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| | Diplomarbeit von Philipp Reitzig | |
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Toni Herrscher

Anzahl der Beiträge: 1466 Alter: 33 Ort: Lünen Lebensmotto: Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. Sterne: 2352 Anmeldedatum: 06.03.08
 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:50 pm | |
| 4.4.2 Gothic- Rock Der Gothic- Rock entstand in den späten 1970er- Jahren in England und hat seine Wurzeln in der Punk Bewegung (Platz 2004 : 262). Stilistisch gesehen, kommen beim Gothic- Rock vorwiegend elektrische Gitarren, Schlagzeug, Bass und Gesang zum Einsatz. Der Einsatz elektronischer Instrumente wie Synthesizer oder Drum- Computer war in den Anfangsjahren wenig verbreitet. Im Hauptgesang kommen vorwiegend männliche Stimmen zum Einsatz, im Background häufig weibliche Stimmen. Die Stimmung ist durchweg düster und melancholisch. Verzerrungen, starker Hall und „bombastischer“ Sound sind weitere Stilmerkmale (Platz 2004 : 263). Markant bleiben vor allem die vordergründigen Gitarrensounds, was den Gothic- Rock von den elektronischen Stilrichtungen abgrenzt. Neben Moll- Tonarten, finden auch gelegentlich Dur- Tonarten Verwendung. Die Bassgitarren sind häufig tief gestimmt, um den düsteren Klang zu unterstützen. Der Gothic- Rock gehört zu den Wurzeln der Schwarzen Musik und viele bekannte Bands wie Sisters of Mercy, The Cure, Fields of the Nephilim und Siouxsie and the Banshees trugen ihn von England in alle Welt. 4.4.3 Darkwave Wie die oben stehende Grafik verdeutlicht, verschmelzen in den 1980er Jahren Gothic- Rock und Gothic- Punk zum Darkwave. Die stetig schwieriger werdende Trennung der beiden Stilrichtungen sowie zunehmender Einfluss elektronischer Instrumente wie Synthesizer und Drum- Computer, lassen es sinnvoll erscheinen, die Begriffe unter Darkwave zusammenzufassen. In Deutschland nahm derweil das „Phänomen ‚Neue Deutsche Welle’ (NDW) … seinen Lauf“(Platz 2004 : 256) und zunehmend tauchten in diesem Kontext recht düstere und schräge Klänge auf. Die neuen, auch elektronisch gestalteten Gothic- Punk- und NDW- Titel wurden international auch als „New Wave“ bezeichnet und somit war diese Bezeichnung ein sprachlicher Vorläufer der Stilrichtung Darkwave. Gleichzeitig bedeutete diese Entwicklung eine Krise des Punk, auf die an dieser Stelle allerdings nicht mehr eingegangen werden soll. Den Darkwave kennzeichnet, neben beschriebenen elektronischen Instrumenten, vor allem tiefer männlicher oder auch weiblicher Gesang. Melancholie, Trauer, Monotonie und Gleichgültigkeit werden in den Texten und im Gesang transportiert. Die Stimmen sind meist klar und deutlich zu verstehen. Viele alte Gothic- Rock Bands entwickelten sich weiter, passten sich der zunehmenden Elektronisierung an und waren nun „zukunftsfähig“. Zu den bekanntesten Darkwave- Bands zählen u.a.: Deine Lakaien, Clan of Xymox, Projekt Pitchfork, The Eternal Afflict und Silke Bischoff. Der gelegentlich auftauchende Begriff „Neo- Folk“, im Wesentlichen musikalisch fast ausschließlich durch seine Herkunft vom Darkwave getrennt, wird hier an dieser Stelle nicht explizit behandelt und aufgegriffen, da die (klanglichen) Unterschiede zum Darkwave als marginal zu bezeichnen sind und sich mittlerweile kaum noch nachvollziehen lassen. In diesem Punkt weiche ich von der Kategorisierung Meisels, die sich gleichfalls auf Zimmermann (Zimmermann 2000 : 28 ff.) beruft, ab (Meisel 2005 : 53). Im Sinne einer einfachen, sinnvollen Genreeinteilung ist eine weitere Differenzierung nicht nötig. Letztlich reduziere ich die grundlegenden Schwarzen Stilrichtungen auf vier Kategorien, wie die Grafik erkennen lässt. _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
|  | | Toni Herrscher

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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:50 pm | |
| 4.4.4 Gothic- Metal Wie der Name Gothic- Metal vermuten lässt, ist diese Stilrichtung eine Mischform aus Heavy- Metal und Gothic, stilistisch nahe dem Gothic- Rock. Es kommt durchaus vor, das sich die Schwarze Szene mit der Metal- Szene gelegentlich überschneidet. So findet man bei Clubveranstaltungen häufig Heavy- Metal Anhänger recht einträchtig neben Anhängern des Gothic. Relativierend muss man hier anfügen, dass es sich in den Diskotheken vorwiegen um stilistisch voneinander getrennte „Dancefloors“ handelt, wo jeder seinem Musikgeschmack entsprechend tanzen kann. Dabei mischen sich die Gruppen nur gelegentlich, kommen dabei aber friedlich miteinander aus. Im Allgemeinen wird in bestimmten Punkten miteinander sympathisiert, so dass sich die Vorliebe der Heavy- Metal- Anhänger für gitarrenlastige Musik mit den Vorstellungen der Schwarzen vermischt. Der Gothic- Metal ist Ausdruck dieser Vermischung. Die Metal- Band Paradise Lost war eine der ersten Gruppen, die harte Metal- Klänge mit melodiösen Gothic- Rock Elementen kombinierte. Hier wurden bereits Hauptmerkmale des Genres offensichtlich: lange ausdrucksstarke Stücke mit häufigen Tempiwechseln, Synthesizer- Flächen, orchestrale Einflüsse und der chorische Einsatz von Frauenstimmen. Weitere Charakteristika des Gothic- Metal sind der aus dem Heavy Metal stammende Einsatz von Schlagzeug und Gitarrensoli, einprägsame Gitarrenriffs und die Verwendung von Keyboards und Synthesizern“(Platz 2004 : 264). Gesanglich werden sehr tiefe Männerstimmen gern mit teils symphonischen hohen Frauenstimmen kombiniert, oder man bedient sich sehr hoher Frauenstimmen als Hauptgesang. Der schnelle harte Heavy- Metal wird somit im Gothic- Metal leichter verdaulich und findet zunehmend seine Anhänger in der Schwarzen Szene. Typische Vertreter dieses Stiles sind: Within Temptation, Nightwish, Theatre Of Tragedy, Anathema und Type O Negative. Während sich Gothic- Metal in seinen Texten mit romantischen oder Fantasy- Themen beschäftigt, finden sich beim gelegentlich erwähnten Black- Metal oftmals „apokalyptische Szenarien“(Platz 2004 : 265) sowie Texte, die sich mit Okkultismus oder Satanismus beschäftigen. Diese harte Stilrichtung ist allerdings nicht mehr unter dem Begriff Gothic einzuordnen. 4.4.5 Mittelalter Wie keine andere Musikrichtung ist Gothic stark ausdifferenziert. So lassen sich bei vielen Events oder Clubveranstaltungen auch viele mittelalterlich, romantisch gekleidete Menschen beobachten. Ein sicheres Zeichen für den Einfluss mittelalterlicher, ursprünglich volkstümlicher Musik auf die Szene. Die Stilrichtung „Mittelalter“ hat sich einen Teil der Anerkennung innerhalb der Schwarzen Szene gesichert. Im Gegensatz zum Darkwave kommen hier fast ausschließlich akustische, explizit klassische oder mittelalterliche, altertümliche Instrumente zum Einsatz. Piano, Violine, Flöte, Harfe, Laute, Schalmeien sind nur eine kleine Auswahl. Charakteristisch sind auch die Gesangsstimmen. Häufig sind hohe Frauenstimmen zu finden und alte Sprachen wie mittelhochdeutsch bahnen sich den Weg ins Gehör. Sehnsucht nach Romantik und Vorliebe für das Mittelalter sind häufig Gegenstand der recht aufwendig getexteten Strophen. Sakrale Klänge und Choräle sind ebenfalls zu finden. Es existieren eine ganze Reihe von „Crossover- Bands“(Platz 2004 : 278), die mittelalterliche Klänge mit rockigen Tönen verschmelzen lassen. Bekannte Vertreter dieses Stiles sind: Subway to Sally, In Extremo, Helium Vola, Dead Can Dance und Corvus Corax. Die europäische „Folk- Musik“ lässt sich stilistisch ebenfalls in diese Kategorie eingruppieren, da die Einflüsse deutlich zu erkennen sind, sei es durch den Einsatz von Folklore- Instrumenten wie der irischen Fidel oder dem Dudelsack. Spielt diese Stilrichtung auch im Club- Leben der Schwarzen keine große Rolle, so ist sie dennoch häufig im häuslichen Umfeld der Gothics anzutreffen. In ruhigen, nachdenklichen Momenten wird sich gern dieser Musik bedient. Relevante Vertreter sind: Loreena McKennit, Blackmore´s Night und Elane. 4.4.6 Elektro Der Begriff Elektro ist insofern problematisch, dass er nicht eindeutig impliziert, dass es sich um eine Schwarze Stilrichtung handelt. Abgleitet von „elektronisch“ würde der Bergriff theoretisch sämtliche elektronisch erzeugte Musik einschließen. Dies ist allerdings nicht der Fall, da betroffene Genres wie Techno, Trance und House bereits durch ihre Begrifflichkeiten determiniert wurden. Im Übrigen wäre es gegenwärtig äußerst schwierig, diese Genres unter diesem Begriff zusammenzufassen, da mittlerweile beinahe jede musikalische Stilrichtung elektronisch produziert werden kann. So begreifen wir also den Begriff „Elektro“ als eine rein Schwarze elekronische Stilrichtung. In der Literatur wird diese Problematik weitgehend unerwähnt gelassen, was ein Hinweis darauf ist, dass wir in unserem Sinne recht unproblematisch mit diesem Begriff umgehen können. Nun ergibt sich allerdings die Tatsache, dass der Elektro oftmals nur schwer vom Darkwave zu unterscheiden ist, da die Übergänge recht fließend sein können. Viele Künstler bedienen sich beider Stilrichtungen, vermischen diese in ein und demselben Album, was zur Folge hat, dass der Hörer nicht mehr feststellen kann: diese Band ist eine Darkwaveoder eine Elektro- Band. Zur Orientierung lässt sich feststellen, dass Elektro grundsätzlich schneller ist als Darkwave, welcher durchaus unter einer Taktfrequenz von unter 80 BPM38 liegen kann. Elektro liegt im allgemeinen zwischen einer Taktung von 120- 140 BPM und ist damit deutlich schneller. Elektro fasst im übrigen, die schnellen elektronischen, gut tanzbaren Stilrichtungen: EBM, Industrial, Industrial- Noise und Darkelektro zusammen. Die genannten Stilrichtungen sind also unter dem Oberbegriff Elektro einzuordnen und unterscheiden sich durch bestimmte Stilmerkmale voneinander, wenn auch hier die Trennung nicht leicht erfolgt. Charakteristisch sind neben der beinahe ausschließlichen Verwendung von Computern und Synthesizern zur Klangerzeugung, was im übrigen mehrköpfige Bands oft überflüssig macht, vor allem die „treibenden Beats“(Platz 2004 : 272), die düstere Grundstimmung, häufig wechselnde Geschwindigkeit und fast ausschließlich dunkle klare oder verzerrte 38 BPM: Beats Per Minute, Die Anzahl der Hauptschläge (Beats) pro Minute Männerstimmen. Eine genauere Differenzierung folgt auf den anschließenden Seiten. _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:51 pm | |
| 4.4.6.1 EBM EBM (Electronic Body Music), bildete sich schon in den frühen 1980er- Jahren heraus. Bands wie Front 242 und DAF waren Begründer dieser Stilrichtung. Nicht nachvollziehbar ist die von manchen Autoren herbeigeredete Trennung von EBM und Gothic (Meisel 2005 : 53), die an der etwas „anderen Kleidung“ der „EBM- Anhänger“ und an der differenzierten Herkunft der EBM eine „Andersartigkeit“ festmachen wollen. Sicherlich ist die Entwicklung der EBM durchaus zweigleisig verlaufen, d.h. einerseits spaltete sich dieser Musikstil von anderen elektronischen Musikrichtungen ab, andererseits handelt es sich um eine Parallelbewegung des späteren Darkwave. Nachvollziehbar ist die Herausbildung der EBM aus einer Spaltung des Techno in den frühen 80er Jahren, als sich ein Teil der Künstler dazu entschied, die elektronischen Rhythmen eher in Richtung „düster“ laufen zu lassen und sich somit den Schwarzen Strömungen des New- Wave, Darkwave und Gothic- Rock anzugleichen. Ein anderer Teil der Musiker entschied sich offenbar für den „fröhlicheren“ Teil elektronischer Musik. Folglich fand sich diese Musik unter den Namen: Trance, House und Techno und Rave wieder, wobei die „dunkle“ Fraktion andere Wege ging und somit war die Trennung vollzogen. Wenngleich die Herkunft auch strittig scheint, so ist eines nicht strittig, nämlich die dunkle, kalte, getragene, düstere, apokalyptische Stimmung der EBM, was ich als wichtigstes Merkmal Schwarzer Musik ansehe. Die Vermischung wird auch noch anhand anderer Gesichtspunkte deutlich. Zum einen sind musikalisch gesehen gegenwärtig keine klaren Grenzen mehr zu erkennen, zu sehr ist die EBM mit anderen Stilrichtungen wie Darkelektro, Darkwave oder Industrial verschmolzen. Den anfänglich recht minimalistischen oft „holprigen“ Beats der Anfangsjahre, sind klarere, rhythmischere Beats gefolgt. Die klassische EBM, wie sie vor allem Front 242 kultiviert haben, gibt es in dieser Form nicht mehr. Die EBM hat sich weiterentwickelt, so dass sich diese Bezeichnung zunehmend in Frage stellen lässt. Seit Anfang der 1990er Jahre prägen Bands wie VNV Nation aus Belgien und Covenant aus Schweden diesen Begriff. So stellt sich die Frage, ob es noch zeitgemäß ist, diesen Begriff zukünftig zu verwenden. Es ist zu vermuten, dass sich innerhalb der Szene der Begriff „Darkelektro“ als künftige Bezeichnung, auch der EBM, durchsetzen wird. Trotz der Weiterentwicklung lassen sich einige stilistische Merkmale festhalten. Klar gesprochene, oft monotone, tiefe Männerstimmen dominieren den Gesang, welcher oft auch ein reiner Sprechgesang ist. Es finden sich keine oder kaum Verzerrungen der Stimmen. Gelegentlich kommen auch sog. „Shouter“ zum Einsatz, hinein gerufene Wörter oder Phrasen, die bestimmte Textpassagen unterstützen sollen (Platz 2004 : 270). Die Musikstücke sind fast ausschließlich im 4/4 Takt geschrieben und um die 120 BPM schnell. Die treibenden geraden Hauptrhythmen sind auf gute Tanzbarkeit ausgelegt. EBM- Stücke sind in der Regel recht lang. Sie erreichen nicht selten Längen von bis zu acht Minuten. Neben bekannten Themen wie Liebe und Tod, beschäftigen sich in die Texte mit modernen Motiven wie: „künstliche Intelligenz, Roboter- Entwicklung, Genforschung, Molekularbiologie, Weltraumforschung“ oder mit der Vernetzung von Individuen (Platz 2004 : 272). 4.4.6.2 Industrial Der Begriff Industrial wird, wie der Name vermuten lässt, von „Industrie“, „Industrialisierung“ abgeleitet und bezeichnet einen speziellen Schwarzen Musikstil. Monte Cazazza, ein amerikanischer Musiker, prägte diesen Begriff durch den Satz: „Industrial music for industrial people“. Dies war auch der Wahlspruch eines britischen Plattenlabels, welches von der britischen Band Throbbing Gristle in den 1970er Jahren gegründet wurde. Das britische Label hieß Industrial Records. Bereits in dieser Zeit tauchte die Bezeichnung Industrial im Zusammenhang mit sog. „Avantgardemusik“ oder Aktionskunst auf. Diese freie Stilrichtung bezeichnet zunächst alles Neuartige, Experimentelle, Ungewöhnliche und Unangepasste (Platz 2004 : 275). Musikalisch bedeutet dies die Verwendung von extremen Instrumentarien zur Klangerzeugung. In den Anfangsjahren wurde das Publikum häufig mit Presslufthämmern, Kreissägen, Vorschlaghämmern oder sonstigen lauten, metallischen oder hart klingenden Werkzeugen „malträtiert“. Aufwändige Videoinstallationen, Filmschnipsel, Klangcollagen und dergleichen ergaben einen Mix, welcher nicht unbedingt leicht verdaulich schien. Diese ganz bewusste Art der Provokation hatte Methode und sollte auf die schlechten, unausweichlichen Dinge des Lebens, der Welt, der Politik aufmerksam machen und diese Themen musikalisch und visuell umsetzen. Die offenkundige Aggressivität, Intensität und „Schmerzhaftigkeit“ dieser Musik stellt die Industrialisierung, die Veränderung der menschlichen Zivilisation zugunsten einer unpersönlichen, lebensfeindlichen, grausamen, anonymen und isolierten Zukunft dar. Industrial- Texte befassen sich mit Verbrechen, Krieg, Terrorismus, Nationalsozialismus, Folter, Krankheit, Tod, Psychiatrie, sexuellen Perversionen und somit mit all den Dingen, die an anderer Stelle totgeschwiegen werden. In dem Maße, wie diese Themen „unangenehm“ erscheinen, in dem Maße sind die musikalischen und visuellen Interpretationen am Rande des „Erträglichen“. Verwenden viele Industrial- Künstler martialische, militaristische Bühnenbilder bei ihren Live- Konzerten und kokettieren mit nationalsozialistischen Brauchtümern und bekannten „Massenmördern“, so war dies in den frühen Industrial- Jahren im entsprechenden Kontext als Provokation zu werten. Gegenwärtig stehen einige Formationen in der Kritik, ob diese Art der Provokation noch angemessen sei, da dies angesichts der fortschreitenden Zeit mittlerweile fragwürdig erscheint und einigen Bands die optischen, kommerziellen Gesichtspunkte wichtiger zu sein scheinen als die inhaltliche Übereinstimmung. Auch wird von verschiedenen Seiten angemahnt, dass diese Art von Darstellung des Industrial offensichtlich dazu geeignet scheint, „braunes“ Gedankengut zu absorbieren und, auch wenn es nicht beabsichtigt ist, ein Publikum nahe des rechten Randes anzuziehen. Man befürchtet eine „Missbrauch“ des Industrial als Marschmusik für eine neue „Rechte“. Mögen auch im harten Elektro- Bereich zum Teil „kahlköpfige“, mit Armeehosen und Kampfstiefeln bestückte Schwarze zur Normalität gehören, so ist dennoch der Vorwurf einer rechten Unterwanderung, auch aus bereits genannten Gründen, nicht haltbar. Dominierten in den Anfangsjahren die harten, schmerzhaften Klänge der bekannten Industrial- Bands wie Cabaret Voltaire, SPK, Throbbing Gristle, Ministry und Einstürzende Neubauten, so hat sich die Industrial- Szene heute verändert. Bands wie: Nine Inch Nails, S.I.T.D, Suicide Comando, Combichrist, Hocico gehören zur neuen Generation. _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:51 pm | |
| Stilistisch geblieben sind die harten, aggressiven, verzerrten, metallischen Klänge mit einer Frequenz bis zu 200 BPM und die stark verzerrten, meist männlichen Stimmen. Industrial ist oft von unrhythmischen „breaks“ unterbrochen, die Geschwindigkeit und Rhythmik können sich im Verlauf ändern. Verzerrungen an der Schmerzgrenze kommen ebenso häufig vor wie melodiearme Passagen und stark monotone Verläufe. An dieser Stelle lässt sich eine in der Praxis relevante Unterscheidung zum Industrial- Noise treffen. 4.4.6.3 Industrial- Noise Die Differenzierung zum Noise findet genau da statt, wo der Anteil melodiöser Elemente gegen Null tendiert. Finden sich beim Industrial im modernen Sinne noch melodische Syhthesizer- Flächen und eine durchgängige Rhythmik, so verhält sich der Noise im Sinne seines Wortlautes. Der Begriff Noise, in der englischen Übersetzung: Lärm, Geräusch, Krach, macht deutlich, dass die melodischen Klänge hier zum großen Teil durch „Geräusche“ jeglicher Art ersetzt werden können. Im Extremfall wird auf jegliche Struktur und Rhythmik verzichtet. Industrial- Noise fängt dort an, wo offenkundig im Einzelfall die Grenzen des „Erträglichen“, die Schmerzgrenze, überschritten wird, was, wie erwähnt, absichtlich geschieht. So gesehen handelt es sich hierbei um „Industrial“ im klassischen Sinne. 4.4.6.4 Darkelektro Die Bezeichnung Darkelektro taucht schon seit geraumer Zeit in Fanzines und Szenekreisen auf. Sie könnte den o.g. Begriff Elektro ablösen und somit die Zuordnung der Musik durch den Zusatz „Dark“ erleichtern und recht eindeutig die Zugehörigkeit zur Schwarzen Musik dokumentieren. Gleichfalls käme, wie bereits angedeutet, eine Ablösung der Bezeichnung EBM aus schon genannten Gründen in Betracht. Sinnvoll ist eine Zusammenfassung sämtlicher schneller, rein elektronischer, tanzbarer, „clubfähiger“ Schwarzer Musik unter diesem Begriff, abgesehen vom Industrial, welcher die bereits angesprochenen, markanten Stilmerkmale aufweist. Gegenwärtig dominiert noch die Bezeichnung EBM in der Clubszene. Für den Darkelektro gelten neben den genannten u.a. vor allem folgende Merkmale: - Klare, tiefe, oft monotone Männerstimmen ohne Verzerrungseffekte - Geschwindigkeit der Hauptschläge im Bereich von 120- 160 BPM - Fast ausschließlich 4/4 Takt - Synthesizer- Flächen und treibender Rhythmus Die Textinhalte stimmen weitgehend mit denen der EBM überein. Darkelektro- Formationen kommen aufgrund synthetischer Klangerzeugung häufig mit minimaler Besetzung aus39. Auch Solo- Projekte sind keine Seltenheit. Ständig umfangreicher gestaltete Sequenzer machen es möglich, erstens auf teure akustische Instrumente zu verzichten, zweitens erleichtern diese Programme die Aufnahme im Studio, da es überflüssig wird die verschiedenen Instrumente wie z.B. ein Schlagzeug, einzeln akustisch abzunehmen. Die Klänge eines Schlagzeuges können am Rechner mit Hilfe von verschiedenen Eingabequellen erzeugt und aufgezeichnet werden. Auch ist es möglich, sämtliche Instrumente über die Sequenzer- Programme zu simulieren und auch „Live“ zu spielen, d.h. es ist möglich z.B. über ein Midi- Keyboard eine Violine, ein Piano, eine Flöte oder jedes beliebige akustische oder elektronische Instrument zu spielen. Elektrische Schlagzeuge (E- Drums) ersetzen bereits seit geraumer Zeit das klassische Schlagzeug. Obwohl diese Art der Klangerzeugung oft polarisiert, ist dies dennoch eine Entwicklung, die nicht mehr aufzuhalten ist. Letztlich kommt es wohl nicht darauf an, ob die Musik akustisch „mit der Hand“ gemacht wird, oder am Rechner, sondern was zählt, ist das Ergebnis. Die, womit auch immer, erzeugten Klänge müssen die Gefühle der Hörer ansprechen. Dies wird zukünftig das sein, woran sich Musik messen lassen muss. 39 Gleiches gilt im übrigen auch für Industrial- Formationen _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:51 pm | |
| 4.4.6.5 Synthie- Pop/Future- Pop Beim Synthie- oder Future- Pop handelt es sich um eine Ausdifferenzierung des Elektro. Wie der Name schon vermuten lässt, handelt es sich hier um synthetisch erzeugte Klangflächen ähnlich dem Darkelektro, jedoch suggeriert der Zusatz „Pop“- „populär“, dass es sich hierbei mit einem eher kommerziell ausgerichteten Musikstil handelt. Dementsprechend sind die Syntie- Klänge weniger „düster“, in ihrem rhythmischen Aufbau häufig „einfacher“ und somit „massenkompatibler“. So kann es vorkommen, dass sich das ein oder andere Syntie-Pop- Stück in einen kommerziellen Radiosender40 verirrt. Da es sich beim Gothic um ein Untergrund- Genre handelt, ist die Musik im normalen Radiobetrieb kaum auszumachen. Schwarze Musik ist öffentlich fast ausschließlich über Internet- Radiokanäle zu empfangen und erschließt sich somit nur dem wissenden Publikum, eine Tatsache, die auch auf einige andere Genres zutrifft. Die Verbreitung der Musik findet fast ausschließlich über szeneeigene Quellen wie Fanzines, Internet- Radio sowie mündlich über die Szenegänger statt. Trotz dieser Hindernisse, findet der ein oder andere Musiktitel den Weg an die „Öffentlichkeit“, die häufig nicht weiß, dass es sich dabei um ein Schwarzes Musikstück handelt. Zu den Vorbehalten der „normalen“ Öffentlichkeit gegenüber der Gothic- Szene und somit auch der Musik, sollen an dieser Stelle keine Ausführungen mehr erfolgen. 5. Methodik Im diesem Kapitel befasse ich mich mit methodischen Überlegungen, die zum einen bei der Analyse der Biografien und zum anderen bei der Gesamt- Analyse der Gothic- Szene eine Rolle spielten. Dazu gehören die Auswahl der übergeordneten wissenschaftlichen Theorien, die Wahl der empirischen Methode sowie die Methodik zur Auswertung des Datenmaterials. Zur Verdeutlichung dient die folgende Grafik: 40 hiermit sind die Radiosender gemeint, die über die normalen UKW Frequenzen erreichbar sind (Einslive, WDR etc.) Im Kapitel 3 erfolgte die Betrachtung der Szene aus vorwiegend soziologischer Sicht. Im 4. Kapitel kamen musiktheoretische und musikpsychologische Erkenntnisse hinzu. Im 6. Kapitel dient vorrangig die psychoanalytische Theorie der Grundlage. Am Ende dieser Studie erfolgt die Gesamtbetrachtung. Es folgen nun zunächst Erläuterungen zur Theorie der Tiefenpsychologie. 5.1 Die Psychoanalyse als Methode Betrachten wir die Aufgabenstellung, die sich durch unsere Hypothesen ergibt,41dann sollte deutlich werden, dass nur die psychoanalytische Theorie über die nötige sprachliche und inhaltliche Ausdrucksform verfügt, um das zu beschreiben, was ich hier darlegen werde. 41 siehe Einleitung Da sich der Schwerpunkt der Argumentation dieser Studie auf dieses Interessengebiet konzentriert, erfolgt zunächst ein Überblick über diese Methode der Psychologie. _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:52 pm | |
| 5.1.1 Die Psychoanalyse Sigmund Freuds Als Psychoanalyse wird die von Siegmund Freud „begründete tiefenpsychologische Lehre und Schule“(Doucet 1972 S : 133) bezeichnet. Freud entwickelte die Methode der Psychoanalyse aus ersten Erfahrungen mit hysterischen Patienten, die er zunächst mit Hypnose in einen Zustand versetzte, der Zugang zum „Unterbewusstsein“ des Patienten gewährte. Die „Entdeckung“ des Unterbewusstseins als solches, ist ebenfalls Freud zuzurechnen, als dieser nach Erklärungsansätzen für bestimmte geistige Phänomene suchte und dabei auch mit Hilfe der Hypnose auf ein offensichtlich „verdrängtes“ Gedankengut stieß. Mit Verdrängung ist dabei gemeint, eine Art psychischer Abwehrmechanismus, der dazu dient „für das Bewusstsein nicht mehr annehmbare Triebansprüche und Wünsche abzuweisen und vom Bewusstsein fernzuhalten“(Doucet 1972 : 183). Diese Verdrängung geschieht infolge eines Traumas. Die psychische Störung kann sich erst unter der Bedingung entfalten, dass Verdrängtes dem Bewusstsein fern gehalten wird und somit nicht verarbeitet werden kann. Aus dieser Annahme ging später auch die psychoanalytische Technik als Therapiemethode hervor. Wurde zunächst unter Hypnose versucht, sich dem Unterbewusstsein zu nähern, entwickelte Freud im Jahre 1895 die Methode der „freien Assoziation“ zur Erforschung von Neuroseursachen42. Dabei geht es prinzipiell darum, dass der Patient in der Behandlungssituation spontan all das äußert, was ihm gerade durch den Kopf geht. Der Psychoanalytiker notiert die spontanen Äusserungen und beginnt diese dann nach einem entwickelten Schema zu deuten. Diese Methodik unterscheidet sich nicht sehr von der Methodik Adlers und Jungs, die sich in einigen Punkten von Freud distanzierten, worauf an dieser Stelle aber nicht gesondert eingegangen werden soll. 42 Als Neurosen gelten all diejenigen Krankheiten, die nicht auf organischen Veränderungen der Nervenzellen und Nervenfasern, sondern lediglich auf funktionellen Störungen beruhen, auf einer regelwidrigen Tätigkeit des Nervensystems“. (Doucet 1972 : 110) Eine weitere ergiebige Erkenntnisquelle sah Freud im Traum, als eine weitere Möglichkeit, um ins Unterbewusstsein einzudringen. Die weitere Vorgehensweise bedeutet im Einzelnen, das Unbewusste wieder ins Bewusstsein zu rufen, womit dann der psychotherapeutische Effekt im Sinne einer Besserung oder Heilung des Patienten eintritt. Ein wesentlicher, wenngleich auch häufig kritisierter theoretischer Punkt der Freudschen Psychoanalyse ist Freuds Libidotheorie, wobei Libido die in allen Menschen vorherrschende sexuelle Triebenergie bezeichnet. Für Freud ist die Libido der „Gegenspieler“(Doucet 1972 : 96) der Destruktionsenergie und biologisch im menschlichen Körper verankert. Diese Triebenergie kann sich auf ein Objekt beziehen und wird dadurch zur Objekt- Libido, wobei diese durch Sexualbetätigung oder andere Faktoren vom Objekt abgezogen werden kann und damit erlischt. Wird die Libido aus letztgenanntem Grunde abgezogen, so „kehrt sie sich ins Ich zurück“(Doucet 1972 : 97) und wird wiederum zur Ich- Libido, zur narzisstischen Libido. Freud war ebenso davon überzeugt, dass „jene Reminiszenzen“(Bally 1968 : 2Cool, an denen der Neurotiker leidet, nicht beliebiger, sondern, dass sie ausschließlich sexueller Art seien. In diesem Zusammenhang sah Freud als Ursache der Krankheitsform der Abwehrneurose ein rezentes, sexuell ausgelöstes Ereignis oder Trauma, das pathogen wirkt, weil „… es den Effekt eines zurückliegenden Traumas mobilisiert, das verdrängt wurde und das die Disposition für die Neurose schafft“( Bally 1968 : 2Cool. Freud ging schon frühzeitig davon aus, dass dieses auslösende Moment wohl zwischen dem 3. und 5. Lebensjahr stattgefunden haben muss. Eng verknüpft mit der Libidotheorie ist das Lustprinzip, was innerhalb der Psychoanalyse eine bedeutende Rolle spielt. Die „Lust als Lebenszweck“ bezeichnet die Bestrebungen des ES nach Bedürfnisbefriedigung, was im psychoanalytischen Sinne nicht als rein sexueller Akt verstanden werden darf. Es handelt sich hierbei um das Bestreben des Es, Lust zu erfahren und der Unlust auszuweichen. Eine wichtige Rolle dabei spielen die Triebe , die im Einzelnen die Bedürfnisspannungen des Es repräsentieren. Sie drängen zur Befriedigung eines Bedürfnisses, sei es z.B. das Essen oder der Sexualakt. In jedem Fall wird dasselbe, die Bedürfnisbefriedigung, angestrebt, d.h. der Abbau einer Reizspannung. Interessant dabei ist auch, dass Triebe, welcher Art auch immer, sublimiert werden können, d.h. ihre Energie kann auf eine andere übergehen. So wird die „Umwandlung“ von sexueller Triebenergie in eine „geistige“ Energie infolge eines „kulturell erzwungenen Triebverzichts“(Doucet 1972 : 52) als Sublimation bezeichnet. Für Freud eine hinlängliche Erklärung für die überragenden geistigen Errungenschaften und Werke vieler Künstler. So hat Freud in seiner vielbeachteten Analyse des Leonardo da Vinci bemerkt: „Da die künstlerische Begabung und Leistungsfähigkeit mit der Sublimierung innig zusammenhängt, ... scheint es doch , als hätte nur ein Mann mit den Kindheitserlebnissen Leonardos die Mona Lisa und die heilige Anna selbdritt malen, seinen Werken jenes traurige Schicksal bereiten und einen so unerhörten Aufschwung als Naturforscher nehmen können, als läge der Schlüssel zu allen seinen Leistungen und seinem Mißgeschick in der Kindheitsphantasie vom Geier verborgen“(Doucet 1972 : 152). Dies soll als kleiner Abriss der Psychoanalyse Sigmund Freuds genügen. _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:52 pm | |
| Die Psychoanalyse versucht also das Irrationale an Handlungen von Menschen zu erklären. Irrational im Sinne einer logischen Erklärbarkeit durch die Außenwelt in der alltäglichen Sichtweise der Menschen. Die Psychoanalyse fand Erklärungen für vormals „sinnloses“ Verhalten und enthüllte Sinn und Bedeutung. Gegenstand der Psychoanalyse ist also Entdeckung, Beschreibung und Rekonstruktion des Sinnes von Handlungsweisen. Nicht die Entdeckung der „einzigen“ Wahrheit, sondern die Konstruktion „einer“ Wahrheit wird angestrebt. Bemerkenswert ist, dass seit der Psychoanalyse das Konstrukt des freien Handlungswillens von Verhalten merklich zusammengesunken ist, was Verhalten im Sinne einer „Schuldzuweisung“43 relativiert. 5.1.2 Intention und Problematik der Psychoanalyse Ausgehend von dem Beweggrund, ein Individuum nicht als reines „Manipulationsobjekt, zur biologischen Formel, zum statistischen Element ...“(Doucet 1972 : 10) einer Gesellschaft abzustempeln, ist es notwendig, die menschliche Seele, wie auch immer man das innere Bewusstsein 43 gemeint ist an dieser Stelle die Verantwortlichkeit z.B. für eine Straftat nennen mag, nicht außer Acht zu lassen. Nur begründet durch den Vorwurf der mangelnden Nachweisbarkeit durch physikalisch-wissenschaftlich-empirische Verfahren oder Experimente, erscheint mir die Negierung jeglichen Zusammenhanges von Verhalten und Bewusstsein durch einige Vertreter der „wissenschaftlichen“ Psychologie als unzureichend. Doucet (1972) beschreibt die Problematik der Psychoanalyse recht treffend, indem er eine rein „objektive“ Erkenntnis, folglich die Begriffe: Bewusstsein, Ich- Bewusstsein, Unbewusstes im Falle der Psychoanalyse ausschließt, und zwar aus dem Grund, dass „... der Beobachter und das zu untersuchende Objekt in eins zusammenfallen. Die Wechselwirkung zwischen Versuchsleiter und Versuchsperson – und somit die subjektive Beziehung zweier psychischer Systeme – lässt sich nicht beseitigen“(Doucet 1972 : 10). Dieser Subjektivitätsvorwurf ist allerdings kein Vorwurf, der nur der Psychoanalyse vorbehalten bleibt. Nur besteht hier an dieser Stelle ein höheres Subjektivitätsrisiko, als es bei anderen psychologischen oder anderen wissenschaftlichen Methoden der Fall ist. Die z.T. erfolgte Verbannung des Begriffes „Seele“ aus der psychologischen Forschung, die „Amerikanisierung“ der Psychologie als solche, deren Intention es ist, nach schnellen Lösungen zu suchen und diese scheinbar auch findet, führt zu einer gewissen „Betriebsblindheit“ bei der Erforschung des menschlichen Geistes, wobei auch dessen Existenz, mittlerweile durch den allgemeinen „Biologisierungstrend“ bestritten wird. Mögen vereinzelt Zweifel an der Methodik der Psychoanalyse berechtigt sein, so ist es dennoch notwendig, eine aufgestellte Theorie, im wörtlichen Sinne, zur Arbeitsgrundlage zu erheben. So ist das psychoanalytische Vorstellungsmodell, wie es u.a. von S. Freud, A. Adler, C. G. Jung entworfen wurde, als „Schablone“ zu verstehen, bei deren Anwendung eine sinnvolle Weiterentwicklung erfolgen kann. Dieser Ablauf ist auch den naturwissenschaftlichen Disziplinen gemein. Ziel der Psychoanalyse ist: „die Aufhellung der Ursachen eines für das Bewusstsein unverständlichen, unerklärlichen, unvernünftigen, widernatürlichen, ja nur zu oft selbstzerstörerisch gegen die eigene Person wie aggressiv gegen Mitmenschen gerichteten Verhaltens“(Doucet 1972 : 13). Aus diesem Grund eignet sich die psychoanalytische Betrachtungsweise in hohem Maße für die Bearbeitung wichtiger Hypothesen dieser Arbeit. Mögen einige der hier Verwendung findenden Begriffe zunächst noch etwas Befremdung auslösen, so werden wir zu gegebener Zeit auf ihre Bedeutung zurückkommen. _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
|  | | Toni Herrscher

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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:52 pm | |
| 5.2 Zur Methode der Biografieforschung Kommen wir zu den konkreten Arbeitsmethoden. An dieser Stelle sei angemerkt, dass es sich hier in diesem Abschnitt, nicht um eine erschöpfende Abhandlung über die Tauglichkeit der Biografieforschung als Methode empirischer Sozialforschung handelt, dies würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Jedoch sollen dazu einige ergänzende Anmerkungen erfolgen, die in einer kurzen Form mögliche Angriffspunkte aufzeigen sollen. Auch Freud sprach bereits davon, dass die „biografische Wahrheit“ nicht zu haben sei. So wird Freud des Öfteren unter Außerachtlassung dieser seiner Differenzierung kritisiert. In diesem Sinne ist die Biografie als eine Konstruktion der subjektiven Wahrheit des Subjektes zu betrachten. Auch ist zu beachten, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, dass der Interviewpartner in der Regel nicht alles sagen wird „was ihm durch den Kopf geht“(Bruder 2003 :13). Er wird nur das sagen, was er der Situation entsprechend für angebracht hält. Umso wichtiger ist aufgrund dieser Problematik die Anpassungs- und Empathiefähigkeit des Interviewers. Eine weiterer Punkt ist wohl die Tatsache, dass der Befragte nicht alles weiß, was er zu sagen hätte. Sicherlich ist das ein Tribut an die Verschiebung von Erlebnissen, insbesondere traumatische Erfahrungen in das Unterbewusstsein, die Verdrängung. Nicht zu vergessen ist die infantile Amnesie, die wie schon Freud feststellte, „die ersten Jahre ihrer Kindheit bis zum 6. oder 8. Lebensjahr verhüllt“(Doucet 1972 : 2Cool. So ist es Aufgabe der Biografieforschung, auch in dieser Studie, dem Ideal der „Wahrheit“, der psychischen soziologischen Realität möglichst nahe zu kommen. 5.3 Qualitatives Interview Auf empirischer Ebene fiel die Wahl auf eine qualitative Methode. Nur diese ist für die Fragestellungen dieser Studie geeignet und sinnvoll. Zum Zwecke der qualitativen Analyse fiel die Entscheidung auf einen umfangreichen Interviewleitfaden, welcher als Gesprächsgrundlage diente. Der Interviewleitfaden44 enthält c.a 40 größtenteils offene Fragestellungen, die zum Teil noch weitere Unterpunkte, deren weiterer Ausführung es bedurfte, enthielten. Praktisch handelt es sich um ein narratives Interview, welches in Folge eine nahezu vollständige Biografie generiert. Das Gespräch erfolgte in lockerer, angenehmer Atmosphäre, vor allem um Ermüdungserscheinungen vorzubeugen und kurzatmige Antworten zu vermeiden. Dies setzte selbstredend die Bereitschaft der Interviewten voraus, auf die partiell komplexen und persönlichen Fragen bereitwillig zu antworten. Dabei waren längere Nachdenkpausen durchaus erwünscht. Somit gab es keinerlei Zeitdruck, was ich für obligatorisch hielt. Vor allem die umfangreichen Fragestellungen zur Biografie erforderten ein hohes Maß an Geduld und Konzentration. Es musste damit gerechnet werden, dass es einigen Befragten nicht leicht fallen würde, auf bestimmte Fragen zu antworten, da dies evtl. mit unangenehmen Erinnerungen verbunden sein könnte. Es war also ungemein wichtig, eine ungezwungene, vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, um zu verhindern, dass „zugemacht“ wird oder wichtige Informationen vorenthalten werden. Zwischenzeitlich flossen auch Fragen mit ein, die dem „Auflockern“ dienten und durchweg weniger Konzentration erforderten. Einige Fragen erfüllten eine gewisse „Ablenkungsfunktion“. Es war davon auszugehen, dass bei dem Verdacht einer möglichen „Pathologisierung“ der Befragten ein verständlicher „Abwehrmechanismus“ zu Tage treten könnte. Schließlich war nicht davon auszugehen, dass jeder offen über psychische Beeinträchtigungen spricht. Leider lässt die gesellschaftliche Akzeptanz in dieser Hinsicht noch immer zu wünschen übrig. 5.4 Der Interviewleitfaden 44 Interviewleitfaden: Anhang A9- 13 Der zunächst zum Zwecke eines narrativen Interviews entwickelte Interviewleitfaden45 wurde später durch eine schriftlich zu bearbeitende Variante ergänzt. Details lassen sich aus dem Anhang entnehmen. 5.5 Die Interviews Als zeitlicher Rahmen für die Interviews wurden mindestens 2 Stunden für jede Person eingeplant, wobei dieser Rahmen nach Bedarf deutlich nach oben hin ausgeweitet wurde. Je nach „Vertrauensbasis“ und Offenheit, konnten auch 4 Stunden erreicht werden. Eine Begrenzung der Interviewzeit hielt ich nicht für sinnvoll, da es kontraproduktiv ist, eine Unterbrechung herbeizuführen, wenn ein Zustand erreicht wurde, bei dem ein freies, ehrliches, ungezwungenes Erzählen in Gang gekommen war. Einen Zustand, den ich mir stetig erwünschte und anstrebte. Zum Thema „Vertrauen“ werden abschließend noch einige Anmerkungen erfolgen müssen. Bei der Auswahl der Zielgruppe wurde folgendes festgelegt: Es musste sichergestellt werden, dass es sich um „echte“ Szene- Mitglieder handelt, nicht nur um sog. „Mitläufer“46 oder Personen, die gerade zufällig vor Ort anzutreffen sind, sondern um Menschen, die sich selbst als „Schwarze“ sehen und sich der Szene zugehörig fühlen. Nun ist dies nur möglich, wenn eine gewisse Reflektionsfähigkeit im Sinne einer entsprechenden Zugehörigkeitsbeschreibung vorhanden ist. So billigen wir den Befragten den angestrebten „Expertenstatus“ zu, auf dessen Grundlage die Interviews ausgewertet werden (Hitzler/Bucher/Niederbacher 2001 : 32). Dies scheint indes nur möglich, wenn eine gewisse „Szeneerfahrung“ zu unterstellen ist. Ich gehe hier davon aus, dass dies nach mindestens drei Jahren Zugehörigkeit der Fall ist, wobei davon auszugehen ist, dass ältere Szenegänger theoretisch ein höheres Mass verwertbarer Daten beitragen können. Problematisch erscheint die Einbeziehung jüngerer Szeneangehöriger. Die Schwierigkeit, die sich hier ergibt, ist die, dass die Haupttreffpunkte der „Schwarzen“ 45 siehe Anhang A9- 10 46 Meisel (2005) spricht in diesem Zusammenhang vom „Publikum“, welches zwar noch Interesse an der Szene zeigt, aber nicht regelmässig, oft nur sporadisch an entsprechenden Veranstaltungen teilnimmt. Dieser Personenkreis wird bei dieser Untersuchung „herausgefiltert“. entsprechende Clubs sind und dort in der Regel der Eintritt erst ab 18 Jahren erlaubt ist. An anderer Stelle sind sie nur selten sicher anzutreffen. Entsprechende Ausführungen dazu sind bereits im 3. Kapitel erfolgt. In der Praxis gab es allerdings bei der Auswahl unserer Interviewpartner in der Tat kein festgelegtes Altersschema, sondern vielmehr war ein ausreichender Erfahrungsschatz das wichtigere Kriterium. Nach Durchführung der Interviews erwies sich allerdings eine ganz andere Fähigkeit als äußerst nützlich: ein hohes Maß an Reflexionsfähigkeit. Die Fähigkeit über die eigenen Gefühle nachzudenken und darüber zu sprechen, ohne sich selbst zu belügen, besitzt nicht jeder Mensch. Bei der konkreten Auswahl der Experten entschied letztlich die Zugehörigkeitszuschreibung durch den Forschenden, deren Richtigkeit sich im Verlaufe der Interviews fortwährend bestätigte. Eine umfassende Kenntnis der Szene war natürlich auch in diesem Punkt von Vorteil. So war es mir durch langjährigen Aufenthalt in der Szene möglich, allein schon durch teilnehmende Beobachtung, einzelne Menschen stets erneut visuell auszumachen und im Laufe der Zeit sicher der Szene als „echte“ Schwarze zuordnen zu können. Regelmäßiges Verkehren in Schwarzen Clubs eröffnet einen Zugang zu den spezifischen Netzwerken der Szene und ist später die Basis für den individuellen Zugang zu möglichen Interviewpartnern. _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
|  | | Toni Herrscher

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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:53 pm | |
| Selbstredend wurde ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis angestrebt, wobei die Repräsentativität bei einer qualitativen Methode eine eher untergeordnete Rolle spielt, da es eher auf exemplarische Deutung und Typisierung ankommt. Die letztlich in der Praxis geschehene Auswahl der Interviewpartner folgte indes eigenen Regeln. So ergaben sich eher zufällig entsprechende Kontakte zu Schwarzen, die bereit waren ihre Lebensgeschichte für diese Studie auszubreiten. Es ist leicht vorstellbar, dass es nicht leicht war entsprechende Personen zu finden. Ich denke die Gründe dazu bedürfen keiner weiteren Erläuterung. Zum Schutze der Personen, die in dieser Studie ihre Biografien zur Verfügung stellen, verwenden wir anstelle der realen Namen entsprechende Pseudonyme. Die 8 Interviews erfolgten mit 5 Frauen und 3 Männern im Alter zwischen 22 und 42 Jahren (Altersdurchschnitt 32,25). Der Wohnort liegt bei allen Personen in Nordrhein- Westfalen. Im Einzelnen sind dies: 1. Heinz (42) 2. Peter (33) 3. Simone (33) 4. Katja (22) 5. Nicole (31) 6. Anna (29) 7. Hans (32) 8. Sarah (36) Wie ersichtlich, haben wir ein unausgeglichenes Geschlechterverhältnis von 5:3. Neben der angesprochenen zufälligen Komponente kommen dafür auch sozialstatistische Erklärungen in Betracht. Wir haben gesehen, dass der Frauenanteil an der Szene tatsächlich höher zu liegen scheint47. Eine stichhaltigere Erklärung wäre jedoch die Tatsache, dass Frauen offensichtlich viel leichter bereit sind, über sich zu sprechen und ihre Gefühle offenzulegen. Sie scheinen ihren männlichen Pendants gegenüber, in der Fähigkeit Emotionen und Gefühle zu artikulieren, im Vorteil zu sein. Dieses Phänomen fiel mir verstärkt bei meinen Interviews auf. So hatten z.B. Heinz und Peter erhebliche Schwierigkeiten, ihre Gefühle in Worte zu fassen. Peter besass die Fähigkeit emotionale Vorgänge in stetiger Abfolge zu rationalisieren. Bei Fragen, die seinen emotionalen Zustand berührten, versuchte er durch Rationalisierung, auch ausgedrückt durch entsprechende Mimik und Gestik, der Frage auszuweichen, so dass ich häufig nachhaken musste. Trotzdem gelang es mir letztlich nicht, diese „Blockade“ aufzubrechen. Im Anschluss an das Interview und nachdem ich die Audioaufnahme abgeschaltet hatte, gab er zu, dass er große Probleme damit hat, seine Gefühle offen zu formulieren. Dies veranlasste mich in meinen anschließenden Notizen zu formulieren: „Ein Meister der Verdrängung“. Nun ist dieses Problem bereits voranstehend erläutert worden und soll an dieser Stelle nur darlegen, warum es leichter fiel Frauen für diese Studie zu gewinnen. 5.5.1 Durchführung 47 siehe Kapitel 3.2.1.2 Von den 8 Interviews wurden 6 mündlich durchgeführt. Die durchschnittliche Dauer betrug ca. 2,5 Stunden. Eine weitere Variante ergab sich mit der Ausweitung der Methode für die schriftliche Ausarbeitung der Fragen, die zu diesem Zweck teilweise umformuliert werden mussten48. Ursprünglich war eine schriftliche Beantwortung der Fragen nicht vorgesehen, da mir ein mündliches Vorgehen aus verschiedenen Gründen vorteilhaft erschien, zumal die Möglichkeit der direkten Nachfrage bei Unklarheiten gegeben ist, jedoch konnten mich zwei Gesprächskontakte davon überzeugen, dass sie schriftlich ebenso in der Lage seien ihre Gefühle ausführlich zu formulieren und möglichst nichts zu übergehen. Des Weiteren erlaubte der mentale Gesundheitszustand eines Kontaktes keine längeren Besuche. In der Tat gibt es auch Menschen, die durchaus in der Lage sind, in schriftlicher Form leichter über Dinge zu berichten als in einem Gespräch mit einem fremden Gegenüber. Dies bestätigte sich in beeindruckender Weise, als ich die 28-seitigen Ausführungen von Nicole (31) las. Es waren nur einige wenige Nachfragen meinerseits nötig, um alle offenen Fragen zu beantworten. Die beiden schriftlichen Interviews liefen also über E-Mail-Kontakt. Die Interviews waren inhaltlich sehr ergiebig und lieferten reichhaltiges Datenmaterial. Mit entsprechenden Ressourcen ließe sich diese Studie noch ausdehnen, was im Rahmen dieser Diplomarbeit aber nicht zu leisten ist. Die mündlichen Interviews wurden alle in privater Atmosphäre durchgeführt und aufgezeichnet49. Die Analyse der Interviews folgt im Wesentlichen der Chronologie der Hypothesen. Das Datenmaterial beansprucht den Status von reflektierten und typischen Mustern der Szene- Wirklichkeit und folgt den Ansprüchen qualitativer Sozialforschung. An dieser Stelle möchte ich das Bedauern zum Ausdruck bringen, dass eine Ausweitung des Interviewkreises im Rahmen dieser Arbeit und unter Vorausgabe vorhandener Ressourcen nicht möglich war. _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
|  | | Toni Herrscher

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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:53 pm | |
| 5.6 Zur Gesamtstrategie 48 siehe Anhang: A9-13 49 Das Audiomaterial, sowie schriftliche Rohdaten finden sich auf der nicht zu veröffentlichen Daten- DVD und dienen nur der Primärdaten- Analyse Wie war nun die Vorgehensweise zur Gesamt- Analyse der Schwarzen Szene? Es dürfte verständlich sein, dass wir hier nicht auf nur einem „Bein“ stehen konnten. Wie diese „Beine“ aussehen, haben wir bereits im einleitenden Methodikteil50 formuliert. Dazu bedarf es noch einiger abschließender Erläuterungen: Die „Gesamtstrategie“ dieser Studie orientiert sich in vielen Punkten an bestehenden wissenschaftlichen Methoden, allerdings muss sie in ihrem Sinne ein „vorgefertigtes“ Gesamtkonzept ablehnen. Die Annäherung, und ich sage bewusst: „Annäherung“ an die aufgestellten Hypothesen, kann nur im Sinne einer umfassenden Gesamtstrategie erfolgen, d.h. es wird sich verschiedener methodischer Ansätze bedient, die allerdings nicht den Anspruch erheben, bis ins kleinste Detail, ihrem Urheber entsprechend, Beachtung zu finden. Am Ende erfolgt eine interdisziplinäre Zusammenführung bestehender Erkenntnisse. Die Analyse der Szene erfolgt also aus sozialwissenschaftlicher, psychologischer und musikwissenschaftlicher Sicht. Gemeinsam ergibt sich daraus ein Gesamtbild, das uns der Realität näher bringt und geeignet ist, der Zielsetzung dieser Arbeit zu folgen. 5.7 Zugang zum Forschungsfeld Wie schon angedeutet, erfolgte der Zugang zum Forschungsfeld z.T. über persönliche, langjährige Kontakte zur Szene, d.h. es war bereits ein Netzwerk vorhanden, was in Anspruch genommen werden konnte. Somit war der Weg zur Vereinnahmung vorhandenen Wissens gebahnt, und dies in Form einer qualitativen Studie. Der persönliche Zugang erfolgte auf unterschiedliche Weise. Zunächst einmal durch direkte persönliche Ansprache im direkten Umfeld der Szene, dann über Kontakte innerhalb des Netzwerkes der bereits gewonnenen Gesprächspartner. Dieser als „Schneeballsystem“ (Schmidt/ Neumann-Braun 2004 : 59) bekannte Effekt kann dabei sehr hilfreich sein. Eine andere Möglichkeit ergab sich über entsprechende Community- Seiten im Internet. Zahllose Webseiten, die sich mit dem Thema Gothic befassen, finden sich im Netz. 50 siehe Abschnitt (5. Methodik) Eine Seite sei an dieser Stelle gesondert erwähnt: Schwarzes Glück51 ist eine Single- und Kontaktbörse ausschließlich für Schwarze. Eine sehr interessante Zugangsmöglichkeit, die überregional repräsentativ ist, da diese bundesweite Kontaktbörse 34.995 (Stand 09/2008) Einträge enthält. Die registrierten Mitglieder bezeichnen sich konsequenterweise als „gothic“, sonst würden sie sich wohl kaum in einer Schwarzen Single- und Kontaktbörse anmelden. Das spiegelt sich auch in den Zugangsvoraussetzungen zur Anmeldung wider. So werden die Profile von Neuanmeldungen zunächst von einigen langjährigen Mitgliedern und Administratoren begutachtet, vornehmlich unter dem Kriterium: Ist die Person „gothic“ genug? Ist dies nicht der Fall, wie auch immer die ausschlaggebenden Kriterien seien, so wird dieser Person die Anmeldung verweigert. Mögen die Kriterien zur Ablehnung von Neuanmeldungen auch nicht ganz eindeutig sein, so geben sie doch Hinweise darauf, dass es sich hier offensichtlich um eine sehr große Ansammlung von „echten“ Szene- Mitgliedern handelt, was diese Single- und Kontaktbörse als weitere Zugangsmöglichkeit für eine erste Kontaktaufnahme zur Szene interessant macht. Dies ist auch der Grund, warum ich diese Plattform für die Erhebung eigener sozialstatistischer Daten verwende. Es erwies sich, dass Schwarzes Glück hinsichtlich seiner Repräsentativität bestens mit vergleichbaren Studien mithalten kann52. Im Verlaufe dieser Arbeit werden wir dieser Datenquelle daher häufiger begegnen. Zwei Interviewpartner wurden über diesen Zugang kontaktiert. Weitere zwei über das Gothic- Forum nachtwelten.de. Bei unserem Forschungsgebiet handelt es sich in erster Linie um Nordrhein- Westfalen, insbesondere die bekannten Clubs: Matrix (Bochum), SIXX Pm (Dortmund), Zeche Bochum (Bochum), Eisenlager (Duisburg), Zeche Carl (Essen) stehen im Mittelpunkt des Interesses. Zur Erklärung sei gesagt, dass es sich bei der Schwarzen Szene im Ruhrgebiet um eine „relativ“ geschlossene Szene handelt, d.h., es sind über einen sehr langen Zeitraum stets wiederkehrende Gesichter anzutreffen, die visuell ohne größere Probleme wiederzuerkennen sind und deren Zugehörigkeit zur Zielgruppe nicht zu verleugnen ist. In diesem Zusammenhang fällt auf, dass viele Szene- Mitglieder temporär in allen Clubs anzutreffen sind und somit eine Konstante sichtbar ist, 51 www.schwarzes-glueck.de52 Siehe Kapitel 3.2.1.2 f. die bei der Auswahl geeigneter Gesprächspartner von Vorteil ist. Ohnehin besteht die hohe Wahrscheinlichkeit, dass man sich an irgendeinem Ort schon einmal begegnet ist und zumindest einige Blicke gewechselt hat, wenn nicht bereits schon einmal auf andere Art und Weise in Kontakt getreten ist. Ein Privileg, das der „unbedarfte“ Forscher nicht sein Eigen nennen kann. _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
|  | | Toni Herrscher

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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:54 pm | |
| 5.8 Zur Motivation des Autors Zur Motivation dieser Studie haben in vielerlei Hinsicht persönliche Lebensumstände des Autors beigetragen. Nach längerer Erfahrung im Umfeld der Schwarzen Szene war es an der Zeit, reflexive Fähigkeiten zu bemühen, um einigen immer wiederkehrenden „Alltagstheorien“ auf die Spur zu kommen. Wenn man sich intensiv mit der Schwarzen Szene beschäftigt, mit ihrer Entwicklung und ihren Ausdrucks- und Artikulationsformen, stellt sich die Frage nach der Intention des Aufenthaltes von Menschen in der Szene und ihrer Zugehörigkeit zur „Gemeinschaft“ der „Gothics“. In einschlägiger Literatur geschieht die Auseinandersetzung mit dem Phänomen „gothic“ aus einem gegenüber dieser Studie divergenten Ansatz heraus. Erklärungsversuche der hier zitierten Literatur beschränken sich häufig auf einen rein soziologischen Ansatz. So bewegt sich die Studie von Schmitt/ Neumann-Braun (2004)53 genau auf dieser Ebene. Sicherlich kann man das Phänomen „gothic“ aus rein soziologischer Perspektive betrachten, allerdings halte ich dies für völlig unzureichend. Beim Studium der Literatur beschleicht den Kenner der Szene das Gefühl: Da fehlt etwas! Es mangelt an einer tiefergehenden Reflektionsfähigkeit der Akteure. Sowohl auf Seiten der Forscher, aus oft verständlichen Gründen, als auch bei den Interviewten selbst, die ihrerseits durch mangelhafte Fragestellungen und Formulierungen in den Erhebungswerkzeugen keine ausreichenden Anregungen erhalten, zeigt sich, dass sie schwerlich in die Lage sind, das Phänomen „gothic“ hinreichend zu reflektieren. Zur Entschuldigung dieses „Mangels“ muss ich hier allerdings anmerken, dass die Forschungsziele dieser Studien häufig andere Schwerpunkte setzten als dies hier der Fall ist. 53 „Die Welt der Gothics“ So ist z.B. kein einziges Interview der Studie von Schmitt/Neumann-Braun im Sinne meiner zentralen Fragestellungen verwertbar. Die Schwerpunkte: emotionale Motivation und emotionaler Zugang zur Szene werden hier nicht bedient. So wird in keinem einzigen Interview auf Entsprechendes eingegangen. Bei der Analyse der Interviews, insbesondere bei der Frage nach dem Szene- Eintritt, ist kein Anhaltspunkt zu finden, der explizit eine hauptsächlich emotionale Intention erkennen lässt. Mag der Zugang zur Szene noch recht zufällig erfolgen, sei es über Freunde, Medien oder Musik, ist es dennoch unwahrscheinlich, dass jemand „einfach so“, ohne Hintergrund, Gefallen an depressiver, „destruktiver“ Musik findet und „ganz plötzlich“ ein „Gothic“ ist, nur weil er oder sie auf der anderen Straßenseite ein paar Schwarze Gestalten wahrnimmt und denkt: „Das sieht interessant aus“, „das probiere ich auch mal aus“! Meine These ist, dass jemand nicht „einfach nur so“ empfänglich für depressive Musik ist, nicht „einfach nur so“ „Schwarz“ wird oder ist. Welcher Mensch versetzt sich freiwillig in eine depressive Stimmung? Bei Schmidt/Neumann-Braun ist fast ausschließlich diese Ansicht zu finden. Obwohl die Auszüge aus zitierten Interviews keine Altersangaben enthalten, ist aufgrund der Formulierungen und des Inhaltes darauf zu schließen, dass es sich z.T. um recht junge Interviewpartner handelt, deren Reflektionsfähigkeit im Einzelfall an dieser Stelle bezweifelt werden kann. Zum Beispiel: Angela, Passage 2: MUSIK UND NEUGIER „... Ich bin durch die Musik in diese Szene hineingekommen, das war so, also natürlich auch die Neugier, von diesen schwarzgekleideten Menschen, was machen die da eigentlich, und da war ich auch, wie alt war ich denn da, 14, 15, und da gab´s´halt so Bands wie Cure und da war noch ein bisschen mehr diese Punkszene ... Und über die Musik bin ich in die Szene gekommen, einfach das ist eigentlich schon alles“(Schmidt/ Neumann-Braun 2004 : 110). Aus diesem Interview lässt sich inhaltlich keine emotionale Intention ableiten, was diese allerdings nicht ausschließt. Dasselbe Interview: „... Ich mag auch die Atmosphäre da mittlerweile, so komm ich immer wieder zurück“(Schmidt/Neumann-Braun 2004 : 110). Warum mag sie diese Atmosphäre? Dieser Punkt ist hier von Interesse. Darauf geben die Aussagen keine Antwort. Dasselbe Interview: „... du kommst über die Musik rein, und die hält dich vielleicht auch, mich bringt sie immer wieder zurück in diese Szene“(Schmidt/Neumann- Braun 2004 : 110). Warum wird sie durch die Musik gehalten? Wieso wird sie immer wieder zu ihr zurückgebracht? An diesen Fragen wird deutlich, warum diese Interviews für die vorliegende Studie kaum verwertbar sind. Es ergeben sich eine ganze Reihe von Fragen, auf die hier keine Antworten zu finden sind. Die biografischen Erzählungen geben keine entscheidenden Hinweise auf die zu untersuchende Problematik. Ein anderes Beispiel zeigt deutlich, worum es in dieser Arbeit geht: _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
|  | | Toni Herrscher

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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:54 pm | |
| Interview Jutta, Passage 1 „... Plötzlich irgendwie in schwarzen Klamotten rumzulaufen und da auch ein bisschen besondere Sachen zu machen als andere Leute, die einfach nur, keine Ahnung, zu Benetton gegangen sind und sich ihre Klamotten gekauft haben oder so, also es war so ein Abgrenzen auf jeden Fall.... Und Schwarz fand ich total super, …“(Schmidt/ Neumann-Braun 2004 : 115). Hier stellen sich folgende Fragen: Warum will sie sich abgrenzen? Und wieso gerade mit schwarzer Kleidung? Wieso mag sie überhaupt die Farbe Schwarz? Interview Thorsten, Passage 8 (zur Frage der Motivation zum Eintritt in die Szene) „... Was sie dann motiviert, ich sag ja, wenn man erst mal Geschmack daran gefunden hat und wirklich sagt, das ist mein Ding, aus welchen Gründen auch immer, ich fühle mich einfach wohl da drin, dann braucht es dann keinen Antrieb mehr, weil dann verschmilzt das mit dem eigenen Leben so ein bissil ineinander über. Dann gehört das einfach dazu. Also ich kann mir heute einfach nicht vorstellen, wie es ohne wäre“(Schmidt/Neumann-Braun 2004 : 116). An diesen Ausführungen ist interessant: „... Aus welchen Gründen auch immer ....“ Welche Gründe sind das? „...dann verschmilzt das mit dem eigenen Leben ...“ Warum ist das so? Wieso kann er sich nicht vorstellen, wie es „ohne“ wäre? Interview Jan, Passage 2 (zum Szeneeintritt) „... Und ich hab die gesehen und genau angeschaut und vieles ist mir plötzlich klar geworden, was meine eigenen Vorlieben betrifft oder Vorstellungen, auch so romantische Neigungen, das habe ich dort gesehen. Und die Bestürzung deshalb aus diesem Gedanken heraus, das sind diese Grufties, um Himmels willen, so bin ich auch ...“(Schmidt/Neumann-Braun 2004 : 117f.). Sind es wirklich nur bestimmte Neigungen, die eine Übereinstimmung ergeben? Wieso „ist“ Jan so? Ist er „so“ geboren worden? Was in diesen Interviews als „Schlüsselerlebnis“, als auslösendes Ereignis zum Szene- Eintritt genannt wird, ist ein völlig anderes, als ich es im Sinne dieser Studie gebrauche. Der Unterschied wird deutlich werden, wenn wir die Hypothesen im späteren Verlauf näher betrachten. Schmidt/Neumann-Braun fassen die Motivation zum Eintritt in die Gothic- Szene vornehmlich unter soziologischen Aspekten zusammen. Ein Satz scheint mir prägnant für die Abgrenzung zu dieser Studie zu sein: „...Die zweite Variante betont eine Affinität, eine innere Verbindung zu den Praktiken und Überzeugungen der Schwarzen Szene, die man schon lange in sich trug bzw. über bestimmte Dispositionen verfügte, die nur eines Schlüsselerlebnisses bedurften, um geweckt zu werden“(Schmidt/Neumann- Braun 2004 :130). Was trug man lange „in sich“? Man sieht hier, dass es folglich etwas geben muss, was die ursprüngliche, theoretische Bereitschaft zur Empfänglichkeit für das „Gothic Sein“ auslöste. Diese offensichtlichen Lücken in der „Beweiskette“ „nötigten“ mich zu dieser Studie. _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:55 pm | |
| 5.9 Das Forschungsziel 5.9.1 Die Hypothesen An dieser Stelle erscheint es sinnvoll, sich mit den zu diskutierenden Hypothesen zu beschäftigen, um das Forschungsziel dieser Arbeit zu verdeutlichen. Im einleitenden Teil zu dieser Diplomarbeit sind diese bereits formuliert worden. Sie bedürfen einer genaueren Erläuterung: 1. Die Gothic- Szene ist ein Zufluchtsort depressiver Persönlichkeiten Diese Aussage unterstellt eine Pathologisierung der Schwarzen Szene. Sie impliziert, dass eine inhaltliche, aber vor allem eine enge emotionale Verbindung zur Szene vor allem dadurch besteht, dass ihre Angehörigen eines eint: sie alle sind depressive (neurotische?) Charaktere in einer verschworenen Gemeinschaft, die ihrem Schicksal unter Gleichgesinnten begegnen. Um dieser Hypothese nachzugehen, werden die Biografien der Gesprächspartner einer umfassenden Analyse unterzogen. Das analytische Gewicht liegt dabei auf der qualitativen Bewertung des Einzelfalles. Analyse und Interpretation der Interviews sowie die inhaltliche und sprachliche Analyse von Literatur, Musik und Internetseiten bilden einen weiteren Schwerpunkt. 2. Schwarze Musik wirkt therapeutisch als Kompensationsstrategie neurotischer Erscheinungen und negativer Lebensereignisse. Ausgehend vom Wissen um ganz unterschiedliche Kompensationsstrategien54 des Menschen, zum Ausgleich persönlicher, physischer oder hier psychischen Beeinträchtigungen, z.B. alle Arten affektiver Störungen, insbesondere depressiver Störungen, ausgelöst durch: Mangelerfahrungen, Traumata usw., wird an dieser Stelle vom Nutzen Schwarzer Musik als Kompensationsstrategie ausgegangen. Inwieweit sich diese Vermutung bestätigen lässt, soll im weiteren Verlauf dieser Arbeit geklärt werden. 3. Schwarze Musik ist ein Transportmedium negativ empfundener Emotionen und Gefühle. Diese Aussage resultiert aus der 2. Hypothese und wird sich verifizieren lassen, wenn sich eine kompensatorische Wirkung feststellen lässt. Ist Schwarze Musik eine Art „Eigentherapie“? Ist dies so, dann lässt sich der besondere Stellenwert der Schwarzen Szene, im Hinblick auf ihre Anziehungskraft im Einzelnen, und hinsichtlich ihres Bestehens über die Adoleszenz hinaus feststellen und ein Indiz zum anzweifeln der Begrifflichkeit „Jugendszene“ finden. 54 alle Suchtformen z.B. Alkohol, Drogen, Sport, etc. 4. Nachhaltige Empfänglichkeit für schwarze Musik setzt eine neurotische Konstitution voraus. Diese Hypothese suggeriert einen Zusammenhang zwischen neurotischen Störungen im weitesten Sinne und einer grundsätzlichen Affinität zu Schwarzer Musik. Im Umkehrschluss wird eine dauerhafte55 Affinität zu Schwarzer Musik ausgeschlossen, wenn genannte Voraussetzungen nicht vorliegen. 5. Gothics sind bindungsarm und zeigen sozial destruktives, dissoziales Verhalten. Die Stellung der Schwarzen zur Gesellschaft im Allgemeinen und im Besondern spielt eine große Rolle im Umgang mit anderen Menschen. Lässt sich die Hypothese bestätigen, so können weitere Aussagen zur emotionalen Verfassung sowie zur Intention des „Goth- Seins“ getroffen werden. 6. Der Zugang zur Schwarzen Szene setzt ein negatives, traumatisches Lebensereignis voraus. Wie kommt man in die Szene? Die Grundannahme ist, dass ein bestimmtes, möglicherweise lang zurückliegendes, negativ empfundenes Lebensereignis entweder der Auslöser für die Zuwendung zur Szene war, oder durch diese Erfahrung die Grundlage geschaffen wurde, dass es überhaupt zu einer manifesten Bindung an die Szene, insbesondere zur Vorliebe für die Musik, kommen konnte. Diese Annahme ließe Rückschlüsse auf die Dauerhaftigkeit des „Schwarz- Seins“ zu, vor allem in Abgrenzung zu anderen Szenen. 7. Die Gothic- Szene ist keine Jugendszene. Sie ist eine Szene, der sich die Mitglieder lebenslang angehörig oder nahe fühlen. 55 gemeint ist hier eine nicht nur kurzfristige, manifeste Rezeption Schwarzer Musik, d.h. es wird nicht ausgeschlossen, dass in einem gewissen Kontext nicht auch ein positives Empfinden der Musik vorherrschen kann, dieses allerdings nicht anhaltend ist Wird diese Hypothese bestätigt, dann ließe sich, auf den übrigen Annahmen beruhend, die Bedeutsamkeit der Szene im Hinblick auf die individuelle Lebensbewältigung der Schwarzen herausstellen. Es ist dem Autor bewusst, dass einige der Hypothesen recht provokant sind und es im Einzelfall kein leichtes Unterfangen sein wird, diese zu bearbeiten. Trotz der zu erwartenden Komplikationen sollen sie hier in Angriff genommen werden. An dieser Stelle wird verständlich, warum das Forschungsfeld z.T. über die Zielsetzung dieser Studie im Unklaren gelassen wurde. Es war notwendig, sich möglichst feinfühlig an diese Thematiken heranzutasten, was besonderes Einfühlungsvermögen bei der Durchführung der Interviews erforderte. Nach diesen Ausführungen sollten die Aufgabenstellungen dieses Forschungsprojektes deutlich geworden sein. _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
|  | | Toni Herrscher

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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:55 pm | |
| 6. Die Analyse Die Analyse der Interviews sowie der Schwarzen Szene wird sich an den genannten Hypothesen orientieren und demzufolge zielgerichtet anhand dieser Gesichtspunkte erfolgen. Zu gegebener Zeit werden wir von den Hypothesen abschweifen, soweit dies erforderlich erscheint. 6.1 Zur Diagnostik und Klassifikation Betrachten wir unsere Hypothesen, so wird deutlich, dass es zu ihrer Bearbeitung einer gewissen diagnostischen Fähigkeit bedarf. Auch wenn die vorliegenden biografischen Interviews durchaus den Charakter eines Anamnese- Bogens haben, muss hier einschränkend angemerkt werden, dass wir an dieser Stelle naturgemäß keine Psychodiagnostik betreiben können, die mit der eines Psychotherapeuten vergleichbar ist. Dennoch sollte diese, den Erfordernissen entsprechende Betrachtungsweise, auch im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen Studie erlaubt sein. Dies ist eine zwangsläufig-notwendige Bedingung, da die Frage im Raum steht, ob die Schwarze Szene pathologisiert werden kann und darf. Sind die Schwarzen wirklich alle depressiv oder neurotisch wie die Hypothesen unterstellen? Man wird also einsehen, dass ohne ein gewisses Maß an Diagnostik nicht auszukommen ist. Wie bereits im Methodikteil deutlich wurde, dienen dabei u.a. auch tiefenpsychologische Theorien der Grundlage dieses Bestrebens. Wie am Aufbau des Interviewleitfadens deutlich wird, trägt die Verwendung einzelner Bestandteile psychodiagnostischer Testverfahren, wie dem BDI (Beck- Depressions- Inventar) oder HAMD (Hamilton Depressions Skala) dieser Notwendigkeit Rechnung. Die Indikatoren entsprechender Erkrankungen werden bei der Analyse berücksichtigt. Indes dürfte einleuchtend sein, dass die Formulierungen im Interviewleitfaden nicht direkt den Verdacht erregen sollten, dass man damit eine Pathologie der Szene nachzuweisen beabsichtigt. Gleichfalls diente dies dazu, erwartbaren „Abwehreffekten“ vorzubeugen. Selbstredend sind Bestandteile besagter Testverfahren nicht die einzigen diagnostischen Werkzeuge, deren wir uns hier bei Gelegenheit bedienen werden. So weit es möglich und notwendig ist, finden in dieser Studie operante und ätiologisch orientierte diagnostische Werkzeuge Anwendung. Die Anwendung dieser Werkzeuge erwies sich indes unproblematischer als zunächst angenommen, da es nach den sehr zeitaufwendigen Interviews und zahlreichen Gesprächen, die zwischenzeitlich stattfanden, sehr gut möglich war, die Aussagen der Interviewpartner entsprechend einzuordnen. Für den Fall einer unsicheren Diagnostik erfolgen korrespondierende Hinweise. Zu den hier relevanten operanten Klassifikationssystemen gehören zum einen das ICD- 1056 und zum anderen das DSM- Ⅳ57. Beide Systeme enthalten für die Analyse sinnvolle Kategorisierungen. Welche Art von psychischen Störungen sind nun in der Schwarzen Szene zu erwarten? Was meint also Helsper, wenn er im Falle der Schwarzen Szene von einer komplexen „...Form der individuellen und kollektiven Bewältigung von Trauer, Melancholie, Depression, sozialem und individuellem Tod ...“ spricht (Helsper 1992 : 213)? 56 International Classification of Diseases 57 Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders Es wird deutlich, dass es sich in erster Linie um affektive Störungen handelt. Nach ätiologisch-traditioneller Klassifikation wären das z.B. exogene, endogene Depressionen oder depressive Verstimmungen, welche demnach häufig in der Szene vorzukommen scheinen. Das Konzept des „Endogenen“, was auf eine unklare biologische Ursache verweist, hat jedoch in den Klassifikationssystemen DSM und ICD an Bedeutung verloren (Volk/Travers/ Neubig 1998 : 9). Die ICD unterteilt an dieser Stelle u.a. vielmehr in depressive Episoden leichten bis schweren Grades. Die Begriffe depressive Episode (ICD) und Major Depression (DSM) ersetzen den Begriff des Endogenen. In der ICD- 10 werden die sog. affektiven Störungen noch in bipolare affektive Störungen, manische Episoden, rezidivierende depressive Störungen und anhaltende affektive Störungen wie Dysthymie und Zyklothymie eingeteilt. Der Begriff des Endogenen (endogene Depression) verweist auf eine vermutete genetische Anlage, einen genetisch bedingten Krankheitsfaktor, der vom individuellen Lebensverlauf unabhängig scheint (Volk/Travers/Neubig 1998 : 12 f.). Das Endogene wird allerdings gemeinhin als eines von drei Ursachenfeldern, neben biologischen und psychologischen Ursachen, für die Entstehung von depressiven Störungen verstanden. Welcher Anteil den jeweiligen Feldern an der Entstehung zuzurechnen ist, stellt Psychologen und Psychiater immer noch vor erhebliche Schwierigkeiten. Die Diskussion darüber wird so schnell nicht abgeschlossen sein. Dies gilt im Übrigen auch für die Diskussion der geeigneten diagnostischen Methoden. Die operationalisierten Klassifikationssysteme DSM und ICD verpflichten sich zwar einem hohen Maß an Reliabilität durch Standardisierung und Vereinfachung des Vokabulars, jedoch können während der Diagnostik wesentliche Informationen verborgen bleiben. „Die Intention des Untersuchers, Gedanken und Gefühle seines Patienten nachzuvollziehen und nachzuempfinden, kann im Verzweigungsbaum des Diagnosealgorithmus verloren gehen“(Volk/Travers/ Neubig 1998 : 12). Eine weitere Problematik besteht darin, dass sich die Symptomatik an manifesten Verhaltensmerkmalen orientiert und somit entsprechende „Übertragungs-Verluste“ zu befürchten sind. Weitere Schwierigkeiten bestehen darin, dass „Insbesondere die Einschätzung des Schweregrads und die Bestimmung der Unterkategorien…“ungenügend erscheint (Reck 2001 : 10). Geben wir auch zu bedenken, dass eine Diagnostik außerhalb klinischer Bedingungen unter erschwerten Umständen stattfindet. Man mag nun erkennen, dass wir es hier nicht mit einer „eindimensionalen“ Betrachtungsweise zu tun haben, anhand derer sich die Analyse im hiesigen Falle orientiert. _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
|  | | Toni Herrscher

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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:55 pm | |
| Wichtig ist mir an diesem Punkt, nochmals zu erwähnen, dass es bei der Frage nach der Pathologisierung der Szene nicht darauf ankommt, Menschen zu stigmatisieren. Es ist nicht Intention dieser Arbeit dieses zu bewirken. Es hilft allerdings auch niemandem, wenn bestehende Zusammenhänge in Abrede gestellt werden. Ohne dem Ergebnis dieser Studie zuvorzukommen, ist es allerdings eine Frage der Notwendigkeit, entsprechende Ergebnisse zur Kenntnis zu nehmen, ohne einer Stigmatisierung Vorschub zu leisten. 6.2 Auswertung der Hypothesen 6.2.1 Hypothese 1 - Zur Frage der depressiven Persönlichkeit Gothics sind alle depressiv! Diese als Alltagstheorie kursierende Aussage ist allgegenwärtig. Dieses Vorurteil scheint sich im Denken der Normalgesellschaft verfestigt zu haben. Auf der anderen Seite gibt es die Schwarzen selbst, die sich zum Teil mehr oder weniger vehement dagegen wehren. Dann gibt es da noch die Wissenschaftler, größtenteils Soziologen, die dieser Theorie eher vorsichtigskeptisch gegenüberstehen. Es kann ja wohl kaum sein, dass alle Schwarzen depressiv und suizidgefährdet sind! Oder doch? Mit diesen Aussagen werden wir uns an dieser Stelle beschäftigen. Vereinzelte Hinweise auf diese Vermutung finden sich bei verschiedenen Autoren: Helsper zufolge handelt es sich bei der Schwarzen Szene um „... eine komplexe Form der individuellen und kollektiven Bewältigung von Trauer, Melancholie, Depression, sozialem und individuellem Tod“(Helsper 1992 : 213). Überhaupt fällt auf, dass bei Helsper einige bemerkenswerte, dieser Thematik entsprechenden, Ansätze zu finden sind. Obwohl dieser sich hauptsächlich mit dem Thema Okkultismus beschäftigt, bleibt dennoch genügend Raum für interessante Feststellungen. Baacke formuliert: „...das Gefühl von Sinnlosigkeit, Ausdruck von Depressionen und persönlicher Malaise verbindet sich mit allgemeiner Zukunftsangst“(Baacke 1998 : 86 f.). Auch hier sehen wir entsprechende Ansätze, die aber nicht weiter verfolgt werden. Farin und Weidenkaff sprechen von einem depressiven Lebensgefühl (Farin/ Weidenkaff : 1999 : 43), was die Szene verbindet. Schmidt/Neumann-Braun gehen nicht von „individualpsychologischen und biografischen Problemkonstellationen“(Schmidt/Neumann-Braun 2004 : 86) aus, sondern von „objektiven“ gesellschaftlichen Strukturen, die sich für das Phänomen „Schwarze Szene“ verantwortlich zeigen. Da stellt sich natürlich die Frage, wie sie zu diesem Schluss kamen? Die von den genannten Autoren durchgeführte Studie umfasst Interviews, die explizit keine zielgerichtete Frage erkennen lassen, die Rückschlüsse auf diese Schlussfolgerungen zuließen. Sie reduzieren das Phänomen „gothic“ auf „Modernisierungsdilemmata“(Schmidt/Neumann- Braun 2004 : 86). Wäre dies so, dann träfe dieses Problem folglich auf den größten Teil der Bevölkerung zu. Es ist erstaunlich, wie die Autoren es schaffen, sämtliche individualpsychologischen Erklärungsansätze und Ursachen zu ignorieren. Immerhin bescheinigen sie dieser „düsteren, melancholischen oder aggressiven Musik“(Schmidt/Neumann-Braun 2004 : 128) eine starke Anziehungskraft, allerdings gibt es keine Erklärung dafür, warum die Jugendlichen ausgerechnet ,diese’ „düstere“ Musik hören. Warum hören sie dann nicht einfach Techno? Mir scheint diese Argumentationslinie mehr als dürftig zu sein. Welche Vermutungen lassen sich nun bestätigen? Dies ist die Frage, mit der wir uns hier beschäftigen werden. Zunächst werden wir uns mit unseren 8 Biografien beschäftigen, um entsprechende Hinweise zu finden. Es erfolgen Quervergleiche zu anderen Studien und verschiedenen Quellen, die inhaltliche Verweise auf diese Thematik zulassen. In diesem Zusammenhang interessiert auch die Ätiologie der Depressionen. Zu dieser Frage gibt es z.T. kontroverse Diskussionen. Wodurch wird das Auftreten von Depressionen begünstigt? Im Laufe dieses Kapitels werden wir dieser Frage auf den Grund gehen. Im Abschnitt 6.1 kam ich bereits auf die Problematik einer Diagnostizierung von psychischen Störungen zu sprechen. Es ist einleuchtend, dass wir hier in einer außerklinischen Situation keine gesicherte Diagnose stellen können. Auch ersetzt kein noch so intensiv geführtes Interview eine psychotherapeutische Anamnese und Diagnose. Trotz dieser Einschränkung will ich mich hier auf diesen schmalen Pfad begeben, mit dem geringen Anspruch, Hinweise zu finden, die eine solche Diagnose rechtfertigten. Tatsache ist, dass alle Interviewpartner zahlreiche Indikatoren zur Bestimmung einer depressiven Störung erkennen lassen. Man stelle sich vor, wie schwierig es ist, in einer Interviewsituation an entsprechende Informationen zu gelangen. Leicht fiel dies in den Fällen von Katja (22), Anna (29), Sarah (36) und Nicole (31). Alle diese Frauen waren oder sind gegenwärtig in psychologischer Behandlung. Soweit ihre Therapie vorangeschritten ist, sind sie bereits über eine entsprechenden Diagnose in Kenntnis gesetzt worden. Im Einzelnen ist dies bei Sarah (36) u.a. eine Anpassungsstörung (ICD F 43.2). Diese Störungen gehören zu den neurotischen Belastungsstörungen und typische Symptome sind u.a. depressive Verstimmungen, Angst und Sorge58. Des Weiteren scheinen noch andere Störungen indiziert zu sein. Aufgrund der geäußerten Symptome kommt mindestens noch eine leichte depressive Episode (F32.0) in Betracht. Die Klassifizierung von depressiven Episoden umfasst 15 Symptome, von denen eine bestimmte Anzahl vorhanden sein müssen. Bei der leichten depressiven Episode sind dies 2 Symptome. Bei Anna (29) wurde eine endogene depressive Verstimmung diagnostiziert. In Folge eines Nervenzusammenbruchs wurde Anna in psychologische Behandlung überstellt. Der Begriff der endogenen depressiven Verstimmung findet indes im Klassifikationssystem ICD-10 keine Verwendung mehr. Hier erfolgt die Einteilung in depressive Episoden (F 32.) unterschiedlicher Schweregrade. Nicole (31) spricht in ihren schriftlichen Ausführungen von nicht näher bezeichneten Depressionen: „Wie du ja weisst, leide ich zurzeit an Depressionen“. Auf meine Nachfrage schrieb sie: „Nein meine Psychologin hat bisher noch keine konkrete Diagnose gestellt, aber sie sagte mir… das es sich um Depression handelt, sie hat mir auch Medikamente angeboten …“. 58 siehe deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information, Online Klassifikationssystem ICD- 10 (http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/ htmlgm2005/fr-icd.htm?gf50.htm+) Katja (22) berichtet aus ihrem Leben: „… ich war vorher 6 Monate in der Kinderund Jugendpsychiatrie, weil ich versucht hab mir die Pulsadern aufzuschneiden“. Das war mit 14 Jahren. Katja entwickelte in dieser Lebensphase eine Bulimia nervosa (F 50.2). Katja gelangt nach der Therapie in eine Außenwohngruppe und kommt erstmals mit Heroin in Kontakt. „Das war nach Gras die 2. Droge , die ich probiert habe“. Katja ist gegenwärtig in psychotherapeutischer Behandlung und nimmt regelmäßig Antidepressiva. „Das Medikament was ich jetzt nehme hilft mir eigentlich“. Dies soll vorerst aus Katjas Lebensgeschichte genügen. Bei den Männern lassen sich konkrete Diagnosen schwerer ableiten. Heinz (42) ist ein sehr melancholischer Mensch. Er versucht, wie er es formuliert, eine „innerliche Traurigkeit“ zu verstecken. Mit 15 Jahren kam er zum ersten Mal mit harten Drogen (Heroin) in Kontakt und entwickelte in Folge eine starke Abhängigkeit, die sein Leben fortwährend bestimmte. Nach 2 Notarzt- Einsätzen, bei denen Heinz wiederbelebt werden musste, wurde er gerichtlich zu einer Entgiftung verurteilt. Heinz verbrachte 3 Monate in der geschlossenen Psychiatrie. Es folgten 12 Monate stationäre Drogentherapie. Nach der Therapie griff er zwar nicht mehr zu harten Drogen, entwickelte aber zunehmend eine Alkoholabhängigkeit, die bis heute anhält. Obwohl im Interview nicht namentlich von einer depressiven Störung die Rede ist, lässt sich diese aufgrund der Symptomatik ableiten: 1. „...ich bin gefühlsmässig abgestumpft, … ich hab kaum noch an irgendwelchen Sachen Spass … mittlerweile ist bei mir eine solche Gleichgültigkeit eingetreten“. 2. „… ich hab sowieso sämtliche Lebenshoffnung verloren“. Bei Zugrundelegung der ICD- 10 Klassifikation kommen bei Heinz 6 der 15 Symptome infrage. Dazu gehören im Einzelnen: 1. gedrückte Stimmung 2. Verminderung von Antrieb und Aktivität 3. Verlust der Fähigkeit zur Freude 4. Interessenverlust 5. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen vermindert 6. Schuldgefühle oder Gedanken _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:56 pm | |
| Die gedrückte Stimmung hält bei Heinz schon Jahre an: „Es passiert eigentlich nichts Positives, schon seit Monaten, oder schon seit Jahren … eigentlich ist alles immer nur noch mit mehr Schmerz für mich besetzt“. Heinz zeigt ausgeprägte Antriebslosigkeit, sei es durch jahrelange unmotivierte Arbeitssuche, oder durch motorische Hemmungen mit auffallender Langsamkeit und Unkoordiniertheit. Dies fiel sehr stark bei meinem Besuch in seinem Haushalt auf. Heinz neigt des Weiteren dazu, seine sämtlichen Unterlagen in pedantischer Art und Weise in Pappkartons aufzubewahren. Sämtliche Gegenstände (leere Kaffeegläser, leere Milchtüten etc.) sind fein säuberlich in Reih und Glied sortiert. Seine Bewegungsabläufe wirken einstudiert. Ein Verlust an Freude und Interesse kommen in zahlreichen Formulierungen zum Ausdruck. Sein Selbstwertgefühl ist stark beeinträchtigt: „Ich konnte nie ein eigenes Selbstbewusstsein entwickeln“. „Mein Selbstbewusstsein ist im Keller“. Woher das mangelnde Selbstwertgefühl rührt, werden wir im weiteren Verlaufe noch sehen. Heinz drückt sehr starke Schuldgefühle aus. Er macht seine Verhaltensweisen für das Scheitern seiner Beziehungen verantwortlich. Er empfindet große Schuldgefühle seiner Tochter (12) gegenüber. Die Tochter entstammt der geschiedenen Ehe. Heinz glaubt, dass er Schuld daran ist, dass er ihr kein Leben in einer eigenen intakten Familie bieten konnte. Selbst bei vorsichtiger Auslegung der Symptome kommt bei Heinz die Klassifizierung einer mittelschweren depressiven Episode (F. 32.1) in Betracht. Peter (33) formuliert in seiner Biografie: „Von Natur aus bin ich ein eher depressiver Mensch, ich fress auch gern Sachen in mich hinein und bin auch öfters melancholisch … von Natur aus Pessimist. Es ist meine Art, ich bin immer schon pessimistisch gewesen, ich kann auch gut drauf sein und trotzdem melancholisch. Zu Hause macht Melancholie depressiv, in der Szene schöpfe ich Kraft aus der Melancholie. Ich bade da nicht in Selbstmitleid oder Depressivität“. Peter drückt auch im Zusammenhang mit schwarzer Musik aus, was er bevorzugt: „...explizit melancholische Sachen, auch wenns masochistisch ist, dass man sich damit weiter runterziehen könnte. Da steh ich drauf. Ich höre Musik, die das widerspiegelt, wie ich mich gerade fühle“. Bei Peter unterlasse ich den Versuch einer Diagnose. Die Tendenz ist jedoch erkennbar. Hans, der durch sein Studium entsprechend vorgebildet ist, versucht eine Eigendiagnose zu stellen: „Ich bin häufig depressiv, und laut Eigendiagnose wohl eher so was zwischen endogener Depression oder Zyklothomie“. Abgesehen von dieser Aussage, finden sich weitere: „Ich mache meine Mutter dafür verantwortlich, dass ich so bin. Oft sehr traurig und depressiv. Hab mich stetig nach aussen hin abgekapselt“. Bei Hans werden fortschreitende Isolationsbestrebungen deutlich, welche als neurotische Abwehrmechanismen gelten, die sich im Krankheitsbild Depressiver und Neurotiker häufig finden. „Eigentlich habe ich nur einen Freund, aber ich habe auch gar kein Interesse…“. „Ich habe alle Kontakte zu meiner Familie abgebrochen … auch zu meinen Onkels, die eigentlich immer nett waren“. (Hans hält zum Zeitpunkt des Interviews nur Kontakt zur Großmutter). Weitere Symptome kommen recht deutlich zum Ausdruck. Dies gilt insbesondere für den Verlust der Fähigkeit zur Freude, die gedrückte Stimmung und den Interessenverlust. „Ich bin emotional total abgekühlt“. „Jedenfalls bin ich oft aus heiterem Himmel traurig und kann nichts dagegen tun, und dass schon seit Jahren“. „Ich fühle mich auch nicht mehr richtig glücklich. Viele Dinge die mir früher viel Spass gemacht haben, … nehme ich heute beinahe emotionslos hin“. Selbst bei vorsichtiger Betrachtungsweise ließe sich also ohne weiteres eine zumindest leichte Depressive Episode (F 32.0) feststellen. Bei allen Einwänden, die hier gegen eine gesicherte Diagnostik sprechen, lassen sich eindeutige Tendenzen feststellen, die sich bei Bedarf noch weiter ausführen ließen. Dies soll an dieser Stelle vorerst genügen. 6.2.1.1 Ätiologie der Depression Kommen wir nun zur Ätiologie der Depressionen, was uns weitere Hinweise auf die Richtigkeit der ersten Hypothese liefern kann. Damit kommen wir zum Kern des Problems. Über die Ursachen von Depressionen gibt es eine ganze Reihe von Theorien. Ich beschränke mich hier auf eine Auswahl. Nach Abraham (1924) ist die ätiologische Vorraussetzung für das Auftreten einer Depression „eine schwere Verletzung des kindlichen Narzißmus durch Zusammentreffen von Liebesenttäuschungen“(Fenichel 2005 : 295 Bd. Ⅱ). Mit Liebesenttäuschung ist hiermit vorrangig die allererste „Liebe“ gemeint, die Liebe zur Mutter. Wir orientieren uns hierbei an Freuds psychoanalytischem Phasenmodell der kindlichen Sexualentwicklung (Bally : 1968 : 66), wonach die infantile Sexualität zunächst autoerotisch ist und sich erst später anderen Objekten zuwendet. Dieses Objekt ist in der Regel die Mutter. Geht dieses erste Liebesobjekt „verloren“, oder ist es nicht in der Lage, angemessen auf die Triebbedürfnisse des Säuglings, oder später des Kleinkindes, zu reagieren, stellt die Depression als solche, eine „Kompensation“ des erlittenen Verlustes dar (Loch 1986 : 56). Aus einer anderen Sichtweise betrachtet, wird die Ätiologie der Depression wie auch der Neurose durch die mangelhafte Annahme des Kindes durch seine Umwelt erklärt. Also eine ungenügende Befriedigung des ursprünglichen Schutzbedürfnisses des Säuglings und Kleinkindes (Lemp 1967 : 177). Volk,Travers und Neubig (1998) fassen in ihrem tiefenpsychologischpsychodynamischen Modell der Depression folgende Ursachen zusammen (Volk/Travers/Neubig 1998 : 72): 1. Frühkindliche Mangelerfahrung 2. Oral- narzißtisches Defizit 3. Störung des Selbstwert- Grundgefühls 4. Intrapsychische Selbstentwertung bzw. permanente Selbstzweifel bei Verdrängung aggressiver Impulse und Projektion des Selbstregulativs in andere, „bessere“ oder „überkritische“ Menschen 5. Unbewußte Sehnsüchte (als Ausdruck der frühkindlichen ungenügenden Liebesfütterung) („der andere weiß, was mir fehlt bzw. Was mir gut tut.“) _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:56 pm | |
| 6. Projektiv-überzogene Ansprüche und reaktive Enttäuschungen (Anerkennungs- und Liebessehnsüchte bei vermeintlich optimalem Selbstengagement als Ausdruck einer Wiederholung frühkindlicher Erlebnisse oder Phantasien z.B.: „Ich strenge mich so an, aber ich bin erfolglos.“) An dieser Stelle lässt sich wieder auf unsere Biografien zurückkommen, da sich o.g. Modell hier anwenden lässt. Eine frühkindliche Mangelerfahrung (mit einer Ausnahme) ist bei allen Biografien nachzuweisen. Dies geschieht, um zu differenzieren auf zwei verschiedenen Wegen: Zum einen durch direkt nachweisbare primäre Mangelsituationen. Mit Ausnahme Peters59 hat keiner der Interviewten ein „gesundes“ Verhältnis zu seiner Mutter. Hier einige Beispiele: Hans (32): „Ich kann gut und gerne sagen, dass ich überhaupt kein Verhältnis zu meiner Mutter habe. Wenn ich an sie denke, dann ist da Hass und gleichzeitig irgendwie Wehmut“. Nicole (31) hatte nie die Gelegenheit, ihre Mutter liebevoll zu erleben. Sie war bereits bei Nicoles Geburt schwer krank (Lupus erythematodes) und saß im Rollstuhl. „Durch die Erkrankung, war meine Mutter teils recht launisch, und das bekam ich teilweise auch immer ab“. Nicoles Mutter starb, als Nicole 14 Jahre alt war. Auch ihr Vater konnte die Rolle eines adäquaten Ersatzobjektes nicht erfüllen. In den ersten Jahren ging er häufig lange arbeiten und später war er häufig gewalttätig. „Und so ging es viele Jahre so. Immer gab es mal wieder Schläge, oder auch Beschimpfungen, wo ich nicht wusste, was sie sollten“. Nicole beschreibt ihren Vater als „aggressiv“ und „jähzornig“, aber: er „...war schon ein lieber Mensch“, und „doch fehlte mir die Zuwendung“. Trotz der ambivalenten Beziehung zu ihrem Vater, identifiziert sich Nicole sehr stark mit ihm. Allein durch die Tatsache, dass sie seinen Namen auf den ersten 4 Seiten ihrer schriftlichen Ausführungen 6- mal erwähnt, und den ihrer Mutter kein einziges Mal, sollte nachdenklich stimmen. Ein weiteres Indiz für ihre Identifikation mit dem Vater ist die Tatsache, dass sie sich eigentlich als „Junge“ 59 Anmerkungen dazu folgen fühlt. Zunächst wird auffällig, dass sie sich als Kind ausschließlich für „jungenhafte“ Themen interessierte. Sie spielt Fußball, trainiert Karate und Aikido (der Vater auch), boxt und möchte später zur Polizei und zur Bundeswehr. Am Ende ihre Ausführungen verweist sie darauf, dass sie am liebsten Männerklamotten trägt und bietet mir an, sie mit ihrem „männlichen“ Namen anzusprechen. „Trage nur noch Männerklamotten und so. Mein Verhalten war schon immer mehr einem Mann gleich als einer Frau“. Abschließend bemerkt Nicole über das Verhältnis zu ihren Eltern: „Dieses Gefühl, was einem entgegengebracht wird ist erdrückend und lähmt mir teils echt meine Gedanken, das ich manchmal wirklich denke, das es vielleicht besser wäre, es hätte mich nie gegeben“. Es wird hier also deutlich, wo das Problem liegt. Sarah (36) verdeutlicht den zweiten Typus von Mutterbindung. Sie hat ihre Mutter zwar geliebt und identifiziert sich mit ihr, aber offensichtlich beruhte diese Liebe nicht auf Gegenseitigkeit. Zunächst beschreibt Sarah ihre Mutter als „liebenswerte Mutter ... eher sogar als Übermutter“. Aber gerade da liegt das Problem. Auf mögliche Erziehungsfehler werden wir zwar später noch zu sprechen kommen, jedoch sei hier angemerkt, dass „Überbehütung“(excess of affection) nach Levy (1957) ein neurotisierender Erziehungsfaktor ist. Interessanter ist jedoch die Tatsache, dass sich die Gefühle von Sarahs Mutter ihrer Tochter gegenüber alsbald relativieren bzw. überhaupt nicht vorhanden zu sein scheinen. Dies kommt durch Sarahs Bemerkungen zum Ausdruck, indem sie über ihre Mutter sagt, sie hätte „keine wirklichen Gefühle“ für sie gehabt und „...dass sie eigentlich nicht wirklich vom Herzen her Sachen gesagt, gemacht hat, weil sie Angst hatte, … weil man ihr nachsagen konnte, dass sie keine gute Mutter ist“. Ein kürzlich geführtes Telefonat bestätigt diesen Eindruck. Sarah berichtet über dieses Telefonat: Sie (ihre Mutter) sagte, „ ...dass sie keine Gefühle mehr für mich hätte, weil ich so aus der Art geschlagen bin“. Es verdichtet sich der Eindruck, dass Sarah offensichtlich nur als Substitut für einen Aspekt des eigenen (elterlichen) Selbst diente (Richter 2007 : 155). Dies heißt im Klartext: man sucht im Kind entweder, was man selbst ist, was man selbst war, was man selbst sein möchte, die Person, die ein Teil des eigenen Selbst war, oder was man selbst nicht sein darf (Richter 2007 : 158). Dieses Phänomen nannte Freud die narzißtische Projektion. Nun wollen wir dieses Thema nicht vertiefen, da dies zu weit führen würde. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass es nicht nur „uneigennützige“ Motive zur „angeblichen“ Liebe des eigenen Kindes gibt. Letztlich kommt dies in Sarahs Gefühlen zu ihrer Mutter zum Ausdruck. Bei der Frage nach ihren Kindheitserlebnissen erwähnt sie die erste Zeit unseres Gespräches nur ihre Großmutter, die offenkundig als „Mutterersatz“ fungierte. Auf ihre Mutter kam sie nur sehr zögerlich zu sprechen. Die Enttäuschung aber war offenkundig. Als Ursache dafür kommt weiterhin die Tatsache in Betracht, dass Sarah, c.a im Alter von 10 Jahren, von ihrem „Erzeuger“ sexuell belästigt wurde (vielleicht auch mehr?) und ihre Mutter nicht einschritt. Auch heute lehnt die Mutter jegliches Gespräch über dieses Thema ab. Eine ähnliche Geschichte begegnet uns bei Annas Biografie, die ebenfalls von ihrem Vater sexuell missbraucht wurde und ihre Mutter anschließend diese Tat verleugnete. Dass dies nicht ohne Konsequenzen bleiben kann, ist einleuchtend. Simone (33) beschreibt ihre Mutter als „streng“ und „distanziert“. Sie „kann schlecht Gefühle ausdrücken“ und keine „extreme Nähe“ zulassen. Der Grund dafür könnte sein, dass Simones Mutter nicht wirklich ein Kind wollte, und dies nun bewusst oder unbewusst zum Ausdruck bringt. Simone bekam eines Tages ein Gespräch zwischen ihren Eltern mit, bei dem klar wurde, dass es sie eigentlich gar nicht „hätte geben sollen“. Simones Biografie zeigt ein oberflächlich intaktes Elternhaus mit einer unterkühlten Beziehung zur Mutter und einem Vaterkomplex. Simone bemerkt, sie sei eher auf ihren „Vater fixiert gewesen“. „Ich hab immer mehr Zeit mit meinem Vater verbracht“. _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:58 pm | |
| An dieser Stelle ist eine Zwischenbemerkung angebracht: Man weiß, dass die Wahl des Liebesobjektes auch auf den männlichen Elternteil fallen kann. Dem Säugling ist es zunächst egal, wer ihm die lebensnotwendige Zuneigung verschafft. Die Geburt selbst bindet das Kind im psychologischen Sinne nicht an die Mutter. Als Mutter gilt die Person, die sich als erstes um das Kind sorgt. Klinische Erfahrungen zeigten, dass es für das Neugeborene noch keine klaren Objektvorstellungen gibt. Diese Vorstellungen entwickeln sich erst allmählich. Zunächst werden nur „vertrauenserweckende“ und „fremde Eindrücke“ wahrgenommen (Fenichel 2005 : 130 Bd.Ⅰ). Die vertrauenswürdigen Teile der Mutter werden geliebt, so dass ihr allmählich die Möglichkeit gegeben wird, in verschiedener „positiver“ oder „negativer“ Art und Weise auf das Kind einzuwirken. An diesem Punkt entsteht die erste wichtige Objektbeziehung. Gehen wir davon aus, dass sich ein kleines Mädchen in seiner ersten Objektwahl auf die Mutter fixiert, so folgt als nächster „normaler“ psychosexueller Entwicklungsschritt die Abkehr von der Mutter und die Hinwendung zum Vater. Im psychoanalytischen Sinne wird dieser Schritt mit dem Kastrationskomplex erklärt, den ich an dieser Stelle aber nicht genauer erläutern werde, da dies hier zu weit führen würde. Nur soviel sei gesagt: Das Mädchen bemerkt, dass die Mutter keinen Penis hat und wendet sich aus Frustration dem Vater zu. Dieses psychoanalytische Vorstellungsmodell beschreibt den Zustand, den es für das Mädchen nun wieder zu überwinden gilt. Da der Vater die inzestuösen Wünsche des Kindes nicht erwidert (so sollte es zumindest sein), wendet sich das Mädchen erneut der Mutter zu und identifiziert sich alsbald mit der weiblichen Rolle. Als letzten Entwicklungsschritt muss das Mädchen sich nun wieder von der Mutter lösen, um für einen andersgeschlechtlichen Partner bereit zu sein. Die auf Freud zurückgehende Theorie der kindlichen Sexualentwicklung mag auf den ersten Blick etwas befremdlich wirken, allerdings nur dann, wenn man nicht über sämtliche Zusammenhänge unterrichtet ist. Die Komplexität der psychosexuellen Entwicklungsschritte des Mädchens, macht dessen Entwicklung so anfällig für Fehlentwicklungen. Somit reagieren Mädchen sensibler auf Veränderungen in ihrem familiären Umfeld und bilden eher neurotische Symptome aus als Jungen. So werden z.B. die eklatant höheren Zahlen (Lausus 2007 : 85) von Anorexia nervosa und Bulimia nervosa u.a. auch auf diese Tatsache zurückgeführt. Diese Ausführungen sollen verdeutlichen, dass eine Identifikation mit dem Vater, z.B. im Falle von Nicole und Simone, durchaus problematisch sein kann. Die spätere Partnerwahl und Beziehungsführung kann dadurch beeinträchtigt werden. Frauen mit einem Ödipuskomplex tendieren z.B. bei ihrer Partnerwahl eher zu älteren Männern. Dieser Fall begegnet uns auch in der Biografie von Katja (22), die sich in ihren Beziehungen stets auf ältere Männer fixiert. „Die Männer sind immer ein ganzes Stück älter als ich“. Auch Katjas Verhältnis zu ihrer Mutter ist stark rational geprägt. So bemerkt sie: „Sie war diejenige, die uns das Essen gekocht hat … halt so ne Mama halt … sie is mit uns zu Freunden gegangen, sie hat so den gesellschaftlichen Part übernommen“. Katja erzählt, dass die einzigen Zärtlichkeiten zwischen ihr und ihrer Mutter darin bestanden, sich vor dem Schlafengehen einen „Handkuss“ zu geben. „Bei uns war das ganz normal“. Bezeichnend war auch die Tatsache, dass Katja während unseres Gespräches zunächst nur von Kindheitserinnerungen, die ihren Vater betrafen, berichtete. Selbst auf Nachfrage, wich sie stets ab und kam fortwährend auf ihren Vater zurück. Offensichtlich waren mit ihm noch die „positivsten“ Kindheitserinnerungen verbunden, auch wenn sie stark unter seiner Introvertiertheit litt. Katja beschreibt ihren Vater als „verschlossen, in sich gekehrt“. Er sei „unglücklich, wahrscheinlich wegen meiner Mutter … wegen der Arbeit“. Katja empfindet ihren Vater als ein „Mysterium“. „Als Kind war er irgendwie nicht zu fassen“. „Er sass immer vor seinem Computer“. In Folge dessen, entwickelte Katja eine Abneigung gegen Computer. „Das Ding stand immer zwischen mir und meinem Papa“. In ihren Kindheitserinnerungen kommt deutlich zum Ausdruck dass sie ihren Vater stark bewundert. Gleichzeitig litt sie unter seiner Launenhaftigkeit und gelegentlichen Gefühlskälte. „So war mein Papa … also voller Widersprüche. Er hat immer in seiner eigenen Welt gelebt“. „Er konnte nicht so erkennen, was wir gebraucht hätten. Er hat uns nur zum Geburtstag in den Arm genommen … bei meiner Mutter wars auch nicht anders“. Katja kann also in ihrer Familie auf keinen emotionalen Halt hoffen. Als Katja 11 Jahre alt war, trennten sich die Eltern und ihre Mutter verließ das Haus. Auch wenn wir hier bereits die Möglichkeit erörtert haben, dass Väter die Rolle der „Mutter“ übernehmen könnten, wenn diese „ausfällt“, wird dennoch deutlich, dass dies in der Realität nur selten der Fall ist. Dazu tut sicherlich ein traditionelles Rollenverständnis sein Übriges. Gehen wir also davon aus, dass die Mutter als primäres Liebesobjekt fungiert, so wird aus tiefenpsychologischer Sicht angenommen, dass ein Vater zwar den ganzen Tag über abwesend sein, von Ferne her strafen und lieben kann, aber dennoch dem Kind nicht schadet (Badinter 1982 : 262). Der Vater wird also aus psychoanalytischer Sicht deutlich weniger für psychische Störungen verantwortlich gemacht. Es wird dadurch „verstärkt“, dass er nur die Stellung eines „Zweiten“ einnimmt. „Er taucht immer erst „nachher“ auf, nachdem sich in der ersten unmittelbaren Auseinandersetzung zwischen Kind und Mutter die sprachliche Dimension hergestellt hat“(Badinter 1982 : 262). Der Vater ist nach dieser Sicht das Notventil des Kindes. Er ist „derjenige, den man hassen kann, ohne daß es schadet ..“(Badinter 1982 : 255). Im Konfliktfall allerdings, kann ein Elternteil für das Kind der zu liebende, und der andere Elternteil, der zu hassende sein. Dies kann stabilisierend wirken. Mögen neuere soziologische Ansätze die Rolle des Vaters deutlich höher bewerten, als es hier der Fall ist, so lässt sich an dieser Stelle allerdings keine eindeutige Klärung herbeiführen. Einigkeit sollte indes darüber bestehen, dass es sicherlich kein Nachteil sein kann, wenn beide Elternteile im Hause leben und ihren Erziehungsaufgaben entsprechend den Erfordernissen nachkommen. Unter diesen Bedingungen steht einer positiven Entwicklung des Kindes nichts entgegen. In den aufgeführten Beispielen kann davon nicht die Rede sein. Die Väter halten sich entweder mehr oder weniger komplett aus der Erziehung ihrer Kinder heraus (z.B. Heinz, Hans), oder vergreifen sich im Falle von Sarah und Anna an ihren Töchtern. Bedenkt man, dass, mit Ausnahme von Peter (33) keiner von ihnen eine „wirkliche“ Mutter hat, oder zumindest keine, die ausreichend affektive Zuneigung geben könnte, so ist ihre „melancholische Neigung“, vorsichtig ausgedrückt, nicht verwunderlich. Peter muss ich in diesem Zusammenhang zunächst ausklammern, da er oberflächlich betrachtet, ein durchweg „positives“ Bild seines Elternhauses zeichnet. Er spricht von einem „völlig intakten Familienleben“. Er „liebt“ beide Eltern. Das Verhältnis zur Mutter beschreibt er als „herzlich“. Nun könnte man seine Biografie endlich als „positives“ Beispiel anführen, wenn nicht berechtigte Zweifel an seinen Aussagen bestünden. Zumindest beschlich mich der Verdacht, er würde etwas übergehen. Wie weiter oben erwähnt, bezeichnete ich Peter in meinen Aufzeichnungen bereits als „Meister der Verdrängung“. Und dies nicht ohne Grund. Im Laufe des Interviews merkte ich deutlich, dass er emotional „abblockte“. Diese bereits als Rationalisierung titulierte Angewohnheit war im gesamten Verlauf des Interviews nicht zu beseitigen. Nach dem Interview und nach einiger Zeit, gab er zu, dass er Emotionen nicht nach außen kommuniziere. _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:59 pm | |
| Eine Aussage, die meine Vermutungen bestätigten. Ich konnte merken, dass Peter deutlich länger benötigte, um mit der Interviewsituation „warm“ zu werden. Die Frage ist auch, ob allein schon die Tatsache, dass jemand nicht in der Lage ist über Emotionen zu reden, ausreicht, um ein hinreichend affektives Mutter- Kind- Verhältnis anzuzweifeln. Hier kam auch die bereits erwähnte Problematik zum Vorschein, dass Männer sich deutlich schwerer damit tun, über Emotionen zu reden und diese zu artikulieren. Nun war natürlich nicht zu erwarten, dass in diesen Interviews „alles“ zu Tage treten würde. Zu diesem Punkt erfolgten allerdings im Methodikteil detailliertere Ausführungen. Kehren wir wieder zurück zum psychodynamischen Modell von Volk, Travers und Neubig. Haben wir hier bereits ausführlich über frühkindliche Mangelerfahrungen berichtet, so möchte ich noch einen weiteren Punkt erläutern. Projektiv- überzogene Ansprüche gehören nach o.g. Autoren zu den weiteren Ursachen der Depression. Bei meiner Analyse- Gruppe sind auch diese Ansprüche offenkundig sichtbar. In einigen Biografien lassen sich Anhaltspunkte für ein deutlich erhöhtes Liebesbedürfnis ausmachen. Ein Beispiel: Hans (32): „Ich erwarte von Frauen ein hohes Mass an Zuwendung, Zärtlichkeit. Ich reagiere allergisch auf Liebesentzug. Ich kann das nicht ertragen“. Die überhöhten Ansprüche werden dann deutlich, wenn man bedenkt, dass Hans das Scheitern von mindestens zwei seiner langjährigen Beziehungen dafür verantwortlich macht. In Bezug auf eine Freundin, die er nach eigenen Angaben liebte, formuliert Hans: „Irgendwie fühlte sie sich emotional überfordert“. Das zweite mal das mir das zum Verhängnis wurde“. Ja, dass was früher zu wenig war war jetzt wohl zu viel“. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen zum Thema Beziehungsproblematik führt Hans aus: „Alleinsein fällt mir schwer, deshalb komme ich wohl kaum ohne Freundin aus“. Des weiteren merkt er an, dass er „zu sehr“ davon abhängig ist, „dass eine Beziehung funktioniert.“ „Ich forderte wohl zu viel Zärtlichkeit und war zu anhänglich“. Hans kommt an mehreren Stellen seiner Aufzeichnungen auf diese Problematik zurück: „Das ist das einzige, was mir wirklich richtig fehlt, wenn ich keine habe“. Dieses offensichtliche Bedürfnis nach Liebe und Zuneigung erklärt sich wiederum durch den Eintritt einer primären Mangelsituation. Hans empfindet den Verlust einer Beziehung äußerst emotional. Ein Grund dafür könnte sein, dass er das Scheitern einer Beziehung als eine Wiederholung der primären Enttäuschung (durch die Mutter) empfindet (Fenichel 2005 : 295 f. Bd.Ⅱ). Es liegt nahe, dass Hans unbewusst die Beziehung (Liebe) als therapeutisches Mittel zur Heilung seines (krankhaften?) Zustandes verwendet (Fenichel 2005 : 91 Bd. Ⅲ). Hierbei handelt es sich bereits um ein neurotisches Symptom, zu denen wir später noch kommen werden. „In einer guten Beziehung fühle ich mich weniger melancholisch, auch wenn diese Grundstimmung fast immer da ist“. Da wir uns hier bereits im Bereich neurotischer Symptome befinden, soll dies hier zunächst genügen. Einige dieser Symptome finden sich auch in der Ätiologie der Depression wieder. 6.2.1.2 Quervergleiche Betrachten wir unsere 8 Biografien hinsichtlich möglicher Anhaltspunkte einer depressiven Erkrankung, lässt sich unbestritten eine recht klare Tendenz feststellen. Im Laufe dieser Arbeit habe ich schon die Untauglichkeit bereits vorhandener Studien zur Schwarzen Szene für die Erarbeitung meiner spezifischen Fragestellungen festgestellt. Die Untauglichkeit betrifft vorrangig den Interviewaufbau der Studien von Schmidt/Neumann-Braun, Ruthkowski und Helsper. Sicherlich hatten diese Studien auch ein gesondertes Forschungsziel, so dass ich ihnen dieses Manko nicht in Rechnung stellen kann. Die Fragestellungen der vorliegenden Studie lagen offensichtlich nicht im Fokus der genannter Autoren. Trotzdem finden sich auch in diesen Arbeiten Hinweise für die Berechtigung meiner ersten Hypothese. Bei Helsper (1992) finden sich zahlreiche Anhaltspunkte, die eine emotionale Mangelsituation beschreiben. Hier einige Beispiele: _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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 | Thema: Re: Diplomarbeit von Philipp Reitzig Mi Apr 08, 2009 1:59 pm | |
| Tanja (1Cool, zum Verhältnis zu ihren Eltern: „… also so ziemlich von Anfang an so … daß ich halt ein schlechtes Verhältnis zu denen hatte das waren halt nur meine Eltern eigentlich daß ich aber irgendwie gar kein Verhältnis zu denen hatte“(Helsper 1992 : 215). Tanja äußert auch, dass sie eigentlich von ihren Eltern nicht gewollt war und diese scheinbar nur wegen ihrer Geburt geheiratet hatten. „… daß ich auch immer so dachte die zwei Menschen hätten bestimmt nie geheiratet wenn ich nicht wäre weil es überhaupt nicht paßt“(Helsper 1992 : 216). Ähnliche Aussagen finden sich auch in unseren 8 Biografien (siehe Nicole und Simone). Tanja weiter: „ … zeitweise habe ich mich in der Schule wirklich wohler gefühlt so mit meinen Leuten die ich kannte da konnte ich ganz normal sein eben und zu Hause da war immer mehr so ein gespanntes Verhältnis weil ich nicht richtig reden konnte weil alles also viel falsch verstanden wurde“(Helsper 1992 : 216). Tanja (1Cool sagt über das Verhältnis zu ihrer Mutter nach der Trennung der Eltern: „zu meiner Mutter das war noch ziemlich neutral ich mein sie sagt nie zu irgendwas was und über Probleme können wir auch nicht reden aber mit ihr Zusammenleben kann ich eben“(Helsper 1992 : 217). Ein weiteres Beispiel: Erich (20), auf die Aufforderung, über sein Leben zu berichten, speziell zum Verhältnis zu seinen Eltern: „… auch noch nie ne sonderliche Liebe gespürt bekommen von meinen Eltern .. muß aber auch nicht heißen daß die mich irgendwie geprügelt haben oder so .. also ich war halt en Kind von denen und teilweise hat mich sogar mehr meine ältere Schwester aufgezogen“(Helsper 1992 : 217 f.). Auch in diesem Bericht kommt die emotionale Kälte zum Ausdruck. Erich (20): „Mensch da stimmt doch irgendwas net ich kann heulen aber das interessiert niemenden jedenfalls ich kann net zu meiner Mutter gehen und mich bei ihr ausheulen niemand bei uns .. Auch kein Kontakt mit meiner Mutter oder zwischen meinen Eltern mein mein Vater der ist sowieso noch schlechter gewesen der Kontakt“(Helsper 1992 : 218). Erich (20):„… da wurde mir schon klar ich bin eigentlich ein ziemlich armer Tropf ich mein ich hab Eltern ich hab Geschwister .. aber ich bin trotzdem so ziemlich allein“(Helsper 1992 : 218). Ich denke nach diesen Aussagen erübrigt sich jeglicher Kommentar. Ein weiteres Interview: Alan (20), zum Verhältnis zu seinen Eltern: „eigentlich hatt ich kein so besonders gutes (Verhältnis) . Zu meinem Vater sowieso net da wurd eigentlich so gut wie garnet über .. Sachen gesprochen die mich wirklich interessiert ham .. mein Vater hat sich wohl auch nie besonders groß die Mühe gemacht da nachzuforschen so …“. „.. meine Mutter ja mit der hab ich halt schon mehr gesprochen die mich so berühren aber .. ich weiß net da kam wohl auch ne Vertrauensbasis auf aber die konnt mir da auch so irgendwie kaum .. helfen oder irgendwelche Denkanstöße geben oder sagen mach das mal so oder so also alles doch ziemlich dürftig gewesen …“(Helsper 1992 : 219). Auch Alan (20) drückt mit eigenen Worten aus, was sich schon in den anderen Fällen feststellen ließ. Nicht nur bei Helsper finden sich solche Aussagen wieder. So auch in Farins Studie: Jugendkulturen in Thüringen (1999): Denise (17), auf die Frage nach dem Bezug zur Familie: „Zu meiner Oma, die ist eigentlich für ihr Alter ziemlich jung geblieben. … Ich bin eigentlich ein Oma-Kind. Meine Oma hat eigentlich von der Familie die meiste zeit mit mir verbracht. Mit meiner Oma bin ich öfter weggefahren, mit meiner Oma konnte ich auch Gläser rücken machen, mit meiner Oma habe ich die erste Zigarette geraucht. Von meiner Oma habe ich nach der wende die erste Westpuppe gekriegt. Meine Oma hat sich immer hinter mich gestellt, sie hat mir immer den Rücken gestärkt. Egal, ob ich recht hatte oder nicht, meine Oma stand immer hinter mir“(Farin/Weidenkaff 1999 : 46). Beindruckend an dieser Aussage ist die Anzahl des Wortes „Oma“. Es ist offenkundig, dass diese hier als „Mutterersatz“ fungiert, ähnlich, wie wir dies aus der Biografie von Sarah (36) kennen. Die logische Konsequenz dieser Aussage lautet, dass folglich kein adäquates Verhältnis zur Mutter existieren kann. In gleichem Interview finden sich auch Hinweise auf eine depressive Konstitution. Denise (17): „Wenn ich alleine bin, bin ich auch sehr depressiv und melancholisch, wenn ich aber unter Leuten bin, dann versuche ich das zu verbergen, weil dann kann ich mal Spass haben und dann gibt es mehr schöne Erlebnisse“ … „Ich habe mich immer schon irgendwie gruftig, schwarz gefühlt. Es ist irgendwie tief in mir drinnen, und das zeige ich jetzt auch, weil man stösst zwar auf Missverständnisse, auf Abneigung, aber jeder Mensch ist einzigartig, ist anders, und ich bin so und man muss mit mir fertig werden“(Farin/Weidenkaff 1999 : 46). Erwartungsgemäß ist Ruthkowskis Studie (2004) in dieser Hinsicht wenig „ertragreich“. Der von Ruthkowski entwickelte Fragebogen befasst sich vorrangig mit den Themen „Vorurteile“ und „Ausgrenzung“(Ruthkowski 2004 : 145), somit ist dieser aufgrund seiner Auslegung kaum verwertbar. Es findet sich nur eine „inhaltsreiche“ Aussage: Sabine (2Cool: Hätte ich eine Szene erschaffen sollen, die meinen Vorstellungen entspricht, wäre es die Gothicszene gewesen. Schon als Kind hatte ich einen Hang zur Melancholie und das Gefühl, manchmal anders als meine Familie und Freunde um mich herum zu sein“(Ruthkowski 2004 : 164). Indes bei „Schwarzes Glück60“ finden sich zahlreiche Aussagen, die ebenfalls aussagekräftig sind. Hier exemplarisch: _________________ Copyright by T.A.McKinley  Einen Wolf kann man nicht bezwingen, aber man kann ihn für sich gewinnen. |
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