die Schweine
benehmen. Ich gehe auch lieber in die Natur als in die Stadt“.
Dieser Fall lässt sich exemplarisch auf viele Schwarze übertragen.
Katjas (22) Lebensgeschichte86 haben wir schon einige male betrachtet und
stellten auch hier eine emotionale Mangelsituation fest, die ihren Rückzug aus
der „normalen Welt“ einleitete.
Katja: „Nähe zu Familienmitgliedern gab es eigentlich gar nicht … nur meine Tante
hat mich manchmal in den Arm genommen … aber es war immer so ne Zitterpartie,
macht sies jetzt, oder machts sies nicht …“.
Neben diesen, mittlerweile wenig überraschenden Aussagen, kommen bei Katja
folgende Symptome zum Vorschein.
„Dann ist es bei mir auch ganz oft so, dass wenn ich feiern gehe, erst total Spass habe
und dann plötzlich hab ich so ne Abneigung gegen Menschen … am liebsten würd ich
mich ganz weit verkriechen, also am liebsten mich auflösen … und dann hab ich so nen
Ekel vor Menschen“.
Katja berichtet von einer weiteren Situation, in der sie ein Geschäft betritt und
aufgrund des hellen Lichtes in Panik gerät. Diese Symptome sind recht
eindeutig und entsprechen denen der Agoraphobie (ICD- 10 F.40.0).
Diese zu den phobischen Störungen zählende Krankheit beschreibt die Angst
vor grösseren Plätzen oder Menschenmassen. In Folge kann es zu panikartigen
Attacken kommen. Obwohl sich betroffene Personen objektiv nicht in Gefahr
befinden, geraten sie in Panik oder fühlen sich unwohl. Die Person regrediert
auf eine unangenehme Erfahrung ihrer Vergangenheit. Sie ängstigt sich vor der
Einsamkeit und dem Verlust von Kontakten zu anderen Menschen (Fenichel
2005 : 27 Bd.Ⅱ). Durch die Panikattacke wird unbewusst ein Schutzbedürfnis
suggeriert, welches als Kleinkind unzweifelhaft vorhanden war. Die Gründe
dafür erklären sich selbsttätig.
Ist es zunächst eine Tatsache, dass es sich hier um einen exemplarischen Fall
handelt, so lassen sich dennoch zahlreiche Gemeinsamkeiten festhalten, die
häufig vorzukommen scheinen und daher symptomatisch für die Schwarze
86 6.2.1 f.
Szene sind. So wird der Kontakt zu Menschen nicht generell gescheut, sondern
viel mehr wird deutlich, dass es eine große Rolle spielt, um welche Menschen es
sich dabei handelt. Betrachten wir die Werte, die in der Schwarzen Szene
vertreten werden, ihre Lebensbiografien, die durch Enttäuschungen,
Entwurzelungen und traumatische Erlebnisse gekennzeichnet sind, so ist
nachvollziehbar, dass die Auswahl der sie umgebenden Personen gezielt
getroffen wird. Katja (22): „Hab ganz lange Zeit keine wirklichen Freunde gehabt,
weil ich das lange Zeit nicht an mich rangelassen habe“.
Dies betrifft nicht nur Personenkreise, zu denen emotionale Beziehungen
aufgebaut werden können, sondern gleichfalls Menschen, die dem schwarzen
Norm- und Werteverständnis widersprechen. Katja (22) zum HipHop:
„Ich kann mit diesem ganzen Kulturkreis nichts anfangen … ich leg immer sehr viel
wert auf Ausdruck ... so was Ästhetisches“.
Hans (32): „Hip Hop ist nicht mein Ding. Die Art der Leute, dieses Cooltun und
dumme Sprüche, das Macho- Getue usw. finde ich lächerlich. Ausserdem gibt es unter
den Leuten ständig Schlägerein usw. Da habe ich keinen Bock drauf“.
Auch an dieser Aussage erkennen wir Verhaltensweisen, die in der Szene wenig
Anklang finden. Dies trifft insbesondere auf den Umgang der Geschlechter
miteinander zu, der sich in der Szene auf einem völlig ausgeglichenen Niveau
abspielt. Die Schwarze Szene bietet Frauen weitestgehenden Schutz vor
unerwünschten Annäherungsversuchen. Bemerkenswert wird dies auch durch
die Tatsache, dass Frauen in Schwarzen Clubs häufig nur sehr „spärlich“
bekleidet sind. Das hier als „Macho- Getue“ betitelte Verhalten von Männern,
Frauen mit „dummen Sprüchen“ „anzumachen“, findet hier wenig Zustimmung.
Dies gilt für Männer wie für Frauen in gleicher Weise. Die (sexuelle) Offenheit
der Szene stellten wir bereits fest87. Somit gehört der Anblick wenig oder auch
„unbekleideter“ Menschen in einem Schwarzen Club zu den alltäglichen
Begebenheiten und löst daher keine sonderliche Verwunderung aus.
Dass auch der ungezügelte Alkoholkonsum auf wenig Verständnis trifft, ist
wohl auch den ästhetischen Ansprüchen geschuldet, die offenkundig sehr hoch
sind. Auch hier findet die vielgelobte Toleranz ihre „natürliche“ Grenze. Das
Bestreben nach einer Abgrenzung von Menschen, die weder dem emotionalen
Zustand der Schwarzen, noch deren Verhaltensvorstellungen entsprechen, wird
87 siehe 6.2.4 f.
von außen als offenkundige Arroganz interpretiert. Diese vermeintliche
Arroganz wird von Meisel auf religiöse und magische Traditionen durch die
Besetzung der Farbe Schwarz zurückgeführt (Meisel 2005 : 38 f.). Dies setzt
jedoch voraus, dass sich die Schwarzen dessen bewusst sind. Viel
einleuchtender ist die Erklärung dieser Verhaltensweise aus dem subjektiven
Empfinden der Schwarzen, dass sie deshalb überlegen sind, da sie sich
wesentlich mehr Gedanken über die Welt und den Sinn des Lebens machen als
andere Menschen. Simone (33) spricht von einem „Überlegenheitsgefühl“.
„Ich bin was besseres ... die Arroganz ... weil ich mir schon viel mehr Gedanken mache
als ihr …“.
Auch wenn ich hier sicherlich keine empirischen Daten darüber vorlegen kann,
die diese These vollends „beweisen“, so ist es dennoch nicht zu übersehen, dass
sich die Schwarze Szene in extremer Weise mit weltumspannenden und
existenziellen Themen auseinandersetzt. Große Gothic- Foren wie: Dunkles
Leben oder Nachtwelten sind übersät mit Beiträgen, die sich mit solchen Themen
auseinandersetzen. In der Gothic- Szene wird Literatur „verarbeitet“, deren
Existenz anderer Orts nichtmals zur Kenntnis genommen wird. Philosophie,
Psychologie und Gesellschaftswissenschaften gehören zu den Haupt-
Interessengebieten Schwarzer Freizeitgestaltung. Die Auseinandersetzung mit
gesellschaftlich tabuisierten Themen wie Krankheit, Tod und Suizid wird nicht
gescheut. Die schwarze Musik liefert dazu eindrucksvolle Beispiele:
Bitterkeit - L áme Immortelle88
Tief in einer Welt wo Gefühle nichtig sind
bin ich eingesperrt vor Haß schon völlig blind.
Die Tränen sind die einzgen Zeugen daß ich selbst noch existier
Nahe dem letzten Schritt, doch etwas hält mich hier.
Überall ist Bitterkeit Verzweiflung und der Tod
Blut und totes Fleisch werden unser täglich Brot.
Denn überall ist Bitterkeit Verzweiflung und der Tod
Blut und totes Fleisch werden unser täglich Brot.
Dieser Text von L áme Immortelle gewährt indes nur einen kleinen Einblick.
88 L áme Immortelle: deutsche Dark- Wave- Band
Es wird deutlich, dass die Kombination aus einer Auseinandersetzung mit
existenziellen Fragen und einer stetigen Bewältigung von schwierigen
Lebensphasen dazu führt, dass durch diesen „Erfahrungsvorsprung“ subjektive
Überlegenheit empfunden wird.
Um hier auf unseren Ausgangspunkt zurückzukommen, lässt sich also
feststellen, dass es sich bei den Schwarzen trotz ihrer offenkundigen
Isolationsbestrebungen nicht um eine dissoziale Gruppe handelt.
Die Isolation der Schwarzen ist hier jedoch nicht als reine
Distinktionsmaßnahme zu verstehen, sondern gleichfalls als ein
fortgeschrittenes Symptom der Depression.
Fenichel merkt dazu an: „… daß ein depressiver Patient sich oft überaus
arrogant verhält und seine Objekte mit dieser Arroganz plagt“.
Depressive verlieren gleichfalls die Beziehung zu Objekten und ziehen sich in
eine narzisstische Objektwelt zurück.
Ihr Leben ist gleichzeitig gekennzeichnet durch verzweifelte Versuche die
normale Objektwelt wiederzuerlangen (Fenichel 2005 : 278 f. Bd. Ⅱ).
Die offenkundige Introvertiertheit der Schwarzen entspricht somit einem
tendenziellen Rückzug aus der „normalen Objektwelt“.

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   So Jan 10, 2010 11:54 am

6.2.6 Hypothese 6 - Kritische Lebensereignisse als Auslöser
Wie kommt man in die Gothic- Szene? Diese Frage haben sich schon viele
gestellt. Betrachtet man die Studien von Ruthkowski (2004), Schmidt/
Neumann-Braun (2004) und Meisel (2005), so fällt auf, dass der Eintritt in die
Szene meist aus einer sehr oberflächlichen Betrachtungsweise her erfolgt.
So werden zumeist nur die direkten Begleitumstände erwähnt, die dazu
führten, dass man die Szene kennenlernte. Nun ist es logisch, dass es
Situationen gegeben haben muss, in denen das „Tor“ zur schwarzen Welt
geöffnet wurde. Diese „Öffnung“ geschah in den meisten Fällen durch
Bekannte oder Freunde. Allerdings erscheint das an dieser Stelle relativ
uninteressant, da es sich hierbei offensichtlich nicht um einen ungewöhnlichen
Vorgang handelt. Hier wird indes die Meinung vertreten, dass es ein
schwerwiegendes „sekundäres“ Lebensereignis gegeben haben muss, was den
Szeneeintritt beschleunigte oder begünstigte. Die Erfahrung zeigt, dass diese
Lebensereignisse (Life- Events), welche den Anstoß zum Szeneeintritt gaben,
genau jenen entsprechen, die eine depressive Störung hervorrufen können.
Der Erforschung des Zusammenhanges zwischen depressiven Erkrankungen
und negativen Lebensereignissen hat sich indes schon eine ganze
Forschungsrichtung verschrieben. Laut Reck (2001) konnten in über 17 Life-
Event-Studien die „Auslösefunktion“ zurückliegender Lebensereignisse
(zumeist negativer und belastender Ereignisse) für depressive Erkrankungen
belegt werden (Reck 2001 : 59). Dabei wurde festgestellt, dass bei einer
depressiven Vorerkrankung die Möglichkeit besteht, bei nachfolgenden
kritischen Lebensereignissen wesentlich empfindlicher auf Stressoren zu
reagieren als vormals. Somit kann aus einem objektiv relativ „harmlosen“
Ereignis eine weitere depressive Episode erwachsen.
Die sog. „erste“(affektive) Depression, deren Ätiologie wir mittlerweile
nachvollziehen können, hinterlässt Narben, die eine Prädisposition für
zukünftige Episoden darstellen (Reck 2001 : 79).
Was sind indes negative Lebensereignisse? Zunächst sicherlich traumatische
Erfahrungen, von denen bereits des öfteren die Rede war.
Ein Trauma ist im psychologischen Sinne eine nicht beherrschbare
Reizüberflutung. Dabei ist eine traumatische Erfahrung stets „relativ“.
Ein Trauma bedeutet nichts anderes als dass die Psyche unfähig ist, mit den
einströmenden Reizen fertig zu werden (Fenichel 2005 : 169 Bd. Ⅰ).
Es gibt Reize, die dermassen überwältigend sind, dass sie auf beinahe jeden
eine traumatische Wirkung haben. Traumata können infolge zu psychischen
Störungen, also auch zu Depressionen führen. Entsprechende Symptome der
Erkrankung aufgrund eines Traumas können z.B. starke (sexuelle) Hemmungen
sein, wie im Falle von Sarah (36) und Katja (22).
In Katjas Biografie finden sich gleich mehrere Anhaltspunkte für die
Feststellung traumatischer Erfahrungen. Als Katja 11 Jahre ist, trennen sich ihre
Eltern. Die ohnehin schon verarmte emotionale Beziehung zu ihren Eltern, ihr
einziger emotionaler Halt, zerbricht. In direkter Folge beginnt Katja sich selbst
zu verletzen und begeht einen Suizidversuch. Dies ist zweifellos eine
traumatische Erfahrung. Als Katja ins Heim kommt, beginnt sie harte Drogen
zu nehmen. Auf die Frage nach ihrem traurigsten Erlebnis berichtet Katja von
einem Mädchen im Heim, dass sich umgebracht hat.
Eine nächste traumatische Erfahrung. Als das Gespräch auf weitere
einschneidende Erlebnisse in ihrem Leben zu sprechen kommt, blockt sie ab:
„Die sind aber zu privat, zu persönlich“.
Wie schon anderenorts erwähnt, hegte ich auch aufgrund der angemerkten
sexuellen Hemmungen den Verdacht eines sexuellen Missbrauches.
Dieser müsste aber aufgrund ihrer Erzählungen in die Zeit gefallen sein,
nachdem sie bereits im Heim war. Die Art, wie Katja von ihrer Zeit zu Hause
sprach, liefert keine Anhaltspunkte dafür, dass ein eventueller Missbrauch im
Elternhaus stattgefunden hat. Ist der letztere Punkt sicherlich noch etwas
spekulativ, so fällt auf, dass Katjas Erstkontakt mit der Schwarzen Szene
ziemlich genau in ihre schwerste Lebensphase fällt.
Betrachten wir erneut Sarahs (36) Lebensgeschichte:
Im Alter von 11 Jahren wird sie vom Vater sexuell missbraucht.
Der Vater stirbt kurze Zeit später im Alter von 36 Jahren. Sarah ist „froh, dass er
tot ist“. Mit 15 Jahren hört sie zwar schon Schwarze Musik, ist sich dessen aber
noch nicht bewusst. Mit 18 Jahren heiratet Sarah und wird fortwährend
körperlich und sexuell misshandelt. Nach überstandener Trennungsphase mit
erheblichen Ablösungsschwierigkeiten, lernt Sarah ihren 2. Ehemann kennen,
der sie mit der Szene in Kontakt bringt.
Auch bei Sarah finden sich zweifellos traumatische Erfahrungen, die infolge
den „letzten Anstoß“ für den Übergang in die Szene liefern.
Auch bei Anna (29) zeigten sich ähnlich traumatische Erfahrungen. Auch sie
wird im Alter von 11 Jahren vom Vater missbraucht und gerät daraufhin „aus
dem Ruder“. Anna schafft es mit Hilfe ihrer neu begonnenen Ausbildung,
ihrem Elternhaus und dem dörflichen Umfeld den Rücken zu kehren und erhält
hier in städtischer Umgebung erstmals die Gelegenheit die Schwarze Szene
kennenzulernen. Das bereits zuvor latent vorhandene Interesse an Schwarzer
Musik tritt nun ins Bewusstsein. Dieses Phänomen ist im Übrigen bei allen
Biografien festzustellen. Vor dem „bewussten“ Verkehren in der Schwarzen
Szene, existierte stets latent und unbewusst eine Affinität zu Schwarzer Musik.
Heinz (42) lernt die Schwarze Szene durch seine erste Freundin kennen, die
trotz ihres Alters (15) bereits in der Szene verkehrt.
Heinz fühlt sich hier sofort verstanden. Für Heinz hat die Szene auch die
Funktion einer Ausbruchsmöglichkeit aus der Enge seines Elternhauses.
Nach der schmerzhaften Trennung von seiner Freundin, die gleichfalls eine
traumatische Erfahrung für ihn bedeutet, rutscht er zunehmend mehr in die
Drogenszene ab.
Als er später heiratet, wiederholt sich dieses Trauma in Form einer wiederum
schmerzhaften Trennung, die bis heute nicht vollständig überwunden ist.
Gleichfalls bewirken diese traumatischen Erfahrungen eine Verfestigung seines
„Schwarzen“ Lebensgefühles.
Bei Hans (32) fallen ebenfalls mehrere Lebensereignisse ins Auge, die
traumatisch gewirkt haben dürften.
Im Alter von 14 Jahren verlassen Hans, sein Bruder und seine Mutter, nur mit
wenigen Habseligkeiten ausgestattet, ihre Heimat und reisen im August 1989
nach Westdeutschland aus. Diese Erfahrung prägte Hans nachhaltig:
„Krass war die Ausreise nach Westdeutschland, die für mich ein richtiger Kulturschock
war“.
Dass dieses Ereignis für Hans eine „belastende, angsterzeugende
Situation“(Diem-Ville 1994 : 85) darstellt, ist nachvollziehbar.
Auch „Entwurzelungen“ können die Stabilität der psychischen Organisation
gefährden, da dies auch stets ein Verlust einer Vielzahl von Liebesobjekten
bedeuten kann (Diem-Ville 1994 : 87).
Hans (32): „Ja meine Schulzeit in Berlin war eigentlich ganz schön. Ich war ja auch 7
Jahre in der selben Klasse“.
Es liegt nahe, dass Hans in diesen 7 Jahren eine Vielzahl von
Objektbeziehungen aufgebaut hat, die nun abrupt abgebrochen wurden.
Bedenkt man die ohnehin mangelhaften primären Objektbeziehungen, dann
wiegt diese Tatsache deutlich schwerer.
Als Hans in die neue Schule kommt, beginnt für ihn eine sehr schwere Zeit:
„Der erste Schultag dort war ein richtiger Albtraum. Ich hatte Angst, war ich
schliesslich 7 Jahre nur in eine Klasse gegangen“.
„Die Zeit in der Schule war ziemlich übel. ich wurde ständig gehänselt, weil ich aus
dem Osten kam“.
Das „Hänseln“ ist im Übrigen eine Problematik, die sich durch sämtliche
Biografien zu ziehen scheint. Alle Befragten wurden stets in irgendeiner Art
und Weise als Außenseiter betrachtet. Dieses ist ein weiterer Grund, infolge
dessen der „Rückzug“ in die Schwarze Szene erfolgte.
Diese Gemeinsamkeiten wurden auch von anderen Autoren89 festgestellt.
Somit decken sich diese Aussagen mit den Erkenntnissen dieser Studie.
Die nächste traumatische Erfahrung ist bei Hans in einem Alter von etwa 27
Jahren auszumachen. Die Trennung von seiner ersten langjährigen Freundin
wird von ihm gleichfalls als „einschneidenstes“ Erlebnis empfunden.
„ Ja das traurigste und einschneidendste Erlebnis war die Trennung von Anke90 und
meiner Tochter. Wir waren über 7 Jahre zusammen. Es war die erste. Als es vorbei war,
dachte ich die Welt geht unter und ich werd nie mehr eine Freundin finden“.
Hier ist auch wiederum interessant, dass direkt nach dieser Zeit der Kontakt
zur Szene entstand. Wir sehen also, dass in vielen Fällen eine deutliche
Korrelation zwischen auftretenden Lebensereignissen und dem Szeneeintritt
besteht.
Ein Beispiel aus dem Gothic- Forum Dunkles Leben:
Arsenia (31, weiblich):
„Als ich dann mit 12 meine Mutter quasi verloren habe, hat sich das dann noch
verstärkt. Ich fing an schwarz zu trage und eben Hauptsächlich dunkle Kleidung und
wurde immer in mich gekehrter. Dann kam ich in so eine Art Teufelskreis, da ich den
Verlust meiner Mutter nicht verkraftet hatte und ich nicht das Gefühl hatte das mir
jemand zur Seite stand, kapselte ich mich immer mehr ab und wurde immer stiller und
wurde aus dem Grund immer mehr gemieden“(http://www.dunkles-leben.de/forum/
viewtopic.php?t=5854, 28.09.2008).
Arsenia kommt im Alter von 15 Jahren in Kontakt mit der Szene.
Auch bei Nicole (31) fällt ein belastendes Lebensereignis ins Auge.
Nicoles Mutter stirbt an einer Lungenembolie, als Nicole 14 Jahre alt ist. Nicole
kommt allerdings erst ca. 9 Jahre später durch einen Freund mit der Szene in
Kontakt.
Bei Peter (33) sind belastende Lebensereignisse nur sehr schwerlich
auszumachen. Es kommt aber zum Ausdruck, dass er ebenfalls stark unter
Trennungen leidet. Dies scheint in besonderer Weise eine Frau zu betreffen, die
89 Ruthkowski u.a.
90 Name vom Verfasser geändert
ihn nach längerer Zeit „verarscht“ und „abserviert“ hat. Peter berichtet, dass er
sich in dieser Beziehung vollständig aufgegeben hat.
„Das war das Innigste, was ich je hatte“.
In Folge dieser gescheiterten Beziehung beginnt er, in späteren Beziehungen
seine Emotionen zu unterdrücken.
Da wir bereits feststellten, dass Peter starke Schwierigkeiten damit hat, seine
Gefühle zu äußern, ist davon auszugehen, dass er diesen Mangel im Elternhaus
erworben hat. Die Tatsache, dass er, nachdem er einmal aus sich
herausgegangen und dabei gescheitert ist, verstärkt seine Einstellung, Gefühle
unterdrücken zu müssen. Für Peter hat daher die Musik auch die Funktion
eines Mediums, was ihm erlaubt „ungestraft“ Gefühle auszudrücken.
Gleiches gilt für Simone (33), die deutlich zu erkennen gibt, dass hinter ihrer
„selbstbewussten Maske“ ein Mensch steckt, der zu Hause nie gelernt hat, seine
Gefühle nach außen zu kehren. In unserem Gespräch waren bereits ganz am
Anfang Tendenzen zu spüren, die erkennen ließen, dass sich Simone auf einer
sehr rationalen Ebene bewegt. Auf den ersten Blick macht sie den Eindruck
einer sehr „starken“ und selbstbewussten Frau. Später kommt indes zum
Vorschein, dass sie stets versucht „unangenehme“ Emotionen zu verbergen.
Das Schlimmste was ihr passieren kann, ist wie sie sagt, dass sie in der
Öffentlichkeit anfängt „zu weinen“. Erhebliche Ablösungsschwierigkeiten von
emotionalen Partnerbeziehungen lassen gleichfalls vermuten, dass durchaus
starke emotionale Bedürfnisse verspürt wurden. Simone sagt, dass sie sehr
schnell anfängt zu weinen.
Die Vehemenz, mit der sie sich gegen diese Gefühlsregung wehrt, deutet darauf
hin, dass in ihrem Elternhaus entsprechende Gefühle stark unterdrückt wurden.
Wenn wir bedenken, dass die Ausbildung des kindlichen Über- Ichs durch
Identifikation mit den Eltern geschieht, so wird dies um so einleuchtender.
So kommt also auch bei Simone deutlich zum Vorschein, dass die Musik die
Funktion eines entsprechenden Mediums übernimmt.
Wir sehen auch an diesen Beispielen, warum sich Menschen der Schwarzen
Szene zuwenden. Hier können sie ohne „schlechtes Gewissen“ ihre Gefühle
nach außen kehren. Es zeigt sich also dass, ein zuvor durchlebtes negatives
Lebensereignis keine unabdingbare Vorraussetzung dafür ist, dass man früher
oder später in der Schwarzen Szene „abgleitet“.
Negative Lebensereignisse verstärken vielmehr vorangegangene
Frustrationserfahrungen oder reaktivieren solche.
Geben wir allerdings zu bedenken, dass der Entzug von Zuneigung durch
wichtige Bezugspersonen bereits ein Trauma darstellt, so relativiert sich hier die
Kategorisierung des Begriffes „Life-Event“.
Betrachten wir nochmals den Zusammenhang zwischen depressiven Störungen
und Lebensereignissen:
Reck (2001) stellt fest „… dass weniger als 10% aller Personen, die ein
Verlustereignis erlebten, tatsächlich eine Depression entwickelten (Reck 2001 :
7). Demzufolge relativiert sich das Risiko durch solch ein Ereignis depressiv zu
erkranken auf 10%. Übertragen wir diese Erkenntnisse auf die Schwarze Szene,
so wird deutlich, dass dem negativen Lebensereignis zwar ein Faktor bei der
Entstehung der Depression zukommt, dieser jedoch nicht einzig dafür
verantwortlich sein kann. Im Begriff der endogenen Depression, der in modernen
Klassifikationssystemen (ICD, DSM) nicht mehr gebraucht wird, kommt per
Definition das Fehlen von entsprechenden Life- Events zum Ausdruck.
Wie sich gezeigt hat, bereitet die Feststellung eines fehlenden negativen
Lebensereignisses größere Schwierigkeiten. Wie soll man völlig ausschließen,
dass sich in einer Lebensgeschichte nicht irgendwo ein Trauma verbirgt,
welches auch durch eine umfassende Anamnese nicht zu greifen ist?
Diese Problematik ist auch einer der Gründe, warum der Begriff des Endogenen
(unklare Ursache) heute zunehmend verschwindet.
Welche Vulnarabilitätsfaktoren werden also für die Entstehung depressiver
Störungen verantwortlich gemacht?
(Reck 2001 : 22) zitiert nach Bowlby (1980):
1. Das Fehlen einer stabilen Beziehung zu den Eltern
2. Die Vermittlung des Gefühls nicht liebenswert, inadäquat und
inkompetent zu sein
3. Der Verlust eines Elternteils
Auch hier ergeben sich also Übereinstimmungen mit voranstehenden
Erkenntnissen. Die „Durchschlagsfähigkeit“(Fenichel 2005 : 181 Bd. Ⅰ) eines
negativen Lebensereignisses ist also von der individuellen psychischen
Konstitution abhängig.
Die o.g. Vulnarabilitätsfaktoren bestimmen also, ob ein traumatisches Erlebnis
in einer Depression dekompensiert oder nicht.
An Verlusterfahrungen indes mangelt es den Schwarzen keineswegs.
Dies betrifft nicht nur unmittelbare Verluste der primären Liebesobjekte, sei es
nun durch Tod oder emotionalen „Totalausfall“, sondern gleichfalls wichtige
Partnerbeziehungen. Wie erwähnt, haben diese Partnerbeziehungen häufig die
Funktion, fehlende Objektbeziehungen zu kompensieren, was sie natürlich nur
sehr begrenzt können. Zu den daraus resultierenden überhöhten Ansprüchen
an den Partner ist bereits genügend gesagt worden91.
Aufgrund dieser Konstellation lässt sich leicht erahnen, welche fatalen
Konsequenzen der Verlust dieser Menschen haben kann.
Verlustereignisse dieser Art sieht Loch (1986) als eine der proximalen Ursachen
für die in dieser Zeit entstehenden neurotischen und psychotischen
Entwicklungen (Loch 1986 : 104). Ein Indiz für die Wichtigkeit dieser
Objektbeziehungen und ein Hinweis darauf, warum sich Schwarze so häufig
mit dem Tod auseinandersetzen, ist die Bestrebung im Tod mit dem verlorenen
Objekt wieder vereint zu sein. Dies ist ein immer wiederkehrendes Thema in
der Schwarzen Musik.
Blass Blaue Lippen - Eisregen92
Und ich küsse dich ein weiteres Mal
Bitteres Leichenwasser netzt meine Haut
Und ich küsse deinen faulenden Leib...
Nur die blassblauen Lippen
In den Ruinen deines Engelsgesichts
Diese Lippen, die der Tod versiegelt hält
Die niemals mehr meinen Namen nennen
In denen das Leben längst fehlt...
91 siehe 6.2.1.1
92 Eisregen: deutsche Dark- Wave- Band
Jetzt sind die Gifte längst tief in mir
Dein gasender Leib, er tötet auch mich
Ich bin so schwach, kann mich kaum mehr rühren
Bald werden wir wieder zusammen sein…
Schenk mir den Tod, ich hab ihn verdient..

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   So Jan 10, 2010 11:55 am

6.2.6.1 Zur Vererbung
Werden Depressionen nun vererbt oder nicht? Selbstredend gibt es auch zu
diesem Thema einige kontroverse Diskussionen. Fest steht: Je höher der
Erbfaktor, um so geringer die „Schuld“ der Eltern. Zunächst mag sich mancher
am Begriff der „Schuld“ stören, setzte dies gewissermaßen voraus, dass Eltern
ihre Kinder „bewusst“ vernachlässigen. Badinter (1982) nimmt hier zunächst
die Mütter in Schutz:
„Damit nämlich eine Frau die von der Psychoanalyse gewünschte „gute
Mutter“ sein kann, sollte sie in ihrer Kindheit eine befriedigende sexuelle und
psychologische Entwicklung durchgemacht haben, und zwar bei einer Mutter,
die ihrerseits relativ ausgeglichen war“ (Badinter 1982 : 237). Nun ist diese
Anmerkung zweifellos richtig. Somit sollen vorangegangene Erkenntnisse nicht
dazu dienen, Frauen anzuklagen, die ihrerseits keine „gesunde“ Erziehung
genossen haben. Wir wissen, dass Kinder in der Vergangenheit weitaus mehr
„zu leiden“ hatten als gegenwärtig.
Der folgende Satz DeMauses (1977) verdeutlicht dies eindrucksvoll:
„Die Geschichte der Kindheit ist ein Alptraum, aus dem wir gerade erst
erwachen. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto unzureichender
wird die Pflege der Kinder, die Fürsorge für sie, und desto grösser die
Wahrscheinlichkeit, daß Kinder getötet, ausgesetzt, geschlagen, gequält und
sexuell mißbraucht wurden“(DeMause 1977 : 12).
Wissen wir also um die Schwierigkeiten der psychosexuellen weiblichen
Entwicklung in der Vergangenheit, kann dies dennoch nicht darüber
hinwegtäuschen, dass eigene negative Erfahrungen offensichtlich nicht
reflektiert, oder im positiven Sinne umgesetzt wurden. Fakt ist, dass diese
Mütter ihren Kindern, warum auch immer, nicht jenes geben konnten, was
diese gebraucht hätten. Dies lässt sich nicht wegdiskutieren.
Kommen wir zurück zur Vererbung.
Lemp (1967) vertritt die Auffassung, dass wahrscheinlich nur eine „humoral
und neuropsychologisch vorgeprägte Reaktionsbereitschaft, die eines
auslösenden und prägenden Milieus bedarf“, vererbt wird (Lemp 1967 : 20).
Somit geht er davon aus, dass vorwiegend somatische Faktoren vererbt werden
können und glaubt, dass nicht anzunehmen ist, dass dies bei psychischen
Krankheiten auf die selbe Weise zu interpretieren ist. Vielmehr geht er davon
aus, dass nur eine „negative psychische Potenz“(Lemp 1967 : 24) weitervererbt
wird, die sich erst später unter bestimmten Umweltbedingungen ausbilden
kann. Man geht allerdings zunächst auch von einer erblichen Neurosepotenz
aus, deren Verhältnis zur milieureaktiven Neurose noch nicht endgültig geklärt
ist. Die Schwierigkeit besteht in der Tatsache, dass das prägende Milieu, i.d.R.
die Eltern, auch die Träger des Erbgutes sind und es daher schwer möglich ist,
auch durch die zeitliche Nähe von Geburt und Prägephase, die Vererblichkeit,
oder auch nicht, zweifelsfrei festzustellen. Nichtsdestotrotz stellen Volk, Travers
und Neubig (1998) fest, dass man von einer „genetischen Disposition“,
besonders bei bipolaren Erkrankungen ausgehen kann (Volk, Travers, Neubig
1998 : 78).
Zu den bipolaren Erkrankungen zählt z.B. die bipolare affektive Störung (ICD- 10
F.31), deren Symptome zwischen manischem und depressivem Verhalten
wechseln. Die Lage scheint also nicht geklärt. Zu diesem Zweck beschäftigt sich
seit Jahren die Zwillingsforschung mit dieser Problematik.
Eine Studie des Norwegers (Sundet 1981) wies nach, dass beispielsweise
Intelligenz sehr stark durch genetische Faktoren beeinflusst wird (Friedrich/
Kabat vel Job 1986 : 44). Jedoch erwies sich gleichfalls, dass in Gesellschaften,
die keine Chancengleichheit bieten, Umwelteinflüsse von gravierenderer
Bedeutung sind als die genetischen Unterschiede. Somit reduziert sich damit
auch der Erblichkeitsfaktor. Eine ebenfalls norwegische Studie (Kringelen 1967)
ergab für manisch depressive Erkrankungen Konkordanzraten von 33%
(Friedrich/Kabat vel Job 1986 : 150) und bei weniger starken affektiven
Störungen Konkordanzraten bis zu 66%, was auf einen recht hohen
Erblichkeitsfaktor dieser Erkrankungen indiziert .
Studien von Allen (1976), Bertelsen (1977) und Torgesen (1980) (gleichfalls
Norweger) bestätigen diese Tendenz. Die hier so bezeichneten endogenen (also
vermutlich „anlasslosen“) Depressionen sind mit einem recht hohen
Erblichkeitsfaktor behaftet, während sog. exogene (äußere Ursachen)
Depressionen häufig persönlichkeitsdeterminierte Reaktionen auf die Umwelt
sein können (Friedrich/Kabat vel Job 1986 : 151). Die Zyklothymie (ICD-10 F.
43.0) beispielsweise, weist einen sehr hohen Erblichkeitsfaktor auf, während bei
depressiven Anpassungsstörungen (ICD-10 F 43.2) keine erblichen
Zusammenhänge nachgewiesen werden konnten (Friedrich/Kabat vel Job
1986 : 152).
Die Studien ergaben, dass bei eineiigen Zwillingen die Konkordanzraten höher
sind, als bei zweieiigen(etwa doppelt so hoch). Festzustellen bleibt, dass die
jeweiligen Angaben verschiedener Autoren stark variieren. So vertreten
Hurrelmann und Bründel (2003) die Meinung, dass in etwa die Hälfte der
Persönlichkeitsmerkmale und Verhaltenseigenschaften eines Kindes auf seine
genetische Ausstattung zurückzuführen sind. Die andere Hälfte wird den
Umweltfaktoren zugeschrieben (Hurrelmann/Bründel 2003 : 14). Diese
Schätzungen von Seiten der Sozialwissenschaft scheinen angesichts der obigen
Studien etwas überhöht. Dies bedeutet jedoch nicht, dass ihre Ansicht nicht
zutreffend sein könnte. Bei aller Vorsicht gegenüber den bisherigen
Erkenntnissen der Zwillingsforschung lässt sich dennoch ein erheblicher
Erblichkeitsfaktor (wahrscheinlich über 30%) vermuten.
Nun ist die Frage, ob sich in den Biografien unserer Interviewpartner
Erblichkeitsfaktoren finden lassen.
Bei Sarah (36) scheint dies recht eindeutig zu klären sein. Ihre Großmutter
(mütterlicherseits) ist nach ihren Angaben manisch-depressiv (ICD- 10 F.31), ihr
Großvater (mütterlicherseits) Alkoholiker (DSM-Ⅳ abuse 305.00) und ihr Onkel
(mütterlicherseits) ist schizophren (ICD-10 F.20). Sarahs Mutter ist den
Beschreibungen nach zu urteilen zumindest neurotisch. Da bei Sarah bereits
eine Anpassungsstörung (ICD-10 F 43.2) diagnostiziert wurde und aufgrund
der Symptomlage eine zumindest leichte depressive Episode (ICD-10 F.32.0)
indiziert scheint, kann in diesem Fall von einem eindeutigen Erbfaktor
ausgegangen werden.
Bei Katja (22) scheint ein Erbfaktor ihrer depressiven Erkrankung schwerer
nachzuweisen sein. Ihr Vater könnte aufgrund der beschriebenen anhaltenden
Verhaltenszüge ebenfalls unter Depressionen gelitten haben. Katja beschreibt
ihn als sehr introvertiert, in sich gekehrt, sozialscheu und abweisend. Sein
Verhalten war von einer ausgeprägten Ambivalenz gekennzeichnet.
„So war mein Papa ... also voller Widersprüche ... hat immer mehr in seiner eigenen
Welt gelebt“.
Ein Erbfaktor lässt sich in diesem Fall zumindest nicht ausschließen.
Bei Simone (33) lassen sich aufgrund ihrer Schilderungen keine depressiven
Erkrankungen im Umfeld ihrer Familie ausmachen. Gleiches gilt für Peter (33),
Heinz (42), Anna (29) und Nicole (31).
Bei Hans (32) finden sich indes Anhaltspunkte einer Erblichkeit seiner
Zyklothymie. Hans über seine Mutter:
„Sie ist ein recht melancholischer und sehr nachdenklicher Mensch“.
„Meine Mutter deutete so etwas im Gespräch mal an und man kann es auch spüren“.
Hans über seinen Vater:
„Ja, mein Vater ist wie gesagt ziemlich egoistisch und exzentrisch. Er ist ein sehr
nachdenklicher und melancholischer Mensch. Aber kein Wunder bei der Kindheit …“.
In diesem Fall scheint eine Erblichkeit gegeben. Interessant ist dabei eine
Anmerkung von Hans, die diesen Zusammenhang verdeutlicht.
„Ich habe mich auch mal gefragt, warum ich als kleiner Junge schon immer meine
Matchboxautos schwarz gepinselt habe. Das ist auch irgendwie nicht normal, oder?“.
Dunkelfussel (18, weiblich):
„Das hat auch alles sicher seine Gründe, die wirklich schwer zu beschreiben sind..
meine Mutter war (ist?) psychisch schwer krank und ich hab eben einiges
durchgemacht in der Kindheit, was mich und mein ganzes Leben geprägt und in falsche
Bahnen gelenkt hat. Selber war ich fast ein Jahr in Behandlung weil man nach Jahren
der Misshandlung will ich mal sagen, endlich was gemerkt hatte …
„Ich schäm mich jetzt schon ziemlich, das hier aufzuschreiben, weil ich einfach glaube
dass das keiner hören will“(http://www.dunkles-leben.de/forum/viewtopic.php?t=4335,
10.08.2008).
Wir sehen auch an diesem Beitrag den erblichen Zusammenhang sowie den
Hinweis auf die traumatische Erfahrung.
Eine Erblichkeit scheint also in vielen Fällen gegeben zu sein, wobei man selbst
entscheiden mag, ob nicht vielleicht eher die traumatischen Erlebnisse den
Ausschlag bei der Entstehung einer depressiven Störung gegeben haben.

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   So Jan 10, 2010 11:56 am

6.2.7 Hypothese 7 - Lebenslang Schwarz
Ist die Gothic-Szene eine Jugendszene? Diese Frage ist nicht ganz leicht zu
beantworten. Betrachten wir die rechtlich relevante Altersgrenze von 18 Jahren,
so ist hier sicherlich nicht von einer Jugendszene zu sprechen, wenn der
Altersdurchschnitt bei etwa 24 Jahren liegt93. Da wir hier aber in einem
sozialwissenschaftlichen Kontext argumentieren, müssen wir uns folglich an
einer weniger rigorosen Altersgrenze orientieren. Wie schon am Anfang dieser
Arbeit erwähnt, wird in der Shell Jugendstudie94 eine Altersgrenze von 25
Jahren zur Arbeitsgrundlage erhoben. Dies nötigt uns auch hier einen größeren
Spielraum einzuräumen. In Ermangelung verbindlich definierter Altersgrenzen,
sollten wir zunächst überlegen, was mit dem Begriff Jugendszene ausgedrückt
werden soll. Ist es eine Szene ausschließlich für Jugendliche? Das sicherlich
nicht. Auch die Techno-Szene ist keine, ausschließlich Jugendlichen
vorbehaltene Szene. Eichler (2007) bemerkt, „...dass sich Techno von einer
Jugendszene zu einer an bestimmten kulturellen Anknüpfungspunkten
orientierten Szene gewandelt hat“(Eichler 2007 : 3) und stellt fest, dass ihre
Anhänger mittlerweile ein Durchschnittsalter von Anfang 20 erreicht haben.
Dieses „Älterwerden“ von Szene- Mitgliedern ist sicher ein nicht zu
verhindernder Umstand, was uns indes zu der Frage bringt, ob die Szene nun
den Rest des Lebens als „Heimathafen“ angesehen werden kann. Es steht
freilich außer Frage, dass es mittlerweile einen größeren Prozentsatz von
Menschen gibt, die sich auch mit 40 Jahren noch der Techno-Szene zurechnen
würden. Die Frage ist allerdings, ob eine allgemeine „Feierkultur“ im Fall der
Techno-Szene ausreicht, um lebenslange emotionale Verbindungen zum
Publikum zu schaffen. Angesichts des (äußerst vorsichtig ausgedrückt)
„dürftigen“ kulturellen und weltanschaulichen Hintergrunds der Techno-
Szene, kann dies hier getrost bezweifelt werden. Der Techno-Szene fehlt der
tiefgründige, emotionale Zusammenhalt. Und mit „emotionalem
Zusammenhalt“ ist nicht gemeint, dass man zusammen „abtanzt“ und sich
seines Lebens freut. Betrachten wir die Gemeinsamkeiten, die alle Schwarzen
zu einen scheinen, so kommt uns diese Art des Zusammenhaltes deutlich
93 siehe 3.2.1.3
94 siehe 3.1.3
überzeugender vor. Im Hinblick auf die Familienbiografien der Schwarzen wird
sehr deutlich, dass sich die emotionale Qualität der Gothic-Szene auf einem
völlig anderen, Niveau bewegt. Bedenken wir des Weiteren, dass Schwarze
Musik eben nicht vorrangig dem Feiern dient, sondern vielmehr der
Bewältigung von „Trauer, Melancholie, Depression, sozialem und
individuellem Tod (Helsper 1992 : 213), dann wird deutlich, dass aufgrund
dieser daraus resultierenden seelischen Belastungen, diese Funktion lebenslang
aufrechterhalten werden muss. Schwarze Musik wirkt analog einem
„Medikament“, was zwar nicht heilt, aber dennoch hilft mit der „Krankheit“ zu
leben. Sicherlich ist es schwierig vorauszusagen, ob unsere Interviewpartner
auch in 20 Jahren noch Schwarze Musik hören werden. Es gibt für mich indes
keinen Grund dies hier anzuzweifeln.
Hans (32) auf genau diese Frage:
„Ja, ich glaube dass ich die Musik ewig hören werde, weil sie einfach am besten zu mir
passt. Ich bin halt so. Sie drückt genau das aus, was ich fühle. Warum sollte sich das
ändern?“.
Peter (33):
„Nein, ich werd mir die bis zum Ende meines Lebens anhören … ich brech da nicht
mehr aus …“.
Simone (33):
„Ich glaube nicht das ich davon wegkomme …“.
Nicole (31):
„Ja ich glaube ich werde diese Musik ewig hören, sie ist mir schon längst ins Blut
gegangen“.
Der hohe Identifizierungsgrad dieser Musik hängt vor allem mit ihrer
emotionalen Qualität zusammen. Katja (22) verdeutlicht dies nochmals in ihren
Ausführungen:
„Eine Möglichkeit mich zu identifizieren … anders zu sein, aber irgendwie
dazuzugehören ... ich find mich darin wieder... was ich selber so in mir fühle... so
Stimmungsschwankungen, so Traurigkeit, Zerrissenheit, die haben da Platz. Durch das
Schwarz-Sein kriegen sie ihre Daseinsberechtigung, die sie verdienen. Das wird auch
alles so verneint ... . Ich möchte auch glücklich sein, natürlich, aber zum glücklich sein
gehört auch Traurigkeit dazu, und traurig sein zu dürfen … auch Melancholie und
Wut, oder das Weltentrückte …“.
Es sollte also deutlich geworden sein, wie eng melancholischer Typus und
Schwarze Musik miteinander verwoben sind.
Die Gothic-Szene existiert mittlerweile seit fast 30 Jahren, und nicht alle
Schwarzen, die seit dieser Zeit in der Szene verkehren, gehen noch regelmäßig
in Schwarze Clubs. Schwarzes Lebensgefühl, das „Goth-Sein“ hat wenig damit
zu tun, ob man noch zu jedem Festival geht, oder jedes Wochenende in den
Clubs verbringt. Die Zusammengehörigkeit existiert auf einer Ebene, die weit
über die des „konstituierten Events“(Gebhardt 2006 : 5 f.) hinausgeht.
Demzufolge halte ich den Begriff der „Teilzeitvergemeinschaftung“ in diesem
Fall für nicht angebracht. Berücksichtigen wir noch den Umstand, dass die
Schwarzen in ausdrücklicher Art und Weise auf ihrem Status als Individuum
beharren, und dies nicht nur gegenüber der „bunten“ Gesellschaft, sondern
auch gegenüber ihresgleichen tun, so wird die Bedeutung der emotionalen
Verbindung untereinander, trotz dieser Diffusionsbemühungen zunehmend
wichtiger, wenn man die gesellschaftliche Entwicklung berücksichtigt, die sich
zunehmend durch gerade diese Diffusionsbemühungen hervortut. Obwohl die
Schwarzen ihre Priorität von „kollektiver Identifizierung“ zu „individueller
Unterscheidung“ verschieben (Helsper 1992 : 246), werden sie doch stets auf
emotionaler Ebene geeint bleiben, auch wenn sich dies häufig ihrem
Bewusstsein entzieht.
Stellen wir nachfolgend also fest, dass die Anwendung des Begriffes
Jugendszene im Falle der Schwarzen Szene erhebliche Schwierigkeiten bereitet
und daher durch den allgemeinen Szene-Begriff ersetzt werden sollte.
Sinnvoller erscheint auch, den Begriff der Szene zugunsten des Subkultur-
Begriffes fallenzulassen. Was ist eine Subkultur, wenn nicht die Gothic-Szene?

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   So Jan 10, 2010 11:57 am

6.2.8 Theorien zum Szeneeintritt
Im Laufe dieser Arbeit haben wir uns vornehmlich damit beschäftigt, welche
individualpsychologischen Gründe es dafür gegeben haben mag, in die
schwarze Szene einzutreten. Da diese Beweggründe bisher nicht näher
untersucht worden sind, war es nun an der Zeit, dies hier zu tun. Nun wollen
wir indes nicht unterschlagen, dass es sicherlich einige weitere Faktoren dafür
gab, schlussendlich in die Szene zu gelangen.
Was bereits angedeutet wurde, ist die Tatsache, dass die meisten unserer
Interviewpartner in ihrer Schulzeit eine Außenseiterposition einnahmen95. Die
Häufigkeit, mit der diese Gemeinsamkeit auftritt, lässt es wiederum möglich
erscheinen, diese exemplarischen Fälle im Sinne der qualitativen Analyse
induktiv als wahrscheinlich erscheinen zu lassen. Hier ein paar Beispiele:
Simone (33) wurde ab der 8. Klasse permanent gehänselt, so dass sie
„permanent heulend nach Hause“ kam. Simone vermutete, weil sie , „ … rothaarig,
dick“ oder „gut in der Schule“ war. Nur ein Schulwechsel half.
Auch bei Sarah (36) gestaltete sich die Situation nicht anders:
„Ich war immer so das hässliche Entchen, immer klein und zierlich … bin eigentlich
auch immer gehänselt worden … meine Schulzeit war grausam … meine Mutter hatte
keine Zeit für meine Probleme“.
Hans (32): „Die Zeit in der Schule war ziemlich übel. ich wurde ständig gehänselt,
weil ich aus dem Osten kam“.
Wir sehen an diesen Beispielen, die sich auch mit Hilfe der Studien anderer
Autoren endlos fortführen ließen, dass zu der im Einzelfall ohnehin stark
belastenden familiären Situation, noch dieser weitere Belastungsfaktor hinzu
kommt. Somit wird sicherlich ein weiterer Grundstein dafür gelegt, sich in
Folge zunehmend zu isolieren.
„Wir sind Aussenseiter, missverstanden von jenen, die alle gewöhnlichen Dinge
für akzeptabel halten“ (Monica Richards (Faith and the Muse)) in: (Matzke/
Seeliger 2002 : 16).
Ein weiterer Grund, sich der Szene zuzuwenden, ist der „Ausbruch … aus dem
religiös und sozial kontrollieren Lebensraum“(Farin 1999 : 43). Dieser Umstand
zeigt sich z.B. auch im Falle von Heinz (42), der die erdrückende
„Verhätschelung“ seiner Mutter nicht mehr ertragen kann, und sich daher
zunehmend seine Freiräume sucht und diese in der Szene findet. Nun sind dies
sicherlich Faktoren, die eine gewisse Rolle spielen. Betrachtet man diese
milieureaktiven Verhaltensweisen jedoch isoliert, wie dies häufig getan wird,
dann greifen diese so gewonnenen Theorien zum Szeneeintritt zu kurz. Helsper
(1992) beweist in seiner Arbeit, dass er über die nötige soziologische Weitsicht
verfügt, die manch anderen Autoren offenkundig fehlt. Es sind eben nicht
hauptsächlich adoleszente Krisen, schulische Probleme, der Verlust
95 siehe 6.2.6
nahestehender Menschen, oder das Ende erster Liebesbeziehungen, die den
Eintritt in die Szene bestimmen (Helsper 1992 : 238), was im wesentlichen der
„Life-Event-Theorie“ entspricht, sondern vor allem primäre Verlust- und
Mangelerfahrungen, die eine entsprechende Konstitution erst ermöglichten. Die
folgenden Milieuerfahrungen, sind nur weitere „Tropfen“, die das „Fass“ zum
„Überlaufen“ bringen. Es gibt sicherlich auch Theorien, die besagen, dass sozial
determinierte Negativerfahrungen in Folge der daraus resultierenden sozialen
Überforderung, zu entsprechenden neurotischen Symptomen führen (Lorenz/
Leyhausen 1969 : 165), wie wir sie bereits ausführlich beschrieben haben. Jedoch
müssen wir im Falle der Schwarzen Szene eher davon ausgehen, dass diese
milieureaktiven Verhaltensweisen nur Faktoren waren, die auf eine
prädisponierte, psychisch labile Konstitution trafen, und in deren Folge, der
„Stein“ ins „Rollen“ kam. Zusammenfassend lassen sich drei Faktoren
feststellen, die in unterschiedlicher Weise zum Eintritt in die Szene führen:
1. Die frühkindliche Mangelerfahrung96
2. Nachhaltig wirkende Lebensereignisse und traumatische Erfahrungen97
3. Die unmittelbare Möglichkeit, Zugang zur Szene zu erhalten
Diese drei Faktoren sind unterschiedlich zu bewerten. Während der Faktor 2
keine unbedingt notwendige, allerdings in der Mehrzahl zutreffende
Bedingung zum Eintritt in die Szene darstellt, ist der Faktor 1 hier in Folge
meiner Analyse als „gesetzt“, somit als notwendig zu betrachten.
Der Faktor 1 ist also die notwendige Vorraussetzung, um überhaupt für die
Schwarze Szene prädisponiert zu sein. Es dürfte indes einleuchtend sein, dass
ohne den Faktor 3 keine Hinwendung zur Szene erfolgen kann.
Es muss naturgemäß eine „Kontaktperson“ geben, die dieses „Tor“ öffnet.
Wie erwähnt, ist es für Außenstehende nur sehr schwer möglich, die Szene
ohne eine solche Kontaktperson kennenzulernen, da sich die Gothic-Szene der
Öffentlichkeit weitgehend entzieht.
96 siehe auch 6.2.1.1
97 6.2.6
7. Fazit
Betrachten wir nochmals die Erkenntnisse dieser Untersuchung:
Auf der Suche nach individualpsychologischen Gemeinsamkeiten in den
Biografien unserer Untersuchungsgruppe, sind wir auf bemerkenswerte
Zusammenhänge gestossen.
Neben den häufig geäußerten Gründen wie: Randgruppenzugehörigkeit
(Helsper), Abgrenzung vom Elternhaus, Identitätsproblemen, persönliche
Enttäuschungen, Verlust nahestehender Menschen (Farin) und dem Zerbrechen
der Familie (Stock/Mühlberg), gibt es eine zentrale Gemeinsamkeit, die
letztlich alle Schwarzen für den Übergang in die Schwarze Szene prädisponiert:
Die fehlende oder mangelhafte affektive Zuwendung ihre Mütter.
Wie sagte schon Freud?
„Wir sagen der Mensch habe zwei ursprüngliche Sexualobjekte: sich selbst und
das pflegende Weib“(Freud 1914 : 154). Indes ist es nicht nur Freud, der diese
Auffassung vertritt. Was frühkindliche Deprivation betrifft, so gibt es zahllose
Untersuchungen, die jenen Effekt bestätigen, der als anaklitische Depression
(Spitz) beschrieben wird.
Die 1945 veröffentlichte Längsschnitt- Studie von Spitz ergab, dass die 21
untersuchten Anstaltskinder, denen 2 Jahre lang affektive Zuneigung verwehrt
wurde, anschließend außerordentlich retardiert waren (Richter 2007 : 36).
Daraus ergab sich die Schlussfolgerung, dass Kinder, die nur einen sehr
dürftigen affektiven Kontakt zu ihren Bezugspersonen hatten, eine seelische
Störung entwickelten.
Gleiche Phänomene entdeckte der amerikanische Psychologe Harlow im Jahre
1957, als er anhand einer Versuchsreihe mit Rhesusaffen, die affektive Bindung
von Affenmüttern zu ihren Kindern untersuchte. In diesem Experiment wurden
Affenbabys einmal mit Hilfe einer reinen Drahtgestellattrappe, einem
Drahtgestell mit Fell und im dritten Fall von einer echten Affenmutter
aufgezogen, wobei in den ersten beiden Fällen jeweils nur für die notwendige
Nahrung gesorgt wurde. Die synthetisch aufgezogenen Affen zeigten
anschließend Verhaltensweisen, die völlige Beziehungslosigkeit,
Beziehungsunfähigkeit, sowie teils völlige Unfähigkeit dem Sexualakt
nachgehen zu können, erkennen ließen.
Gleichzeitig dürfte einleuchtend sein, dass menschliche Neugeborene, die mit
einer auffallend körperlichen „Unvollkommenheit“ geboren werden und völlig
hilflos sind, in wesentlich höherem Maße der Zuneigung ihrer Mütter bedürfen.
Die Verweigerung oder die Unfähigkeit ausreichend affektive Zuneigung geben
zu können, bedeutet gerade in dieser ersten Prägungsphase eine deutliche
Erschütterung des Ur-Vertrauens.
Dieses Ur-Vertrauen bedeutet letztlich nichts anderes, als ein Gefühl der
Sicherheit, des Sich-Verlassen-Dürfens. „Das Ur-Vertrauen ist der Eckstein der
gesunden Persönlichkeit“ (Erikson 1973 : 63).
Somit sollte nachvollziehbar sein, warum die interviewten Schwarzen keine
„gesunde Persönlichkeit“ entwickeln konnten.
Ungeachtet der zu meinem Bedauern recht geringen Stichprobenzahl dieser
qualitativen Untersuchung, gehe ich davon aus, dass sich diese Erkenntnisse,
auch aufgrund der Gesamt-Analyse, unter Einbeziehung aller Fakten und
Überlegungen, auch auf die Szenegesamtheit übertragen lassen. Es könnte
somit außerordentlich schwer fallen, Schwarze zu finden, die nicht zumindest
eine chronische depressive Verstimmung (Dysthymia) aufweisen. Dass es sich
bei diesen depressiven Erkrankungen auch um reaktive Depressionen (Nuber
2000 : 63) handeln kann, sollte gerade im Hinblick auf die Life-Event-Theorie98
deutlich geworden sein. Die Disposition allerdings, zu einer reaktiven
Depression, begründet sich in der frühen Kindheit. Diese Thematik zieht sich
durch sämtliche Ausdrucksformen der Schwarzen Szene, die letztlich nichts
anderes ist als ein Ausdruck von Depression, verursacht durch eine ganze
Ansammlung von Deprivations- und Milieuerfahrungen. Wie sollte auch sonst
diese „pathologische Trauer“(Richter 2007 : 36) und die dauerhafte
Beschäftigung mit dem Tod erklärt werden?
„Jeder zweite Selbstmord wir von einem Depressiven verübt“ (Nuber 200 : 69).
Ungeachtet dieser Tatsache, dürften die Suizid- Raten in der schwarzen Szene
nicht wesentlich über denen der Gesamtbevölkerung liegen, auch wenn es dazu
keine empirischen Untersuchungen gibt.
Der Suizid gilt in der Schwarzen Szene letztlich als ein Zeichen, den immer
fortwährenden Kampf gegen die Welt und sein eigenes Über-Ich aufzugeben.
98 siehe 6.2.6
Ein Schiff sinkt im Sturm
Hat es seinen Kampf verlohrn
Es kehrt nie zurück“99
Vielleicht ist es ein Zeichen von Schwäche? Nun, wir wissen, dass es Phasen im
Leben eines Menschen gibt, die jeden „schwach“ werden lassen.
Der Suizid ist nichts anderes, als dem alltäglichen seelischen Leiden ein Ende
zu setzen. Er bedeutet eine „Zerstörung“ des druck-ausübenden, quälenden
Über- Ichs, womit sich die Hoffnung auf entspannende Befriedigung verbindet
(Fenichel 2005 : 290 Bd. Ⅱ), einer Bestrebung, den „Speicher“ nochmals auf
„Null“ setzen zu können, nochmals von vorn anfangen zu können.
Dieses Szenario findet allerdings mehr in der Phantasie der Schwarzen ihren
Ausdruck. Das „Ertragen“ von Leid und Schmerz gilt als Stärke und ist
gleichzusetzen mit dem Zeigen von Schwäche. Die Schwarze Szene befindet
sich stetig in diesem ambivalenten Spannungsfeld.
Diese „Kultur der Todes- und Trauermetaphern (Helsper 1992 : 285) ist folglich
als ein „Abwehrmechanismus“ zu begreifen, welcher schädliche Einflüsse von
außen fernhalten soll. Das schwarze Kleid ist „Schutzschild“ und gleichsam
Ausdrucksmittel eines melancholischen Lebensgefühls. Es bedeutet die
„kulturelle Thematisierung des sozial Verdrängten“ (Helsper 1992 : 310).
Die Musik indes spielt bei der Verarbeitung des Schwarzen Lebensgefühls die
entscheidende Rolle. Sie ist unverzichtbares Kommunikationsmedium
gegenüber der Außenwelt, aber vielmehr noch gegenüber dem eigenen Selbst.
Schwarze Musik ist „Langzeittherapie“, deren Wirkung schädlichen
Kompensationsbestrebungen zuwider läuft. Gleichfalls wird klar, warum sie
ihre Wirkung nur unter gegebenen Vorraussetzungen erfüllen kann, und es
nahezu eine notwendige Bedingung darstellen muss, entsprechende
melancholische Prädispositionen aufzuweisen. Ist dies nicht der Fall, dann
kann sich keine manifeste Affinität zu depressiver Musik entwickeln, da dies
gleichfalls den Lustbestrebungen des Ichs zuwider läuft100. Dies ist der zentrale
Unterschied, der die Abgrenzung zu anderen Musikszenen verdeutlicht.
99 6.2.1.3
100 siehe dazu auch Kapitel 4
„Gothic-Dasein bedeutet, den bittersüßen Rausch verletzter Gefühle, schmerz- und
lustvoll zugleich, auszukosten“(Farin/Weidenkaff 1999 : 41).
Mit diesen Worten möchte ich die Arbeit abschließen und hoffe, dass es
gelungen ist die Gothic- Szene einmal aus einer anderen Perspektive betrachten
zu können.
„Die unaufgelösten Dissonanzen im Verhältnis von Charakter und Gesinnung der Eltern
klingen in dem Wesen des Kindes fort und machen seine innere Leidensgeschichte aus.“
(Friedrich Nietzsche)
Ich versichere eidesstattlich durch eigenhändige Unterschrift, dass ich die vorliegende
Arbeit selbständig und ohne Benutzung anderer als der angegebenen Hilfsmittel
angefertigt habe und die den benutzten Quellen wörtlich oder inhaltlich entnommenen
Stellen als solche kenntlich gemacht habe. Diese Arbeit hat in gleicher oder ähnlicher
Form noch keiner Prüfungsbehörde vorgelegen.

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BeitragThema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig   So Jan 10, 2010 11:58 am

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8.1 Sonstige Quellen
http://www.dimdi.de
Deutsches Institut für medizinische Information und Dokumentation
http://www.dunkles-leben.de
Gothic- Forum
http://www-ec.destatis.de/csp/shop/sfg/bpm.html.cms.cBroker.cls?
cmspath=struktur,vollanzeige.csp&ID=1019571
Statistisches Bundesamt, Bildung im Zahlenspiegel 2006
http://www.jugendszenen.com
Portal für Szenenforschung
http://www.nachtwelten.de
Gothic- Forum
http://www.schwarzes-glueck.de
Gothic- Kontakt- und Singlebörse
http://www.shell.com/home/content/de-de/society_environment/shell_youth_study/
dir_shell_youth_study.html
Shell Jugendstudie 2006

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Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen.
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Diplomarbeit von Philipp Reitzig

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